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Kinder zwischen Heim und Familie © Integras

Das Hohelied auf die Kleinfamilie

Wolfgang Hafner /  Das Ideal der Kleinfamilie ist ein Produkt der jüngsten Geschichte. In diesem Kontext wird die Tat von Flaach verständlicher.

Die Tötungen in Flaach bewegen zur Zeit die Gemüter. Hintergrund der Tat ist der Widerspruch zwischen dem Bild der Kleinfamilie, beziehungsweise der mütterlichen Liebe, und deren Realität. Die (Klein-)Familie gilt in unserer Kultur als Quelle und Hort einer gedeihlichen Aufzucht von Kindern. Alle anderen Formen des Aufwachsens sind im Gegensatz zu ihr bloss zweitrangiger Natur. Vor diesem Hintergrund sind die emotionalen Beziehungen in der Familie von entscheidender Bedeutung für das Erwachsenwerden. Je höher aber der Stellenwert der Familie veranschlagt wird, umso mehr werden alle anderen Formen des Aufwachsens in Heimen oder anderen Institutionen abgewertet. Aus dieser Sicht wird die Kurzschlusshandlung der Mutter verständlich. Sie will ihre Kinder vor Schlimmem bewahren: Vor dem Aufwachsen ausserhalb der Familie.

Die Familie ist auch ein gefährlicher Ort
Diese Aufteilung von «Gut» und «Böse» ist ein Mythos. Nach neueren Forschungen gibt es nirgends so viele Tötungen, Gewalttätigkeiten und sexuelle Übergriffe wie in der Familie. Bei einer genügenden Alimentierung von Heimen, Krippen etc. und der dadurch möglichen kontinuierlichen Betreuung durch Bezugspersonen kann in Institutionen ein soziales und liebevolles Klima geschaffen werden, das ein gleichwertiges Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ermöglicht. Das zeigen die Forschungen des amerikanischen Kinderarztes Brazelton und des Kinderpsychiaters Greenspan.

Das Hohelied auf die Kleinfamilie hat ökonomische und politische Hintergründe. Als in Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg all die männerbündischen Freikorps mit harter Hand die Arbeiteraufstände niederschlugen, lancierten sie gleichzeitig das Frauenbild der fürsorgenden, geschlechtslosen Mutter und liebenden Krankenschwester als Ideal. Nur so konnte in der Gesellschaft die bürgerliche «Ordnung» und die damit verbundene Kontrolle durch den Familienvater wiederhergestellt werden. In der Schweiz begann sich in dieser Zeit der «männerbündische helvetische Archetypus» (Max Imboden) zu entfalten, der bis anfangs Siebzigerjahre das gesellschaftliche und politische Klima bestimmte.

Zunahme von Heimeinweisungen in den Zwanzigerjahren
Die auch in der Schweiz stattfindende Disziplinierung des weiblichen Geschlechts zeigt sich in der sehr starken Zunahme an Heimeinweisungen von Mädchen in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Im Vergleich zu Deutschland lag der Anteil an Heimplatzierungen in der Schweiz insgesamt rund doppelt so hoch. In der Schweiz als kleinräumig, föderalistisch aufgeteiltes Land, war die soziale Kontrolle und allfällige Disziplinierung besser möglich – und wurde auch konsequenter durchgesetzt. Das entsprach der durch den Staat dezentral und föderalistisch organisierten Industrialisierung, die beispielsweise durch das Uhrenstatut mit dem Ziel einer Verhinderung von Arbeiterunruhen so verordnet wurde. Mit dieser «Verbäuerlichung der Industrialisierung», welche die Verbundenheit zur Scholle und zur Aufzuchtsfamilie bezweckte, konnte nicht nur die richtige, anständige Moral – eine Voraussetzung des Arbeitsfriedens – durchgesetzt, sondern auch der Lohn tief gehalten werden.
Im Spagat zwischen Modernisierung und Erhalt der traditionellen Ordnung wurde der Erziehungszwang und die Bewirtschaftung der Gefühle in die Familie verlagert – und die Familie entsprechend aufgewertet: «Es bedeutet für einen heranreifenden Menschen einen unersetzlichen äusseren und inneren Halt, in einer Familie aufwachsen zu dürfen, die wirklich eine solche Einheit verkörpert. Dies gibt dem Kinde jenes Erleben der Geborgenheit und Sicherheit, jenes ‹Nestgefühl›, das es unbedingt braucht, um innerlich zu erstarken und um später dem Leben mit jener Arglosigkeit begegnen zu können, ohne die der Mensch sich in ständiger Verkrampfung aufreiben würde…», so der Basler Psychiater Hans Binder 1941. Den Höhepunkt erreichten diese patriarchalen, familienzentrierten Erziehungsideale in den Fünfzigerjahren, als es gelang, die Hausfrauen breit an den Herd zu binden.

