Der Spieler: Bohnen, Äpfel, Bananen und Pizza

Synes Ernst. Der Spieler ©

Synes Ernst. Der Spieler /  Alles rund ums Essen - auffallenderweise ist dieses lebenswichtige Thema im Bereich des Spiels eher eine Randerscheinung.

Mit Lebensmitteln dürfe man nicht spielen, wurde uns Kindern eingebläut, als wir aus Brotkrümeln Kügelchen formten und diese in der Wohnstube herumschossen. Der Hintergrund dieses Verbots war eigentlich einleuchtend: Lebensmittel waren kostbar und durften deshalb nicht vergeudet werden. Anders als heute, wo alles jederzeit, nicht nur in der Saison, zu relativ günstigen Preisen verfügbar ist, ging man früher mit Brot, Kartoffeln, Gemüsen und Früchten respektvoll um. Denn Knappheit war nicht bloss theoretisch. Sie war eine schmerzliche Erfahrung, welche die Menschen im Verlauf der Geschichte immer wieder machen mussten, bei uns in der Schweiz zuletzt während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit. Deshab war Spielen mit Lebensmitteln tabu.

Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass sich eines der ältesten und am weitesten verbreiteten Spiele der Welt um etwas Essbares dreht: Die Forschung geht davon aus, dass Bohnen in «Mancala» als Spielmaterial dienten. Die ältesten Funde von «Mancala»-Brettern stammen aus der spätrömischen Zeit, doch ist anzunehmen, dass dieses taktische Verteilspiel für zwei Personen schon viel früher bekannt war. Im deutschsprachigen Raum kennt man «Mancala» seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts als «Bohnenspiel». Durchgesetzt hat sich der Spielmechanismus allerdings unter dem Originalnamen.

Klassiker mit Bohnen

Wenn man in Spielerkreisen heute von «Bohnenspiel» spricht, meint man vor allem «Bohnanza». Das 1997 im Amigo-Verlag erschienene Kartenspiel von Uwe Rosenberg ist einer der modernen Klassiker, der in keiner Spielesammlung, die ihren Namen verdient, fehlen darf. Als Spieler schlüpft man in die Rollen von Bohnen-Farmern, die verschiedene Bohnensorten möglichst gewinnbringend anzupflanzen und zu verkaufen versuchen. Durch den Tauschhandel entsteht viel Interaktion. Langeweile ist in «Bohnanza»-Runden denn auch ein Fremdwort. Zum Grundspiel gibt es mittlerweile einige Erweiterungen, deren Namen «Al Cabohne», «High Bohn», «Bohn to be Wild» oder «Bohnaparte» signalisieren, dass da Macher mit viel Witz und Augenzwinkern am Werk sind.

Angesichts der Vormachtstellung des Kultspiels «Bohnanza» traut sich offensichtlich kein Verlag, ein anderes Bohnenspiel auf den Markt zu bringen. Sie weichen auf Bananen, Tomaten, Kartoffeln oder Äpfel aus. Wo Bananen, da auch Affen: Dies gilt sowohl für «Monte Banana» (Piatnik) als auch für «Banana Matcho» (Zoch). Und was tun Affen? Sie klettern auf Felsen oder Bäume, möglichst rasch, und wenn sie oben sind, fressen sie eine Banane. Der Titel des kleinen Kartenspiels «Alles Tomate» (Zoch) ist selbsterklärend: Matsch wie eine zu lange gelagerte Tomate ist das Hirn nach dem Spielen, weil sich die Zusammensetzung der Karten auf dem Tisch, die man sich merken sollte, laufend verändert. Haben gemäss Sprichwort nicht immer die dümmsten Bauern die grössten Kartoffeln? Mit dieser Bauernweisheit kommt man in «Potato Man» (Zoch) nicht unbedingt weit: Auch mit kleinen Kartoffeln kommt man in diesem Kartenspiel zu vielen Punkten. Die ungewöhnlichen Stichregeln stellen für Jass-Kennerinnen und -Kenner eine grosse Herausforderung dar. Besonders schön umgesetzt ist unser Thema in «Granny Apples» (Productief bv). Es ist Herbst, Spielerinnen und Spieler sammeln Äpfel ein. Ein Korb wird ausgeleert. Wie viel sind nun die Äpfel wert, die auf dem Tisch liegen? Es gibt ganze Äpfel, halbe, wurmstichige, es gibt aber auch Vögel, welche den Wurm schnappen, bevor dieser einen Apfel frisst – all das und noch mehr muss man möglichst rasch erfassen und dann das Ergebnis in die Runde rufen. Ist es richtig, erhält man eine Belohnung, andernfalls …

Pizza und Spaghetti

Wo Gemüse, Früchte, Fleisch, da sind Küche, Kochen, Backen, Braten nicht weit: «Mamma Mia» (Abacus) ist für mich neben «Bohnanza» das zweite Muss unter den Spielen zum Thema Essen. Ob Zufall oder nicht, beide stammen von Uwe Rosenberg. «Mamma Mia» ist ein Ablegespiel mit Karten. Die Teilnehmenden sind Pizzabäckerinnen und -bäcker. Ziel ist es, jene Zutaten in den Ofen zu legen, die ich benötige, um die bestellten Pizze auch backen zu können. Richtig kombinieren und den Überblick bewahren – das zeichnet den erfolgreichen «Mamma Mia»-Pizzaiolo aus.

Und wenn wir schon beim Italiener sind: Da gab es doch mal das Spiel «Avanti Spaghetti» (MB), bei dem jede Spielerin und jeder Spieler eine Riesenportion roter, grüner, gelber und blauer Spaghetti (aus Schnüren) vor sich hatte. Auf Kommando begannen alle wie wild mit einer Gabel ihren Faden aufzudrehen. Wer ist der Schnellste? Ein Heidenspass für Kinder, der heute leider nicht mehr erhältlich ist.

Ähnlich realitätsnah wie «Avanti Spaghetti» das Thema Essen hat Karl-Heinz Schmiel in «à la carte» (Moskito) das Thema Kochen umgesetzt. Auf dem Tisch steht ein Miniaturkochherd, auf dem verschiedene Gerichte zubereitet werden müssen. Wie echte Köchinnen und Köche aus eigener Erfahrung wissen, ist die Herausforderung vielfältig: Richtige Temperaturen, genaue Dosierung der Gewürze und beim Omelettenbacken auch eine gewisse Virtuosität im Umgang mit der Pfanne. Übung macht auch hier den Meister!

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».

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Spielen macht Spass. Und man lernt so vieles. Ohne Zwang. Einfach so.

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