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Bei Operationen braucht es eingespielte und erfahrene Teams auch für die Überwachung nach der OP © akeg/flickr/cc

Spitäler nehmen sogar mehr Todesfälle in Kauf

upg /  Viele Operations-Teams haben an Spitälern zu wenig Übung, weil zu viele alles machen möchten. Eine Auswertung der BAG-Fallzahlen.

Führt ein Spitalteam bestimmte Operationen nur selten durch, kommt es häufig zu vermeidbaren Komplikationen und Todesfällen. Zum ersten Mal können Patientinnen und Patienten auf dieser Internet-Seite des Bundesamts für Gesundheit BAG nachschauen, wie häufig ein bestimmtes Spital eine bestimmte Operation durchführt.
Die «neusten» sogenannten «Fallzahlen» stammen allerdings aus dem Jahr 2010. Damit ist die Schweiz statistisch stark im Rückstand: In Holland sind bereits die Zahlen von 2012 einsehbar.
Die Fallzahlen sind wichtiges Qualitätsmerkmal
Zu vermeidbaren Komplikationen wie Nachoperationen, Nachblutungen, Wundinfektionen oder sogar Todesfällen kommt es häufiger, wenn Spitäler oder Chirurgen eine bestimmte Operation nur selten durchführen und deshalb zu wenig Übung haben. «Seit den Neunzigerjahren ist klar, dass die sogenannten Fallzahlen einen grossen Einfluss auf die Qualität der chirurgischen Eingriffe haben», erklärt Jan Maarten van den Berg vom niederländischen Gesundheitsinspektorat. Er überwacht den Erfolg von Operationen in Hollands Spitälern. Für Chirurgen und Spitalteams gelte die Regel «Übung macht den Meister». In Holland können Krankenkassen Spitaloperationen von der Versicherungsdeckung ausschliessen, wenn diese zu selten durchgeführt werden. Das ist ein Anreiz für die Spitäler, sich zu spezialisieren.
Die Operationshäufigkeit ist nur eines unter mehreren Kriterien, die das Resultat von Operationen beeinflussen, aber es ist am Leichtesten zu messen. Zu andern Kriterien stellen Spitäler in der Schweiz keine vergleichbaren Angaben zur Verfügung.

Sogar die Anzahl der durchgeführten Operationen hielten viele Spitäler lange geheim. Zudem können sich ihre Fallzahlangaben von denen des Bundesamts für Gesundheit unterscheiden, weil das BAG eine andere Datengrundlage verwendet.
Das vergleichende Auswerten der BAG-Statistik ist allerdings nicht so leicht. Wie man es besser machen kann, zeigt das Bundesamt für Veterinärwesen im gleichen Departement mit der Statistik der Anzahl Tierversuche – die dortigen Zahlen sind erst noch aktueller.
Mit Hilfe von Josef Hunkeler, langjähriger Gesundheitsexperte beim Preisüberwacher, hat Infosperber die BAG-Statistik abgeklopft.

Nicht einmal zehn Operationen pro Jahr

Ein auffallendes Jekami zeigen die BAG-Zahlen beim Entfernen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) wegen einem Krebsbefund oder einer schweren Entzündung. Über fünfzig Spitäler teilten sich 2010 die 740 in der Schweiz durchgeführten Operationen auf. Bei diesem heiklen Eingriff kann es zu Todesfällen und etlichen postoperativen Komplikationen kommen. Um solche unerwünschten Folgen möglichst zu vermeiden, «müssten mindestens 20-30 Pankreas-Eingriffe pro Jahr erfolgen, mindestens zwei hochspezialisierte Chirurgen einem hochqualifizierten Team angehören, ein wöchentliches multidisziplinäres Kolloquium stattfinden, während 24 Stunden ein Operationssaal zur Verfügung stehen und eine spezialisierte Intensivpflege garantiert sein», erklärt Professor Pierre-Alain Clavien, Chirurg am Universitätsspital Zürich. 18 Deutschschweizer Spitäler konnten diese Kriterien kaum erfüllen. Sie hatten während des ganzen Jahres 2010 die Bauchspeicheldrüse bei weniger als zehn Patienten entfernt. Weitere zehn Spitäler führten diese Operation an weniger als zwanzig Patienten durch (siehe Tabelle am Schluss dieses Textes).
Todesfälle nur im Spital selber erfasst
Für die verschiedenen Spital-Kategorien gibt das BAG an, wie viele Patienten während oder nach der Operation noch im Spital gestorben sind. Aussagekräftiger wären die Todesfälle bis dreissig Tagen nach der Operation, wie dies in Holland erfasst wird. Doch eine Auswertung der BAG-Statistik zeigt bereits bei den Todesfällen im Spital klare Unterschiede:
In der Gruppe der Universitätsspitäler mit hohen Fallzahlen starben während oder nach der Operation der Bauchspeicheldrüse ein Viertel weniger Patienten als aufgrund deren Risikoprofils erwartet werden konnte (5,4% statt 7,4%). Dagegen starben in kleineren Allgemeinspitälern zwölf Prozent mehr Operierte als aufgrund der leichteren Fälle erwartet werden konnte (6,7% statt 6%).
Zwischen den einzelnen Spitälern sind die Unterschiede noch grösser. Vergleiche sind jedoch schwierig, weil bei kleinen Fallzahlen ein einziger Todesfall mehr oder weniger die Statistik zu stark beeinflusst. In den USA starben in Spitälern mit wenig Pankreas-Operationen 16 Prozent der Patienten, in Spitälern mit vielen Operationen weniger als 4 Prozent. Das ergab eine Übersicht im New England Medical Journal vor zehn Jahren. In Holland starben letztes Jahr nur noch halb so viele Patienten nach einer Entfernung der Bauchspeicheldrüse als noch vor fünf Jahren, erklärt Jan Maarten van den Berg vom niederländisches Gesundheitsinspektorat. Dazu beigetragen hätten die höheren Fallzahlen und das statistisch vergleichbare und kontrollierte Erfassen von Komplikationen.

