Wachstum Umwelt © Quelle: Living Planet Report 2012 / HPG / Grafik: Die Südostschweiz

Ökologische Kapazitat und ökologischer Fussabdruck im Vergleich

Naturhaushalt ist defizitärer als Staatshaushalt

Hanspeter Guggenbühl / 16. Mai 2012 - Die Verschuldung der Menschheit gegenüber der Natur wächst und ist zehnmal grösser als die viel beklagten Staatsschulden.

Die Daten der Staatshaushalte sind präzis, omnipräsent und tiefrot. Zusammengefasst und gerundet zeigen sie: Die Staatsschulden in den USA, in Japan und der EU zusammen summierten sich Ende 2011 auf über 30 000 Milliarden Schweizer Franken. Diese kumulierten Schulden sind etwa gleich hoch wie das Bruttoinlandprodukt (BIP), welches die selben Länder in einem Jahr zusammen erwirtschaften. Das heisst: Um ihre Staatsschulden zu tilgen, müssten die Menschen (oder ihre Nachkommen) ein Jahr lang gratis arbeiten.

Die Staatsverschuldung zählt zu den grössten Problemen der industrialisierten Welt. Doch dieses Problem ist lösbar. Denn den Schulden der öffentlichen Hand, aber auch von Banken und vielen Privatpersonen, steht global ein ebenso grosses Guthaben gegenüber. Allerdings konzentriert sich dieses Vermögen mehrheitlich in den Händen einer kleinen Minderheit.

Öko-Kapazität und ökologischer Verbrauch bilanziert

Neben monetären Daten gibt es auch eine Buchhaltung über die Natur (welche die Grundlage allen Lebens bildet). Geführt wird diese vom «Global Footprint Network» in Kalifornien. Die Naturbuchhalter rechnen nicht mit Dollar oder Franken, sondern mit produktiven Boden- oder Wasserflächen (in Hektaren pro Kopf). Die Summe von allem, was auf diesen Flächen wächst oder sich erneuert, bezeichnen die «Footprint»-Forscher als «ökologische Kapazität»; dabei handelt es sich um das Angebot. Auf der andern Seite erfassen sie unter dem Begriff «ökologischer Fussabdruck» den Naturverbrauch; dies insgesamt und pro Kopf der Menschheit.

Die Naturbuchhaltung ist nicht so genau wie die Staatsbuchhaltungen. Denn die Fruchtbarkeit von unterschiedlichen Böden oder die Fähigkeit von Meeren oder Wäldern, den Abfall oder den CO2-Ausstoss der Menschheit abzubauen, lässt sich weniger präzis messen als Geldmengen. Trotzdem wird die Methode des Footprint-Network von Fachleuten als taugliches Instrument anerkannt, um Angebot und Verbrauch im Naturhaushalt abzuschätzen.

Menschheit verbraucht viel mehr als nachwächst

Die Daten dieser Naturbuchhaltung veröffentlicht der WWF International alle zwei Jahre in seinem «Living Planet Report»; die jüngste Ausgabe mit 164 Seiten ist gestern Dienstag erschienen (www.wwf.ch/medien). Hier die wichtigsten Resultate:

o Im jüngsten Erhebungsjahr 2008 war der ökologische Fussabdruck global um 53 Prozent höher als die ökologische Kapazität pro Kopf der Weltbevölkerung. Mit andern Worten: 2008 verbrauchte die Menschheit 1,5 Mal mehr natürliche Ressourcen, als die Natur regenerieren konnte. Dieses Defizit lässt sich temporär verkraften, weil die Natur über grosse Reserven verfügt. Beispiel: Der vom Ökosystem nicht absorbiere CO2-Ausstoss, den die Plünderung von Erdöl und Kohle verursacht, wird in die Atmosphäre gepufft und reichert sich dort an.

o Im Jahr 1970 überschritt der Naturverbrauch der Menschheit erstmals das Naturangebot. Seither ist diese Verschuldung gegenüber der Natur stetig gewachsen (siehe Grafik).

o Das genannte Defizit im Naturhaushalt kumulierte sich im Zeitraum von 1970 bis 2008 auf eine Summe, die zehn Mal so gross ist wie die ökologische Kapazität im Jahr 2008. Mit andern Worten: Die Natur würde zehn Jahre brauchen, um ihre Übernutzung oder Plünderung auszugleichen, welche die Menschheit in den letzten 38 Jahren verursacht hat.

