Fakelumzug_Zentralfest_Brig

Fackelumzug am Zentralfest des Schweizerischen Studentenvereins in Brig © stv

Drei Tage und drei Nächte öffentliches Besäufnis

Kurt Marti /  Das diesjährige Zentralfest des Studentenvereins fand in Brig statt. Der Bischof von Sitten zelebrierte sonntags die heilige Messe.

Da staunten selbst die trinkfesten Walliser: Wie kann man drei Tage und drei Nächte fortwährend Bier in sich hineinschütten, ohne tot umzufallen? Dazu gibt es nur eine Erklärung: Üben, üben, üben!

Am letzten Wochenende fand in Brig die grosse Übung – das alljährliche Zentralfest des Studentenvereins (StV) – statt. Rund 3000 Studierende und Altherren aus 82 regionalen Verbindungen nahmen daran teil und verwandelten das Städtchen am Fusse des Simplonpasses in eine wahre Fasnachtsbude. Um den bacchantischen Trieben der Rotmützen keine unnötigen Schranken zu setzen, hatten die Behörden zweimal Freinacht bewilligt.

Aus «Vetternwirtschaft und Filz» wird «Freundschaft»

Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte man auf trinkende und johlende Farbenbrüder (rote Mützen, rot-weiss-grünes Band) treffen. Manche Ermattete schliefen gleich am Wegrand, auf einem Mäuerchen oder auf dem Stuhl in der Gartenbeiz. Am Samstagabend zogen die Festfreudigen mit einer Fackel in der einen Hand und dem Bier in der anderen vom Bahnhof bis hinauf zum Stockalperschloss, wo im Innenhof Michael Zurwerra v/o Sokrates, der Rektor des Kollegiums Spiritus Sanctus, eine Brandrede auf die akademische Elite hielt. Diese unterscheide sich von den Berufsschulgebildeten durch ihre breite Bildung. Und was Kritiker am Studentenverein als «Vetternwirtschaft und Filz» bezeichneten, nenne er «Amicitia» (Freundschaft).

Der Schweizerische Studentenverein wurde 1841 im Vorfeld des Sonderbundkrieges von katholisch-konservativen Politikern und Studenten gegründet, und zwar in Opposition zu den liberalen und demokratischen Kräften. Der StV gilt seither als Karriereleiter für die Mitglieder der CVP. Fast alle CVP-Bundesräte waren StV-Mitglieder. Alljährlich finden neben dem Zentralfest auch Zentraldiskussionen statt. Letztmals an der Uni Freiburg i. Ü. im März 2012 zum Thema: «Kommen StVer (immer noch) automatisch in den Himmel?»

Anlässlich des Zentralfestes trat Prof. Dr. Ernst Buschor v/o Tolgge, Altherrenbundspräsident 2004 – 2012, von seinem Amt zurück. In einem Interview mit der Vereins-Zeitschrift «Civitas» beantwortete der frühere Zürcher CVP-Regierungsrat die Frage: «Gab es auch negative Erlebnisse?» mit: «Ja, die GV Engelberg, an der wir alle Mühe hatten, die Polizei Obwaldens von einer Anklage gegen Exzesse von StV-ern an der GV abzuhalten.» Ob auch im Wallis das Vitamin B des StV-Filzes zum Einsatz kam, um Klagen gegen Exzesse abzuwenden, ist nicht bekannt.

Maturand lag am frühen Morgen auf den Bahngeleisen

Am frühen Samstagmorgen kam es zu einem tödlichen Unfall. Bei Mörel wurde um 6.15 Uhr ein junger Mann von der Matterhorn Gotthard Bahn (MGB) erfasst und getötet. Es handelte sich um einen 18-jährigen Maturanden, welcher als Mitglied der Appenzeller Gymnasialverbindung «Rotacher» am Zentralfest in Brig teilnahm. Die Polizei geht laut «Walliser Bote» (WB) davon aus, dass der Verunglückte auf dem Gleis lag, als er vom Zug erfasst wurde. Zur Frage, ob der Jugendliche alkoholisiert war, wollte sich niemand äussern.

