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Freizeit auf dem Flughafen Tempelhof © Flickr

Freiheit am Tempelhofer Feld

Heinz Moser /  Berlin hat über das Tempelhofer Feld abgestimmt und will keine Randbebauung. Die Regierenden sind schockiert.

Im Schatten der Europawahl hat Berlin über den ehemaligen Flughafern Tempelhof abgestimmt – eine begrünte Brache in der Millionenstadt.

Bekannt wurde der Tempelhofer Flughafen durch die Berliner Luftbrücke, über welche die Westallierten 1948 während der Blockade Berlin über die Luft versorgten. Seit 2008 ist der mitten in der Stadt gelegene Flughafen geschlossen. Seither wurde über die Nutzung gestritten.

Was nun mit dem Tempelhofer Feld?

Nach dem Willen des Berliner Senats sollte zwar der Grossteil der Grünfläche bleiben. Aber am Rand wollte man 4700 Wohnungen bauen. Die Bürgerinitiative «100 Prozent Tempelhofer Feld» legte indessen ein alternatives Gesetz vor, welche volle Freizeit auf dem ganzen Areal zu realisieren versprach: Eigenart und Schönheit der Landschaft und der Nutzen für die Erholung sollten umfassend geschützt werden. Kitesurfer, Jogger, Skater und jene, die Grillfeste feiern, sollten hier ihr Paradies finden.

Der Berliner Senat rieb sich am Sonntag die Augen, als sich das Volksbegehren unter Mithilfe der Grünen und Linken mit 64,3% der Stimmen durchsetzte. Bei der offiziellen Politik weckte dies vielerorts den Katzenjammer. Hatte das Volk nicht falsch abgestimmt? Man befürchtet, dass sich das Volk ein Ei gelegt hat und die Mieten in der Boomstadt Berlin noch mehr ansteigen werden, wenn die Tempelhofer Überbauung nicht kommt. Die Abstimmung bevorzuge Hausbesitzer und Immobilienspekulanten; einkommensschwache Mieter würden dagegen noch vermehrt in die Aussenquartiere abgedrängt. Ein Leserkommentar auf Spiegel Online: «Das gemeine Fussvolk kann doch überhaupt nicht überblicken, welche strategischen Vorteile diese oder jene Entscheidung hätte.»

Besser keine «direkte Demokratie»

Hat also Bundespräsident Gauck doch recht, wenn er kürzlich in der Schweiz die Gefahren der direkten Demokratie beschwor, bei denen es um hochkomplexe Themen geht. Doch so komplex war die Auseinandersetzung um das Tempelhofer Feld mit der Alternative «Randbebauung oder nicht» keineswegs. Wie oft auch in der Schweiz hat das Volk mit seinem Verdikt der machtbestimmenden Politik einen Riegel vorgeschoben. Gerade in der repräsentativen Demokratie, wie sie Deutschland kennt, können Volksentscheide wie zu Tempelhof einen wohltuenden Ausgleich zur Arroganz der Macht bedeuten – auch wenn die Folgen Sand ins Getriebe der Politik streuen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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2 Meinungen

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    am 28.05.2014 um 10:24 Uhr
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    Der Tempelhofer Flughafen wurde nicht erst mit der Luftbrücke bekannt – im Gegenteil, das Gelände hat eine tragische Vergangenheit: «Bereits im Frühjahr 1933 wurde dort im Columbiahaus ein wildes Konzentrationslager errichtet, in dem Tausende NS-Gegner gefoltert und misshandelt wurden. Das KZ wurde 1934 geschlossen» [1], ab 1939 «wurden hier 6000 Menschen aus 17 verschiedenen Nationen zur Arbeit gezwungen. In den entlang des Columbiadamms entstanden Baracken waren ab 1939, spätestens ab 1940 Frauen und Männer aller Altersgruppen als ZwangsarbeiterInnen einquartiert. Zu diesen Baracken kamen mit der Zeit zahlreiche weitere Lager als Ergänzungsbauten hinzu. Die hier eingesetzten ZwangsarbeiterInnen produzierten bis zur Zerschlagung des «Dritten Reichs» 1945 Sturzkampfbomber» u.a. Rüstungsgüter.[2]

    Vielleicht spielte die Tatsache, dass diese Vergangenheit nur mangelhaft aufgearbeitet wurde, eine Rolle in der Ablehnung des Projekts.

    [1] http://www.heise.de/tp/news/Neue-Wohnungen-kontra-freies-Feld-2198034.html
    [2] http://www.thf33-45.de/

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    am 1.06.2014 um 13:11 Uhr
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    Das Temeplhofer Feld hat nicht erst in der Nazi-Zeit seine traurige Berühmtheit erlangt. Der Flughafen wurde schon zu Kaisers Zeiten als Exerzierplatz verwendet, später zum Flughafen ausgebaut.

    Die Tatsache das hier ein KZ stand, ist leider tatsächlich nur wenigen Leuten bekannt und wurde erst so richtig publik als die Volksabstimmung beendet war und durch die Medien ging.

    Das Volk hat hier sicherlich nicht falsch abgestimmt, auch wenn der Senat das gerne so sieht. Alleine die Kosten der Erschließung des Geländes wären enorm gewesen. Darüberhinaus hat der Senat in seinem Gesetz keinerlei Angaben zu einer Höchstmiete gemacht. Es soll aber bezahlbarer Wohnraum entstehen, nur wie definiert der Senat dieses? Das sagt er nicht!

    Egal wer da gebaut hätte, es wären Luxuswohnungen geworden die sich kein Normalbürger hätte leisten können.

    Dieser Senat hat diese Mietpreise doch selbst verursacht in dem Jahre NICHTS gebaut wurde und alles eingespart wird. Frei nach dem Motto: Wir sparen uns zu Tode, koste es was es wolle.

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