Buchkritik: Die Schule im Dienst der Kontrollgesellschaft

Bernhard Bonjour /  Anpassungs- und Leistungsdruck und keine Seele mehr: Helmut Bonney kritisiert in seinem neuen Buch Fehlentwicklungen der Schule.

Was läuft schief an unseren Schulen? Ein Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens («Mein Leben und der Notenschnitt») hat kürzlich Eltern und alle, die mit Kindern mitfühlen können, erschüttert. Auf die Fragen, die er aufwirft, gibt ein eben erschienenes Buch des Kinder- und Jugendpsychiaters Helmut Bonney Antwort. Er stellt den Irrglauben an die Messbarkeit von allem und jedem und die Vernachlässigung elementarer menschlicher Bedürfnisse in ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieses Buch müsste zur Pflichtlektüre werden für die an der Schule Beteiligten, Lehrer, Schulpsychologinnen sowie alle, die in der Bildungsforschung und in der Bildungsverwaltung tätig sind.

Der etwas sperrige Titel «Rohstoff Kind – Zwischen Freiheit und Kontrolle» erschliesst sich im Laufe der packenden Lektüre. Es sei gewarnt: Das angenehm kurze Buch führt zu Erkenntnissen, die das Denken erschüttern und das Handeln verändern können. Die ziemlich wilde Mischung von Berichten aus einem Forscherleben, gesellschaftlichen Analysen, Zusammenfassung der Theorien spannender Vordenker und von ganz konkreten Beispielen aus der psychotherapeutischen Praxis macht die Lektüre kurzweilig und anregend.

Der Kinderarzt und Psychiater Helmut Bonney ist einer der Köpfe der systemischen Psychotherapie. Er hat neben seiner Tätigkeit in Heidelberg eine zweite Praxis in Liestal eröffnet, wo er sich des Andrangs Hilfesuchender kaum erwehren kann. Wenn Kinder und Jugendliche in schwierigen Situationen zu ihm gelangen, engagiert er sich getreu seinem systemischen Ansatz gleichermassen für die ganze Familie und für eine Verbesserung der Situation in den Schulen und Ausbildungsstätten. Dabei setzt er sich bei den Bildungsbehörden dafür ein, dass die Bedürfnisse und Anliegen seiner Klientinnen ernst genommen werden – und macht sich damit nicht nur beliebt.

Der Rückblick auf ein langes Forscher- und Therapeutenleben zeugt von der Neugier eines Arztes, der sich mit bisherigen Erkenntnissen nicht zufrieden gibt, sondern stets weiter sucht nach Erklärungen und neuen Ansätzen. Es ist faszinierend, wie viele Wissenschaftsgebiete er dabei erfasst und in einen überraschenden Zusammenhang bringt. Erschütternd ist dabei, wie Erkenntnisse, die sich einmal durchgesetzt haben, in der Forschung und in der Praxis des Mainstreams wieder in Vergessenheit geraten sind oder aus Bequemlichkeit nicht mehr beachtet werden.

Bonney geht von den Gedanken des französischen Sozialphilosophen Gilles Deleuze über die subtilen Kontrollmechanismen der aktuellen Gesellschaft aus und verknüpft sie mit den grossen literarischen Dystopien von Aldous Huxley («Brave New World») und George Orwell («1984»).

Zentral ist für Bonney die Erkenntnis, dass Denken und Lernen untrennbar verbunden sind mit Emotionen und dass das Erleben und die Gefühle für die seelische Entwicklung entscheidend sind. Und: Für die Ausbildung der emotionalen Erlebnisfähigkeit braucht es sowohl Freiräume als auch verlässliche Beziehungen. Bindungsstörungen sind gemäss seiner Praxiserfahrung häufige Ursachen für Leid. Aber heute stellt er fest: 

«Eine im Grunde lapidare Erkenntnis ist scheinbar in Vergessenheit geraten: Emotionen bilden unabdingbare Voraussetzungen für das Denken – eine Erkenntnis, die uns selbstverständlich erscheint. Eltern, Erzieherinnen, Lehrer – eigentlich wissen das doch alle.»

