Weihnachten hat mich besiegt

Tobias Tscherrig /  2020 wollte ich Weihnachten ausfallen lassen. Das klappte nicht, der Sieg geht an das Weihnachtsfest – und an einen Sozialkontakt.

Nun ja, ich gebe es zu. Ich bin wie der «Grinch» aus dem Kinderbuch «Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat» von Theodor Seuss Geisel. Eigentlich bin ich keine Kreatur mit grünem Fell und lebe nicht in einer Berghöhle. Ich verkleide mich auch nicht als Weihnachtsmann und stehle Geschenke – aber: Auch ich brauche kein Weihnachtsfest. Also habe ich in der Vergangenheit starke Sympathien für die weihnachtshassende Kreatur entwickelt.

«Ich bin wie der ‚Grinch‘ aus dem Kinderbuch ‚Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat’»

Lese ich das Buch, ist er mein Held. In Gedanken unterstütze ich ihn bei seinen Versuchen, Weihnachten zu verhindern. Gegen Ende der Geschichte anerkennt der «Grinch» dann zwar die Bedeutung des Festes, gibt alle gestohlenen Geschenke zurück und nimmt an den Festivitäten teil. Aber soweit lese ich nicht. Den tiefen Fall meines Helden habe ich einmal mitverfolgt. Ich habe mich noch immer nicht davon erholt.

Seit Jahren versuche ich, Weihnachten an mir vorbeiziehen zu lassen, es zu ignorieren. Denn während andere unter geschmückten Tannenbäumen selig Glühwein schlürfen, kleine Puppen ohne Gesichter bewundern und sich mit vollen Bäuchen in heilige Sphären trällern, sitze ich gequält daneben und wünsche mich irgendwohin, wo es keinen Zuckerguss gibt.

So klar meine Haltung gegenüber dem Weihnachtsfest ist, so schwierig ist es, ihm aus dem Weg zu gehen. Schuld daran ist nicht etwa Jesus, der akzeptiert meine Einstellung. Er erklärt dann jeweils, wir Menschen würden schliesslich auch nicht einen Drittel der Weltbevölkerung zu unseren Geburtstagspartys einladen. Eine logistische Herausforderung, die ohne Erlöser-Status und engelsgleichem Service-Personal sowieso nicht zu packen sei.

Weniger tolerant als der Gesalbte ist mein Umfeld: Also die Menschen, die ich liebe. Jedes Jahr schaffen sie es, mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Sie zerren mich unter ihre Tannenbäume und schenken mir meine Freiheit erst wieder, wenn mein Bauch voll und der Geduldsfaden am Zerreissen ist. Obwohl ich diese Menschen während des ganzen Jahres gernhabe, scheinen sie diesen einen «speziellen» Tag zu brauchen, an dem wir uns gegenseitig durch Geschenke versichern, dass wir uns noch immer mögen. Vielleicht stimmt aber auch das Gegenteil und sie lieben mich nur an diesem einen Tag. Ich weiss es nicht.

Jedes Jahr versuche ich mit wohlüberlegten Argumenten, meinem Leiden unter dem Weihnachtsbaum und der Pflicht, irgendwelche Produkte auszutauschen um zwischenmenschliche Nähe zu beweisen, zuvorzukommen: «All das Plastik auf den Meeren dieser Welt»; «Umwelt- und Naturschutz durch weniger Konsum»; «Liebe statt Kommerz»; «Weniger Stress»; «Beschenke mich nicht, spende stattdessen an eine humanitäre Organisation»; «Ich habe schon alles, was ich brauche». So was in der Art.

Was ich auch sage, nichts hilft. Einige Wochen später sitze ich dann doch wieder im Kreise meiner Liebsten, tausche brav Grillzange und Wasserkocher gegen Socken und Deodorant und beisse in trockene Kekse.

In diesem Jahr spürte ich dann endlich Oberwasser. Immerhin habe ich mit den sieben Bundesräten ziemlich gewichtige Unterstützung erhalten. Zwar will die Regierung mit ihren Festtags-Regeln und -Empfehlungen in erster Linie die weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern – aber egal. Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde, die Gründe spielen eine untergeordnete Rolle. Und wenn meine Liebsten schon nicht auf Jesus hören, dann vielleicht auf den Bundesrat. Der ist zwar nicht heilig, dafür mindestens genauso prominent. Aber wer weiss, wessen Worte im Jahr der Aluhüte, Verschwörungs-Schwurbler und Besserwisser überhaupt noch Gewicht haben.

Trotzdem sollte der Verhinderung des Weihnachtsfestes in diesem Jahr nichts mehr im Wege stehen. Ich war mir sicher. Ich dachte, eine weltweite Pandemie sei Grund genug. Ich dachte, mit dem Argument «Ich bleibe aus Liebe zu euch in diesem Jahr zuhause», sei ich auf der sicheren Seite. Ich frohlockte.

«Alles klar, Sozialkontakt! Ich nehme auch in diesem Jahr an deinem Weihnachtsfest teil»

Falsch gedacht. Kaum ausgesprochen, ergoss sich eine nur mässig christliche Tirade über mein Haupt: Du wuschst mir den Kopf, nach drei Minuten war ich die Reinkarnation des Bösen. Alles klar, Sozialkontakt! Ich habe verstanden. Ich nehme auch an diesem Jahr am Weihnachtsfest teil.

Auf der Suche nach Geschenken, die dem Umfang meiner Liebe zu dir gerecht werden, hetzte ich stundenlang durch überfüllte Läden, stand dichtgedrängt neben potenziellen Virenschleudern und grabschte nach unzähligen Produkten. Gestresst und schwitzend. Vielen Dank.

Ich werde dich beschenken und deine Geschenke entgegennehmen, weil sich das nun mal so gehört und wir uns unserer Liebe sonst nicht sicher sein können. Immerhin hat sich der Aufwand gelohnt, ich habe das Passende für dich gefunden: Zur allgemeinen Entspannung erhältst du ein Kirschkern-Kissen, um eventuellen Gewaltakten vorzubeugen, das Buch «Zeit für Empathie – Fünf Wege zu innerer Balance und einem gelassenen Miteinander in der Familie».

Und da ich nicht weiss ob diese Geschenke ausreichen, um dir meine Liebe zu beweisen, nimm diesen selbstgemachten Text – und mein Augenzwinkern. Beides gehört dir. Aber singen werde ich in diesem Jahr mit Sicherheit nicht. Das hat der Bundesrat verboten. Vielleicht ein Liedchen, wenn ich betrunken bin. Aber das hast du ja auch nicht gern. Weihnachten ist eine schwierige Zeit.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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