Zahnärztin mit Röntgenbild

Röntgen die Zahnärztinnen und Zahnärzte zu viel? © timphotography / Depositphotos

Jährliches Zähneröntgen sollte keine gängige Praxis sein

Martina Frei /  Ein Beweis des Nutzens fehlt. Auch andere Praktiken müssten wissenschaftlich besser abgestützt werden, fordert ein Experte.

Das Ritual ist jedes Mal dasselbe. Nach dem Zahnstein entfernen und dem Polieren der Zähne schlägt die Dentalhygienikerin vor: «Röntgen wir die Zähne noch.»

Kein anderer Körperteil wird in der Schweiz so oft durchleuchtet wie die Zähne: Über sechs Millionen Mal haben die Zahnärzte 2023 hierzulande geröntgt. Pro 1000 Personen macht das 671 Aufnahmen. Doch bringt das Zähneröntgen etwas, um Karies zu finden?

Zu viele unnötige Behandlungen

Die US-Ärztin Sheila Feit hat sich damit im Blog «Sensible Medicine» genauer befasst. Feit ist eigentlich Internistin und Hormonspezialistin. Als Rentnerin vertiefe sie sich aber auch in Themen, die ihr als Patientin begegnen würden – zum Beispiel beim Zahnarzt. Ihr Fazit: Bei kleinem Risiko für Karies ist völlig offen, ob das Röntgen nützt. Ein solches kleines Risiko besteht zum Beispiel bei Erwachsenen ohne Zahnerkrankungen, die regelmässig zur zahnärztlichen Kontrolle gehen.

Praktisch alle Kariesherde, die mit einer Röntgenuntersuchung erkannt werden, liessen sich auch bei einer zahnärztlichen Untersuchung finden. Das Röntgen brauche es also gar nicht, wandten der brasilianische Zahnchirurg und Epidemiologie-Professor Paulo Nadanovsky und zwei Kollegen in «Jama Internal Medicine» ein. 

Zudem verpassen die Röntgenuntersuchungen viele Kariesherde. Und der Zahnarzt entdeckt damit in wenigen Fällen auch etwas, das bloss den Anschein von Karies hat. Dann wird unnötig behandelt. Das ergab die Auswertung von 77 Studien, deren Ergebnisse allerdings wenig belastbar waren – aber andere existieren nicht. Dennoch rät beispielsweise die US-Leitlinie von 2012 den Zahnärzten, bei Erwachsenen alle zwei bis drei Jahre die hinteren Backenzähne zu röntgen. 

Studien fehlen – und sind aus ethischen Gründen schwierig

«Routinemässiges Röntgen ist nicht evidenzbasiert. Es könnte einen potenziellen Nutzen haben, wie die Zahnärzte das vermuten. Es könnte aber auch zum potenziellen Schaden gereichen, wenn es zu Überdiagnosen führt. Ausserdem setzt es viele Menschen unnötig Röntgenstrahlen aus», schreibt Paulo Nadanovsky auf Anfrage.

Auch wenn die Strahlendosis mit nur rund 0,01 Millisievert pro Aufnahme dabei im gleichen Bereich liegt wie beim Röntgenbild eines Knies: «Die Verantwortung liegt bei denen, die für das Routine-Röntgen plädieren. Sie sollen erst einmal beweisen, dass der Nutzen den möglichen Schaden überwiegt. Bis dahin sollte das Routine-Röntgen der Zähne nicht gängige Praxis sein», findet Nadanovsky.

Mit dem vorbeugenden Röntgen der Zähne werde es teilweise übertrieben, findet auch ein von Infosperber angefragter Zahnarzt. Er rät, je nach Kariesrisiko individuell zu bestimmen, wann ein vorbeugendes Röntgenbild sinnvoll ist. Diese Ansicht teilt auch ein angefragter Zahnmedizin-Professor. Er sieht das Problem weniger im Röntgen als vielmehr in der falschen Interpretation der Befunde, was dann zu unnötigen Behandlungen führe. Positiv am Röntgen sei hingegen, dass sich damit erkennen lasse, wie langsam oder wie rasch die Karies fortschreite. Damit gewinne man Zeit. 

