Sperberauge

Lauterbach: Vom Gesundheitsminister zum Spassmacher

Helmut Scheben © zvg

Helmut Scheben /  Kein Witz: Karl Lauterbach lernte TV-Komiker bei Hazel Brugger. Dürfen wir trotzdem darüber lachen?

«Wegen Pocken: Lauterbach plant Maskenpflicht für Affen», wurde kürzlich gemeldet. «Noch wissen wir nicht wirklich viel über die Affenpocken», erklärte Lauterbach. «Aber die werden ja nicht umsonst so heissen. Daher wäre eine Maskenpflicht für Affen sicherlich eine effiziente Massnahme, die gleichzeitig eine nicht allzu grosse Einschränkung ihrer Grundrechte bedeuten würde.»

Die Meldung stammte vom Newsticker der Satirezeitschrift Der Postillon, und es ist nicht der erste Schabernack, den das Blatt sich mit dem deutschen Gesundheitsminister erlaubt. Da wurde auch schon vermeldet, Lauterbach habe herausgefunden, dass «ein Atomkrieg die Pandemie vorzeitig beenden könne». Im Fall der Affenpocken ist in Freigehegen das Tragen der Maske nicht obligatorisch, falls die Affen 1,50 m Mindestabstand halten. Verboten ist jedoch aus Gründen des Infektionsschutzes, so der Postillon, das Werfen mit Kot. Welches bei Zuwiderhandeln mit Bussen von bis zu drei Bananen geahndet wird. 

Nun ist aus Medien, die nicht für Satire bekannt sind, zu entnehmen, dass Karl Lauterbach sich als Komiker ausbilden lässt. Nebenberuflich, versteht sich. Im Comedy-Format «One Mic Stand» (läuft auf Amazon Prime), in dem sich Prominente von Comedians coachen lassen, erhielt der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbrach seine ersten Lehrstunden von der Schweizer Komikerin Hazel Brugger.

Lauterbach
Karl Lauterbach mit Hazel Brugger

Man hätte die Nachricht am 1. April erwartet, aber es ist kein Scherz. Manchmal ist die Realität dermassen lustig, dass sie die besten Satireportale übertrifft. Es kommt einem vor, als hätte der todernste Corona-Professor die Flucht nach vorn angetreten. Seine Gegner haben ihn lange durch den Kakao gezogen und als Witzfigur gehandelt, jetzt macht er ernst mit den Witzen. Und wenn Karl Lauterbach etwas ernsthaft anpackt, dann gnade uns Gott.

Der Gesundheitsökonom mit seinen glänzenden Diplomen von Harvard School of Public Health und Harvard Medical School war in der Krise stets mehr als ein Seuchenexperte. Er wurde zu einer Art Prophet Isaias, der den Ungläubigen das Strafgericht Gottes verkündete, wenn sie die Symptome der sieben Plagen nicht erkennen und 1,50 Meter Abstand halten würden. Und das alles mit einem rheinländischen Akzent, der an die besten Aachener und Kölner Karnevalsbühnen erinnert. Lauterbach wurde von Talkshow zu Talkshow geschleift und vom akademischen Experten zur Kultfigur.

«Corona-Minister ist der Mann der Stunde: Warum die Deutschen plötzlich Karl Lauterbach lieben», titelte die Luzerner Zeitung im Januar. In der Twittergemeinde habe Lauterbach 830tausend Follower, mehr als doppelt so viele wie Kanzler Olaf Scholz. Es gab – bei allen berechtigten Vorbehalten gegen politisch motivierte Methoden der Demoskopie – sicher eine mehrheitliche Zustimmungsrate für die rigiden Corona-Massnahmen in Deutschland. Da waren viele, die den Karl aus «Birkesdörp» bei Düren für den Retter Deutschlands hielten. 

Die Stimmung im Volk hat gedreht

Es gab aber auch einen hohen Prozentsatz von Leuten, denen der Lauterbach-Karl mit seinen apokalyptischen Corona-Horoskopen auf die Nerven ging. Bisweilen verhedderte er sich in seinen vielen Zitaten aus vielen Studien, sagte heute das Gegenteil von gestern und wurde sogar manchen seiner Genossinnen und Genossen der SPD mit schwer verständlichen Lockdowns und Ausgangssperren zum Ärgernis. Derzeit ist er wieder in Hochform, zieht die altbekannte Formel von der «epidemischen Lage von nationaler Tragweite» aus dem Ärmel,  prognostiziert eine Kombination von verschiedenen Covid-Mutanten, die sich im Herbst «zu einem wahren Killer» entwickeln könnten. Mehr Booster sei unumgänglich. Eventuell auch Schulschliessungen. Die meinungsmachende BILD-Zeitung pariert lapidar: «Experten widersprechen Lauterbach: 4. Impfung für die meisten Bürger überflüssig.» (17.07.2022)

