Kommentar
kontertext: Am Ende des Tages, am Ende des Jahres
«Am Ende sind wir Kompost», sagt der Modezar Wolfgang Joop in die Kamera. Dabei gehen Zuckungen durch sein OP-zerpflügtes Gesicht. Man kann es auch bilanztechnisch sagen: Mit jedem einzelnen Leben schreibt die Natur eine schwarze Null: Du steigst als gesondertes Wesen aus der Biomasse, um wieder in sie einzugehen. Lohnt es also, zu fragen, was daraus wird, am Ende? Longevity mag der Anglizismus dafür sein, dass niemand wirklich an einen biografischen Outcome glaubt.
Verewigt für wie lange?
Vielleicht bleiben Nachkommen zurück, ein paar Freunde, ein Song, ein Patent, Fotos in einem Album. Solange sie sich halten, wird etwas von dir fortleben. In den Neunziger- und Nullerjahren liess die Bauwut der französischen Präsidenten vermuten, Gebäude könnten dasjenige sein, was die paar Jahre im Matignon überdauert. Allerdings haben geistige Schöpfungen mehr Kraft, etwas Nachwelt zu stiften: Gelingt dir ein Drama, das ab und zu wieder aufgenommen wird, oder ein Ohrwurm, der zu gewissen Gelegenheiten noch spielbar ist, so hast du dich verewigt. Für wie lange?
Früher oder später werden diese Dinge sich verselbständigen – niemand wird sie mehr mit der Person verbinden, die sie erschaffen hat. So irrt Wolfgang Joop nicht, wenn er seinen Ruhm schon im Schredder der Geschichte verschwinden sieht: Die Zeit wird ihn in jenes Biologische zurückführen, aus dem er kam, gegen alle kulturelle Merkfähigkeit. Da mögen die Pyramiden von Cheops noch so tapfer widerstehen, oder Mitterrands Grande Arche.
Trotzdem ist es ein Volkssport, nach dem zu schielen, was bleibt. Diese bilanzierende Sicht verkörpert die Floskel «am Ende des Tages» – längst nicht die einzige Sprachfigur, die auf buchhalterische Lebensauffassungen verweist. Auch das popkulturelle «im Endeffekt» tut’s.
Eingesteckt oder ausgeteilt?
Da ist die dunkle Erinnerung, ein deutscher Hipster habe als Erster die letztere Wendung in den Ring geworfen: «Im Endeffekt geht das nur meine Familie was an.» Etwas Nachforschung zeigt jedoch, dass es keinen spezifischen Urheber gibt – die Floskel hat sich netzartig ausgebreitet, wurde populär gemacht von Rappern und Showgrössen und bald auch von Sportlerinnen, die sie als Leerformel des Slang in den Medien und auf der Strasse etabliert haben, oft am Satzende als Geschmacksverstärker: «Du kannst noch so schön fahren, wenn andere schneller waren, bist du angeschmiert, im Endeffekt.»
In der Leistungsgesellschaft ist der Weg vom Sport zum Leben kurz: Was hast du heute geschafft in deinem Achievement-Programm: wie viele Songs geschrieben, wie viele Mails versandt, wie viele Raten abgestottert, wie viele Böcke geschossen, wie viele Aufträge reingeholt, wie viele Beschwerden abgewiesen, wie viele Deadlines gewuppt, wie viele Rekorde gebrochen, wie viele Bäume gepflanzt, wie viele Mitbewerber verdrängt, wie viele Kilos gestemmt, wie viel Quality time mit der Liebsten verbracht, wie viele Prügel weggesteckt und verteilt?
Kurz: Wie ergiebig war dein Tag? Dass dieser Tag mehr als ein Vita-Parcours war, eine Landschaft eher, die flanierend, verträumt oder im Stechschritt des Machertums zu durchqueren ist, rückt dabei in den Hintergrund: Nicht die Gangart und das Erlebnis zählen, nur das Erreichte als Mehrwert der verbrachten Zeit.
Was dabei vergessen geht: Du lebst immer vor dem Ende.
Der Tag als Metapher wofür?
Gute Vorsätze, so sehr sie die fortlaufende Mühsal bespielen, zielen auf das Ende einer Frist. Dort wartet der Karriere-Kassensturz. «Am Ende des Tages», sagt ein Venture-Capital-Guru im TV-Interview, «ist alles eine Frage der Prioritäten.» Er steigt in sein Cabrio, lässt für die Schlussfrage geräuschlos die Seitenscheibe runter, und die Moderatorin des People-Formats fragt nach: «Und diese Prioritäten wären?»
«Kommt aufs Ressort an. In der Arbeit ist es der Profit, im Sport das Resultat. Im Privaten kann es Quality time mit meiner Tochter sein. Das ist es, was zählt, am Ende des Tages.»
Der Betrachter fragt sich, wie dieses Ende aussehen könnte. Vermutlich fallen zwei Augen zu, und die Traumwelt übernimmt die Regie. Zumindest gegen Sechzig, so die Erfahrung des Schreibenden, siegt am Ende des Tages die Müdigkeit über den Tatendrang. Ob das auch im Reich des Venture Capital so ist?
Aber der konkrete Tag, als Spanne Zeit, kann mit der Redewendung nicht gemeint sein. Es geht mehr um eine Metapher für jenes niemals greifbare Lebenssubstrat, sei’s innerlich aufquellend oder von aussen herangetragen, das in Etappen zu bewältigen ist.
