Der Spieler: Der Buchautor und das Wolkenfeld

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Synes Ernst. Der Spieler /  So genannte Kommunikationsspiele gibt es so viele wie Sand am Meer. «Konsensus» ist ein wenig anders als die andern.

Kennen Sie das Sprichwort «Es kommt ein Schneider in den Himmel»? Man sagt es, wenn etwas höchst Seltenes passiert. Wenn es regnet und gleichzeitig die Sonne scheint, zum Beispiel. Ich verwende es, wenn in einem Gespräch mein Gegenüber gleichzeitig den gleichen Begriff äussert wie ich. Genau darum geht es im neuen Kommunikationsspiel «Konsensus», wie der Untertitel «2 Köpfe – 1 Gedanke» verrät.

«Kommunikationsspiel» ist allerdings ein Pleonasmus wie ein weisser Schimmel. Denn wie jedes Spiel ein Lernspiel ist, ist es auch ein Kommunikationsspiel. Wer spielt, kommuniziert mit den Mitspielenden. Der Unterschied zwischen den einzelnen Spielen und Spielgattungen besteht in der Form der Kommunikation. Bei Taktikspielen spricht man zwar wenig oder gar nicht miteinander, aber die Art und Weise, wie ich mit meinen Figuren über das Brett ziehe, verraten viel über meine Absichten und Gedanken. Bei Kartenspielen kommt zusätzlich die Körpersprache ins Spiel, das Pokerface eben. Von Kommunikationsspielen – die Gattung existiert nun einmal unter diesem Begriff – rede ich dann, wenn ich mich als Spieler nicht indirekt über Züge auf einem Brett mit den Mitspielenden auseinandersetze, sondern direkt über die Sprache. Diese Kommunikationsform ist die intensivste, weil man immer auch als Persönlichkeit involviert ist, was bei einem taktischen Brettspiel in diesem Masse nicht der Fall ist. Viele Menschen mögen jedoch Kommunikationsspiele nicht, weil sie sich nicht gerne exponieren, weil sie Angst davor haben, vor anderen ihr Innerstes zu enthüllen. Umgekehrt gibt es aber auch Menschen, die diese direkte Auseinandersetzung geradezu suchen, nicht selten mit der Absicht, andere über das Spiel besser kennen zu lernen. Für sie bietet der Markt eine breite Palette von Titeln, und jedes Jahr kommen neue dazu.

Sich in andere hinein versetzen

Bei «Konsensus» geht es darum, die Ideen, Vorstellungen und Gedanken der Mitspielenden zu erahnen. Es gewinnt nicht, wer besonders viel weiss, sondern wer sich am besten in die anderen hineinversetzen und am meisten Übereinstimmungen erzielen kann. Diese Spielidee ist nicht ganz neu. Was «Konsensus» von ähnlichen Spielen unterscheidet, ist die Art und Weise, wie es den Spielerinnen und Spielern hilft, die Gemeinsamkeiten zu finden – sofern sie auf die Vorlagen einsteigen.

Auf einem Rundkurs sind so genannte Assoziationsfelder abgebildet. Die darauf abgebildeten Symbole sollen den Spielern helfen, übereinstimmende Bilder oder Gedanken zu finden. Angenommen, mein Stein landet auf einem Wolkenfeld. Nun wird eine der 200 Karten gezogen, die das wichtigste Spielelement darstellen. Sie geben nämlich den Begriff an, zu dem die Mitspielenden Assoziationen machen müssen. Angenommen, es handle sich um den Begriff «zeitgenössischer Schriftsteller». Wolkenfeld und Schriftsteller? Ich schreibe David Mitchell, den Autor des wunderbaren Romans «Wolkenatlas», auf einen Zettel in der Hoffnung, dass mindestens noch jemand in der Runde auf diesen Namen gekommen ist, oder, was noch besser wäre, sogar drei Mitspieler. In diesem Fall erhielten alle zwei Punkte auf dem Konto gutgeschrieben, für jede Übereinstimmung je einen. Wäre ich jedoch der einzige mit Mitchell gewesen, wäre ich leer ausgegangen. Die Kombination von Assoziationsfeld und Suchbegriff ist nicht immer einfach. Wie bringe ich «Blitz» und einen «Handyhersteller» zusammen? Ich würde «Motorola» schreiben. Oder das Symbolfeld «Farbpalette» mit «zwei Vogelarten, die hier heimisch sind»? Mit «Papagei» wäre ich wohl Einzelgänger, da diese Vögel zwar bunt, aber nicht hier heimisch sind. Mit «Buntspecht» und «Blaumeise» würde ich hingegen sicher Übereinstimmungen erzielen. Man braucht wohl nicht besonders zu betonen, dass zustande gekommene Gedankenpaare nicht selten für Überraschungen und Lacher sorgen.

Besser unter Bekannten

Wie bei allen Spielen dieser Art gilt auch bei «Konsensus»: Je besser die Mitspielenden einander kennen, desto mehr geniessen sie die Suche nach Gemeinsamkeiten. Setzt sich eine Runde aus Fremden zusammen, ist das Ganze doch mehr zufälliges Raten. Spannend finde ich immer auch, wenn sich bei solchen Spielen Menschen finden, die einander zwar nicht persönlich kennen, aber sonst gemeinsame Interessen haben, zum Beispiel Politik oder Literatur. In dieser Konstellation habe ich schon sehr anregende «Konsensus»-Runden erlebt.

«Konsensus»: Kommunikationsspiel für 3 bis 6 Spielerinnen und Spieler ab 12 Jahren. Verlag Huch & friends. Spieldauer 30 Minuten


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung»

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