Abschöpfen und abhauen
Der schwedische Dokumentarfilmer Fredrik Gertten ist als widerständig bekannt. 2009 erzählte er im Film «Bananas!», wie ehemalige Arbeiter des Bananenproduzenten Dole ihren Ex-Arbeitgeber verklagten, da dieser das Pestizid DBCB trotz Verbots in den USA weiterhin in Nicaragua eingesetzt hatte. Dole wollte den Film stoppen und verklagte Gertten. Doch er wehrte sich und schlug mit dem Film «Big Boys Gone Bananas!» zwei Jahre später zurück. Dieser handelte von seinem letztlich erfolgreichen Kampf gegen den Versuch der Firma, ihn mundtot zu machen. Nun hagelte es Einladungen an grosse Festivals und Preise.
Auch Gerttens neuster Film handelt von Gerechtigkeit und dem Kampf für freie Meinungsäusserung. «Breaking Social» (derzeit gratis zu sehen in der Arte-Mediathek) handelt von Kleptokratie, Korruption und lokalen Kämpfen für gerechte Gesellschaften. Gertten ordnet damit bekannte Aufstände, Proteste und Skandale der letzten Jahre neu ein und stellt bisher wenig bekannte Zusammenhänge her.
Malta, Chile, West-Virginia
Gertten reist nach Chile, wo 2019 riesige Demonstrationen für Gerechtigkeit das Land veränderten, und er reist er nach West-Virginia, wo 2018 die Lehrpersonen streikten. Ihr Lohn reichte kaum zum Leben, während Bergbaufirmen den rohstoffreichen US-Bundesstaat plünderten. An einer Kundgebung skandierten sie: «Wir lieben unsere Kinder!»
In West-Virginia trifft Gertten auch Sarah Chayes, welche auf der ganzen Welt kleptokratische Regimes analysiert. Sie sagt ihm, dass sie ein Modell basierend auf korrupten Entwicklungsländern entwickelt und auf die USA angewandt habe. «Dass es passt, hätte ich erwartet. Aber nicht in diesem Ausmass.» Schwere, strukturelle Korruption folge einem Schema. In West-Virginia läuft dies gemäss Chayes nach dem Motto Extraktion: Nehmen und nichts zurückgeben. Wenige Leute werden extrem reich. Aber nichts bleibt vor Ort. Kein Gewinn kommt den einfachen Leuten oder dem Land zugute.

Freier Verkehr für Reiche
Dies zeigt sich auch in Malta, wo Gertten nach der Ermordung der Journalistin Daphne Caruana Galizia erfährt, wie sich eine kleine Kaste in kurzer Zeit auf Staatskosten enorm bereicherte. Zum kleptokratischen System Maltas zählt Gertten auch das Passprogramm, zu welchem Galizia zum Zeitpunkt ihrer Ermordung recherchierte. Damit können reiche Ausländer in Malta für viel Geld einen EU-Pass kaufen.
Dies führt ihn zur hierzulande noch wenig bekannten Geschichte des englischen Ex-Soldaten Sven Hughes, der in der Karibik Wahlkämpfe plante und durchführte. Eines Tages erfuhr er, dass einer von ihnen fast komplett von der Firma Henley & Partners finanziert wurde – einer Firma, die solventen «Weltbürgern» Pässe besorgt.
Hughes sagt im Film: «Zur Vermeidung von Steuern wechseln Weltbürger wie selbstverständlich zwischen Identitäten und Staatsbürgerschaften. Für alle möglichen Länder wie Portugal, Spanien, Grossbritannien, Karibikstaaten und Malta kann man Pässe kaufen und erwirbt so die Staatsbürgerschaft. Diese neugeschaffenen Bürger existieren jenseits normaler internationaler Verantwortung und Rechenschaftspflicht.»
Gemäss Hughes war der Schweizer Anwalt Christian Kälin von Henley & Partners in direktem Kontakt mit Politikern und formulierte ausdrücklich die Wünsche seiner milliardenschweren Klientel für grosse Veränderungen im Land.

Gemäss Hughes haben diese globalen Eliten eine transnationale Welt geschaffen, die nur ihnen allein gehört. Technisch gesehen mögen sie Bürger des einen oder anderen Staates sein. Aber selbst würden sie sich nicht so sehen. Sie lebten in ihren Jets, auf ihren Jachten und in Luxushotels. Sie fühlten sich keinem Land oder dessen Bürgern verpflichtet. «Sobald man kleptokratische Beamte oder Wirtschaftsführer ins System aufnimmt, färben ihre Praktiken ab.»
«Dieses neuartige Gebilde », so Hughes weiter, «bringt Personen an die Macht und entfernt sie auch. Kein Gesetz wird diesen neuartigen Unternehmen gerecht. Weltweit kaufen reiche Leute Pässe und entscheiden, wer regiert und wer nicht. Es gibt einen Mechanismus dafür.» Die ARD erklärte das Modell auch anderer Passhändler vor vier Jahren. Es dürfte auch für die Schweiz relevant sein, weil EU-Angehörige beim Immobilienerwerb in der Schweiz die gleichen Freiheiten geniessen wie Schweizerinnen und Schweizer.
Ein Verdienst Gerttens ist, dass er nicht in der Anklage verharrt. Er spricht auch mit dem holländischen Historiker Rutger Bregman. Dieser erklärt im Film, dass Menschen nicht natürlich korrupt seien. Dass, wie in der Evolutionstheorie postuliert, die Stärkeren überlebten, stimme nicht. Treffender wäre gemäss ihm, von einem Überleben der Freundlicheren zu sprechen. «Wir sollten nutzen, was in uns angelegt ist. Die Evolution verlief in Richtung mehr Nähe zueinander. Doch unsere Gesellschaften erhöhen die Distanz. Das erzeugt Stress und führt zu Problemen.»
Der ausbeuterischen Individualisierung, zeigt Gertten anhand verschiedener Beispiele, kann denn auch erfolgreich mit kollektivem Handeln begegnet werden. Und, so suggeriert Bregman, mit einem Beharren auf Nähe und Verantwortung.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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