Zahnärzte hatten weniger Arbeit – und bestellten ihre Patienten einfach öfter ein

«Ein- oder zweimal pro Jahr zum Zahnarzt zu gehen, ist nicht Evidenz-basiert», moniert Nadanovsky. In seinem Artikel legte er offen, wie manche Empfehlungen zustande kamen: In den 1970er Jahren habe die Anzahl kariöser Zähne unerwartet stark abgenommen. Folglich hatten viele Zahnärzte weniger zu tun – und bestellten ihre Patienten nun alle sechs Monate für eine Kontrolle ein. Ohne, dass es dafür eine wissenschaftliche Basis gab.

Die ganz wenigen Studien, die den optimalen Abstand zwischen den Konsultationen später untersuchten, zeigten: Es machte in puncto Karies, Zahnfleischbluten oder Lebensqualität keinen Unterschied, ob ansonsten gesunde Menschen alle 6 oder nur alle 24 Monate zur Kontrolle gingen.

Auch für die Annahme, dass das routinemässige, häufige Entfernen von Zahnstein und das Polieren der Zähne Zahnfleischentzündungen oder Parodontitis verhindere, gebe es bei Menschen mit gesundem Zahnhalteapparat keine wissenschaftlichen Beweise. Das vorsorgliche Entfernen des Weisheitszahns bringe den Patienten ebenfalls keinen Nutzen, so Nadanovsky und seine Kollegen. Eine Cochrane-Analyse von 2020 pflichtete ihnen bei: Es sei unklar, ob beschwerdefreie Weisheitszähne, die nicht richtig herauskommen, entfernt oder belassen werden sollten.

Die (im August 2024 abgelaufene) zahnärztliche Leitlinie hingegen widersprach: Zwar würden sich «rund 30 Prozent der um das 18. Lebensjahr zur Entfernung vorgesehenen Weisheitszähne im weiteren Verlauf regulär in die Zahnreihe einstellen». Aber 20 bis über 60 Prozent der Weisheitszähne hätten krankhafte Veränderungen, oft komme es wegen der engen Platzverhältnisse an den Nachbarzähnen zu Karies oder zu anderen Komplikationen.

Würden die Weisheitszähne erst im späteren Alter entfernt, steige das Risiko für Komplikationen. Darauf wies Andreas Filippi, Professor für Oralchirurgie am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel, im Herbst in der «NZZ» hin. Zum Teil würden 60-, 70- oder 80-jährigen Patienten, die an Krebs erkrankt seien, Weisheitszähne vor einer Strahlen- oder Chemotherapie entfernt. «Das ist mehr als unerfreulich, weil es ihnen ohnehin sehr schlecht geht. Eine Operation unter solchen Rahmenbedingungen ist dann auch nicht unbedingt risikoarm.» Auch Diabetes und andere chronische Erkrankungen, die im Laufe des Lebens auftreten können, würden die Weisheitszahn-Entfernung komplizierter machen, das Infektionsrisiko bei einer Operation erhöhen und die Wundheilung verlängern.

Vorschlag: Honorar fürs Gesunderhalten der Zähne

Anstatt die Behandlungspraxis auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen, «stützt sich die zahnärztliche Versorgung grösstenteils auf Behandlungsmuster, die beeinflusst werden von den wirtschaftlichen Zwängen der Praxisführung, der beruflichen Ausbildung und den Meinungen der Zahnärzte sowie den Erwartungen der Patienten, was alles eher zu übermässigen Diagnosen und Eingriffen führt», beklagen Nadanovsky und seine Kollegen. 

Das Bezahlmodell schaffe einen Anreiz, dass die Zahnärzte mehr machen, als nötig wäre. Dieser Anreiz wäre kleiner, wenn sie dafür bezahlt würden, dafür zu sorgen, die Zähne lange gesund zu erhalten.

In dieser Hinsicht hat die Zahnmedizin allerdings grosse Fortschritte gemacht. So gilt zum Beispiel das frühere Motto bei Karies «Bohren und Füllen» als überholt. Kleine Kariesschäden werden heute mit Flouridlack behandelt oder versiegelt.


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