Kleine Zahlen auch bei andern Operationen

Auch bei vielen andern Operationen macht die Übung den Meister. Einige Chirurgen machen geltend, dass sie als Belegärzte in verschiedenen Spitälern operieren und deshalb genügend Praxis hätten. Doch bei den meisten Operationen ist die Erfahrung des ganzen Spitalteams ebenso wichtig. Es muss ein scharfes Auge darauf haben, dass bei der Vorbereitung und der Nachbehandlung alles stimmt und mögliche Komplikationen frühzeitig bemerken.
Für eine Prostata-Entfernung über die Harnröhre zum Beispiel brauche es nicht nur einen «High volume surgeon», sondern auch ein «High volume hospital», um das Risiko späterer Komplikationen zu verringern, stellte das British Medical Journal schon vor zehn Jahren fest. Doch in der Schweiz gab es 2010 dreizehn Spitäler, die diese Operation an je weniger als dreissig Patienten vornahmen. Die dreizehn Spitäler mit den höchsten Fallzahlen führten diese Operation zwischen 170 und 300 mal durch.
Vor der Verzettelung der Herzoperationen, die zu vielen vermeidbaren Todesfällen und Komplikationen führten, warnt Herzchirurg Thierry Carrel schon lange. In seinem Berner Inselspital fanden 2010 insgesamt 1371 Operationen am Herzen statt, in den Kantonspitälern Nidwalden, Obwalden und Uri sowie in den Spitälern Uster, Männedorf und Wetzikon je weniger als zehn. 17 waren es im Kantonsspital Aarau, 20 im Kantonsspital St. Gallen. Ein ähnliches Bild zeigt die BAG-Statistik bei Knie- und Hüftimplantationen oder Schenkelhalsfrakturen.
Schauen Sie nach, wie häufig Ihr Spital eine bestimmte Operation im Jahr 2010 durchgeführt hat. Diese Suche ist auf der BAG-Webseite relativ einfach: Zuerst unter «Abfrage» das Spital suchen und dann die Operation (Indikation) wählen.

ENTFERNEN DER BAUCHSPEICHELDRÜSE (PANKREAS)
Spitäler deutsche Schweiz, Zahl der Operationen2010

Inselspital Bern___________________74
Klinik Beau-Site AG, Bern__________50
Universitätsspital Zürich___________44
Kantonsspital St. Gallen___________38
Universitätsspital Basel____________27
St. Claraspital, Basel______________26
Luzerner Kantonsspital____________24
Kantonsspital Aarau_______________22
Klinik Hirslanden AG, Zürich_______21
Kantonsspital Liestal______________20
Kantonsspitäler Frauenfeld &
Münsterlingen zusammen*_________18
Spitäler Solothurn, Olten und
Dornach zusammen_______________17
Kantonsspital Baden AG___________17
Kantonsspital Winterthur__________16
Kantonsspital Bruderholz BL_______15
Lindenhofspital Bern______________15
Stadtspital Triemli ZH_____________11
Spital Netz Bern (Ziegler,
Münsingen, Aarberg) zusammen*___10
Stadtspital Waid ZH_______________10
Kantonsspital Graubünden_________10
Spitäler STS Thun und
Zweisimmen zusammen__________<10** Spitalzentrum Biel_______________<10 Spitalzentrum Oberwallis (SZO), Brig und Visp zusammen*________<10 Klinik Sonnenhof AG, Bern________<10 GZO Spital Wetzikon ZH__________<10 Spitäler Schaffhausen____________<10 Spital Limmattal ZH______________<10 Klinik St. Anna LU_______________<10 Spital Bülach ZH ________________<10 Zuger Kantonsspital_____________<10 Spital Männedorf ZH_____________<10 Hirslanden Klinik Aarau___________<10 Kantonsspital Glarus_____________<10 Privatklinik Linde AG, Biel________<10 Kantonsspital Nidwalden__________<10 Kantonsspital Uri________________<10 Klinik Lindberg Winterthur________<10 Merian Iselin Basel_______________<10 --- *Das BAG gibt die Zahlen der einzelnen Spitäler dieser Gruppe nicht getrennt an. **Bei Spitälern mit 1 bis 10 Operationen gibt das BAG die genauen Zahlen nicht an. ---


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Arztfehler_Schere

Vermeidbare Arzt- und Spitalfehler

In Schweizer Spitälern sterben jedes Jahr etwa 2500 Patientinnen und Patienten wegen vermeidbarer Fehler.

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