Trotz des Todesfalles ging der studentische Karneval ungebremst weiter. Es folgte ein durchsoffener Samstag und Sonntag, der Fackelumzug am Samstagabend, eine weitere Freinacht, der Festumzug am Sonntagnachmittag und der «Katerbummel» am Montag ins Lötschental. Laut WB kam für den OK-Präsident Norbert Ritz v/o Punkt eine Absage zumindest des Festumzuges nicht in Frage, «weil der Unfall ausserhalb der Festaktivitäten passierte». In einer Medienmitteilung betonte das OK, dass es «am Rande der Generalversammlung» zum Bahnunfall gekommen sei. So schnell wird also ein Farbenbruder ausgegrenzt, so rasch verliert die pathetisch hochgehaltene Amicitia ihren Nimbus.

«Schlimmer als beim Rückzug von Marignano»

Am Sonntagvormittag zelebrierte Bischof Norbert Brunner v/o Nero zusammen mit zwei weiteren Bischöfen und 15 Priestern für seine Farbenbrüder die heilige Messe und gedachte auch des Verunglückten. Derweil in den Quartieren johlende Studentenhorden sich Mühe gaben, die Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Sonntagsmorgen-Schlaf zu wecken.

In seiner Neujahrsansprache hatte sich Bischof Brunner zu Saufgelagen wie folgt geäussert: «Junge Menschen, die nächtelang an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen herumhängen, weil sie nicht wissen, wie sie sich selber beschäftigen können; Horden von Schülern, die sich betrinken und die dann auf dem Heimweg schlimmer aussehen als die Walliser beim Rückzug von Marignano.»

Auch Mitte August redete der Bischof von Sitten zum Schulanfang den Schülerinnen und Schülern, aber auch deren Eltern ins Gewissen: «Wie lange will unsere Gesellschaft das Verweilen in diesem ‚landesweiten Vergnügungspark‘ zum Inhalt ihres Lebens machen?» Dabei zählte er alle sommerlichen Feste und Open-Airs auf, um diese unmissverständlich als ziemlich dekadent abzukanzeln. Und er stellte die Frage: «Für welches Leben sollen die Kinder denn lernen? Auf ein Leben in Spass und Vergnügen? Oder auf ein Leben mit Sinn und Inhalten, die den Kindern und Jugendlichen als Geschöpfen Gottes eigentlich zustehen?»

«Auch in den entferntesten Dörfern wird weitergesoffen»

Beim Zentralfest des StV war freilich alles ganz anders: Nicht normale Jugendliche betranken sich hier und hingen am Bahnhof herum, nicht gewöhnliche Schülerinnen und Schüler vergnügten sich, sondern katholische Studenten und gestandene Altherren – also die Couleur-Brüder des Bischofs – betranken sich drei Tage und drei Nächte lang und hingen in der Stadt herum. Frei nach dem Motto, das beispielsweise der Komment (studentische Regeln) des Studentenvereins «Die Habsburger» zum Besten gibt (siehe Link unten):

  • § 11 Auch in den entferntesten Dörfern wird weitergesoffen.
  • § 70 Fühlt sich ein HABSBURGER in seiner Bierehre verletzt, so kann er den Beleidiger zu einem Zweikampf mit Bier mit den Worten ‚Bierjunge‘ fordern.
  • § 74 Den Bierskandal hat derjenige gewonnen, der zuerst und ohne zu bluten ausgetrunken und die vorgeschriebenen Kommandi ausgeführt hat.
  • § 91 Ein Bierschwein hat sich seiner Farben zu entledigen und begibt sich in die entfernteste Ecke des Stammlokals.

