Europas KI-Rückstand kann sich zum Vorteil entwickeln
Red. Als Vizekanzlerin im Bundeshaus von 1991 bis 2005 leitete die Autorin verschiedene Digitalisierungsprojekte. Heute verfolgt Hanna Muralt Müller die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in ihren Newslettern.
Die EU will mit ihren Strategien zum Ausbau ihrer IT-Struktur aufholen – mitsamt Rechenzentren, Energieanlagen und Übertragungsnetzwerk. Die bestehenden Rechenzentren sollen mit einem Netz von KI-Gigafabriken ergänzt werden und die KI-Position Europas stärken. Aber auch die europäische Industrie organisiert sich in der Sorge um eine verstärkte KI-Souveränität.
Es geht nur langsam vorwärts, was Zeit schafft, Planung und Konzepte mit Blick auf die beschleunigten technischen Innovationen eventuell zu überdenken.
Rechenzentren in Europa – ein vielfältiges Bild
Im KI-Wettrennen gilt der Ausbau von Rechenzentrumskapazität als wichtige Kennzahl der Wettbewerbsfähigkeit. Europa als weltweit drittgrösste Volkswirtschaft steht wie abgehängt da, befinden sich doch rund 86 Prozent dieser Kapazitäten in den USA und in China. Einen detaillierten Blick auf die Rechenzentren in Europa vermittelte im Juli 2025 die Analyse der Newmark-Group (globales Immobilienberatungsunternehmen mit Sitz in New York). Die Mehrzahl der rund 3000 Rechenzentren in Europa mit einer Kapazität von insgesamt 11 Gigawatt konzentrieren sich auf die Zentren Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin (bezeichnet als FLAPD, siehe Grafik in der Neumark-Analyse, Seiten 7 / 8).
Unter den EU-Mitgliedstaaten gibt es einen Standortwettbewerb. Dabei spielt – neben nationalen Anreizsystemen wie Steuererleichterungen oder vereinfachten Verfahren (Newmark-Analyse, Seite 25) – die Energieversorgung eine wichtige Rolle. Frankreich verfügt mit seinen zahlreichen AKWs über ausreichend Strom. In anderen EU-Ländern hemmen Netzüberlastungen in den grossen Rechenzentrumsstandorten den weiteren Ausbau, wie aus einem längeren Bericht von PPC-Land (Medienhaus mit Sitz in Frankfurt) hervorgeht. In Amsterdam, Frankfurt und Dublin gibt es zum Beispiel Wartefristen für den Netzanschluss. Neue Rechenzentren entstehen daher im entfernteren Umfeld.
In vielen europäischen Ländern wurde mehr oder weniger intensiv auf erneuerbare Energien gesetzt. Im Durchschnitt liegt der Anteil bei 48 Prozent, mit steigender Tendenz. Die nordischen Länder verfügen dank Wind- und Wasserkraft über sehr viel erneuerbare Energie zu tiefen Preisen. In einigen südlichen Mitgliedstaaten dürften Sonnen- und Windkraft die Energiepreise senken (Newmark-Analyse, Seiten 10, 16).
EU-Strategie für ein Netz von KI-Gigafabriken
KI-Gigafabriken sind sehr grosse Rechen- und Entwicklungszentren, die mit mehr als 100’000 KI-Prozessoren ausgestattet sind und sich zum Training von Modellen mit Hunderten Billionen Parametern eignen. Europaweit ist ein Netz dieser KI-Gigafabriken im Aufbau.
Nicht zuletzt als Antwort auf die Ankündigung der USA, mit Stargate ein 500-Milliarden-Projekt zu starten, lancierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am AI-Summit vom Februar in Paris die EU-Initiative Invest-AI. Mit dieser sollen zusätzliche 200 Milliarden Euro für KI-Investitionen in öffentlich-privater Partnerschaft mobilisiert werden. Davon sind 20 Milliarden reserviert, um die bereits aufgegleisten AI-Gigafactories mit bis zu fünf weiteren zu ergänzen.
Im Oktober 2025 teilte die EU-Kommission mit, dass das europäische Netzwerk bereits 19 KI-Fabriken in 16 Mitgliedsländern umfasse. Zu den AI-Factories kommen ergänzend Antennas. Das sind Zugangsstellen für lokale Akteure, welche die Reichweite und Dienstleistungen der KI-Fabriken erweitern (eine integriert die Schweiz mit ihren KI-Ressourcen). Im European High-Performance-Computing-Joint-Undertaking, einem gemeinsamen Unternehmen, das von der EU, europäischen Ländern und Privaten initiiert wurde, steht eine potente KI-Infrastruktur mit unter anderem acht Supercomputern zur Verfügung.
