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Schwangere können nicht selber über ihren Körper bestimmen. © iug

Frauen bleiben entmündigt

Barbara Marti /  Eine Impf- oder Organspendepflicht soll es nicht geben. Doch Frauen bleibt eine eingeschränkte Selbstbestimmung über ihren Körper.

In aktuellen Debatten steht das Recht auf körperliche Selbstbestimmung im Mittelpunkt. So soll es beispielsweise keine Pflicht geben, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Organspenden muss man zu Lebzeiten ausdrücklich zustimmen.

Nun planen jedoch einige Länder wie die Schweiz einen Systemwechsel: Wer zu Lebzeiten eine Organspende nicht ausdrücklich ablehnt, gilt nach seinem Tod als potentieller Organspender. In Deutschland hat das Parlament letztes Jahr einen Wechsel zu dieser Widerspruchsregel abgelehnt. In der Debatte war das Selbstbestimmungsrecht über den Körper ein wichtiges Argument. Niemand soll gesetzlich verpflichtet sein, jemandem ein Organ spenden zu müssen. Denn niemand hat das Recht, den Körper eines anderen Menschen gegen dessen Willen zu benutzen. 

Staat entmündigt Schwangere 

Für schwangere Frauen gilt dies nicht. Denn die meisten Staaten nehmen sich das Recht heraus, Schwangeren das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper abzusprechen. Schwangerschaftsabbrüche gelten rechtlich als Straftat und sind lediglich unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Frauen müssen beispielsweise Fristen einhalten und Zwangsberatungen auf sich nehmen, um keine Strafen zu riskieren. Einige Staaten wie der EU-Mitgliedstaat Malta nehmen Schwangeren das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper gleich ganz weg. Dort herrscht ein Austragungszwang, sogar nach einer Vergewaltigung oder bei Lebensgefahr für die Schwangere. Wer abtreibt, riskiert eine Gefängnisstrafe. Anfang dieses Jahres berichteten Medien in den USA, dass republikanische Politiker im Bundesstaat Tennessee ein Gesetz vorschlagen, das Männern sogar ein Vetorecht bei Schwangerschaftsabbrüchen einräumt – selbst nach einer Vergewaltigung. 

Es geht um Macht

Das Selbstbestimmungsrecht über den Körper, das in Diskussionen über Impfungen und Organspenden als hohes Gut gilt, haben Frauen also nicht. Ihre Entmündigung basiert auf dem tief verankerten Vorurteil, dass man Ungeborene vor egoistischen Frauen schützen muss. Doch diesen angeblich egoistischen Frauen dürfte man auch kein Baby anvertrauen, schrieb die feministische Autorin Laurie Penny im US-Politikmagazin «The New Republic». Schlussendlich gehe es wie bei einer Vergewaltigung um Macht und die Kontrolle von Frauen. Denn es sei unmöglich, dass zwei das gleiche Recht auf denselben Körper haben.

Keine Impfpflicht, aber eine Gebärpflicht

Gegen staatliche Corona-Massnahmen, die sie als übergriffig erachten, sind Menschen auf die Strasse gegangen. Dabei sind Vorgaben wie Maskenpflicht und Abstandsregeln im Vergleich zu einer erzwungenen Geburt harmlos. Die meisten Staaten zwingen niemanden, sich impfen zu lassen oder Blut zu spenden, um Leben zu retten. Doch genau mit diesem Argument rechtfertigt der Staat den Zugriff auf den Körper von Schwangeren. Wenn das Selbstbestimmungsrecht über den Körper tatsächlich ein so hohes Gut ist, wie man jetzt behauptet, dürfte der Staat Frauen nicht mehr zwingen, gegen ihren Willen ein Kind auszutragen. Schwangerschaftsabbrüche müsste er aus dem Strafgesetzbuch streichen.

