Apropos Sprachverluderung in den Social Media

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Oft wird behauptet, auf Facebook werde nur noch in unvollständigen Kürzestsätzen kommuniziert. Das führe zu Sprachschwäche.

Ich erinnere mich gut: In den 80er Jahren, als ich selber noch Journalist auf der Lohnliste von Ringier war, gab es zur Sprache im «Blick» klare Vorgaben. Walter Bosch, mein Chef, hatte sie definiert: maximal so und so viele Wörter, maximal so und so viele Kommas, so oder so höchstens einfache Unterordnung eines Nebensatzes. Ja, einfach musste es sein: verständlich! Denn wer unter den Blick-Lesern war schon bereit, einen langen Satz mit mehrfach verschachtelten Nebensätzen zu lesen – und fähig, ihn auch zu verstehen?

Solche Vorgaben sind für die Social Media Facebook, Twitter und Co. nicht mehr nötig. Die Technik zwingt zur Kürze. Die Frage ist, ob dabei das Sprachvermögen der User beschädigt wird. Wissenschaftliche Untersuchungen dürften verbindliche Antworten erst nach etlichen Jahren liefern können.

Aber es gibt Indizien. Da erhielten wir doch kürzlich von Facebook (von der Firma, nicht von einem User!) eine Nachricht mit einem bemerkenswerten Satz, gleich an erster Stelle. Wörtlich:

»Vor Kurzem haben wir einige Änderungsvorschläge bezüglich unserer Datenverwendungsrichtlinien, in denen erläutert wird, wie wir Daten sammeln und verwenden, wenn jemand Facebook nutzt, und unserer Erklärung der Rechte und Pflichten (Statement of Rights and Responsibilities – SRR), in der die Bedingungen für die Nutzung unseres Dienstes dargelegt werden, bekanntgegeben.»

Ein Sprach-Monster! Es gibt dafür zwei Erklärungsmöglichkeiten:

Entweder:
Der Verfasser kommuniziert tatsächlich nur noch in trivialer Satzkürze und hat total verlernt, einen etwas komplexeren Zusammenhang sprachlich auf Reih und Glied zu bringen.
Oder:
Es ist gewollt, dass die Empfänger der Nachricht den Satz nicht verstehen. Im Business sind solche Absichten – man denke etwa ans Kleingedruckte bei Versicherungspolicen – durchaus üblich.

So oder so: Die Nachricht kam nicht via Facebook, sondern von Facebook, aber als Email. Als Gegenbeweis für die Behauptung, in den Social Media werde nur noch in Kürzestsätzen kommuniziert, dient sie deshalb nur bedingt. Museumsreif ist der Satz so oder so.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Business_News_Ausgeschnitten

Medien: Trends und Abhängigkeiten

Konzerne und Milliardäre mischen immer mehr mit. – Die Rolle, die Facebook, Twitter, Google+ spielen können

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...