Projekte für zahlreiche weitere Rechenzentren in Europa
Es gibt bereits zahlreiche Projektideen von privaten Investoren. Es verwundert deshalb nicht, dass bei der EU auf eine informelle Ausschreibung Ende Juni 2025 über 70 Vorschläge eingingen. Zusätzliche Mittel aus dem Topf der EU sind gefragt. Die EU gab die Liste nicht bekannt, aber einige Anbieter machten ihr Interesse in den Medien publik (Überblick). Die offizielle Einladung zur Einreichung von Projekten wird Anfang 2026 erfolgen. Bei dem überwältigenden Interesse wird die Auswahl der Projekte zum Testfall für den Willen zur gesamteuropäischen Koordinierung – trotz Standortwettbewerb.
US-Investoren stellen digitale Souveränität in Frage
Es sind vor allem US-Investoren, die in Joint-Ventures mit europäischen Partnern die bestehenden Rechenzentren mitsamt KI-Infrastruktur finanzieren und ebenso bei den geplanten Projekten beteiligt sind. Auch die Big Tech – Google, Microsoft, Amazon, Meta, auch Nvidia – wirken am Aufbau europäischer Rechenzentren mit, so jüngst Google mit 5,5 Milliarden Euro für ein neues Rechenzentrum im Grossraum Frankfurt. Je nach den getroffenen Vereinbarungen wird mit den aussereuropäischen Investitionen die digitale Souveränität Europas mehr oder weniger tangiert.
Euro-Stack – die europäische Industrie organisiert sich
Nicht nur auf staatlicher Ebene herrscht Besorgnis wegen der wachsenden Abhängigkeit von aussereuropäischen digitalen Infrastrukturen, auch die europäische Wirtschaft organisiert sich. Im Oktober 2025 positionierte sich Euro-Stack als Non-Profit-Organisation. Es handelt sich um eine Vereinigung mit über 300 europäischen CEOs aus dem Digital- und Technologiesektor, Branchenvertretern, Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Die Ziele gehen aus mehreren Publikationen hervor, insbesondere der Bertelsmann-Stiftung. Euro-Stack will europäische Alternativen zur dominanten US-Technologie entwickeln, ohne sich vollständig abzukoppeln: «Not to the exclusion of US tech, but alongside to provide autonomous alternatives and more – not less – competition.» Im Unterschied zu den EU-Aktivitäten für KI-Gigafabriken geht es Euro-Stack – so die Vision – um ein umfassendes Ökosystem digitaler Lösungen, das von der Hardware bis zur Software alles umfasst. Das Ziel grösserer technologischer Souveränität soll auf Open-Source-Basis gemäss den EU-Regulierungen und den europäischen Werten erreicht werden. «We aim to contribute to the broader goal of technological sovereignty using Open Source, interoperable tools compatible with European regulations and values.»
Im März 2025 gelangte Euro-Stack mit einem offenen Brief an die Präsidentin und die Vizepräsidentin der EU-Kommission. Alarmiert durch die US-Drohungen an der Münchner Sicherheitskonferenz, verlangte Euro-Stack den Einbezug der Industrie in die rasche Erarbeitung einer europäischen digitalen Souveränitätsstrategie. Unterbreitet wurden erste Vorschläge wie etwa betreffend der europäischen Beschaffungspolitik mit «Buy European» und der Schaffung eines staatlichen Infrastrukturfonds.
Nicht zu übersehen waren kritische Bemerkungen zur Überregulierung und fehlender Praxisnähe. Der Fokus müsse auf der Entwicklung von marktfähigen Produkten liegen, nicht nur auf Forschung und Entwicklung: «Not just funding of R&D initiatives, but supporting European industry to gain relevance in supplying European (and global) needs.»
In diesem Punkt könnten sich die Industrievertreter täuschen. Die Ergebnisse von Forschung und Entwicklung werden für die Industrie immer wichtiger.
Neue pragmatische Dynamik bei Europas Leadern
Es gab keine offizielle Antwort der EU-Kommission, aber Euro-Stack wurde in Brüssel zu einem wichtigen Akteur. So wirkte die Vereinigung beim Summit on European Digital-Sovereignty vom November 2025 in Berlin mit. Der Gipfel mit über 900 Teilnehmenden fand auf Einladung Deutschlands und Frankreichs statt. Wie der EU-Rat mitteilte, waren alle EU-Mitgliedstaaten anwesend, zudem Vertretungen aus Industrie, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Bundeskanzler Friedrich Merz dankte – so die gleichlautenden Pressemitteilungen Deutschlands und Frankreichs – den Führungsspitzen der europäischen Industrie für ihr Mitwirken. Wiederum wurde die Überreglementierung und die fehlende Praxisnähe kritisiert. Inzwischen arbeitet die EU an Vorschlägen für Einfachere EU-Digitalvorschriften mitsamt der verlangten späteren Inkraftsetzung von Teilen des AI-Acts.