Übergriffe gegenüber Kindern in Heimen systembedingt
Die Folge dieser familienzentrierten Sozialpolitik war die Ausgrenzung und Abwertung aller anderen Arten des Aufwachsens ausserhalb der Zweielternfamilien. Grenzüberschreitungen und Übergriffe gegenüber Kindern sowie Jugendlichen in den Heimen waren systembedingt. Nicht zuletzt, um allfällige Solidaritäten und gemeinsame Widerstandshandlungen der Kinder und Jugendlichen zu verhindern, wurde unter dem Vorwand der «Individualisierung» ein leistungsorientiertes pädagogisches System eingeführt, das die Disziplinierung zum Ziel hatte. Gleichzeitig führte dieses System zu einer Vereinsamung und Isolation der in den Heimen Heranwachsenden. Das erhöhte wiederum die Chance von Übergriffen. Von «Kindsrechten», wie sie beispielsweise der Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak in Warschau in den Zwanziger- bis Vierzigerjahren in seinem Kinderheim einführte, konnte hierzulande in keiner Art und Weise die Rede sei. Dem in den Heimen Heranwachsenden wurde jegliche Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln abgesprochen.

Ein erster Versuch, diese Situation zu ändern erfolgte 1944 nach dem Skandal rund um das Kinderheim Sonnenberg bei Kriens, bei dem die schlechte Ernährung der Kinder und Jugendlichen sowie deren Misshandlung in einem Artikel von Peter Surava in der linksliberalen Zeitung «Nation» gerügt wurde. Was im Sonnenberg geschehen war, war aber nicht die Ausnahme, sondern die Regel in den Kinder- und Jugendheimen der damaligen Zeit. In den daraufhin stattfindenden Tagungen und Konferenzen wurde vorgeschlagen, es seien «persönlich verantwortliche» Berufsinspektoren zu bestimmen, welche die Kinder- und Jugendheime unangemeldet besuchen sollten.

Erstmals wäre die Verantwortung für die Situation in den Heimen nicht einzig beim Heimvater oder der Heimmutter gelegen, sondern aufgeteilt worden. Die bisherigen Laienaufsichten, deren Mitglieder getreu dem föderalistischen Milizsystem nach dem Honorationenprinzip gewählt worden waren, wären in ihren Kompetenzen eingeschränkt worden. Das wollte man nicht. Trotz der negativen Erfahrungen wurde von der Annahme ausgegangen, der «männerbündische helvetische Archetyp» wüsste schon, wie Kinder und Jugendliche zu erziehen seien. In der Folge häuften sich die Skandale in den Heimen (Rathausen mit seinem gewalttätigen Regime und den sexuellen Übergriffen der Direktoren gegenüber Zöglingen, den unmenschlichen Behandlungen in Uitikon etc.). Erst mit der Heimkampagne – eine Protestbewegung der 68er gegen die unmenschlichen Bedingungen in den Heimen und Erziehungsanstalten -, dem Aufbruch der verkrusteten Strukturen (Frauenstimmrecht!) sowie dem Aufleben neuer Beziehungsformen ausserhalb der eingespielten Zweielternfamilien begannen sich die Strukturen sowohl innerhalb der Familien als auch in der Gesellschaft zumindest teilweise zu ändern. Im Zeichen einer Professionalisierung erhielt auch die Beziehungspflege in den Institutionen ihren gebührenden Stellenwert. Die Vielfalt an gleichwertigen Formen schafft auch Wahlmöglichkeiten.

Renaissance der heilen Familie
Heute ist der Konformitätsdruck wieder stärker. Damit gewinnt das illusionäre Bild der Familie erneut an Bedeutung: Einzig die Familie kann – so will es der Mythos – den Einfluss des Staates begrenzen und so die wesensgerechte sowie individuelle Entfaltung der Heranwachsenden ermöglichen. Liberale Lösungen, die auch ausserhalb der Zweielternfamilien das Aufwachsen als gleichwertige Alternative anbieten und so auch Wahlmöglichkeiten offen lassen, drohen an mangelnden Ressourcen zu scheitern oder erscheinen – bedingt durch eine fehlende zeitgebundene Situierung bei der historischen Aufarbeitung der Skandale in den Heimen – insgesamt als zweite, schlechte Wahl.

Durch die zunehmende Bedeutung der Familie als zentrale Aufzuchtsinstitution wird aber auch die Abhängigkeit der Kinder von ihren Eltern – oder im Falle von Scheidungen von der einzigen Bezugsperson – verstärkt. Damit bleiben den Heranwachsenden keine gleichwertigen Wahlmöglichkeiten – oder sie können es angesichts der Idealisierung des Familienlebens gar nicht sein. Dass da, wo valable Alternativen fehlen, das Kind gar nicht nach seiner Meinung gefragt werden muss, ist offensichtlich. Wäre das im Fall Flaach geschehen, wäre das Unheil möglicherweise abgewendet worden. Den Kindern hat es – so macht es den Anschein – im Heim gefallen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Wolfgang Hafner ist Autor des Buches «Pädagogik, Heime, Macht – eine historische Analyse», das vom Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik Integras, herausgegeben wurde.

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