LaPetiteChambre

Alter Mann Edmund und junge Pflegerin Rose: Beide überwinden gesellschaftliche Zwänge © PD

Schweizer Film-Highlight aus der Romandie

Erich Schmid /  «La Petite Chambre»: Edmund weigert sich, ins Altersheim zu gehen. Und Hilfe der Hauspflegerin lehnt er so lange ab, bis er stürzt.

Ein kleines Film-Bijou um grosse Emotionen läuft derzeit in der Deutschschweiz: «La petite chambre», von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Schon die Ausgangslage ist aktuell, unspektakulär und atemberaubend. Es geht um die Pflege der Alten, aber noch vielmehr um Selbstbestimmung und Zivilcourage.

In der kleinen Geschichte zwischen einer jungen «infirmière», die man am ehesten mit einer Spitex-Betreuerin vergleichen kann, und einem alten Mann, der mehr und mehr auf Hilfe angewiesen ist, sie aber nicht annehmen will, geht es um Verlust. Die junge Frau kann ihr tot geborenes Kind nicht verkraften und hadert deswegen mit sich und ihrem Partner, und der alte Mann mit seinem Sohn, der ihn in ein Altersheim stecken will.

Mit Schweizer Filmpreis 2011 ausgezeichnet

In dieser Geschichte liegt so viel individueller und gesellschaftlicher Konfliktstoff, dass es die pure Freude ist, in der filmischen Umsetzung anzuschauen, was die jungen Autorinnen daraus gemacht haben. Zurecht haben sie den Schweizer Filmpreis dieses Jahres sowohl für den besten Film wie auch für das beste Drehbuch gewonnen.
Hier stimmt einfach alles bis zum bitteren Ende auf Les Diablerets, und dieses Alles, was eine gute Story ausmacht, ist mehrfach codiert. Kein Detail wird zufällig aufgenommen, weil es gerade einem Einfall der Ausstattung entsprach, sondern es wird weitergesponnen, wiederaufgenommen und dramaturgisch in eine tiefere Bedeutung transportiert. Wenn etwa die Infirmière dem alten Mann anfänglich die Pommes Chips verbietet, um ihn seiner Gesundheit willen vom Junk Food fernzuhalten, streckt sie ihm später (auf der gelungenen Flucht vor seinem Sohn) in einem Restaurant einen Sack Pommes Chips hin und unterstreicht mit ihrem gekonnten Augenzwinkern nichts weniger als die Überwindung der gesellschaftlichen Zwänge, aus denen sich die beiden gleichermassen befreiten. Man müsste den Film wohl mehrfach anschauen, um alle diese Kleinigkeiten mit grossen Bedeutungen zu entdecken.

Man merkt die bescheidenen Finanzen

Einzig fotografisch ist das Werk nicht unbedingt ein Hammer, wenn man es mit internationalen Produktionen vergleicht. Aber man muss die Filme an den Limiten messen, unter den sie entstanden sind. Man spürt schon in der ersten Szene, dass in der Schweiz für den Film nur etwa ein Viertel so viel Geld zur Verfügung steht wie beispielsweise in Dänemark. Man fühlt den Druck der Produktion, die nicht warten kann, bis der Lichteinfall optimal ist und bis das Wetter dem Inhalt des Filmes und der Stimmung entspricht. Man sieht in den gefilmten Bildern den Drehplan der Produktionsgesellschaft, welche die teuer bezahlten Schauspieler, Kameraleute und die Equipe nicht warten lassen kann, bis die ersten oder die letzten Sonnenstrahlen die Baumwipfel golden beleuchten, obschon es die Story da und dort vielleicht gerne möchte. Nein, in der Schweiz muss man drehen, ob es regnet oder schneit. Alles andere würde die sparsame Filmförderung hierzulande sprengen.


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Filmemacher und Autor

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