Fussball

Grosses Potenzial: Zigtausend Fussballschulen sollen junge Talente zu Spitzenspielern machen © Ericmer/Flickr/cc

China will Fussball-Weltmeister werden

Peter G. Achten /  Im Fussball sind die Chinesen keine Grossmacht. Doch Staatschef Xi Jinping will seine Kicker an die Weltspitze führen.

In extremis erzielten neulich die Chinesen in einem Freundschaftsspiel gegen Haiti den Ausgleichstreffer zum 2:2 Unentschieden. Der oberste Fussballfan der Nation – Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping – muss wohl gelitten haben angesichts der bescheidenen Leistung seiner Kicker. Wie schon zuvor beim Match China gegen Tunesien, in dem ein dürftiges 1:1 resultierte. Immerhin mag als Trost gelten, dass Tunesien fussballerisch sehr viel stärker einzuschätzen ist (Platz 30 im aktuellen Fifa-Ranking) als das chinesische Nationalteam (Platz 82).

Doch das Leiden des fussballbegeisterten Xi soll bald einmal ein Ende haben. Wenn nicht kurz-, so doch mittel- und langfristig. Xi Jinping will Chinas Kicker an die Weltspitze führen. Und er träumt – wie viele Chinesinnen und Chinesen – von einer Fussball-WM im Reich der Mitte, vielleicht sogar mit China als Weltmeister.
Träume sind Schäume, das werden wohl westliche Fussball-Trainer, Fans, Funktionäre, Schiedsrichter und Spieler sagen. Doch in China wird nicht nur geträumt, sondern auch konsequent gehandelt. Das gilt für die Politik, die Wirtschaft – und eben auch für den Fussball. Unter Xi Jinpings Vorsitz hat die mächtige nationale Reformgruppe einen 50-Punkte-Plan entworfen, um das hochgesteckte Ziel zu erreichen. «Guter, erfolgreicher Fussball», heisst es in einem entsprechenden Papier, «ist entscheidend auf Chinas Weg zu einer mächtigen Sportnation».

«Helden» der Nation – trotz Niederlage

Die Frauen-Nationalmannschaft spielt bereits auf recht hohem Niveau. Deshalb ist die Zielvorgabe des Fussballplans, nämlich Weltklasse zu erreichen, für die Frauenelf mittelfristig angelegt. Für die Männer wird dieses Ziel jedoch erst «auf lange Sicht» angestrebt. Nicht von ungefähr. Erst ein einziges Mal, 2002 in Südkorea/Japan, konnte sich die Nationalelf für die WM qualifizieren. Doch das chinesische Team scheiterte schon in der Vorrunde: null Punkte, null Tore, drei Niederlagen. Immerhin geht es derzeit leicht aufwärts. Im Januar erreichte das Nationalteam beim Asian Cup die Viertelfinals. Die Fans waren begeistert, und die Medien packten die ganz grossen Schlagzeilen aus. Die amtliche chinesische Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) jubelte poetisch von einem «Märchen». Selbst bei der Halbfinal-Niederlage erhob die Presse die gut bezahlten Kicker noch zu «Helden».

Fussball wird Schulfach
Xis Fussball-Reformplan enthält vor allem praktische Punkte. Der Sport soll bei der Jugend, also an der Basis, gefördert werden. Deshalb steht Fussball ab sofort auf dem Stundenplan der Primar- und Mittelschulen. Die Zahl der meist von Vereinen im Riesenreich betriebenen Fussballschulen soll von gegenwärtig 5000 innert fünf Jahren auf 20’000 erhöht werden. In zehn Jahren sollen es gar 50’000 sein. Die Lokal-Behörden werden in diesem Zusammenhang aufgefordert, Investoren zu finden, um den Fussballclubs langfristig Stabilität zu verleihen. Als flankierende Massnahmen werden Bücher für Trainer und Spieler herausgegeben.
Das grösste Problem sind allerdings die Fussballplätze. Es gibt zu wenig. Lokale Behörden haben nämlich in jüngster Vergangenheit geeignetes Terrain an Bauunternehmer verkauft, um mehr Steuern einzunehmen.
Neben praktischen Förderungsmassnahmen sieht der Fussball-Reform-Plan auch strukturelle Änderungen vor. Bisher lag die oberste Verantwortung bei der bürokratisch-planwirtschaftlichen «Allgemeinen Administration für Sport», künftig soll die «Chinese Football Association» (CFA) das Sagen haben. Nach jahrelanger Misswirtschaft und Korruptionsskandalen – der ehemalige Präsident und dessen Vize sitzen inzwischen im Gefängnis – hat die CFA an Professionalität und Statur gewonnen. Die Profiliga macht den fussballverrückten Chinesinnen und Chinesen wieder Freude.

