Sprachlupe: Von blinden Passagieren mit gültigem Billett
Wie fühlt sich eine Blinde, wenn sie «das Auge isst mit» hört? Oder jemand im Rollstuhl, wenn andere «mit beiden Beinen im Leben stehen»? In einer Serie unter dem sympathischen Stichwort «Sprachlupe» ist der Verein Reporter:innen ohne Barrieren (ROB) diesen und anderen Redensarten nachgegangen, die sich auf körperliche Merkmale beziehen – und bei «schizophren» auf psychische. Auf seiner Website tragen journalistisch geschulte Betroffene «die Perspektiven von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft»; es geht bei Weitem nicht nur Sprachfragen. Die einzelnen Beiträge der Redensarten-Serie, geschrieben vom Mitglied Nicole Haas, sind unten aufgeführt, immer auch mit Link zu einem Film, in dem sie oder eine Kollegin auf Schweizerdeutsch Kernstellen der Texte vortragen.
Bei der Lektüre ist mir vor allem aufgefallen, wie unterschiedlich Betroffene reagieren, die nicht dem Bild entsprechen, von dem eine bestimmte Redensart ausgeht. Über «mit beiden Beinen im Leben stehen» sagt der Sportjournalist und Rollstuhlfahrer Simon Scheidegger: «Mich stören solche Redewendungen nicht. Was mich eher stresst, ist, wenn Leute krampfhaft versuchen, ein anderes Wort als ‹laufen› zu finden, wenn es um meine Fortbewegung geht. ‹Laufen› finde ich viel natürlicher als zum Beispiel ‹rollen›. Ich fühle mich da nicht ausgeschlossen.»
Verletzend oder nicht?
Ganz anders urteilt der blinde Jus-Student Jonas Pauchard: «In der Schweizer Medienlandschaft begegnen mir Redewendungen wie ‹blind entscheiden›, ‹blinde Wut› oder ‹blind für die Realität sein›. Das mag nicht erstaunen, denn der Duden nennt unter den Bedeutungen von ‹blind› auch ‹ohne kritisch-selbstständiges Nachdenken, kritiklos, ohne Überlegung›. Als blinde Person betrifft mich diese Wortwahl direkt, weil sie Blindheit mit Ignoranz oder Unachtsamkeit gleichsetzt. Doch Blindheit bedeutet lediglich, nichts zu sehen. Wer etwas ignoriert oder übergeht, tut dies in der Regel nicht ausschliesslich über den Sehsinn. Solche Formulierungen sind nicht nur unpassend, sondern auch verletzend. Sie sind Ausdruck einer ableistischen Sprache, die Menschen mit Behinderungen abwertet und ausgrenzt.» (Zu «ableistisch» von englisch able, fähig, vergleiche Sprachlupe vom 2. Juli 2022. )
Die meisten Befragten hegen gemischte Gefühle. Mit nur einer Hand – der linken – geboren, sagt Noel Stucki zur Redewendung «zwei linke Hände haben», er empfinde sie «nicht als verletzend», wolle aber das Problem der gesellschaftlichen Wirkung nicht verharmlosen: «Auch wenn es sich um eine Redewendung handelt, reproduziert sie eine Denkweise, die körperliche Abweichung symbolisch mit einem Mangel gleichsetzt.» Und das «widerspricht einer inklusiven Sprache klar». Die Serie macht zum Schluss jedes Beitrags Vorschläge, wie man den Inhalt einer Redewendung auch ohne Bezug auf eine Behinderung ausdrücken könnte. Anstelle der zwei linken Hände etwa: «Ich und Werkzeug – wir sind keine Freunde.» Aber manchmal ist auch die empfohlene Alternative problematisch: Wer «selbstständig sein» sagt anstelle von «mit beiden Beinen im Leben stehen», nimmt immer noch Bezug aufs Stehvermögen (das man freilich – so oder anders ausgedrückt – auch dann haben kann, wenn man im Rollstuhl sitzt).
«Es geht um die Haltung dahinter»
Ein Haar in der Suppe kann man bei allen bildlichen Ausdrücken finden, wenn man sie wörtlich nimmt. Sie auszumerzen, weil das «Haar» jemandem in den falschen Hals geraten könnte, hiesse das Kind mit dem Bad ausschütten. Reporter:innen ohne Barrieren hat denn auch nicht den Anspruch, die untersuchten Redewendungen zu ächten. Der Verein tritt ohne den gebieterischen Eifer auf, den andere Gruppen angeblicher Sprachopfer an den Tag legen; vielmehr ruft die Serie zu bewusstem Sprachgebrauch auf. Besonders dann, wenn man direkt mit einer betroffenen Person redet, sollte man auch an wörtliche Wirkungen denken, die man gar nicht beabsichtigt. «Es geht um die Haltung dahinter – nicht lediglich um die physische Perspektive», sagt der kleinwüchsige Alain Bader zu «auf Augenhöhe». Er hat sich bei der Berner Behindertenstiftung Rossfeld sogar dafür eingesetzt, dass der «sehr wertvolle Begriff» im Leitbild bleibt – erfolgreich, wie die Website zeigt.
Manche Redensarten eignen sich gar zur entwaffnenden Selbstironie. So ist von «Menschen mit Sehbehinderung» die Rede, die sich «im ÖV humorvoll als ‹blinde Passagiere› bezeichnen». Oder da erzählt Andrea Zwicknagl, mit psychiatrischer Diagnose Schizophrenie: «Wenn der Satz ‹Das ist doch schizophren› in Alltagssituationen fällt, provoziere ich gerne spielerisch: ‹Nein, ich bin schizophren!›»
Weiterführende Informationen
- rob.ch/beitraege/sprachlupe-das-auge-isst-mit – www.instagram.com/reel/DMQJjYwq2FN/
- rob.ch/beitraege/sprachlupe-zwei-linke-haende – www.instagram.com/reel/DMXGHX1qqLh/
- rob.ch/beitraege/sprachlupe-mit-beiden-beinen-im-leben – www.instagram.com/reel/DMqKV2AqKgu/
- rob.ch/beitraege/sprachlupe-schizophren – www.instagram.com/reel/DM69qloKC-A/
- rob.ch/beitraege/sprachlupe-augenhoehe – www.instagram.com/reel/DNNDhqsq3lh/
- rob.ch/beitraege/sprachlupe-blind-fuer-realitaet – www.instagram.com/reel/DNkOQuEKJMm/
- Indexeinträge «Wortwahl» und «Korrektheit» in den «Sprachlupen»-Sammlungen: tiny.cc/lupen1 bzw. /lupen2, /lupen3. In den Bänden 1 und 2 (Nationalbibliothek) funktionieren Stichwortsuche und Links nur im heruntergeladenen PDF.
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