In der aktuell dominierenden psychologischen und psychotherapeutischen Forschung und Praxis und erst recht in der Bildungswissenschaft dominieren Statistiken. Die Messbarkeit von neurologischen und biochemischen Prozessen und von intellektuellen Leistungen verführt zu schrecklichen Vereinfachungen. Beim Umgang mit Entwicklungsproblemen werden die seelischen Bedürfnisse schlicht vergessen.

«Wir ergeben uns seit Kindergarten und Schule den dort verlangten Lernprogrammen, um das Gefühl der Anerkennung zu erfahren. Uns wird Erfolg versprochen, wenn wir Leistungen zeigen. (…) Ich habe den Eindruck, dass in unserer Kultur trotz aller wissenschaftlich erarbeiteten Kenntnisse über die Seelentätigkeit eines in Vergessenheit geraten ist: unsere fundamentale Abhängigkeit von seelischen Vorgängen und tragfähigen Beziehungen zu anderen Menschen.»

Das führt fatalerweise auch in der Psychotherapie zur Illusion, Entwicklungsprobleme seien durch biochemische Eingriffe zu bewältigen – durch Medikamente. Sie sollen die Selbstregulation bringen, wie sie von der Kontrollgesellschaft gefordert wird. Bonney vergleicht das mit der Glücksdroge «Soma», die in Orwells Vorwegnahme der Kontrollgesellschaft dazu dient, die Menschen ruhig zu stellen.

«Es ist (…) naheliegend, die gegenwärtige Konzentration unserer Gesellschaft auf das Erkennen von Aufmerksamkeitsstörungen und die Forderung nach umgehender Korrektur als Ausdruck kontrollgesellschaftlicher Anstrengungen aufzufassen.»

Bonney sieht diese Geringschätzung der seelischen Bedürfnisse auch in der aktuellen Entwicklung im Bildungswesen am Werk. Die Überbetonung messbarer Leistungen, der damit verbundene Anpassungsdruck und die alles dominierende Selektion verursachen viel Leid bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen und deren Familien. Im Grunde genommen wissen sowohl die Kinder als auch die Eltern und mit ihnen die Mehrheit der LehrerInnen, wie falsch diese Entwicklung ist, aber bei den Schulbehörden und fatalerweise auch bei den schulpsychologischen und psychiatrischen Einrichtungen stossen sie meist auf taube Ohren und werden mit ihren Sorgen und ihrem Leiden alleingelassen.

«Mit Eltern und Pädagogen habe ich bisweilen zu erörtern, ob sie die Kinder zu «aufmerksamen Mittelwertsmenschen» erziehen wollen (…). Weichen Kinder von diesen Erwartungen ab, scheint das dann nach Krankheitskategorien und womöglich Arzneiverordnung zu rufen. Ich finde, es ist ganz und gar nicht berechtigt, das Verhalten wahrnehmungsintensiver und handlungsbereiter Kinder, die mit Leidenschaft leben, durch Medikamente zu modulieren, damit sie leichter zu führen sind.»

Bonney nimmt Partei für die Opfer dieser Entwicklung, die Kinder und Jugendlichen und ihre Familien. Er stellt fest, dass die Konzentration auf Anpassung und – ziemlich einfach definierte – Leistung in der Schweiz von den Anfängen der Primarstufe nun auch schon auf den Kindergarten durchdrückt. Und er staunt darüber, dass hierzulande den Eltern das Schulmodell für ihre Kinder aufgezwungen wird und keine Wahl alternativer Modelle möglich ist. Es sei denn, die Eltern seien in der Lage, enorme Summen für den Besuch einer Privatschule selbst aufzubringen.

Das Buch beschränkt sich aber nicht auf die Schilderung und Analyse dieser Fehlentwicklungen. Bonney zeigt sehr lebhaft und anschaulich Alternativen auf. Dabei beruft er sich auf Ideen und Erkenntnisse unter anderem von Martin Buber, Luc Ciompi und des brasilianischen Philosophen und Politikers Roberto Mangabeira Unger. Es gehe darum, «uns von einer zu eng gefassten Verpflichtung zu Normalität zu lösen». Stattdessen sollen wir anerkennen, dass der Einzelne nach Unverwechselbarkeit strebt. Die Entwicklung von emotionalem Reichtum und die Ausprägung der Fantasie statt Anpassungs- und Leistungsdruck würde passioniertes Handeln fördern, auf das unsere Gesellschaft dringend angewiesen wäre. Wenn sich Persönlichkeiten entwickeln könnten, die unangepasst sind und Neues ausprobieren, wenn nicht die Angst vor dem Risiko und der Anpassungsdruck alles unterdrückten, dann könnte Freiheit entstehen und könnten Handlungsmöglichkeiten erweitert werden. Fantasie und Freiheit sind die Voraussetzung, damit sich die Gesellschaft weiter entwickeln kann und nicht in der Kontrollgesellschaft, wie sie Huxley und Orwell beschreiben, erstickt.

