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Synes Ernst: Spiel-Experte © cc

Der Spieler: Die Wiederauferstehung von König und Generälen

Synes Ernst. Der Spieler /  Noch stecken wir in der Corona-Krise. Aber alle hoffen auf den Wiederaufschwung. Deshalb könnte «Fenix» das Spiel der Stunde sein.

Wenn dereinst die Geschichte der Corona-Krise geschrieben wird, wird man mit Sicherheit auch lesen können, dass es als Folge der Notmassnahmen zu einem katastrophalen Einbruch der Wirtschaft gekommen sei, dass sich diese aber wieder erholt habe «wie der Phönix aus der Asche». Mit dieser Redewendung beschreibt man in der Regel den Neuanfang nach einer Niederlage oder den Wiederaufschwung nach einem Zusammenbruch. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die ägyptische Mythologie, wonach der Phönix die Fähigkeit haben soll, aus der Asche neu zu entstehen. Solches erhofft man sich derzeit von der Wirtschaft.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es denn auch kaum, dass ich auf der Suche nach einem in die heutige Zeit passenden Spiel auf ein neues strategisch-taktisches Zweierspiel gestossen bin, das den Namen «Fenix» trägt, mittelhochdeutsch für «Phönix».

Cover mit dem roten Vogel

Das Cover mit dem mythischen roten Vogel in den lodernden Flammen macht auf Dramatik und Emotionen, was dem Charakter des Spiels jedoch widerspricht. Das Zielpublikum von «Fenix» sind eher kühle Rechner und Taktiker, die mit ihren Überlegungen das Geschehen auf dem Spielplan bestimmen. Dass laut Spielanleitung ein Kampf zwischen zwei Armeen simuliert wird, ist letztlich wie bei Schach oder Dame irrelevant.

Schach und Dame: «Fenix» steht in der Tradition dieser beiden Klassiker unter den strategisch-taktischen Zweierspielen. Von beiden nimmt es einige Elemente auf: Vom Schach die Zugmöglichkeiten bestimmter Figuren, von der Dame Springen und Schlagzwang. Gleichzeitig hat der Autor Fred Horn das Ausgangsmaterial um ein paar Ideen bereichert, die selbst für geübte Taktiker echte Knacknüsse darstellen.

Gespielt wird auf einem Spielplan mit einem Raster von 9 x 9 oder 7 x 8 Feldern. Dementsprechend verfügen die beiden Spielenden über 28 bzw. 21 Steine ihrer Farbe (rot und schwarz). Die feindlichen Armeen treten von den gegenüberliegenden Ecken des Spielplans gegeneinander an. Im Gegensatz zu anderen Spielen dieser Art gibt es in «Fenix» keine speziell gekennzeichneten Figuren mit vorbestimmten Zugmöglichkeiten. Hier verkörpern zu Beginn alle Steine Soldaten, eine echte Volksarmee. Doch auch diese braucht eine Führungsstruktur, und so ernennen die beiden Spieler für ihre Truppe je einen König (Turm von drei Steinen) und drei Generäle (Türme von zwei Steinen).

Soldaten bewegen sich in gerader Richtung auf ein angrenzendes Feld, Generäle wie der Turm im Schach entlang auf einer Linie, bis sie auf ein Hindernis stossen, und der König schliesslich hat einen Aktionsradius von einem Feld in jeder Richtung. Es besteht Schlagzwang: Wenn man in seinem Zug eine oder mehrere gegnerische Figuren durch Überspringen schlagen kann, muss man dies auch tun. Dabei sind die Zugregeln der eigenen Figur einzuhalten. Mit geschickter Planung sind auf diese Weise lange Kettenzüge mit verheerender Wirkung im gegnerischen Lager möglich. Das ist besonders der Fall, wenn die Generäle, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind, ins Geschehen eingreifen.

Zwei geniale Einfälle

Doch was hat das alles mit dem mythischen Vogel Phönix zu tun, dem Symbol des Wiederbeginns? Nichts, gäbe es da nicht noch zwei geniale Einfälle des Autors: Zum einen darf ich, wenn meine Gegnerin einen oder mehrere meiner Generäle geschlagen hat, im nächsten Zug aus zwei Soldaten einen neuen General bilden. Zum andern verliere ich das Spiel erst, wenn es mir nach dem Verlust des eigenen Königs im nächsten Zug nicht gelungen ist, einen Nachfolger zu kreieren, das heisst, einen meiner Generäle mit Hilfe eines Soldaten zum König zu krönen.

Schlagzwang und Phönix-Mechanismus – ich nenne diese Möglichkeit, Figuren wiederzubeleben, nun mal so – verleihen dem Spiel einen besonderen Dreh: Man konzentriert sich bei seinen strategisch-taktischen Überlegungen nicht unbedingt auf eine Mischung von Angriff und Verteidigung, sondern vor allem auf die Frage, wie ich Generäle und König des Gegners in eine Falle locken kann. Durch eine geschickte Platzierung meiner Steine kann ich nämlich mein Gegenüber zu toxischen Zügen zwingen, die unter Umständen mit massiven Verlusten enden.

«Fenix» hat seine Tücken

Selbst wenn die Anleitung keine Fragen offen lässt und das gut ausgestattete Spiel leicht zu lernen ist – «Fenix» hat seine Tücken, wobei je nach Standpunkt unterschiedlich ist, was «Tücken» bedeutet: Während Einsteigerinnen und Einsteiger immer wieder vor völlig unerwarteten Situationen stehen und darob schier verzweifeln, gibt es umgekehrt für Liebhaber von Taktikspielen nichts Schöneres, als eben solche Situationen gezielt herbeizuführen.

Ich gebe es zu: Ich kenne noch längst nicht alle Feinheiten von «Fenix». Mir gefällt aber jetzt schon, dass es aufbauend auf einfachsten Grundregeln eine spannende strategisch-taktische Auseinandersetzung bietet. Als Taktikspieler von durchschnittlichem Niveau kann ich auch damit leben, dass ich eine Partie verliere, weil ich eine Kleinigkeit übersehen habe, die im späteren Spielverlauf nicht mehr zu korrigieren ist. Wie anspruchsvoll aber «Fenix» letztlich ist, kann ich im Moment noch nicht sagen. Also spielen, spielen, spielen, um noch mehr von den Geheimnissen von «Fenix» zu erfahren!

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Fenix: Strategie- und Taktikspiel von Fred Horn für 2 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Huch-Verlag (Vertrieb Schweiz: Carletto, Wädenswil), ca. Fr. 40.- Hinweis: Fachgeschäfte dürfen wegen der Corona-Krise nicht geöffnet haben. Viele liefern aber per Post nach Hause, Bestellungen über Tel., Mail oder Online.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt.

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