Dr. Kurios: Wenn der Wurm drin ist
Es war Sommer. Das junge Paar hatte sich auf eine mehrtägige Wanderung in einen grossen kalifornischen Nationalpark begeben. Eines Abends spürte die Frau etwas in ihren rechten Gehörgang krabbeln. Kurz danach surrte es ohrenbetäubend. Unablässig. Vermutlich hatte sich ein kleines Insekt am rechten Trommelfell verfangen. Mehrere Tagesetappen von einem medizinischen Zentrum entfernt, war Selbstbehandlung angesagt.
Das Paar kochte Wasser ab und liess es abkühlen, bis es angenehm warm war. Dann goss der Mann seiner Frau vorsichtig das Wasser ins Ohr. Eine Minute später schwemmte es eine winzige Fliege heraus – und es herrschte wieder Stille im Ohr. Problem gelöst.
Frisches Quellwasser zum Waschen benützt
Ein Bergsteiger hätte das Wasser besser auch zuerst abgekocht, bevor er sich das Gesicht mit frischem Quellwasser wusch. 20 Tage danach stellte sich in einem chinesischem Spital vor, weil immer wieder Blut aus seinem rechten Nasenloch tropfte und der Nasenschleim beim Schnäuzen leicht blutig war. Schmerzen spürte der Mann indes keine.
Als der Arzt mit einer Lampe in die Nase sah, bewegte sich dort etwas: Ein Blutegel versuchte, vor dem Licht davonzukriechen. Der Egel hatte sich an der Nasenschleimhaut festgesaugt. Das «New England Journal of Medicine» veröffentlichte ein Foto des Egels. Unter lokaler Betäubung gelang es, ihn herauszusaugen.
Kolumne «Dr. Kurios»
Choleraausbruch mitten in Paris, Explosion des Patienten bei der Darmspiegelung, Halluzinationen durch Hirsebällchen – in der Medizin passieren immer wieder unglaubliche Dinge. Glücklicherweise aber nur sehr selten. Seit über 20 Jahren sammelt die Autorin – sie ist Ärztin und Journalistin – solche höchst ungewöhnlichen Krankengeschichten. Aus ihren früheren Kolumnen sind bisher zwei Bücher hervorgegangen: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen» und «Der Junge, der immer in Ohnmacht fiel».
Sieben auf einen Streich
Bizarre Befunde gibt es aber nicht nur in China, sondern auch im deutschen Marburg. Dort untersuchten die HNO-Ärzte ein zweijähriges Kind, dessen rechtes Ohr immer stärker schmerzte. Auch Blut floss heraus. Antibiotika hatten dem Kleinkind nicht geholfen – kein Wunder. Denn es handelte sich nicht um eine bakterielle Infektion. Bei der Untersuchung in Narkose stellte sich vielmehr heraus, dass sich im Gehörgang des Kindes sieben Fliegenlarven eingenistet hatten. Die Larven hätten lebend geborgen werden können, berichteten die HNO-Ärzte im «Deutschen Ärzteblatt». Vermutlich sei beim Spielen versehentlich verunreinigtes Wasser ins Ohr des Kindes gelangt.
Bei einem Mann im indischen Bhopal war nicht verunreinigtes Wasser das Problem, sondern unzureichend erhitztes Essen. Seit acht Monaten sah der 35-jährige Mann auf dem linken Auge nur noch verschwommen. Das Auge war auch gerötet, die Pupille geweitet und starr. Als ihn Augenärzte untersuchten, stellten sie fest, dass die Augenhaut entzündet war. Der Grund dafür bewegte sich langsam im Glaskörper des Auges: Es war eine kleine Larve eines Fadenwurms.
Vermutlich hatte sich der Patient über ungenügend gekochten Fisch oder Geflügel infiziert. Die darin enthaltene Larve – ebenfalls im «New England Journal of Medicine» abgebildet – hatte dann die Magenwand durchquert und war bis ins Auge gewandert.
Gegen die Augenentzündung bekam der Mann Kortison-Präparate und gegen weitere Larven, die sich möglicherweise noch in seinem Körper aufhielten, ein Mittel gegen Würmer. Die Wurmlarve im Auge entfernten die Ärzte operativ. Acht Wochen später war die Augenentzündung abgeheilt. Weil aber die Augenlinse trübe geworden war, blieb die Sehkraft des Mannes reduziert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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