Dieses Buch beeindruckt durch das lebenslange Engagement des Autors dafür, dass die Bedürfnisse des Kindes und Jugendlichen ernstgenommen werden und sich so Freiheit und Handlungsmöglichkeiten entwickeln können. Es kann auch Eltern, Betreuende und in der Bildung Tätige stärken und dazu ermutigen, sich nicht in den Dienst der Kontrollgesellschaft zu stellen, sondern die Freiheit und damit das Leben zu fördern.


Helmut Bonney, Rohstoff Kind – Zwischen Freiheit & Kontrolle, Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2021, 146 Seiten, CHF 31.90

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Bernhard Bonjour ist pensionierter Gymnasiallehrer und als Stiftungsrat und Lehrer in der Alternativschule SOL in Liestal tätig.
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7 Meinungen

  • am 2.06.2021 um 11:46 Uhr
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    Und wenn sie nicht spuren, zwingt man Ritalin auf! Irgendwann landen sie im Gefängnis und wieder
    wird mit falschen Diagnosen «psychologisch» behandelt und zu Geständnissen gezwungen, bis sie
    selber nicht mehr wissen, wer sie sind. Fazit davon ist, dass sie kaum mehr raus kommen.

    0
  • am 2.06.2021 um 12:36 Uhr
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    Helmut Bonney’s Kritik teile ich grundsätzlich. Besonders stossend finde ich es zudem – und das sage und schreibe ich als Bildungswissenschafter seit gut 30 Jahren – dass Schulreformen aufwändig dem Zweck dienen, dass im Prinzip alles beim Alten bleiben kann. Bis 2012 war ich selber Teil dieses Systems. Inzwischen frei und gratis schaffend, sehe ich es von aussen noch deutlicher. Die Mehrheit der Alten kann und will kaum etwas wirklich substanziell wirksam ändern. Und die Mehrheit der Jungen weiss und schafft es nicht anders. Wichtig ist eine Bildung, die Aufklärung beinhaltet und Menschen befähigt, Wahrheiten souverän zu erkennen und Solidarität zu leben. In Schulen mit Rennbahnpädagogik, wo leidvoll und verlustreich gelernt wird, um zu gewinnen und nicht für die Bildung, ist das nicht möglich. Zudem: mit einer Bildungsorganisation, die grundsätzlich in der Sackgasse «Bildung=Schule» stecken bleibt, können die Chancen, die in und mit einer offenen, alle und alles umfassenden BildungsGemeinschaft bestehen, nicht genutzt werden. – Wichtig ist es jetzt, Corona auf keinen Fall als Anlass zu nehmen, um den Anpassungs-, Kontroll- und Leistungsdruck noch weiter zu verstärken. Ich lade dazu ein, die Pandemie als Katalysator zu verstehen, um prominent und wirkungsvoll zu fragen, ob eigentlich unsere Schulen unabhängig von Corona nicht gesund und deshalb grundsätzlich veränderungsbedürftig sind?

    0
  • am 2.06.2021 um 13:03 Uhr
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    Gelernt wird für das Leben eben
    und Lehr-Plan -neu- liegt nicht daneben !

    Denn Ideal der Obrigkeiten –
    voraus geplant für neue Zeiten-

    ein funktionierender Bürger ist,
    dergut sich man-pulieren lässt !

    Ganz klar, dass künftig Emotionen
    blockieren gar zu viel Funktionen !

    Rechen-Kunst und Logik sind gefragt –
    und dass keiner sich zu weit vorwagt-

    aus irgend menschlichen Gefühlen –
    die Sand in all den «grossen Mühlen» !