Um die kumulierte Staatsverschuldung in den Industrieländern abzutragen, müssten die Erwerbstätigen wie erwähnt etwa ein Jahr lang ohne Einkommen arbeiten.

Die gegenüber der Natur angehäuften Schulden sind damit zehnmal grösser als die kumulierte Staatsverschuldung in den Industrieländern. Und sie lassen sich weniger leicht tilgen. Denn es ist leichter, Geld zu drucken oder Steuern einzutreiben, als abgeholzte Urwälder aufzuforsten oder in CO2 umgewandeltes Erdöl zu regenerieren.

Abweichungen vom Durchschnitt

Vom globalen Durchschnitt gibt es massive Abweichungen. So ist der ökologische Fussabdruck pro Kopf in den monetär reichen Industriestaaten (noch) viel grösser als in den Entwicklungsländern. Zudem schwankt die ökologische Kapazität, je nach Besiedelungsdichte und Klima. Beispiel: Die Schweiz verbraucht pro Kopf rund dreieinhalb Mal mehr Natur, als die Natur innerhalb ihrer Landesgrenze regenerieren kann.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

2 Meinungen

Der gedankliche Ansatz hinter diesem Artikel ist sehr bedenkenswert – und die Realität mehr als bedenklich.
Gedankenexperiment: Gäbe es kein Privateigentum an Boden(schätzen) und hätte jeder Mensch einen gleich grossen Nutzungsanspruch zu Lebzeiten, wäre dieses Problem gar nie entstanden. So wenig wie jenes der Staatsverschuldungen.
Mehr dazu: http://www.facebook.com/note.php?note_id=10150302578663489
Billo Heinzpeter Studer, am 16. Mai 2012 um 12:39 Uhr
Die gleichen Überlegungen liegen dem folgenden Gedicht zu Grunde:

Human weiterdenken

Bei Global Footprint Network zu erfahren:
Pro Mensch gibt’s nicht ganz zwei Hektaren. *1)
Doch selbst die allerbesten Leute,
Die brauchen anderthalbfach heute. *2)

Nach dieser Rechnung muss es gelten:
Wir bräuchten ein-einzweitel Welten.
Doch leider haben wir nur eine
In weitem Umkreis ganz alleine.

So kommt man zu dem klaren Schluss,
Dass Menschenzahl man senken muss.
Und wenn human wir weiter denken,
Heisst dies Geburtenanzahl senken.

Und darum sollte man gewähren,
Dass Frau’n nur Wunsch-Nachwuchs gebären.

Verhielten sich die reichen Leut’ im Westen
Doch alle auch so wie die Allerbesten, *3)
Meint man, so müsste eine Welt genügen.

Jedoch wenn arme Leut’ von Ost und Süden
Vom Hungertuch befreit soll’n werden,
So bräucht’ es trotzdem wieder ein-einzweitel Erden.

Doch leider haben wir nur eine
Im weiten Umkreis ganz alleine.
Und wenn human wir weiter denken,
Heisst dies Geburtenanzahl senken. *4)

*1) www.footprintnetwork.org

*2) Siehe WWF Magazin 3/2009

*3) Die Senkung des Pro-Kopf-Verbrauchs ist zur Erreichung der Öko-Balance
nebst der Geburtenzahlreduktion ebenfalls erforderlich. Im Gedicht wird gezeigt, dass
die Senkung des Pro-Kopf-Verbrauchs allein nicht genügt.

*4) Wenn nur schon die jährlich rund 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften vermindert
werden könnten, indem alle Entwicklungszusammenarbeitsorganisationen freiwillige
Familienplanung anbieten würden in Form von Information, Bildung und Verhütungsmittel
zu erschwinglichen Preisen, wäre schon viel erreicht. Familienplanung ist seit 1968 ein Menschenrecht

Markus Zimmermann-Scheifele
6047 Kastanienbaum, 3.12.2011

Weitere Gedichte zum Thema Überbelastung der Natur im Gedichtband «Öko-Balance".
Markus Zimmermann, am 16. Mai 2012 um 17:10 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.