Ehrengäste und Redner aus der CVP-Gemeinde

Als prominente Redner aus der CVP-Gemeinde traten am Zentralfest CVP-Nationalrat Gerhard Pfister und SRG-Präsident Raymond Loretan v/o Bruno auf. Auf der Liste der Ehrengäste figurieren CVP-Bundesrätin Doris Leuthard v/o Charis, CVP-Nationalrätin Viola Amherd, CSP-Ständerat René Imoberdorf, CVP-Ständerat Jean-René Fournier v/o Phantome, alt Bundesrat Flavio Cotti v/o Kiki, alt Bundesrat Alphons Egli v/o Keck, alt Bundesrätin Ruth Metzler v/o Acceuil, Brigadier Erwin Dahinden v/o Taxi und Oberst Daniel Anrig v/o Custos, Kommandant Schweizergarde.


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3 Meinungen

  • am 20.09.2012 um 14:55 Uhr
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    Als Teilnehmerin am diesjährigen Zentralfest des Schweizerischen Studentenvereins (StV) stelle ich nach dem Lesen des Artikels fest, dass der Autor a) eine andere Veranstaltung besucht hat oder b) äusserst einseitig über das Festwochenende berichtet und entscheide mich für Letzteres. Ich habe keine Mühe damit, dass Herr Marti weder Freund des StV noch der CVP ist, das ist seine Freiheit. Jedoch erwarte ich auf einer Plattform des «unabhängigen Journalismus» differenzierte Berichterstattungen und Artikel. Bereits mit der Überschrift schlägt der Autor in die altbekannte Kerbe und macht es sich auch im darauf folgenden Text einfach, indem ständig Klischees aufgenommen werden, die schlicht nicht der Aktualität entsprechen: Offensichtlich findet am Zentralfest das eine oder andere Besäufnis statt, wie auch sonst in unserer Gesellschaft, doch ich behaupte, am Zentralfest konsumiert ein Grossteil der TeilnehmerInnen wie sonst auch im Ausgang. Jedenfalls begegnete ich an meinen Tischreihen niemandem, der oder die «"fortwährend Bier in sich hineinschüttete". Wenn der Autor fast ausschliesslich von Studenten schreibt, mag zudem das Bild des altbekannten Männerbundes entstehen. Auch damit schreibt der Autor an der Realität vorbei, denn ein Grossteil der heutigen aktiven Mitglieder – der SchülerInnen und StudentInnen – ist weiblich. Schliesslich kann es Herr Marti nicht lassen, auch noch ein letztes Klischee über den StV aufzuwärmen, die CVP. Auch hier hängt der Autor mehr der Vergangenheit nach als dass er sich mit der Realität auseinandersetzt: Der StV ist – leider oder zum Glück? – längst nicht mehr die Kaderschmiede der CVP, sondern vereint PolitikerInnen aus dem gesamten Parteienspektrum. Neben der unausgewogenen Berichterstattung erachte ich es zudem als unangebracht, den tragischen Todesfall eines Maturanden zu instrumentalisieren und dabei in abschätzigem Tonfall zu berichten – bedenklich, wenn sich Journalismus auf diesem Niveau bewegt.

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  • am 20.09.2012 um 20:20 Uhr
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    Wer das hier geschrieben hat ist schnell klar. Jemand, der sich nicht mit der Materie befasst hat. Beispiel gefällig?
    "wo im Innenhof Michael Zurwerra v/o Sokrates, der Rektor des Kollegiums Spiritus Sanctus, eine Brandrede auf die akademische Elite hielt. Diese unterscheide sich von den Berufsschulgebildeten durch ihre breite Bildung."
    Nein! Rektor Zurwerra hat nicht die akademische Elite gehuldigt, sondern den dualen Bildungsweg. Er kritisierte das man heute in einem Jahr (zB. bei der Berufslehre) eine Matura erhält, wofür man an einem Gymnasium 5 (respektive 4) Jahre benötigt. Dass das an der Uni nicht gut gehen kann, wenn der Berufsmaturand noch nie etwas von einer Ableitung gehört hat und der Gymnasiast schon mit Integralen um sich wirft dürfte jedem klar sein.

