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Die Französin Agnès S. Callamard wechselt zu Amnesty International. Als UN-Sonderberichterstatterin klagte sie unerschrocken Menschenrechtsverletzungen an. © UN

Auf keinem Auge blind

Andreas Zumach /  Die UN-Sonderberichterstatterin Agnès S. Callamard legte sich im Kampf für die Menschenrechte mit den Mächtigen an.

Agnès S. Callamard, seit 2016 Sonderberichterstatterin für aussergerichtliche, standrechtliche und willkürliche Hinrichtungen beim Menschenrechtsbüro der UNO in Genf, übernimmt heute Montag ihren neuen Posten als Generalsekretärin in der Londoner Zentrale von Amnesty International (AI). Dort arbeitete Callamard schon in den Jahren 1995 bis 2001 als Kabinettschefin des damaligen Generalsekretärs. Danach war sie von 2004 bis 2013 Direktorin von Article 19, der britischen Menschenrechtsorganisation für das Recht auf freie Meinungsäusserung.
Eine bessere Wahl als Callamard hätte AI nicht treffen können. Wie kaum eine zweite Person hat die 1965 in der französischen Region Drôme-Provençale geborene Politikwissenschaftlerin in der Menschenrechtsdiskussion immer klaren Kurs bewiesen. Und dies, obwohl die Rahmenbedingungen schwieriger und in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend für selektive und politische Zwecke instrumentalisiert wurden. Callamard stand immer für die universelle Gültigkeit und Unteilbarkeit aller seit 1948 international vereinbarten Menschenrechtsnormen. Deren Verletzung durch wen auch immer prangert(e) Callamard stets mit klaren Worten und in der für eine Wirkung erforderlichen Öffentlichkeit an. Auf keinem Auge blind, furchtlos gegenüber Mächtigen und unbeeindruckt von deren Drohungen.

Die bislang gefährlichste, weil auf ihr Leben abzielende, machte Callamard letzte Woche öffentlich. Bei einem Treffen mit UNO-Offiziellen in Genf im Januar 2020 drohte der Chef der staatlichen saudiarabischen Menschenrechtskommission, Awwad Alawwad, gleich zweimal unmissverständlich ein Vorgehen gegen Callamard an, sollte die UNO ihren Untersuchungsbericht über die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi nicht zurückziehen. In diesem – bereits im Juni 2019 veröffentlichten – Bericht hatte die UNO-Sonderberichterstatterin auf «glaubwürdige Beweise» verwiesen, darauf, dass «höchste Stellen in Riad, darunter Kronprinz Mohammed bin Salman, für den Mord verantwortlich sind». Die Äusserungen Alawwads – die er dementiert – wurden von den an dem Treffen in Genf beteiligten UNO-Offiziellen als «Morddrohungen» gegen Callamard wahrgenommen und entsprechend auch in einem schriftlichen Bericht an UNO-Generalsekretär Antonio Guterres bezeugt.
Deutliche Worte der Kritik und Verurteilung äusserte Callamard in ihren letzten vier Jahren auch an Menschenrechtsverletzungen durch Saudiarabiens Hauptfeind Iran sowie durch Russland und China. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte löste eine Hasskampagne in den (a)sozialen Medien gegen Callamard aus wegen ihrer Kritik an seinem brutalen Krieg gegen die Drogen. Ex-US-Aussenminister Mike Pompeo beschimpfte die UNO-Sonderberichterstatterin, weil sie die Drohneneinsätze zur Ermordung des iranischen Generals Qassem Suleimani und anderer Personen als «ungesetzlich» und «Völkerrechtsverstoss» eingestuft hatte. Der EU hielt Callamard vor, ihre Flüchtlings- und Migrationspolitik sowie Gesetzesbestimmungen zur inneren Sicherheit stünden «in völligem Widerspruch zu internationalen Menschenrechtsnormen».
Bei der UNO in Genf bedauern viele den Weggang dieser mutigen Streiterin.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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5 Meinungen

  • am 29.03.2021 um 12:08 Uhr
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    Dass ‘Amnesty International’ mit ungleichem westlichem Mass misst, ist schon längst bekannt. Sollte Herr Zumach eigentlich wissen. Ich empfehle ihm, im Buch ‘DIE CHAOS KÖNIGIN’ der renommierten, erfahrenen, in Paris lebenden, Amerikanerin und Publizistin Diana Johnstone nachzuschauen, was sie über Amnesty schreibt (Sie ist nicht die Einzige). Die UNO ist weitgehend von den USA finanziert und auch beherrscht. Damit auch die Spitzenpositionen der UNO genauso von Leuten besetzt welche letztlich immer die westlichen Interessen garantieren wie jene in der US-Administration aus der auch Leute in den Spitzenpositionen von Amnesty stammen oder stammten. Wo im Westen ‘Frieden’ oder ‘Menschenrechte’ darauf steht, steckt meist ‘Krieg’ drin.

