Spritze

Könnten sich genesene Personen die Impfung sparen? Diese Frage ist auch ein Politikum. © Tim Reckmann / pixelio.de

Covid-Zertifikat für Genesene: Mehr Politikum als Wissenschaft

Martina Frei /  Anstatt von Geimpften, Genesenen und Ungeimpften zu sprechen, sollte es besser heissen immune und nicht-immune Personen.

Mitte September veröffentlichte das «British Medical Journal» einen Artikel, in dem es um die Frage ging, warum die «natürlich erworbene Immunität», also nach überstandener Covid-19-Infektion, in den USA nichts zähle. Immer mehr Arbeitgeber, (Hoch-)Schulen und Behörden verlangen dort, dass sich auch Genese zweimal impfen lassen. Genesene gälten in den USA als genauso gefährdet (und andere gefährdend) wie Ungeimpfte.

In Österreich bereits etabliert, in Israel wieder gestrichen

In der Schweiz wird Genesenen bisher sechs Monate lang eine Immunität zugestanden – sofern ihre Infektion mittels PCR-Test nachgewiesen wurde. Ein Zertifikat für 12 Monate (wie es vollständig geimpfte Personen erhalten) gewährt ihnen der Bundesrat jedoch nur, wenn sie sich einmal impfen lassen.1 Die Nationale Covid-19-Taskforce befürwortete dieses Vorgehen. Sie begründete ihre Meinung vor allem mit den sinkenden Antikörperwerten im Blut im Lauf der Zeit.

Heute will der Bundesrat bekannt geben, ob genesene Personen künftig ein Zertifikat erhalten sollen, wenn sie einen Antikörper-Nachweis erbringen. Österreich macht das bereits – aber das Zertifikat gilt nur immer drei Monate lang. In Israel dagegen gilt laut der «Times of Israel» seit Anfang Oktober, dass sich Genesene (auch wenn sie hohe Antikörperspiegel haben) impfen lassen müssen, um den «grünen Pass» zu erhalten.

Taskforce hätte um die Studien wissen müssen

Der Artikel im «BMJ» zählt aber diverse Studien auf, die allesamt gezeigt haben, dass Genesene – im Mindesten – nicht weniger geschützt sind vor einer erneuten Sars-CoV-2-Infektion als Geimpfte. «Mehrere Studien (in Qatar, England, Israel und den USA) fanden bei Personen, die vollständig geimpft waren, und bei solchen, die Covid-19 hatten, ähnlich tiefe Infektionsraten», heisst es dort. Die allermeisten dieser Studien und Belege, die das «BMJ» anführt, lagen bereits vor, als die Nationale Covid-19-Taskforce im Juni ihre Stellungnahme verfasste.

Einige Aussagen aus dem Artikel im «British Medical Journal»: 

  • Es sei unwahrscheinlich, dass ungeimpfte Personen von einer Covid-Impfung profitieren würden, bilanzierte eine Forschergruppe. 
  • «Unsere [Studien]-Ergebnisse stellen die Notwendigkeit in Frage, dass vorgängig infizierte Personen geimpft werden müssen», befand eine andere. 
  • Die Daten würden darauf hindeuten, dass Genesene einen besseren Schutz hätten als Geimpfte, zitiert das «BMJ» einen israelischen Wissenschaftler.j
  • Die Schutzwirkung einer früheren Covid-Infektion sei hoch und vergleichbar derjenigen der Impfung, sagte ein anderer Wissenschaftler dem Fachblatt.
  • Während Geimpfte nur Antikörper gegen das «Spike»-Eiweiss des Virus bilden können – denn nur dieser «Bauplan» ist in den bisher bei uns zugelassenen Vakzinen enthalten –, hat die Immunabwehr der Genesenen mit viel mehr Details der Viren Bekanntschaft gemacht, «was wahrscheinlich eine breiter aufgestellte Immunantwort» biete, so ein weiterer Infektionsspezialist. 
  • In der Sprache der Gesundheitsbehörden sei immer von Geimpften und Ungeimpften die Rede, kritisierte ein Professor der Johns Hopkins Universität. «Wenn wir wissenschaftlich sein wollen, dann sollten wir von den Immunen und den Nicht-Immunen sprechen.»
  • Es gebe eine sehr klare Botschaft, die da laute, dass die natürliche Infektion zwar Immunität vermittle, dass es aber trotzdem besser sei, sich impfen zu lassen. Diese Botschaft basiere nicht auf Daten, das habe mit Politik zu tun, sagte eine Infektiologin dem «BMJ». In den USA setzten eher Republikaner auf «natürliche» Immunität.
  • Genesene als immun anzuerkennen, würde die Berechnungen, welcher Anteil der Bevölkerung geimpft werden müsse, grundsätzlich verändern. 
  • Es bestehe das Risiko, dass die Impfung bei Genesenen mehr Schaden als Nutzen stifte, sagte eine dänische Wissenschaftlerin gegenüber dem «BMJ».