«Laozi flankt, Konfuzius dribbelt»

Im deutschsprachigen Raum wurde der Plan der Wirtschafts-Grossmacht China, ein Fussball-Schwergewicht zu werden, unter anderem mit einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) verbreitet. Die Agentur-Kollegen schrieben: «China ist keine Fussballnation und hatte nie eine Fussballkultur. Dabei betont Chinas Führung immer wieder, der Fussball sei in China erfunden worden». Mit ein wenig Recherche wäre unschwer festzustellen gewesen, dass die chinesische Führung recht hat. Anschaulich und mit vielen Beispielen beschreibt das der ehemalige Kurator am Museum Rietberg, Ordinarius für Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich und Zen-Buddhismus-Experte Helmut Brinker in seinem Buch: «Laozi flankt, Konfuzius dribbelt»*. Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. wird im Reich der Mitte der Ball getreten. Seit dem 7. Jahrhundert nach Beginn unserer Zeitrechnung war der Ball sogar mit Luft gefüllt. Der Ball wurde mithin nicht mehr flach, sondern auch hoch gehalten. Taktik, Spielregeln und Technik veränderten sich grundlegend. Schliesslich kreierten die Briten im 19. Jahrhundert den modernen Fussball mit elf Spielern, anstatt wie in China üblich mit sechs Spielern.
Wie Brinker nachweist, war Fussball in China schon früh ein echter Volkssport. Aber er war auch «von Anbeginn hoffähig und einige Kaiser waren begeisterte Fans». Der neue rote Kaiser Xi Jinping befindet sich also in guter Gesellschaft. Mit Blick auf die Geschichte kann somit festgestellt werden, dass China schon zu einer Zeit eine Fussball-Nation war, als in den Amphitheatern des Römischen Reiches Brot und Gladiatorenspiele populär waren. Auch in Augusta Raurica nahe Basel, also zwei Jahrtausende vor Gründung des FCB…

Der Ball ist rund in Ost und West

Richtig ist, das mein Schweizer Lieblingsverein, der Fussballclub Basel 1893 (FCB), und mein internationaler Lieblingsverein Futbol Club Barcelona 1899 (FCB) sehr viel älter sind als mein Chinesischer Lieblingverein FC Beijing Guo’an 1992 (FCB). Ebenso richtig ist aber auch, dass das Fussballspiel in China seinen Anfang nahm. Das wissen sicher sowohl Fifa-Boss Josef «Sepp» Blatter als auch Uefa-Chef Michel Platini. Sie haben ja wohl als Fachleute «Laozi flankt, Konfuzius dribbelt» gelesen oder zumindest auf dem Schreibtisch liegen. Zu wünschen wäre das auch den Herren Blocher, Mörgeli und Brunner. Wie Sinologe Brinker mit seinem Fussball-Buch zeigt, sind Geisteswissenschaftler durchaus nützlich und praxisnah. Was also soll ein Numerus Clausus für philosophische Fächer?
In Summa und ernsthaft kann eines zweifelsfrei festgestellt werden: Der Ball ist und bleibt rund. Sowohl im Osten als auch im Westen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

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