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Was traditionell über dem Holzfeuer gekocht wurde, wird heute oft mit Plastik gegart. © public-domain Pxhere

Millionen Menschen verbrennen Plastik im Haushalt

Daniela Gschweng /  Vor allem im globalen Süden kochen und heizen Menschen mit Plastik und setzen sich damit Gesundheitsgefahren aus.

Millionen Haushalte kochen und heizen mit Plastik, weil es günstig und in grossen Mengen verfügbar ist. Wer das tut, setzt sich damit grossen Gesundheitsgefahren aus. Für alle, die die betroffenen Gegenden kennen, ist das keine grosse Überraschung. Dennoch wird selten darüber gesprochen oder geschrieben, in welchem Umfang Plastik im Haushalt verbrannt wird.

Es gibt kleinräumige Studien und gelegentlich Reportagen wie in der «New York Times» 2019. Die Zeitung berichtete, wie mehrere Tofu-Manufakturen in Indonesien die Anwohnenden vergiften, indem sie Plastik verbrennen, um Tofu zu produzieren. Konkrete und umfassende Zahlen fehlten bisher.

Mit Plastik kochen ist erschreckend weit verbreitet

Ein internationales Forschendenteam wollte das ändern. Für eine Studie, die in «Nature Communications» veröffentlicht wurde, befragten die Forschenden mehr als 1000 Wisssenschaftler.innen, Regierungsmitarbeiter:innen oder Gemeindevorsteher:innen aus 26 Ländern, die mit einkommensschwachen Communities im globalen Süden arbeiten oder dort leben.

Die Befragung ist keine repräsentative Studie, so gibt es für manche Länder nur wenige Teilnehmende. Sie zeigt aber auf, wie verbreitet es ist, im Haushalt Plastik zu verbrennen. Für ein Drittel der Befragten ist es demnach gängige Praxis, Plastik zum Kochen zu verwenden, die Hälfte hat es beobachtet, 14 Prozent der Befragten kocht selbst damit. Mehr als ein Drittel gab an, dass mit Plastik geheizt wird. Millionen Menschen nutzen also Plastik als Brennstoff, was extrem gesundheitsschädlich ist.

Anstoss ist oft ein Müllberg

Mit Plastik zu kochen und zu heizen ist nicht angenehm, aber praktisch. Plastik brennt schnell und heiss, auch wenn es nass ist. Es ist einfach zu transportieren und wenn man es verbrennt, ist der Abfall auch gleich weg. Einige Antworten deuten darauf hin, dass viele Plastik in erster Linie verbrennen, um es loszuwerden, was nur auf den ersten Blick ein Widerspruch ist. Wo Plastik nicht entsorgt wird, ist ein Material im Überfluss vorhanden, das nichts kostet und sonst nur stört. Wer ohnehin eine Verpackung ins Feuer wirft statt in den Abfallkübel, wirft noch mehr Plastik hinterher und profitiert davon durch Wärme.

Viele Haushalte verbrennen Plastik nicht ausschliesslich, sondern in Verbindung mit anderen Brennstoffen, zeigt die Umfrage. Oder sie verfeuern Plastik zu bestimmten Zwecken – etwa beim Anfeuern, um Tierfutter zuzubereiten oder um mit dem Rauch Insekten zu vertreiben. Am häufigsten verbrannt werden Lebensmittel- und Chemikalienverpackungen, meist aus den Materialien PET, PE (Polyethylen) und PVC (Polyvinylchlorid). Vor allem PVC gibt giftige Dämpfe ab.

Auch der Gestank hält die Leute nicht ab

Es sei nicht unüblich, in einer Brennholzkiste Plastikflaschen oder -säckli zu finden, sagt Lisa Thomson vom Institut für Familiengesundheit der University of California, die in Guatemala eine andere Studie zur Nutzung von Plastik in Haushalten durchgeführt hat. Auch der Gestank halte die Leute nicht davon ab. «Wenn man an einem Haus vorbeiläuft, in dem Plastik verbrannt wird, riecht man es sofort – es ist furchtbar. Wie brennende Reifen», sagt die Wissenschaftlerin gegenüber «Inside Climate News».

Vor allem Frauen, Kinder und Ältere betroffen

Die meisten Menschen wissen wenig über die Gefahren. Plastik setzt beim Verbrennen giftige Stoffe wie Schwermetalle frei. Es entstehen krebserregende Dioxine und Furane, die Menschen einatmen. Chemikalien, mit denen eine Plastikverpackung in Berührung kam, verbrennen mit. Von den 366 Testpersonen, die bejahten, dass Plastik im Haushalt verbrannt wird, gaben zwei Drittel an, dass auch Behälter für Reinigungsflüssigkeiten, Düngemittel oder Pestizide im Feuer landen.

«Im Feuer landen» heisse meist: In traditionellen Öfen oder im offenen Feuer, schreibt Bishal Bharadwaj, einer der Studienautoren, der in «Nature Cities» eine weitere Studie zum Thema veröffentlicht hat, in einem Artikel in «The Conversation». Diese haben meist keinen ordentlichen Abzug, oft stehen sie in Innenräumen.

Dem giftigen Rauch ausgesetzt sind vor allem Kinder, Frauen und ältere Menschen, weil sie sich häufig in der Nähe des Herds aufhalten. Essen, das auf Plastiköfen gart, kann Schadstoffe aufnehmen und weitere Menschen gefährden. Zum Beispiel, wenn es anschliessend verkauft wird. Abgase können die Umgebung verschmutzen.

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Plastik wird häufig in traditionellen Öfen, Herden oder auf offenen Feuern verbrannt.

«Öfen verwenden, die den Rauch nach draussen leiten» ist denn auch Bharadwajs erster Tipp, wie die Praxis weniger gesundheitsschädlich gestaltet werden kann. «Plastik waschen, bevor es verbrannt wird» ist ein anderer. «Armutsbekämpfung» ein dritter. Die Befragten aus der ganzen Welt geben recht einheitlich dieselben Gründe an, weshalb Einwohnende ihrer Stadt Plastik verbrennen: Keine organisierte oder formelle Abfallbeseitigung, Armut und andere Einschränkungen und viel verfügbarer Plastikabfall.

Verbieten ist wenig hilfreich

Einfach zu ändern sei das aber nicht, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie. Verbieten bringe wenig. Niemand verbrenne gerne Plastik. Aber die Menge an Plastikmüll wachse ständig. Und selbst, wenn sich Infrastruktur und Recycling in den ärmeren Quartieren verbessern sollten, bräuchten die Menschen Alternativen. Es gebe in den betroffenen Gegenden immer weniger bezahlbare Brennstoffe wie Holz. Da die Urbanisierung weltweit fortschreite, sei damit zu rechnen, dass immer mehr Menschen Plastik verbrennen und damit ihrer Gesundheit schaden.


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