Tatsächlich zeigten verschiedene Studien, dass die Wahrscheinlichkeit für Nebenwirkungen bei Genesenen, die sich impfen lassen, höher ist als ohne vorherige Sars-CoV-2-Infektion. Das Risiko für eine Herzmuskelentzündung beispielsweise wurde in einer Studie als viermal so hoch angegeben.

Argumente für die Impfung

Der Artikel im «BMJ» geht auch auf Argumente der Befürworter von Impfungen für Genesene ein:

  • Nach Infektion plus Impfung haben die Personen höhere Antikörperspiegel.
    Darauf erwidert ein Arzt im «BMJ»: Die Patienten, die auf den Intensivstationen am schwersten krank gewesen seien, hätten die höchsten Antikörperspiegel gehabt. «Die Frage ist also: Warum haben diese Antikörper sie nicht geschützt?»
    Ein anderes Argument lieferte GAVI, die globale Impfallianz, Anfang Oktober. In einem Tweet wies GAVI darauf hin, dass sinkende Antikörperwerte nach einer Impfung nicht immer auch schwindende Immunität bedeuten würden. Dasselbe müsste demnach auch für sinkende Antikörperwerte nach Genesung gelten.
  • Unter den Genesenen gibt es Personen, die gar nicht wirklich infiziert waren, sondern bloss einen falsch-positiven Test hatten. Sie wären ohne Impfung ungeschützt.
    Die US-Arzneimittelbehörde FDA habe jedoch bereits im Mai 2021 geraten, dass Antikörpertests eingesetzt werden sollen, um die Immunität von Personen festzustellen, erwidert ein anderer Fachmann darauf im «BMJ». 
  • Eine Studie der US-Gesundheitsbehörde CDC habe gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion bei den Genesenen doppelt so hoch gewesen sei wie bei Geimpften.
    Allerdings, so die Replik, würden geimpfte Personen auch weniger oft getestet als ungeimpfte. Deshalb sei diese Schätzung vermutlich zu hoch.

Studie aus Israel zeigt bis zu 27-mal niedrigeres Erkrankungsrisiko

Eine aktuelle (noch nicht begutachtete) Studie aus Israel ergab, dass Zweitinfektionen (schwere Krankheitsverläufe eingeschlossen) bei genesenen Personen deutlich seltener waren als bei den (mit der Vakzine von Pfizer/Biontech) Geimpften, wobei die Unterschiede mit steigendem Alter geringer ausfielen. 

Im Zeitraum von vier bis sieben Monaten kam es dort unter rund 46’000 geimpften Personen zu 484 symptomatischen Infektionen und unter rund 46’000 Genesenen zu 68 Zweitinfektionen. Das entspricht einem rund siebenmal geringeren Risiko bei den Genesenen; nach einer anderen Berechnung der Studienautoren wäre es sogar 27-mal kleiner. 

Bei den Hospitalisationen betrug das Verhältnis 21:4. 

Am besten schnitten die genesenen plus einmal geimpften Personen ab: Bei ihnen erkrankte eine von 877 Personen erneut. Eine von rund 14’000 kam ins Spital. Bei den «nur» Genesenen kam es bei dieser Berechnung zu einer Erkrankung unter 610 Personen. 

Die Studie macht keine Angaben zu etwaigen Nebenwirkungen der Impfung. Anzunehmen ist, dass sich die Gruppen der Geimpften und der Genesenen unterscheiden. Die Wissenschaftler versuchten aber, diese Unterschiede möglichst zu berücksichtigen.

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1 Genesene, die keinen positiven PCR-Test vorweisen können, erhalten ohne (eine) Impfdosis gar kein Zertifikat. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
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4 Meinungen

  • am 1.11.2021 um 11:53 Uhr
    Permalink

    Der Artikel bestätigt, was eigentlich schon länger bekannt ist: Die Unterscheidung in Geimpfte und Ungeimpfte macht medizinisch keinen Sinn. Sie ist politisch so gewollt. Ausserdem sind offensichtlich die Empfehlungen der Covid-Taskforce ebenfalls mehr politisch als wissenschaftlich motiviert.