Corona-Politik war immer auch Wahlkampf. Die Stimmung im Volk hat gedreht. Die FDP sah und sieht ihre Chance, die vielen Wählerinnen und Wähler, die sie ans rechte Lager verloren hat, mit strammer Kritik an übertriebenen Corona-Massnahmen zurückzuholen. Bundesjustizminister Buschmann (FDP) weiss, dass in Deutschland mit einer Rückkehr zur Maskenpflicht und Schulschliessungen kaum Wählerstimmen zu holen sind und fährt seinem Kabinettskollegen Lauterbach frontal an den Karren:

«Von Panikmache halte ich gar nichts. Für solche Virusvarianten gibt es derzeit nirgendwo Anzeichen. Der Paragraph 28a (epidemische Lage von nationaler Tragweite Infektionsschutzgesetz, Red.) ist totes Recht. Wir haben ihn bewusst im letzten Jahr stillgelegt, lange bevor andere Staaten ihre Notstandsregelungen beendet haben. Zur Reaktivierung müsste der Bundestag dem zustimmen. Dafür gibt es keine Mehrheit in der Koalition. Denn die Freien Demokraten haben gesagt, es müsste sich schon regelrecht die Hölle unter uns auftun, eh wir dem zustimmen. Die Menschen sind ohnehin durch die ganzen Krisen nervös. Da muss man sie nicht auch noch durch solche Horrorszenarien verrückt machen.» (FAZ, 29.Aug.2022)

Im selben Interview äussert der Justizminister seine Skepsis gegenüber einer Corona-Politik, die Grundrechte aufhebt. Dies hält er für problematisch. Er sagt einen erstaunlichen Satz, der aber offensichtlich kaum Beachtung gefunden hat: «Grundrechte sind individuelle Rechte, die nicht dem Vorbehalt der Mehrheit unterstehen.»

Wer das vor einem Jahr gesagt hätte, der wäre in den Medien als Corona-Schwurbler, Covid-Idiot oder schlimmer beschimpft worden. Wenn es heute ein deutscher Justizminister sagt, eröffnet er damit eine Diskussion über die Verfassungsmässigkeit der Coronapolitik der vergangen zwei Jahre. Aber wie gesagt: Der Wind hat gedreht, und was uns zwei Jahre lang zum Hyperventilieren brachte, ist heute Schnee von gestern.

Fast eine Million Menschen drängten sich unter dem Dröhnen der Bässe Mitte August in Zürich an einem Fest, das die Veranstalter als «die grösste Technoparty der Welt» bezeichneten. Phantasievolle Masken wurden hier und da gesehen, aber keine Corona-Masken. Die Raver kümmerten sich nicht um Viren. «Eines Tages müssen wir alle sterben», sagte Charlie Brown zu Snoopy. Und Snoopy entgegnete: «Ja, aber an allen anderen Tagen nicht.» Karl Lauterbach fände das womöglich nicht lustig. Vielleicht kann Hazel Brugger besänftigend auf ihn einwirken.


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5 Meinungen

  • am 4.09.2022 um 11:25 Uhr
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    «Vielleicht kann Hazel Brugger besänftigend auf ihn einwirken.»

    Wie das, wenn eine Hazel Brugger sich noch päpstlicher als der ‹Corona-Papst› erweist?

    Siehe ihr Dogma zur Impfung!

    1
  • am 4.09.2022 um 20:14 Uhr
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    Hazel who?
    (Ist das nicht die Person, die ab einem Tag X «MRNA-freie» Menschen nicht mehr zu Ihren Freunden zählen wollte resp. diese nicht mehr zu sich nach Hause einlud?)
    Da haben sich ja zwei gefunden. Hazel’s Karriereknick dürfte dann auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wenn eine belastbare Retrospektive zu Covid in der Schweiz gerne verhindert wird, so findet sie international zunehmend statt. Eines Tages aber werden wir auch hierzulande darüber diskutieren, wie das damals wirklich war.

    1
  • am 5.09.2022 um 08:21 Uhr
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    Hazel Brugger wird Karl Lauterbach nicht besänftigen sondern bestärken und zu weiteren Höhenflügen antreiben. Sie weigert sich, sich mit Ungeimpften überhaupt zu treffen. So macht sie immerhin das Niveau ihrer angeblichen Satire transparent.

    1
  • am 5.09.2022 um 14:40 Uhr
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    Wirklich bemerkenswert:
    «Grundrechte sind individuelle Rechte, die nicht dem Vorbehalt der Mehrheit unterstehen.»
    Wie innert kurzer Zeit der Wind wieder so drehen kann, gibt mir ein mulmiges Gefühl.
    Mein Vertrauen in deutsche Gesundheitspolitik ist damit nicht gestärkt im Gegenteil.

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