    Die Zeit der Humanität
    ist alt drum krank und geht !

    Und all wi rOldies gehen mit — —
    wer nicht konform, bekommt nen Tritt !

    Wolf Gerlach, Ingenieur

    0
  • am 2.06.2021 um 14:03 Uhr
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    «Er stellt den Irrglauben an die Messbarkeit von allem und jedem und die Vernachlässigung elementarer menschlicher Bedürfnisse in ihren gesellschaftlichen Zusammenhang.» – Dass in unserer seit Corona deutlich spürbaren Orwell-1984-Kultur die Kinder nur noch als «Rohstoff» wahrgenommen werden, verwundert nicht. – Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch nach 1.Mose 1.27 im Bilde Gottes geschaffen wurde, dann ist dieser Mensch auch im Sinne und Geist dieses Gottes auszubilden.
    Dazu gehört eine genaue Kenntnis der biblischen Geschichte und eine Ausbildung in der neutestamentlichen Lehre. (Das ist nicht zu verwechseln mit den Widersprüchen einer theologischen Ausbildung). Eine solide Bibelkenntnis schärft das eigene Denken und das Unterscheidungsvermögen gegen all diese Ideologien und Irrtümer, die pausenlos an uns herangetragen werden. Nicht zuletzt vermittelt die Bibel Glaube, Seelsorge und Hoffnung in dieser doch recht tristen Welt. – «Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt.» aus 2. Timotheus 3.

    2
  • am 2.06.2021 um 14:24 Uhr
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    Die Schule produziert Verlierer. Solange wir der Meinung sind, dass ein Intelligenzquotient entscheidend ist für das Gelingen des Lebens, wird das auch so bleiben. Die Ausrichtung der Schule auf Selektion hat sich so in den Köpfen der Bildungsverantwortlichen festgesetzt, so dass es unmöglich ist, daran zu rütteln. Vor 24 Jahren wollte ich es genau wissen und habe das Projekt REOSCH (Ressourcenorientierte Schule) in Bern auf die Beine gestellt (www.reosch.ch) . Mit Erfolg. Ich habe die Philosophie und die Werkzeuge im Buch «Ressourcenschnüffler» (Utz-Verlag München) beschrieben.
    Es ist höchste Zeit, dass wir uns über unser Bildungssystem Gedanken machen.

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  • am 2.06.2021 um 19:59 Uhr
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    Vielen Dank für diesen Beitrag und die Buchbesprechung. Wir sollten die Zukunft nicht nach unseren Vorstellungen und Narrativen planen, sondern für unsere Kinder. Sie müssen darin ein lebenswertes, friedvolles Leben leben können. Die Kernfragen sind uns leider diesbezüglich völlig abhanden gekommen, Zitat: „Nicht gefragt soll werden: Was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung die besteht, sondern: Was ist im Menschen veranlagt und kann in ihm entwickelt werden? Dann wird es möglich sein, der sozialen Ordnung immer neue Kräfte aus der heranwachsenden Generation zuzuführen. Dann wird in dieser Ordnung immer das leben, was die in sie eintretenden Menschen aus ihr machen. Nicht aber wird aus der heranwachsenden Generation das gemacht werden, was die bestehende soziale Organisation aus ihr machen will.“ (Steiner R, 1919, S. 35 ff.)

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  • am 6.06.2021 um 10:38 Uhr
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    Der große Paradigmenwechsel hat längst stattgefunden:
    Sahen früher Religion und später die Aufklärer den Menschen immer als Individuum mit seinen Gefühlen und Erfahrungen, ist er im heutigen Zeitgeist genormt und standadisiert. Masse oder eben Big data. Jede Individualität wird als Abweichungen von der Norm gesehen. Die Norm/Masse ist das, worauf sich die kommerziellen Algorithmen beziehen, der Mensch muß möglichst genau vorhersagbar und steuerbar werden, das geht eben nur über Leistungsmessung, Vereinheitlichung und möglichst wenig Individualität. Dazu müssen die Weichen früh gestellt werden.
    Ein Schelm, wer Böses denkt, daß die sog. Eliten ihre Kinder in Privatschulen schicken, wo Handy und Co. verpönt wenn nicht gar verboten sind.

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