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Dem Kind ist es egal, wie viel Dreck es beim spielen abkriegt. © Rene Reimann / pixelio.de

Etwas Dreck kann später Allergien verhüten

Sarah Steiner /  Jeder fünfte Erwachsene ist heute auf Blütenstaub allergisch. Zu viel Hygiene im Kindesalter ist ein Grund dafür, sagen Experten.

Alles muss sauber sein. Und sauber reicht eigentlich auch schon nicht mehr aus. Rein, am besten klinisch rein, ist das Kredo der heutigen Gesellschaft. Doch wie gesund ist unser Hygienewahn wirklich? Allergien und Hautkrankheiten haben in den letzten hundert Jahren einen regelrechten Boom erlitten. Schuld daran ist unser Lebensstil. So paradox es klingt: Mehr Dreck und dafür weniger Krankheiten!

Samstagnachmittag auf einem grossen städtischen Spielplatz. Die Sonne scheint, Honig-Bienen fliegen von einer Blume zur nächsten, ein Labrador liegt auf der Wiese und schläft. Die kleine Marie sitzt im Sandkasten. Ihr gelber Sonnenhut ist aus UV-zertifizierter Kba-Baumwolle, auf dem rosaroten T-Shirt leuchtet der Schriftzug «Daddys Darling», die frisch gewaschenen Füsse stecken in Gummistiefeln. Die Fünfjährige ist in ihr Spiel mit Förmchen und Schaufel vertieft, als sie sich plötzlich ihren schön drapierten Sandkuchen in den Mund steckt.
Schlagartig wird aus der Sommeridylle ein Schreckensszenario. «Marie! Um Gottes Willen! Nein!», schreit die Mutter. Die Hysterie steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mit Feuchttüchern und Desinfektionsspray bewaffnet, versucht, der Kleinen den Sand aus dem Mund zu bringen. Und in ihrem Gesicht steht es geschrieben: Elend. Krankheit. Tod. All das kommt auf ihre kleine Tochter zu.
Marie scheint davon nichts wissen zu wollen. Quietschend schiebt sie sich die nächste Ladung Dreck in den Mund.

Der Bauernhof als Schutz gegen Allergien

Was Marie tut ist nichts anderes als natürlich. Sand und Dreck sind für sie nichts Schlimmes, nichts Böses und schon gar nicht Unhygienisches. Denn der Hygienebegriff wird ihr erst anerzogen. Kleine Kinder zeigen uns deutlich: sich häufig und intensiv zu waschen, widerspricht der menschlichen Natur. Händewaschen vor dem Essen, Zäheputzen vor dem zu Bett gehen, Lebensmittel reinigen vor dem Verzehr. Für die Kleinen schlichtweg nicht nachvollziehbare Massnahmen.

Mit Genuss lecken sie sich den Rotz von der Oberlippe und stecken sich Waldboden in den Mund. Dass wir irgendwann einmal alle einen gewissen Massstab für Hygiene setzen, liegt an der Erziehung und den gesellschaftlichen Normen einer Wohlstandsgesellschaft. Denn ihr grösster Feind ist nicht etwa Terrorismus oder Krieg, sondern Bakterien und Mikroben. Aber genau diese sind für den menschlichen Körper überlebensnotwendig. Er muss den Umgang mit diesen jedoch erst erlernen. Er muss sie kennenlernen, dagegen Abwehrstoffe entwickeln und ihn mit diesen gegen die vermeintlichen Attacken der Kleinstlebewesen desensibilisieren. So lassen sich viele der heute immer häufiger auftretenden Allergien und Hautkrankheiten auf eine fehlende Desensibilisierung gegenüber Bakterien und Mikroben zurückführen.

Vor achtzig Jahren hatte weniger als jeder Hundertste eine Pollenallergie, heute reagiert jeder fünfte Einwohner der Schweiz auf Blütenstaub allergisch», sagt der Naturwissenschafter Georg Schäppi. Er führt dies ganz klar auf unseren zu sauberen Lebensstil zurück. Kinder die auf dem Land aufwachsen, viele Geschwister haben oder früh in den Kinderhort geschickt wurden, sind weniger von Allergien betroffen. «Unser Immunsystem muss sich kaum mehr mit Krankheitserregern auseinandersetzen und deswegen reagieren viele Menschen extrem auf ganz normale äussere Reize. Wir leben zu sauber», erklärt Schäppi.

Kinder die auf Bauernhöfen aufwachsen treten schon sehr früh in Kontakt mit unzähligen Bakterien. Die Ställe werden zwar geputzt, aber nicht sterilisiert. Es finden sich dort viele verschiedene Mikroben. Ist ein Kind oft im Stall, kann sich sein heranreifendes Immunsystem mit diesen Keimen auseinander setzen. Das Immunsystem wird trainiert und entwickelt später keine allergische Überreaktion gegen harmlose Pollen oder Milbenkot.

Hygiene ist nicht nur schlecht

Doch wer jetzt denkt, die Hygiene ist nur schlecht, täuscht sich. Dies weiss auch Prof. Werner J. Pichler vom Inselspital Bern. «Die Hygiene hat wahrscheinlich mehr Menschenleben gerettet als die gesamte moderne Medizin –aber dafür niesen wir bis ins hohe Alter», so der Mediziner. Denn dank den hygienischen Verhältnissen konnten Krankheiten wie Cholera und Tuberkulose ausgerottet werden.

Noch bis ins 19. Jahrhundert hatten Erreger leichtes Spiel. Die Hygiene wurde in der Medizin nicht ernst genommen. Die Operationsschürzen der Chirurgen wurde so gut wie nie gewaschen, das Besteck nicht desinfiziert und oftmals wurden mehrere Patienten hintereinander mit denselben Utensilien versorgt. Auch infizierten sich unsere Vorfahren häufig durch verunreinigte Lebensmittel. Es gab keine Kühlschränke, das Geld war knapp und man ass, was die Vorräte hergaben. Menschen lebten mit Tieren unter einem Dach und diese verrichteten auch da ihr Geschäft.
Die sanitären Anlagen waren Plumpsklos oder Nachttöpfe deren Inhalt man auf offener Strasse entleerte, es gab kein Abwassersystem. Mit der Erfindung des WCs Anfang des 19. Jahrhunderts und der Kläranlage Ende des 19. verbesserte sich die Situation markant. Heute könnten wir uns ein Leben ohne Toiletten schlicht nicht mehr vorstellen.

Und dennoch sollte uns für einen gesunden Umgang mit unseren Mitbewohnern den Mikroben eines klar sein: Hände waschen ja, aber nicht wegen jedem kleinsten Spürchen Dreck.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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