    1
  • am 1.11.2021 um 12:49 Uhr
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    Danke für den Beitrag.
    Auch ich bin als Laie seit langem der Meinung, dass Genesene besser geschützt sind als geimpfte Menschen. Die Impfung deckt nur einen Teil des Problems ab, denn sonst gäbe es nicht so viele Impfdurchbrüche.
    Darum verstand ich nicht, warum Genesene schlechter eingestuft werden als Geimpfte. Dahinter stecken wohl eher wirtschaftliche als wissenschaftliche Aspekte. Anders kann man sich das nicht erklären.
    Vielleicht ist der Ansatz der Lausanner-Forscher (CHUV und EPFL) der Bessere, aber da wird noch eine längere Zeit verstreichen bis eine richtige und brauchbare Antwort auf das Corona-Virus gefunden wird.
    Wer hätte am Anfang der Pandemie gedacht, dass so ein kleines Virus.so viele Todesopfer auf dem gesamten Globus fordern würde.

    Gerade heute bekam ich die private Meldung, dass in Astrachen (RU) die Leichenhallen dem Ansturm von Leichen nicht mehr Herr werden. Das sagt wohl sehr viel aus. Die effektiven Zahlen in RU sind höher als die offiziell gemeldeten Todeszahlen. Bis im Frühjahr 22 werden leider noch weitere traurige Rekorde gebrochen werden.

    2
  • am 1.11.2021 um 15:00 Uhr
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    Ich bin geimpft, genesen und mehrfach getestet, das volle Programm. Man muss das ja heutzutage, vorgängig deklarieren nicht zum (Cov-)Idioten oder einem unsolidarischen Gefahrenherd gestempelt zu werden.
    Mir scheint, es handle sich bei der Covid-Politik allenorts in erster Linie um kleine Machtspiele von berufenen Besserwisser, die in ihren Büros Strategien entwickeln mit denen sie das Volk zum Gehorsam erziehen wollen. Mir hat schon vor eineinhalb Jahren, die Ärztin welche mich wegen Covid behandelt hatte genau das gesagt, was jetzt allmählich auch in die Medien kommt, nämlich dass Antikörper aus „Eigenproduktion“ einen ebenbürtigen, wenn nicht besseren Schutz vor Covid bieten als die Impfung. Meine Antikörperwerte waren, nach anderthalb Jahren schon bevor ich mich dem Druck der Ausgrenzung gebeugt habe und mich impfen liess, höher als der von manchen doppelt Geimpften.

    0
  • am 6.11.2021 um 11:56 Uhr
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    Guten Tag Frau Frei,

    Danke für den guten Artikel.
    Das Zertifikat für Genesene ist in erster Linie ein politisches Zückerchen um die Genesenen für die Abstimmung am 28.11 milde zu stimmen. Danach wird es eben so schnell wieder weggenommen. Zuerst gekürzt auf drei Monate (Österreich) und dann wird es komplett gestrichen (Italien).

    Selbst die Definition von «Immune» und «Nicht-Immune» ist genauso sinnfrei. Ein Geimpfter ist offensichtlich nicht Immun, auch nicht nach der dritten Spritze.
    Ein komplexes Immunsystem auf die Messung von Antikörper herunter zu brechen ist doch auch weit entfernt von jedem medizinischem Verständnis. T-Zellen sind die intelligentere Immunabwehr und werden bei der Diskussion fast immer ignoriert.
    MRNA als Impfstoffe im klassischen Sinn zu bezeichnen ist auch mehr eine Marketingstrategie, treffender wäre die Bezeichnung einer genmodifizierende Immuntherapie im Abo-Modell.

    Es gibt nur eine seit tausend Jahren bewährte Unterteilung, die in «Gesunde» und «Nicht-Gesunde», wobei jeder Mensch die Kompetenz und die Verantwortung hat selber zu entscheiden zu welchen er aktuell gehört. Alles andere sind Erfindungen von Lobbyisten. Daher NEIN zum Zertifikat und JA zur Pflegeinitiative.

    Wenn Ihr gerne das mRNA-Abo lösen möchtet, macht das. Verschont aber bitte die Kinder!
    In den 20 Monaten «Pandemie» sind 3 Kinder unter 14-Jahren MIT Covid gestorben. 2017 sind über 30 Kinder AN Tumoren gestorben, was offenbar niemand stört. Es geht leider nur ums Geschäft.

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