Kommentar

kontertext: Frau Schuster und der Atomkrieg

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Schaut die Nachbarin giftig drein, ist der Streit im Asowschen Meer vergessen, und das Thema Hausfrieden rückt in den Vordergrund.

Dramatisieren ist ein Wort, das in mancher abendlichen Küche fällt, wenn Menschen sich gegenübersitzen, ein vertrautes Mahl zu sich nehmen und frei von Glamour die Ereignisse des Tages verhandeln. Hier sind Paare im Vorteil gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Wo immer Menschen an Tischen sitzen, ist die Furcht ja gross, man könnte sich nichts zu sagen haben. Anders bei Heynemeyers. Nicht nur sind sie seit bald dreissig Jahren verheiratet, auch viele Interessen verbinden sie. Dass sie beide Theorbe spielen und betrübt über die Missachtung dieser historischen Basslaute sind, ist nur die offenkundigste Gemeinsamkeit. Darüber hinaus ist an ihrem Küchentisch die Befürchtung gebannt, man könnte sich wortlos gegenübersitzen. Als Langzeitverehelichte sind Heynemeyers geübt in der Kunst, zu schweigen, wo es nichts zu sagen gibt, auch wenn dieses Stillschweigen oft Anlass für Auseinandersetzungen bietet. Denn schweigenderweise lassen sich durchaus Meinungsverschiedenheiten ausbreiten, wenn man einander gut kennt.

Abgesehen davon vertreten sie beide gern ihre angestammten Positionen mit den angestammten Worten – es fehlt der Ehrgeiz, sich im Angesicht des anderen ‹neu zu erfinden›, wie Lebensratgeber es landauf landab empfehlen. Nur hier und da ragen die Urteile etwas steiler aus dem Heynemeyerschen Ansichts-Cluster heraus, etwa wenn es um die Theorbe geht. Oder um die Nachbarn. Frau Schuster vor allem. Das ist eine ausgezehrte Zuzügerin aus dem Oberwallis, die heute wieder so provokativ herüberschaute, als sie ihren Grüngutcontainer in die dafür bestimmte Bucht schob, aufsässig, als wollte sie sagen: «Das hakt nur deshalb so, weil Sie den Ihren nicht korrekt verstaut haben, Frau Heynemeyer.» Dabei leben die Schusters noch kaum ein Jahr hier.

«Nun dramatisier mal nicht so!», sagt dazu der Gatte, indem er halb über den Tisch, halb in den Teller blickt, wo die Sättigungsbeilagen zügig schwinden. Er ruft zur Mässigung auf. Die Einsicht, dass dies nicht zum ersten Mal geschehen muss, ist nicht geeignet, seine Laune zu heben. Was soll falsch daran sein, dass er die Blicke der Nachbarin für wenig weltbewegend hält? Dass ihretwegen ein Atomkrieg ausbricht, ist wenig wahrscheinlich, egal wie angespannt die Lage am Asowschen Meer sein mag. Dies spricht er zwar nicht aus, doch ein Mensch, der mit seinem Innenleben vertraut ist, kann es seiner Miene entnehmen. Und ein solcher Mensch ist seine Frau.

Die regt sich nun, nachdem sie zuvor ruhig war, doch auf, denn eigentlich wollte sie nur von Anton erzählen, dem dreijährigen Enkel, der eben das Ausschlecken von Teig aus der Schüssel entdeckte. Nun aber soll sie sich rechtfertigen dafür, dass diese Schuster so aufsässig blickt, gerade so, dass es einen trifft, ohne dass man etwas Konkretes vorbringen kann. Und dies nicht zum ersten Mal.

An diesem Punkt hat man sich in Heynemeyers Wohnküche auch schon befunden: Frau Heynemeyer weiss, ihr Mann will nicht Frau Schuster in Schutz nehmen, denn die ist ihm egal. Er möchte nur zum Ausdruck bringen, dass es Wichtigeres als die Grüngutcontainer-Ordnung gibt. Dieser Gedanke ist auch ihr nicht fremd, aber ärgern wird man sich wohl noch dürfen. Wer sich darüber erhaben fühlt, soll nur weiter den Geistigkeiten seines Schreibzimmers nachhängen. Aber irgendwann muss auch der Herr Doktor aus seinem Tabakdunst herauskommen, und sei es nur, weil der Magen knurrt. Und dann bekommt er’s mit ihr zu tun – und mit Belangen der Grüngutbewirtschaftung.

Auch das ärgert sie: Wie er mit einem kurzen Satz verhindert hat, dass man das Schustersche abhaken und zu etwas Schönem übergehen kann – zu Anton! Stattdessen soll sie sich jetzt rechtfertigen für ihren Ärger, der nur deshalb so angeschwollen ist, weil er ihn kleinreden will, vor dem Hintergrund der Atomfrage, der Dürrekatastrophen, des Artensterbens und der Krise um Taiwan. Dabei gäbe es auch für sie dringlichere Themen als Frau Schuster, etwa die unter Theorbisten vieldiskutierte Frage, weshalb selbst in historisch bewussten Aufführungspraxen der Theorbenpart oft mit herkömmlichen Lauten besetzt wird. Dabei wäre an Theorbist:innen kein Mangel.

Für einen Augenblick lauscht man nur dem Klappern des Bestecks in der Wohnküche; irgendwo tickt eine Uhr dazu. Frau Heynemeyer weiss, um Theorbenparts zu spielen, müssen Lauten hinabgestimmt werden, was zulasten der Klangfülle geht, und sie fühlt sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass ihr Mann, gewiss nicht zum Aufwiegler geboren, mit seinem Ruf nach Entdramatisierung die Lage nur verschärfte. Also sagt sie: «Nun komm mir bloss nicht mit dem Atomkrieg! Damit kann man alles zur Schnecke machen. Ich weiss gut genug, dass es Wichtigeres gibt. Du kannst gut reden, so wie du dich in deinem Zimmer verschanzt, hinter Arbeit, die ausser dir keiner sieht. Aber die Schuster muss ich mir antun – fast täglich, wenn wir hier nicht in Schmutz und Zerfall versinken wollen.»

Was Frau Schuster mit dem Atomkrieg zu tun haben soll, ist Herrn Heynemeyer schleierhaft. Soll er das für sich behalten und Zuflucht in einem neutralen Schweigen suchen, dem Frieden zuliebe? Ja, Schweigen für den Frieden wäre eine Option, vor der atomaren Drohkulisse. Immerhin gibt die Pfanne noch Reste her, die im Interesse der Abrüstung nachzuschöpfen wären.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Michel Mettler, geb. 1966, tätig als freiberuflicher Autor und Herausgeber, interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart, Wortgebrauch und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlicht (Suhrkamp 2020).
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren, zurzeit Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler und Felix Schneider.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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