Kommentar

Der Spieler: «The Game»: Rückkehr der Patience

Synes Ernst ©

Synes Ernst. Der Spieler /  Patiencen leiden unter ihrem Ruf. «The Game» ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Ein Spielerlebnis der Sonderklasse.

Patiencen haben einen schlechten Ruf, einen mehrfach schlechten sogar. Erstens werde es nur von Frauen gespielt, zweitens nur von älteren Frauen, sofern sie, drittens, alleinlebend sind und, viertens, nichts Besseres kennen, um ihre Zeit totzuschlagen. Und überhaupt: Kann es denn in unserer auf Tempo ausgerichteten Zeit etwas Altmodischeres geben als ein Spiel, das schon in seinem Titel sagt, dass alle, die sich damit beschäftigen wollen, eines mitbringen müssen: Geduld.

Nun ja, Patiencen sind nicht gerade sexy. Aber so hinterwäldlerisch und daneben kann das Kartenlegen auch wieder nicht sein: Nicht alle von uns erledigen in der Zeit, während der sie hinter einem Computer sitzen, ausschliesslich Arbeiten für ihren Arbeitgeber. Der zwecklose Zeitvertreib ist ja nur ein Tasten- oder Mausklick entfernt und heisst «Solitaire» – eine lupenreine Patience ist es, die Microsoft seit 30 Jahren in das Windows-Betriebssystem einbaut. Meines Wissens gibt es keine Studie, die den volkswirtschaftlichen Schaden beziffert, welcher durch das «Solitaire»-Spielen während der Arbeitszeit entsteht. Er dürfte in die Millionen von Franken gehen … Es gibt auf der anderen Seite aber auch keine Studie, die den Stressabbau und den Glücksgewinn aus dem heimlichen Geduldsspiel am Arbeitsplatz monetarisieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Kooperativ gegen das Spiel

So schlimm, wie es ihr Ruf vermuten lässt, kann es um die Patiencen also gar nicht stehen. Welches Potenzial in diesem Spielprinzip steckt, zeigt jetzt gerade «The Game» von Steffen Berndorf. Ein wirklich einfaches Kartenablegespiel, das in meinen Spielrunden bis jetzt nur ein begeistertes Echo gefunden hat. Runden mit Spielerinnen und Spielern übrigens, die nur ein müdes Lächeln übrig hätten, wenn ich es wagte, sie von der Schönheit einer klassischen Patience, wie etwa der «Anneliese», zu überzeugen.

98 Zahlenkarten, von 2 bis 99 nummeriert, sowie vier Reihenkarten (zweimal die 1 und zweimal die 100) bilden das Spielmaterial. In «The Game» versuchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, kooperativ möglichst alle 98 Zahlenkarten auf vier Stapel abzuspielen. Dazu werden reihum von den sechs oder sieben Handkarten (die man anschliessend wieder ergänzt) jeweils mindestens zwei Karten abgelegt. Beim Ablegen gelten einfache Regeln: Auf zwei Stapeln dürfen die Karten nur aufsteigend von 1 bis 99 abgelegt werden, auf den anderen beiden nur von 100 an abwärts. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist ebenfalls leicht zu merken: Hat man eine Karte, welche eine bereits auf einem Stapel liegende Karte um 10 unter- oder überschreitet, so kann man sich und der Gruppe damit Luft verschaffen: Wenn ich auf dem Abwärtsstapel eine 48 auf eine 38 lege, dann schaffe ich so (theoretisch) zehn zusätzliche Ablagemöglichkeiten. Das Spiel endet sofort, wenn niemand mehr eine Handkarte ablegen kann. In diesem Fall hat die Runde verloren. Gewonnen hat sie jedoch, wenn es gelingt, alle Karten loszuwerden.

