Kathrine_Switzer,_Boston_Marathon Harry Trask Bosotn Herald

Am Boston-Marathon 1967 startete Kathrine Switzer trotz Verbots. Der Rennleiter versuchte, sie von der Strecke zerren. Doch andere Läufer hinderten ihn daran. © Harry Trask, Boston Herald

Frauenläufe sind altmodisch geworden

Esther Diener-Morscher /  Einst wehrten sich Frauen mit Frauenläufen für ihre Rechte. Heute finden viele Sportlerinnen solche Rennen nicht mehr zeitgemäss.

Für viele Frauen, die gerne laufen, ist die damals 20-jährige Kathrine Switzer eine Ikone. 1967, als viele Männer noch davor warnten, dass die gut 42 Kilometer eines Marathons für Frauen schädlich seien, lief sie einfach los und bewies das Gegenteil.

Weil damals nur Männer teilnehmen durften, meldete sie sich nur mit ihren Initialen K. V. Switzer am Boston-Marathon an. Und sie liess einen Kollegen die Startnummer abholen. Während des Rennens erfuhr allerdings der Renndirektor, dass eine Frau mitlief und versuchte Kathrine Switzer von der Rennstrecke zu zerren. Das gelang ihm nicht, weil ihn andere Läufer daran hinderten.

Die heute 77-jährige Kathrine Switzer ist eine Pionierin der Frauenlaufbewegung.

Die heute 77-jährige Switzer schrieb Geschichte. Sie gab vielen Frauen den Anstoss, mit Laufen anzufangen. Und vor allem begannen Frauen damit, Läufe nur für Frauen zu organisieren. Der erste reine Frauenlauf fand 1972 in New York statt – mit 78 Teilnehmerinnen, die zehn Kilometer liefen.

Frauenläufe waren ein Protest der Frauen, die sich nicht mehr von Laufwettbewerben ausschliessen lassen wollten. Sie waren eine Gleichberechtigungsbewegung im Ausdauersport.

Und auch die Schweiz erlebte 1973, wie sich Frauen die Männerdomäne eroberten. Die Teilnahme am Murtenlauf, dem Gedenklauf für die Schlacht von Murten, war bis 1977 Männern vorbehalten. 1973 nahm Marijke Moser als erste Frau trotzdem teil. Sie hatte sich unter einem Männernamen angemeldet.

Kurz vor dem Ziel wurde sie von Männern mit Gewalt am Weiterlaufen gehindert. Die Organisatoren kritisierten danach sogar öffentlich ihren damaligen Mann, weil er seine Frau nicht im Griff habe. Das Publikum und die Medien unterstützten Moser jedoch, und ab 1977 konnten Frauen offiziell am Murtenlauf teilnehmen.

Gut für Frauen – schlecht für Frauenläufe

Heute sieht es anders aus. Frauen dürfen an jedem Lauf starten, laufen auch über 100 Kilometer oder sammeln an kurzen Läufen erste Erfahrungen.

Das ist gut für die Frauen – und schlecht für die Frauenläufe. Etwa für den Schweizer Frauenlauf, der am Sonntag zum 38. Mal in Bern stattfand.

Für immer mehr Läuferinnen – vor allem jüngere – sind Frauenläufe nicht mehr zeitgemäss. Sie finden es altmodisch, an einem Frauenlauf teilzunehmen. Das widerspiegelt sich auch an den Teilnehmerinnenzahlen: Vor acht Jahren erreichten beim 30. Frauenlauf 15’000 Läuferinnen das Ziel. Letztes Wochenende erschienen nur noch 9300 auf der Rangliste.

Besonders bitter: Der Berner Grand-Prix, der drei Wochen früher stattfand, zog viel mehr Frauen an – nämlich 13’000. Auch sonst spricht vieles dafür, dass es Frauenläufe nicht mehr braucht.

