Kommentar

Die «letzte Generation» und ihre Verfolger

Heribert Prantl © Sven Simon

Heribert Prantl /  Es ist eine kriminelle Vereinigung, behauptet die Münchner Staatsanwaltschaft. Warum das zwar nicht kriminell, aber falsch ist.

Wäre dies hier das Skript für ein politisches Kabarett, dann würde ich jetzt fragen, ob die Generalstaatsanwaltschaft in München eine kriminelle Vereinigung ist, weil sie die „Letzte Generation“ auf ziemlich abenteuerliche Weise als kriminelle Vereinigung verfolgt. Für solche Kalauer aber ist die Sache zu ernst. Beide Seiten machen Fehler: Die Klimaschützer machen kleine Fehler, weil sie mit ihren Klebeaktionen da und dort die Grenze zur Strafbarkeit überschreiten. Und die Strafverfolger machen grosse Fehler, weil sie auf die Klebeaktionen völlig unverhältnismässig reagieren. Sie treiben die Klimaschützer in eine Ecke, in die sie nicht gehören. Beides ist unklug, beides schadet der jeweiligen Sache, ist also dumm; aber Dummheit ist nicht kriminell. 

Polit-populistische Aktionen im juristischen Gewand

Es ist gewiss so: Wer, wie die Klimaschützer, zivilen Widerstand leistet, darf das Strafrecht nicht fürchten; das lehrt die Erfahrung. Wer aber das Strafrecht nutzt, um die Widerständler pauschal zu kriminalisieren und sich populistisch zu profilieren, der hat den Wert der Demonstrationsfreiheit nicht verstanden; das lehrt das Verfassungsrecht. Darf ich Sie an dieser Stelle fragen, worüber Sie sich mehr aufregen: Über die nervigen Protestaktionen der Klimaschützer – oder über die Einschüchterungsaktionen der Münchner Generalstaatsanwaltschaft gegen die „Letzte Generation“? Die Münchner Strafverfolger beschuldigen diese Klimaschützer als „kriminelle Vereinigung“. Kriminelle Vereinigungen sind, so steht es im Strafgesetz, Vereinigungen „deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen“. In ganz Deutschland haben die Strafverfolger mit diesem seltsamen Vorwurf Razzien veranstaltet, Webseiten gesperrt und Konten beschlagnahmt, sie haben einen sogenannten Vermögensarrest durchgeführt, also die Gelder eingefroren – gerade so, als handele es sich bei den Klimaschützern um geldwaschende russische Oligarchen, die auf der EU-Sanktionsliste stehen. War das rechtmässig? War das eine polit-populistische Aktion im juristischen Gewand?

So ein Verdacht liegt sehr nahe: Es handelt sich um einen juristisch verbrämten Populismus. Unter anderem und besonders lautstark hatte die CSU nach strafrechtlichen Massnahmen gerufen – und: voilà! Die Staatsanwaltschaften in Deutschland sind nicht unabhängig von den Regierungen, sondern weisungsgebunden, sie sind nicht Judikative, sie sind Exekutive.  Daran hat sich nichts geändert, obwohl der Europäische Gerichtshof die politische Weisungsgebundenheit der deutschen Staatsanwaltschaft schon vor Jahren massiv kritisierte. Es ist so: Sie verdankt ihr Leben „dem Bedürfnis der Regierung, sich jederzeit Einfluss auf die Strafrechtspflege zu sichern“.  So schrieb das die Juristenzeitung schon zur Weimarer Zeit. Das ist bis heute so geblieben. Die einschlägigen Fälle sind selten, aber dann brisant – so wie gegen die Klimaschützer. Davon handelt mein heutiger SZ-Plus-Text.

Ich fürchte, es ist so: Die Gegner der Klimaschützer radikalisieren sich selbst in einer Weise, wie sie es den Klimaschützern vorwerfen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Kommentar des Kolumnisten und Autors Heribert Prantl erschien am 29. Mai 2023 als «Prantls Blick» in der Süddeutschen Zeitung.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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3 Meinungen

  • am 2.06.2023 um 08:46 Uhr
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    Atomkraftgegner haben sich auch angekettet und Züge und Schiffe blockiert und waren auch nicht «kriminell». Trotzdem mussten erst zwei Atomkraftwerke (massive Gewalt) in die Luft fliegen, bevor sich was geändert hat. Bei der Generation Z geht es nicht nur um das Klima. Es geht vielmehr um die nächste Generation an sich, die «gesehen» und beachtet und nicht ständig übersehen werden möchte. Wir haben die «Kinder » (die Zukunft) vergessen. Wie leben nach dem Motto: Nach uns die Sündflut.
    Wir müssen den Hasen von «morgen» schon heute fressen, weil der Hase von morgen nicht mehr da sein wird ……damit.
    Ich denke , es ist das schlechte Gewissen gegenüber der letzten Generation . Sie macht einen, gegenüber der Zukunft sprachlos, hilflos, machtlos. Deshalb müssen sie verschwinden. Oder, so wie die Alten, nur an das heute denken.

  • am 2.06.2023 um 21:32 Uhr
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    Diese sog. Klimakleber sind erschreckend geistlos, völlig humorbefreit und larmoyant. Dazu sehr gut organisiert, aus seltsamen Quellen finanziert und professionell mediengeil. Kein Grund für Hetzjagden und überschießenden Legalismus, aber ein Grund für genaues Hinschauen. Wer das «Klima retten will», soll lieber was praktisches tun: sich für den Erhalt und Schaffung von Feuchtgebieten (Auen, Moore) einsetzen, mit der Sense mähen (mache ich, es schont praktisch alles), gegen Bodenversiegelung agitieren, vor allem über Flora und Fauna lernen, Pflanzen und Tiere identifizieren können usw. usw. Tomatensoße auf einen Klimt klatschen, hilft keiner Biene und spart keinen Tropfen Wasser. Leute im Stau festhalten, der Polizei und Justiz (damit dem Steuerzahler) Kosten verursachen, verhindert keinen einzigen Waldbrand und keine Algenblüte. Klimakleber sind Aufmerksamkeitsprofis, mehr nicht. Damit passen sie perfekt in unsere völlig veräußerlichte Medienwelt.

  • am 3.06.2023 um 09:48 Uhr
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    Wenn man die «letzte Generation» kriminelle Vereinigung nennt, welche Bezeichnung passt dann auf eine Generation von Politikern, die wider besserem Wissen jahrelang nichts gegen die Klimaerwärmung unternimmt?

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