Verdeckte Kommunikation

Mit diesen Angaben könnte man das Spiel bereits spielen. Was sich jedoch nicht so schnell vermitteln lässt, ist das ungewöhnliche Spielerlebnis, das «The Game» mit einfachsten Mitteln bietet. Das Ziel ist allen bekannt. Um es zu erreichen, gibt es nur einen Weg: Die Karten so ablegen, dass sich die entsprechenden Zahlwerte dicht aufeinanderfolgen. Grössere Lücken muss man möglichst vermeiden. Aber wie, wenn zwei, drei, vier oder fünf Spielerinnen und Spieler am Tisch sitzen und man nicht weiss, wer welche Karten auf der Hand hat? Die Spielregeln sehen vor, dass man gegenseitig Informationen austauscht und Strategien überlegt. Mit der Einschränkung allerdings, dass man einander unter keinen Umständen etwas über seine Handkarten verraten darf. Das muss geheim bleiben. Also entwickelt sich eine mehr oder weniger verdeckte Kommunikation. Wenn ein Mitspieler sagt, er möchte, dass ein bestimmter Ablagestapel blockiert sei, bis die Reihe an ihm sei, dann dürfen die übrigen in der Runde davon ausgehen, dass er mindestens eine Karte auf der Hand hat, mit welcher er ohne grosse Differenz anschliessen kann. Wenn jemand seinen Wunsch gar in das Verbot verpackt, eine ausliegende Reihe zu bedienen, dann muss er mit seiner Karte unbedingt einen Zehnersprung nach oben bzw. nach unten machen und damit die Chancen für die gesamte Gruppe verbessern können. Andernfalls könnte er ein paar Freundschaften aufs Spiel setzen …

Unfreundliche Kommentare müssen sich auch jene anhören, die möglichst viele Handkarten ablegen wollen, ohne jedoch auf die Wünsche und Anregungen der Gruppe Rücksicht zu nehmen. Aber manchmal kann man gar nicht anders: Als Folge der verdammten Pflicht, mindestens zwei Karten abzulegen, gibt es Situationen, in denen man eine ganz miese Ablage tätigen muss. Von der 88 zur 63 auf dem Abwärtsstapel beispielsweise oder von der 18 auf die 66 auf dem Weg nach oben, wie das bei uns schon vorgekommen ist.

Eine ähnliche Art von Kommunikation kennt auch «Hanabi», das «Spiel des Jahres 2013». Nur erlebe ich sie in «The Game» noch dichter. Das rührt unter anderem daher, dass ich hier die Reaktionen der Mitspielenden auf meine Auslagen viel direkter mitbekomme: «Super, jetzt kann ich da gleich weiterfahren!» oder «Alles vermasselt, ein derart grosses Loch ist nicht mehr auszubügeln!» Klar, dass «The Game» auch von solchen Emotionen lebt. Und von der Spannung, die vom Anfang bis zum Ende hin kontinuierlich steigt: «Schaffen wir es? Knacken wir das Spiel?»

Das Spiel mit dem Kick

Es sind die Fragen, die wir uns ebenfalls stellen, wenn wir am Computer «Solitaire» spielen. Der Kick, den uns das verschafft, lässt uns ja auch zu «Wiederholungstätern» werden. Diesmal haben wir verloren, … und schon hat uns der Ehrgeiz gepackt! Mit ein paar wenigen Änderungen lässt sich der Schwierigkeitsgrad von «The Game» erhöhen. Und damit auch der Reiz, es immer wieder auf den Spieltisch zu bringen.

Gespannt bin ich, wie sich Steffen Benndorf als Spielautor weiterentwickelt. Neben «The Game» – dessen Name sehr uninspiriert wirkt – ist in diesem Frühjahr «Träxx» auf den Markt gekommen. Es handelt sich um ein ebenso bestechend einfaches wie spannendes Wegezeichnungsspiel, das so innovativ ist, dass es dafür noch keine eigene Gattungsbezeichnung gibt. Mit dem Würfelspiel «Qwixx» schaffte es Benndorf 2013 gar auf die Nominierungsliste von «Spiel des Jahres». «The Game», «Träxx» und «Qwixx» sind drei Spiele, die so einfach und gleichzeitig so faszinierend sind, dass sich unweigerlich die Frage aufdrängt, warum bis anhin noch niemand auf solch tolle Ideen gekommen ist.

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The Game: Kartenablegespiel von Steffen Benndorf für 1 bis 5 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Spieldauer 20 Minuten. Nürnberger Spielkarten-Verlag (Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil), Fr. 12.-


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».

Zum Infosperber-Dossier:

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