Viel Pink und eine Intim-Waschlotion als Geschenk

Der Frauenlauf hilft mit, viele Klischees zu verstärken: Die Website und der Schriftzug sind pink. Als Läuferinnen-Geschenk gab es früher auch schon Intim-Waschlotion. Speziell für Frauen. Dieses Jahr umsorgten die Organisatorinnen die Frauen mit Tipps unter dem Motto: «Mir luege zu dir». Die Berner Kantonalbank, eine der Sponsorinnen, lieferte den Frauen fürsorgliche Tipps zum Thema Finanzen. Und es gab Kurse für weibliche Spiritualität.

Sexistische Sprüche gibt es auch am Frauenlauf

Angeblich fühlen sich viele Frauen nicht wohl, wenn sie mit Männern laufen, weil sie sich sexistische Sprüche über ihr Aussehen anhören müssen. Sexistische Sprüche über laufende Frauen gibt es tatsächlich. Aber ein Frauenlauf schafft keine Abhilfe. Er stellt die Frauen noch viel mehr zur Schau. Und die sexistischen Sprüche kommen ohnehin von Zuschauern – und nicht von Mitläufern.

Geld für Spitzenläuferinnen

Frauenläufe versuchen sich auch damit abzuheben, dass bei ihnen das Erlebnis vor der Leistung komme. Es dürfte allerdings wiederum ein Klischee sein, dass den Frauen beim Laufen die Leistung unwichtig sei. Ausserdem setzt auch der Schweizer Frauenlauf explizit auf sportliche Leistung.

Es werden nämlich Spitzenläuferinnen eingeladen. Und es gibt Preisgeld bis zu 1400 Franken zu gewinnen – während die langsameren Teilnehmerinnen bis zu 70 Franken Startgeld zahlen müssen.

Trotz all dieser Einwände betonen die Organisatorinnen des Schweizer Frauenlaufs, der Lauf sei nicht überflüssig. Denn er sei ein «Eingangstor» in den Laufsport. Dass der Berner Grand-Prix mittlerweile mehr Frauen anziehe als der Frauenlauf, liege auch am Frauenlauf. «Viele Frauen starten hier zum ersten Mal und wechseln dann auf gemischte Läufe», sagt die Sprecherin Sandra Baumgartner. Auch dieses Jahr seien 40 Prozent der Teilnehmerinnen erstmals am Start gewesen.

Speziell am Schweizer Frauenlauf ist: Geschäftsführer der Frauenlauf-Organisation ist seit Jahren ein Mann – und zwar Markus Ryffel, der das Amt einst von den beiden Gründerinnen Verena Weibel und seiner Frau Jacqueline Ryffel übernommen hat.

In ganz Europa darben die Frauenläufe

Auch im Ausland leiden die Frauenläufe unter sinkenden Teilnehmerinnenzahlen.

In Oslo fand einst der grösste Frauenlauf Europas statt: Der Grete-Waitz-Lauf. Über 40’000 Frauen nahmen daran teil. Seit 2003 gibt es keinen Lauf mehr, der nur Frauen offensteht. In Norwegen sah man keinen Grund mehr dafür, reine Frauenläufe zu organisieren.

Der derzeit grösste Frauenlauf Europas findet vermutlich in Österreich statt: In Wien starteten im Mai 2024 rund 26’000 Frauen und Mädchen. Diese Zahl liegt weit unter dem Rekord von 35’000 Teilnehmerinnen.

Der irische Frauenlauf, der Women’s Mini Marathon in Dublin, hat seit 2014 die Hälfte seiner Teilnehmerinnen verloren. Dieses Jahr nahmen «nur» noch 20’900 Frauen teil.

Am einst grossen Berliner Frauenlauf liefen 2024 nur noch 10’000 Frauen mit. 2016 waren es 18’600 Läuferinnen.

In letzter Zeit haben ausländische Organisatoren damit begonnen, ihre Läufe in die Schweiz zu bringen.

Die österreichische Firma «Mein Frauenlauf» organisiert in Winterthur und in Basel einen Frauenlauf.

Eine Berliner Firma veranstaltet in Zürich den «Muddy-Angel-Lauf» – einen Schlammlauf nur für Frauen. Es gibt ihn nach gleichem Muster in etwa einem Dutzend deutschen Städten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Gleiche Rechte für Frauen und Männer

Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

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