Innere Werte?
Die fünf Minuten Berühmtheit sind um, der Interviewte fährt telegen aus dem Bild, und die Moderatorin ist bemüht, eine gute Figur zu machen beim Versuch, zur Filmpreisfeier überzuleiten. Auch die wurde am Ende eines Tages aufgezeichnet, in einer showmässig aufgemotzten Messehalle bei Köln. Es ist schon spät – wer nicht eingeladen war, darf sich ex post ein paar Preisreden ansehen. Auch in ihnen wird wort- und tränenreich gewürdigt, was am Ende des Tages zählt: Freundschaft, Teamgeist, Familie, Gesundheit.
Innere Werte, klar. Dafür dreht man also einen Film über den Party-Alltag von Twentysomethings in Berlin?
Es ist schon spät. Früher hat zu solch nachtschlafender Stunde das Testbild allen heimgeleuchtet: Fermate der TV-Glückseligkeit und Votivbild für die Verlorenen – Schichtarbeiter, Schlaflose, Trinkerinnen … Heute gibt es keinen Sendeschluss mehr. Auch nachdem die letzten Unmüden verdämmert sind, geht die Show gnadenlos weiter. Farewell, Morpheus, die Permanenzgesellschaft erhellt fidel deine REM-Phasen.
Schützin? Torwart? Ball?
Eine seltsame Formulierung ist dieses «am Ende des Tages» schon. Wäre damit doch wenigstens eine Quintessenz gemeint. Aber es geht um Profaneres: um Soll und Haben. Seltsam nur: Wer so bilanzselig über sein Leben nachdenkt, dem müsste der Tag doch zu eng sein als Reüssier-Gefäss. Ausserdem: Was ist Erfolg? Hast du abgeräumt oder hast du’s versemmelt?
Im Reich der Ambivalenz ist das nicht so einfach zu klären. Nur das wenigste im Leben gleicht einem Elfmeter, der versenkt oder verschossen werden kann. Es ist nicht einmal klar, ob du Schützin oder Torwart bist. Oder der Ball. Wenn also deine Tage aus Grautönen bestehen, müsstest du da nicht besser sagen: «Am Ende des Lebens?» – In kühneren Träumen möchtest du wohl daran gemessen werden, jetzt aber lieber noch nicht so weit denken. Bis auf weiteres lautet das Fazit anders. Der Trostpreis ist: Du bist noch da. Nullkommanix hat sich getan, zero Quality time, rundum schwarze Nullen und keine Tochter weit und breit, die stolz auf den Kampfgeist ihres Erzeugers ist. Nur Büromühsal, ein verhocktes Telefonat mit der Ex, das stille Schmelzen der Polkappen, etwas Frühsport, etwas Stehen im Stau, Meetings ohne Outcome und spätnachts ein paar LED-Idyllen aus Patagonien.
Erlösung muss sich anders anfühlen, Erlösung als Dividenden- und Bonusparadies, als Konzertdiplom für die Liebste, als Flugrekord auf der Grossschanze, als Epiphanie über dem Nebelmeer, als Jackpot im Casino der Symptome, eingeheimst am Ende des Tages, gutgeschrieben und verbucht, doch schon vor Mitternacht wieder einverleibt in jene graue Masse der Errungenschaften, die jetzt zum Objekt der Besitzstandswahrung wird.
Unwohl oder übel?
Und am Ende des Jahres? Wartet ein nächstes. Du bist dein Angst- und dein Aufbaugegner – jener andere, der den nächsten Zug schon kennt. Es mag Zwischensiege geben, aber der Glanz verblasst schnell. Dass schon die Römer es wussten, sic transit gloria mundi, macht die Sache nicht erträglicher. Auch Konsumglück schönt keine Bilanz. Auch 2026 werden Makel und Marotten die Oberhand behalten. Auch das neue Jahr wird dich, unwohl oder übel, als Dummy deiner selbst präsentieren, und die Erde wird weiter ihre Bahn ziehen, wenig interessiert an deinen philosophischen Ergüssen. Der Rest ist Kompost.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Nicht jeder Kompost hat die gleiche Qualität und bewirkt Unterschiedliches. Was für Schlüsse könnten wir wohl hier daraus ziehen?
Lieber Herr Mettler
Ihr Text hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen – allerdings einen sehr düsteren. Die Häufung von Bildern wie „schwarze Null“, „Kompost“, „graue Masse der Errungenschaften“ oder „Dummy deiner selbst“ wirkt auf mich weniger analytisch als bewusst entwertend.
Ich verstehe den literarischen Ansatz, aber als Leser nimmt es mir eher die Lebensfreude als dass es zum Nachdenken anregt.
Vielleicht gelingt es Ihnen 2026, neben der Kritik auch etwas Licht hineinzulassen.
Mit freundlichen Grüssen
Fred Baumgartner (Nährboden, Jahrgang 44)
Danke, Michel Mettler, Sie sagen die Wahrheit. Die aber hören die wenigsten Kompostaspiranten gerne, lieber glaubt man Märchen. Eine Studie über das psychologische Phänomen der Leugnung offensichtlicher Tatsachen (am Beispiel von insbesondere 9/11) titelte die Aussage einer Probandin: «Ich würde es nicht glauben, selbst wenn es wahr wäre.»