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  • am 29.03.2021 um 16:06 Uhr
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    Bravo, anscheinend endlich wieder einmal ein wirkliche Persönlichkeit. Ich hoffe sie bleibt lange genug im Amt um meine Vorbehalte wegzuräumen und ein neues gesundes Vertrauen aufzubauen.

    Nachdem in einem Akt von Idiotie einen südafrikanischen Aktivisten als Generalsekretär von AI wählte, dies nachdem bestens bekannt war, dass unter seiner Führung bei Greenpeace Central gegen 10 Mio verspekuliert wurden – was ihn aber nicht dazu brachte, sich von seiner Pazifikinsel zu bewegen. Andere Sektionen sprangen ein, wie immer auch die Schweizer GP, welche mehrere Mio zahlte. Konsequenzen hatte das für Naidoo nicht. Aber man konnte schon da sehen: Nicht jeder Aktivist ist ein guter Manager. Naidoo und sein Team blieben.

    Trotzdem und in vollem Wissen wählte die AI-GV diesen Kumi Naidoo zu ihrem Generalsekretär. Unverständlich und skandalös. Denn die Geschichte wiederholte sich. Ein egomanischer aber unfähiger Manager macht immer die gleichen Fehler. Die Londoner AI Central hatte oft Geldbedarf, aber nie im Ausmass als Naidoo der Chef war. Konkurs konnte nur durch 2stellige Mio-Zahlungen der Sektionen vermieden werden – natürlich zuerst immer die Schweizer Spendengelder!

    Mir reichte es. Meine Spendengelder als Naidoo-Hilfe zu nutzen ist falsch. Ich bin nicht mehr AI-Mitglied. Julie hatte keine Chance, die musste Naidoos Mist wegräumen.

    Hoffen wir dass Agnes ihre Sache gut macht – dann werde ich wohl wieder AI-Mitglied.
    Herzlich alles Gute und radiert Naidoo aus den Annalen.

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  • am 29.03.2021 um 22:59 Uhr
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    Höchsten Respekt und tiefst empfundenen Dank schulden wir alle den -so wenigen- Menschen, wie Frau Callamard !

    Menschen, wie diese Dame, welche «ganz oben» ihre Existenz, ihr Leben für uns alle riskieren, lassen mir noch etwas Hoffnung, dass es noch nicht zu spät sein könnte.
    Für unsere Kinder und Enkel.

    Alles Gute – und freundliche Grüsse!
    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

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  • am 30.03.2021 um 17:42 Uhr
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    Ich fürchte, es könnte ihr ebenso ergehen wie Jean Ziegler. Ich könnte auch Niklaus Meienberg erwähnen, welcher in den kleinen Gärtchen der Mächtigen wühlte. Ich habe nichts gegen machtvolles Handeln, irgend jemand muss Verantwortung übernehmen und auch die grossen schweren Entscheidungen treffen. Aber ich bin dafür, diese oft verliehene Macht ausschließlich zum Wohle der Menschheit und deren Entwicklung einzusetzen. Leider gibt es zu viele Dummköpfe welche nicht in der Lage sind, weiter zu denken als nur bis zu den eigenen Bedürfnissen und die ihnen verliehene Macht missbrauchen. Agnès S. Callamard hat da eine grosse Bürde auf sich genommen. Mit diesen «Mächtigen» wird sie konfrontiert werden. Ich hoffe sie wird erfolgreich sein und dies wirtschaftlich, psychisch und physisch auch überleben. Den Sumpf trocken zu legen, der zum Teil von den ganz Mächtigen welche vor nichts zurück schrecken, mit verursacht und aufrecht erhalten wird, wird fast unmöglich sein. Es ist wie im Gesundheitswesen. Man will oft nicht heilen, das bringt zu wenig Rendite, Dauerkranke bringen das grosse Geld. So ist es auch auf der Weltbühne. Barbaren, politische Sümpfe, lokale Diktatoren, instabile gewalttätige Regierungssysteme kann man bewirtschaften und Ausbeuten. Sie sind die Kunden der Waffenindustrie. Das wird schwierig werden. Ich wünsche ihr Glück und Erfolg bei ihrer ehrenwerten Tätigkeit.

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  • am 6.04.2021 um 08:29 Uhr
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    Ich kann diese Lobhudelei nicht ganz nachvollziehen. Wenn Frau Callamard sich mit den Mächtigen “anlegt” scheint dies die Mächtigen herzlich wenig zu berühren. Insgesamt reflektieren ihre Tweets den westlichen Establishment Konsens, der im Rest der Welt wenig gilt, weil er unter evident mangelnder Kohärenz leidet. Callamard wird zitiert, wenn es passt und ignoriert, wenn es nicht passt. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

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