«Die Frauenbewegung übertreibt»: Alter Vorwurf neu aufgelegt

Barbara Marti © zvg

Barbara Marti /  Die Frauenbewegung soll schuld daran sein, dass es «ganz, ganz vielen Männern nicht so gut geht». Dies suggerierte die «Rundschau».

Männer finden sich in einer Gesellschaft nicht mehr zurecht, die angeblich Weiblichkeit bevorzugt und Männlichkeit abwertet. Das ist die Quintessenz einer Reportage des Magazins «Rundschau» im öffentlich-rechtlichen Schweizer TV-Sender SRF. «Ein Thema, explosiv wie ein Minenfeld, aber eines, das manche Männer beschäftigt», sagte Moderator Dominik Meier. Sechs Männer stehen im Beitrag mit Namen zur Behauptung, dass Frauen heute in der Gesellschaft bevorzugt werden. Es sind ein Mentaltrainer, ein Potential-Coach, zwei Life-Coaches, ein Ex-Militärpolizist und ein Werbetexter. Fachmänner kamen im Beitrag der Journalistin Rahel Sahli nur im Schutz der Anonymität und Fachfrauen gar nicht zu Wort. 

Die «Schattenseite der Frauenbewegung»

Das Leiden der Männer ist laut der Reportage die «Schattenseite der Frauenbewegung». Werbetexter Sämi Weber, der als Experte für gendergerechte Sprache, sich kümmernder Vater und Freund der Frauenbewegung vorgestellt wird, sagt: «Man muss sich fragen, wie lange man Frauen bei der Jobsuche noch bevorzugt behandeln will». Es sei ungerecht, wenn heutige Männer den Preis für die Macho-Männer der Vergangenheit zahlen müssen. «Man kann nicht das eine Schlechte mit dem nächsten Schlechten bekämpfen.» Die Frauenbewegung sei ins Extreme gekippt: «Die Bewegung ist übergekippt, es wird völlig übertrieben.» Die Gesellschaft verteufle alles Männliche. «Wahrscheinlich braucht es jetzt eine radikale Männerbewegung, damit das Pendel auf die andere Seite zurückschlägt. Diese sollte aber nur kurz sein. Dann soll es wieder ein Miteinander sein statt das ewige Gegeneinander.»

Fokus auf den einzelnen Mann

Rahel Sahli fragte Weber leider nicht, was denn konkrete Ziele einer «radikalen Männerbewegung» sein sollten. Andere planen bereits eine schweizweite Männerbewegung. Zweck soll es sein, der Frauenbewegung «zu begegnen», sagte Lifecoach Hannes Hochuli in der «Rundschau». Aufgewachte und innerlich erstarkte Männer sollen sich vernetzen, damit sie für Frauen im Job und in der Beziehung wieder ein gutes Gegenüber sind. Auf der rasch online gestellten Webseite heisst es: «Männer Netzwerk Schweiz unterstützt Männer, die sich auf die Suche nach einem authentischen und erfüllenden Mann-Sein machen, bringt sie in Verbindung und Bewegung.» 

Frauenbewegung will Strukturen ändern

Mit der Konzentration auf das Individuum geraten gesellschaftliche Strukturen aus dem Blickfeld. Das zeigt auch der «Rundschau»-Beitrag. Hingegen ist es Priorität der angeprangerten Frauenbewegung, die Strukturen einer Gesellschaft zu verändern, die immer noch zum Nachteil von Frauen eingerichtet ist. Der Vorwurf, «zu weit» zu gehen, begleitet die Frauenbewegung seit den Anfängen. Doch die Frauenbewegung, der Feminismus, die Frauen müssen immer «zu weit» gehen, weil sich sonst nichts verändert. Wenn die Frauenbewegung tatsächlich so machtvoll wäre, wie der «Rundschau»-Beitrag suggeriert, müssten Frauen sich längst nicht mehr mit tieferen Löhnen und Renten zufriedengeben und den Grossteil der unbezahlten Betreuungsarbeit erledigen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Die Autorin ist Redaktorin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift «FrauenSicht».
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