Schwangerschaftsabbruch entkriminalisiert

Neuseeland geht diesen Weg und hat kürzlich Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisiert. Diese sind nicht mehr im Strafrecht, sondern wie andere körperliche Eingriffe als medizinische Behandlung im Gesundheitsrecht geregelt. Damit hat auch ein Fötus keinen Rechtsanspruch mehr darauf, den Körper eines anderen Menschen gegen dessen Willen zu benutzen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin ist Redaktorin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift FrauenSicht.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Gleiche Rechte für Frauen und Männer

Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

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7 Meinungen

  • am 8.06.2021 um 12:28 Uhr
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    Respekt und Achtung vor dem ungeborenen Leben muss jeder Mensch in eigener Verantwortung pflegen. Sei das als Zeuger, als Empfangende oder als in das Töten involvierte Drittpersonen – niemand kann sich seiner psychischen „Bumerang‘s“ entziehen. Kein Gesetz kann durch töten entstehende seelische Lasten neutralisieren. Unser Rechtsstaat ist nicht dazu geeignet, psychische Schäden, die durch das Töten ungeborenen Lebens entstehen, zu heilen. Psychotherapie und „Beichte“ (!?!) können eher eine Entlastung bewirken. Lust und Last sind zutiefst im Menschen verankert. Gut und Böse wird uns auf dem gleichen Silbertablet serviert. Weder intellektuell noch juristisch können wir uns die Last des unerwünschten, ungeborenen Lebens schönreden.

  • am 8.06.2021 um 18:08 Uhr
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    «Frauen müssen beispielsweise Fristen einhalten und Zwangsberatungen auf sich nehmen, um keine Strafen zu riskieren.» – Das scheint mir das Mindeste zu sein was einem Schwangerschaftsabbruch vorangehen muss, sonst können wir unseren Humanismus gleich ganz entsorgen. – Ein Austragungszwang scheint mir im Interesse des Neugeborenen auch keine Lösung zu sein, es käme in den meisten Fällen einer schleichenden Abtreibung nach der Geburt gleich, das sollten wir diesen Kindern, deren Zukunft ohnehin fraglich ist, ersparen.

  • am 9.06.2021 um 08:44 Uhr
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    Ich teile die Meinung der Autorin nicht, dass ein Kind einfach «der Körper der Frau» ist. Zumindest bei Fristen hört diese Vereinfachung m.E. auf: In China ist Abtreibung bis zur Geburt erlaubt, auch ohne Zustimmung des Vaters. Und so sehr ich China sonst liebe, es ist grauenhaft wenn das eine Kind nach Kaiserschnitt im 7. Monat geötet wird, weil es eine Abtreibung war, während das andere leben darf, weil es eben eine Frühgeburt war. In der Schweiz haben wir eine sehr vernünftige Regel, welche Rechte von Kind, Vater, und Mutter/Frau ausbalanciert. Mit Schlagworten wie «Recht auf den eigenen Körper» kommen wir da nicht weiter. Der Embryo ist schliesslich nicht der «eigene Körper» der schwangeren Frau.

  • am 9.06.2021 um 13:39 Uhr
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    Wenn ich mir die d e u t s c h e Diskussion um Kinder und Kinderzahl anschaue, dann gibt es auf der einen Seite die «Demografiepanik» (zu wenig Kinder), auf der anderen Seite aber den schiefen Blick auf die angeblich zu hohe Kinderzahl bei den ärmeren Bevölkerungsschichten. Bei diesen sind die betreuungsintensiven Kleinkinder ein Hindernis für die Erwerbstätigkeit der Mütter, bei den geflüchteten Frauen ein Hindernis beim Besuch von Deutsch- und Integrationskursen für die spätere Erwerbstätigkeit. Bei Schülerinnen, Auszubildenden und Studentinnen stehen Schul-, Ausbildungs- bzw. Studienabschluss auf dem Spiel. Da heißt es schnell, «das hättet ihr besser planen können».

    Soll heißen, nicht jedes Kind ist in dieser Gesellschaft wirklich willkommen, es muss schon aus dem «richtigen» Hause kommen und in die «passenden» Umstände und zum «richtigen» biografischen Zeitpunkt geboren sein.