In der gemeinsamen Initiative von Deutschland und Frankreich, die eine Koordination der europäischen Industrie zum Ziel hat, zeichnet sich eine neue praxisnahe Dynamik in Richtung eines grenzüberschreitenden, integrierten digitalen Ökosystems ab.
Forschungsinnovationen verändern die Ausgangslage für Investitionen
Die beschleunigten Innovationen in Forschung und Entwicklung verändern die Bedingungen für zukunftsgerichtete Investitionen in einem bisher nicht bekannten Ausmass. Deshalb müssen Ergebnisse der europäischen Spitzenforschung von der Industrie rasch angewandt werden, wenn diese im Wettbewerb bestehen soll. Erkannt ist, dass Abschreibungen immer rascher erfolgen müssen.
Zu wenig im Fokus sind neue KI-Architekturen, die den Bedarf an Rechenleistung und Energie drastisch senken könnten. Dies sei an zwei Beispielen veranschaulicht – beide hat Infosperber bereits vorgestellt.
Das chinesische Deep-Seek hatte Anfang 2025 ein Börsenbeben ausgelöst. Obwohl mit viel weniger Rechenleistung trainiert, kann das Open-Source-Sprachmodell mit den energieintensiven US-Sprachmodellen mithalten (siehe Infosperber vom 28.Januar 2025).
Noch kaum Beachtung fand mit Spiking-Brain 1.0 eine weitere chinesische Innovation (Beschrieb auf Arxiv). Spiking-Brain 1.0 arbeitet mit nur zwei Prozent der üblichen Datenmenge und ist deshalb hundertmal so schnell. Es steuert jeweils nur die zur Problemlösung nötigen Netzwerkteile an und kommt daher mit rund 70 Prozent weniger Energie aus. Gemäss Bericht im China-Global-Television-Network (CGTN) steht Spiking-Brain 1.0 Forschenden für Tests und Weiterentwicklung zur Verfügung. (siehe Infosperber vom 16.November 2025).
EPFL-Software kommt ohne grosse Rechenzentren aus
Gemäss einer Information Mitte Dezember 2025 kann die EPFL mit einer Sensation zur Reduktion des Bedarfs an Rechenzentren aufwarten. Im Fokus sind die Chatbots, die mit ihrem Rechen- und Energieverbrauch den Infrastrukturausbau weltweit antreiben.
An der EPFL wurde mit Anyway-Systems eine Software entwickelt, die es ermöglicht, grosse Sprachmodelle – sofern sie Open Source vorliegen – in einem Cluster von mehreren lokalen Servern zu nutzen. Die Antworten auf Fragen in Chatbots müssen nicht wie üblich über eine Cloud in einem Rechenzentrum generiert werden. Das ganze Prozedere erfolgt ausschliesslich auf der lokalen Netzwerkstruktur. So könne beispielsweise das derzeit grösste Modell von Open-AI, GPT-120B, innerhalb weniger Minuten heruntergeladen und eingesetzt werden. Es brauche nicht mehr als vier Server mit jeweils einem einzigen einfachen Grafikprozessor (jeder etwa 2300 Franken).
Bei dieser Nutzung auf lokalen Servern gibt es keine Datenschutzprobleme; die Kontrolle und die selbstbestimmte Verfügungsgewalt über die eigenen Daten sind sichergestellt. Zudem können diese Modelle lokal mit eigenen Daten, zum Beispiel vertraulichen Geschäftsdaten, angereichert werden. Anyway-Systems dürfte den Bedarf an Rechenleistung, Cloudservices und Energie beachtlich reduzieren und bietet Potenzial für mehr digitale Souveränität.
Anyway-Systems liegt als Prototyp vor und wird in einem von der UBS finanzierten Förderprogramm der EPFL sowohl in der Hochschule selbst wie in mehreren Unternehmen getestet. Es ist zu erwarten, dass die Namen im Dreierteam mit Professor Rachid Guerraoui, Geovani Rizk und Gauthier Voron noch Schlagzeilen machen werden.
Europa könnte den Transfer neuster Forschungsinnovationen in die Industriepraxis intensivieren und beschleunigen. Dank dem Verzug beim Aufbau der KI-Infrastruktur besteht die Chance, neuste Innovationen bei der Planung zu berücksichtigen.
In den USA ist kein Umdenken zu erwarten. Im KI-Wettlauf zur Entwicklung einer Artificial General-Intelligence (AGI) wird mit Tempo in gewaltige Rechenzentrumskapazitäten investiert, koste es, was es wolle.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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