    "Der StV gilt seither als Karriereleiter für die Mitglieder der CVP."
    Nun, der StV war bis zu seiner Reform 1968 tatsächlich ein streng Katholischer Verein. Ebenso waren auch keine Frauen erlaubt. Wie gesagt, BIS. Seither gibt es im StV keinen Konfessions, noch einen Religionszwang mehr. «Auf den Grundlagen des Christentum aufbauend» heisst es im Rechtsbuch. Heisst: Grundwerte sind also etwa Ehrlichkeit, Masshalten ect.

    "§ 70 Fühlt sich ein HABSBURGER in seiner Bierehre verletzt, so kann er den Beleidiger zu einem Zweikampf mit Bier mit den Worten ‚Bierjunge‘ fordern."
    Nun, diesen Paragraphen muss man verstehen. «in der Bierehre verletzt» bedeutet nichts andere als im Streit gewesen zu sein (Name ist Traditionell, aus der Zeit, als es noch einen Trinkzwang gab, diesen gibt es seit der Reform ebenfalls nicht mehr). Oder auf gut Deutsch: Farbentragende prügeln sich nicht, sie regeln ihre Streitigkeiten bei einem Bierduell. BIERduell ist ebenfalls traditionell. Seitdem es keinen Trinkzwang mehr gibt ist etwa auch Alkoholfreies Bier gestattet.

    » So schnell wird also ein Farbenbruder ausgegrenzt, so rasch verliert die pathetisch hochgehaltene Amicitia ihren Nimbus."
    Dieser Abschnitt ist schlichtweg eine falsche Darstellung des Autors. Ein Mitglied ist Mitglied, bis zu seiner Beerdigung. Ist dem überaus fleissigen Verfasser nicht aufgefallen, dass diverse Verbindungen einen Trauerflor am Fahnen getragen haben? Ist unbemerkt geblieben, dass die Platzverbindungen (Rotacher und Pentisilea) noch am selben morgen abgereist sind? Ist nicht klar, dass viele Mitglieder an der Beerdigung anwesend waren?
    Und ja, natürlich geht die GV weiter. Stirbt jemand an einem OpenAir wird es nicht abgebrochen, stirbt jemand an einem Strassenfest wird es nicht abgebrochen. Warum sollten bei einem Studentenverein andere Regeln gelten?

    Noch 2 Anmerkungen zum Schluss:

    -Am ganzen Zentralfest habe ich keinen einzigen Farbentragenden gesehen, der randaliert, erbrochen oder sich sonst schlecht benommen hätte. Farbentragende wissen in der Regel, wo ihre Grenzen sind.

    -Der StV ist heute nicht mehr an eine Partei gebunden. Beispiele? Otto Ineichen (FDP) oder Maximilian Reismann (SVP). StV sind heute im ganzen Spektrum von Links nach Rechts vertreten.

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  • am 24.09.2012 um 10:22 Uhr
    Permalink

    Super Bericht! Merci Herr Marti! Dass nach einem Todesfall einfach weiter gefestet und gesoffen wird, ist doch sehr pietätlos – und sicher gar nicht christlich. Autorennen und auch andere Sportveranstaltungen sind schon oft abgebrochen worden, wenn es zu tödlichen Unfällen gekommen war.
    Aber beim StV standen einem solchen Akt der Vernunft wohl katholische und alkoholisch-kommerzielle Interessen entgegen.
    Erwähnen hätte man auch noch können, dass diese Burschenschaften nicht nur reaktionär, sondern auch autoritär und patriarchalisch-hierarchisch gestrickt sind (Altherren!). Wie die ewiggestrige Papsterei eben. Und dass gerade der StV in den Dreissigerjahren teils sehr anfällig war für faschistoide und ständestaatliche Tendenzen.
    Die Kritiker des sehr guten Artikels sind darum unglaubwürdig: Auch die schwarze Liesel kenn ich an ihrem Geläut! Niklaus Ramseyer

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