    Ganz zu schweigen von den immer noch vorhandenen Arbeitgebern, die einer Frau nicht zutrauen, Berufstätigkeit und Kindererziehung zeitlich flexibel miteinander vereinbaren zu können, weil es bekannterweise an öffentlicher Betreuungsinfrastruktur mangelt.

    Der Humanismus einer Gesellschaft fängt bei den oben genannten Faktoren an und nicht bei der Frage, ob Abtreibung von Föten erlaubt oder verboten sein soll.

  • am 14.06.2021 um 21:38 Uhr
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    Wenn es wirklich um den Schutz des Lebens ginge, dann würde alles dafür getan, daß die Frau nicht stigmatisiert wird. Daß Kinder kein Armutsrisiko darstellen und Alleinerziehende nicht von der Gesellschaft und den politischen Weichenstellern allein gelassen werden. Daß Vergewaltigungsopfer ohne wenn und aber geschützt und unterstützt werden. Wer redet vom Schutz des Lebens von diesen Frauen und Mädchen? Von den oft traumatischen Erfahrungen, daß man ihnen nicht glaubt oder daß man ihnen unterstellt, ’selbst schuld zu sein›?

    Die Weichen im gesellschaftlichen Leben müssen so gestellt werden, daß Frauen genauso frei über ihren Körper verfügen können wie Männer und dem gleichen Wertesystem unterliegen. Und das bedeutet auch, genauso souverän über Reproduktion zu entscheiden.

  • am 10.09.2021 um 20:17 Uhr
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    Es sollte aber auch ein Recht auf Familienplanung für Männer geben. Wenn eine Frau bspw. nach einem Verhütungsunfall weder die «Pille danach» noch eine Abtreibung akzeptieren will, müsste es dem Mann erlaubt sein, auf die Elternschaft in rechtlicher Hinsicht zu verzichten, um nicht in seiner persönlichen familienplanerischen Selbstbestimmung beschnitten zu werden.

    Es gibt genug Fälle, in denen Frauen Männern ein ungewolltes Kind in betrügerischer Weise anhängen oder die Verhütung auf die leichte Schulter nehmen und dann ihre persönliche Präferenz, das Kind zu gebären, ohne Rücksicht auf ihren Partner durchsetzen – einfach weil ihnen der Staat garantiert, dass sie den Vater belangen kann.

    Wenn wir einer vergewaltigten Frau nicht eine ungewollte Elternschaft und ein Kind, welches sie ständig an das traumatisierende Erlebnis der Vergewaltigung erinnert, zumuten wollen., dann müssten wir es doch wenigstens einem ebenfalls durch Übergangenwerden traumatisierten Mann ermöglichen, die Selbstbestimmung über sein Leben zu behalten, statt ihn in die psychische Zwangslage zu bringen, dass er sich (zusammen mit einer Frau, die ihn übergangen hat) um ein Kind kümmern muss, das ungewollt war.

    Früher gab es kaum Verhütungsmittel und eine ungewollt Schwangere war ausgeliefert; der Vater konnte sich aus der Verantwortung stehlen. Heute haben Frauen unzählige Verhütungsmittel, die «Pille danach», gratis Abtreibungen, Babyklappen, DNA-Tests und das Recht auf ihrer Seite – Männer gar nichts!

    • Christian Müller farbig x
      am 10.09.2021 um 22:54 Uhr
      Permalink

      «Männer haben gar nichts»? Männer, die keine Kinder mehr haben wollen, können sich einer Vasektomie unterziehen. Das ist eine einfache und saubere Lösung und macht es unnötig, dass die Ehefrau das Verhütungsproblem lösen muss. Aber das ist hierzulande eben nicht so populär, weil die (meisten) Männer fürchten, dabei an Sexualkraft einzubüssen. In Kanada zum Beispiel ist man da ein bisschen weiter.

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