Ukrainische «Wahrheiten»

Christian Müller © aw
Christian Müller / 06. Jun 2018 - Die Ukraine zu verstehen ist nicht einfach. Selbst ein Blick in die «Ukrainskaia Prawda» verursacht eher Kopfweh.

Die «Wahrheit» heisst auf Russisch und Ukrainisch «Prawda». Manche erinnern sich noch an die «Prawda», die grosse und allwissende Zeitung in der Sowjetunion.

In der Ukraine gibt es noch immer – oder vielmehr wieder – eine «Prawda», eine «Wahrheit», die «Ukrainskaia Prawda», die «Ukrainische Wahrheit», eben. Es ist eine Internet-Zeitung, die 2000 gegründet wurde und dem Vernehmen nach zu den drei meistgelesenen Publikationen in der Ukraine gehört.

Dank der Übersetzung von Yvonne Ott und der Publikation auf der deutschsprachigen Plattform Ukraine-Nachrichten haben wir die Chance, auch auf deutsch zu lesen, mit welch kruden Ideen und absurden Vergleichen in der Ukraine gegenwärtig Stimmung gegen alles Vergangene, Fremde, ja sogar gegen die eigene Bevölkerung – weil zu wenig begeisterungsfähig für das Neue – gemacht wird. Michail Dubinjanskij, ein regelmässiger Kolumnist der Ukrainskaia Prawda, wünscht sich eine Ukraine nach dem Vorbild von Israel und nennt den gewünschten neuen ukrainischen Staat deshalb «Israel 2.0». Er selbst gehört nach eigener Aussage zu einer idealistischen Minderheit, deren grösster Feind die phlegmatische, spiessbürgerliche Mehrheit des Landes ist. Um die Ziele dieser seiner idealistischen Minderheit zu erreichen, ruft er konkret nach dem Zwang des Staates, ohne den es nicht vorwärts gehen kann.

Europäische Werte? Ein Land, das in die EU kommen soll?

Hier der Artikel von Michail Dubinjanskij in der Übersetzung von Yvonne Ott:

Israel 2.0

«Am 14. Mai 1948 tauchte der israelische Staat auf der Weltkarte auf. Ein einzigartiges Land, dessen Bürger zugleich als Vorkämpfer, Architekten und Krieger agierten. Siebzig Jahre später ist dieses Land für viele von uns eine Quelle der Inspiration und ein Nachahmungsbeispiel. Wenn wir von einer Transformation der Ukraine in ein neues Israel 2.0 träumen wollen, müssen wir geeignete Analogien finden.

Die patriotischen Ukrainer sind dabei mit den opferbereiten Zionisten, die ihren Staat von Grund auf neu aufgebaut haben, vergleichbar. Das benachbarte Russland – mit den feindseligen arabischen Ländern. Die prorussische fünfte Kolonne – mit den palästinensischen Arabern. Aber mit wem sind die Millionen von gewöhnlichen ukrainischen Bürgern vergleichbar? Die passiv, praktisch veranlagt sind und einfach ihr Leben leben wollen – ohne Krieg, ohne Nationalstaatsbildung, ohne radikale Veränderungen?

Erstaunlicherweise lässt sich auch für diese in der israelischen Geschichte ein Analogon finden: Die Juden im Exil, der Galuta bzw. Diaspora. Konservativ, zersplittert, und die, um es milde auszudrücken, nicht den Respekt und die Sympathie der Zionisten genossen. So erinnert sich der radikale israelische Politiker und Journalist Uri Avnery:

‹Als ich 1939 mein sechszehntes Lebensjahr vollendete, eilte ich umgehend zum Standesamt der palästinensischen Regierung, um meinen Namen offiziell ändern zu lassen. Ich habe den deutschen Geburtsnamen verworfen und einen von mir gewählten hebräischen Vor- und Nachnamen angenommen. Dies war nicht nur eine Änderung meiner Passdaten, sondern ein Statement: eine Lossagung von meiner Vergangenheit in der Diaspora (in der 'Vertreibung' im Sprachgebrauch der Zionisten), von der Tradition meiner deutsch-jüdischen Vorfahren, von allem, was mit 'Exil', mit der 'Diaspora' zusammenhing. 'Diasporisch' war zu dieser Zeit eine der schlimmsten Beschimpfungen.›

Die Zionisten argumentierten oft mit den typischen antisemitischen Stereotypen. Eben selber Avnery bezeugt: ‹Alles 'Diasporische' verdiente lediglich Verachtung: die Schtetl, die jüdische Religion, die jüdischen Ansichten und der jüdische Aberglaube. Wir haben gewusst, dass die 'Juden der Diaspora' Geld aus Luft machen: Sie parasitieren mithilfe von Manipulationen an der Börse, ohne irgendetwas wirklich zu schaffen, gehen körperlicher Arbeit aus dem Weg … Alles Gute und Heilsame war mit der hebräischen Sprache verbunden, mit der hebräischen Gemeinschaft. Der hebräischen Landwirtschaft, den hebräischen Kibbuzim, der 'ersten hebräischen Stadt' (Tel Aviv), den hebräischen paramilitärischen Untergrundorganisationen, der Zukunft des hebräischen Staates.›

Dem progressiven Ukrainer ist all das natürlich bekannt und vertraut. Der Wunsch, dem alten Leben, der grauen und erniedrigenden Vergangenheit zu entfliehen. Die Bereitschaft, seine Identität, seine Sprache und Kultur zu ändern. Die Verachtung für Millionen von Landsleuten, die befremdlich und lächerlich wirken. Die Abneigung gegen ihre Lebensweise, gegen ihre Gewohnheiten und Ansichten. Die Träume von einer neuen gesunden Gesellschaft, einer Nation, einem Staat.

Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, dass die Zionisten ihr neues Land an einem vollkommen neuen Ort aufbauten, weit entfernt von dem verachteten Exil. In den Strassen von Tel Aviv und Haifa, in den Kibbuzim und Moschawim – überall waren sie von Menschen ihrer eigenen Art umgeben. Von Menschen mit derselben Überzeugung, derselben Leidenschaft, von Menschen, die eine bewusste Entscheidung zugunsten einer neuen Nation getroffen haben.

Die ukrainischen Idealisten aber versuchen, ein zweites Israel inmitten einer phlegmatischen, postsowjetischen 'Exil'-Ukraine aufzubauen. Sie sind dazu verdammt, sich inmitten einer spiessigen Mehrheit zu befinden, die ihr Land nicht gewählt und keine hohen Ideale haben. Es scheint, dass dieser Umstand allein allen Träumen über ein ukrainisches Israel ein Ende bereitet. Aber den einheimischen Idealisten hilft ein Schlupfloch, das sie dem technischen Fortschritt zu verdanken haben. Um mit dem verhassten Exil zu brechen, musste der Zionist der 1930er Jahre in das gelobte Land gehen. Unseren Zeitgenossen genügt ein Smartphone oder ein Notebook. Das Ticket für eine Dampfschifffahrt nach Palästina wird durch den Zugang zum Internet ersetzt; anstelle der Kibbuzim treten die sozialen Netzwerke. Im eigenen sozialen Raum im Netzwerk sind die Idealisten in der Mehrheit – wenngleich sie in der physischen Welt immer noch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen. Die Technologien des 21. Jahrhunderts erlauben es, innerhalb der Ukraine ein eigenes Israel 2.0 zu schaffen, aber eben nur virtuell.

Es ist ein eigenartiges Land innerhalb des Landes – klein, aber motiviert und aktiv. Und dieses virtuelle Land muss sich täglich einer unerbittlichen Realität stellen. Zum Hauptgegner des ukrainischen Israel wird eben der ukrainische Normalbürger, der sukzessiv Putin und die pro-russischen Rebellen in den Hintergrund drängt. Der Phlegmatismus der philisterhaften Mehrheit erzürnt, die Probleme und Beschwerden dieser Mehrheit verursachen kein Mitgefühl. Ganz im Gegenteil, häufig gilt das Unbehagen dieser Mehrheit eher als Indikator für den Erfolg.

Wenn dem Bürger Horischni Plawni (gemeint ist das 1960 gegründete und im Rahmen der Entkommunisierung 2016 umbenannte Komsomolsk im Gebiet Poltawa, A.d.R.) oder die mutigen Experimente von Uljana Suprun (aus den USA stammende geschäftsführende Gesundheitsministerin, A.d.R.) nicht gefallen, dann muss die Reform gut sein! Die grössten Hoffnungen liegen auf dem staatlichen Zwang: Andere Methoden, mit dieser pragmatischen und nicht idealistischen Mehrheit zu arbeiten, scheinen nicht schnell und nicht effektiv genug zu sein.

Um zu argumentieren, zu überzeugen, durch eigenes Beispiel zu inspirieren – dafür sind die Verfechter eines ukrainischen Israels zahlenmässig einfach zu gering. Aber ihre Zahl reicht dennoch, um für das gewünschte Gesetz zu lobbyieren und das gewünschte Verbot zu erreichen.

Symbolische Schritte haben dabei eine äusserst hohe Bedeutung. Denn dank dieser symbolischen Schritte scheint die philisterhafte Masse in einen gemeinsamen Werteraum hineingezogen, auch wenn ihre Prioritäten unverändert bleiben.

Also, sei’s drum, wenn der Bürger wie eh und je nichts Anstössiges an den engen Beziehungen zur Russischen Föderation sieht, dafür muss er aber jetzt zumindest formale Hindernisse umgehen. Soll der Bürger ruhig wie früher nichts mit den Sitscher Schützen, Jewgenij Konowalez oder General Almasow am Hut haben, aber jetzt geht er zumindest durch Strassen, die diesen zu Ehren umbenannt wurden.

Letztendlich lebt das virtuelle Israel unter dem ständigen Damoklesschwert der Rache seitens des Spiessbürgers. Die nahenden Wahlen, die aktuellen Umfragen, die Gespräche, die auf der Strasse oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu hören sind, sind alles schmerzhafte Grüsse aus der Realität und verletzen den Idealisten bis auf die Seele.

Bleibt festzuhalten, dass die Exil-Ukraine immer noch da ist. Sie ist immer noch vielzählig und bereit, unser geschundenes und hart erkämpftes ukrainisches Israel zu verschlingen …

Kann es auch anders sein? Wahrscheinlich nicht. Wenn wir unser Land als neues Israel sehen möchten, dann muss dieses auf eine wackelige virtuelle Existenz vorbereitet sein – für Jahre oder gar Jahrzehnte. Sollte uns dies nicht gefallen, müssen wir andere Formen der Interaktion mit der Mehrheit der Normalbürger finden. Letztendlich konnte selbst das reale Israel nicht die zionistischen Ideale seiner Anfänge konservieren und war angesichts der Zuwanderung von Diaspora-Rückkehrern gezwungen, Kompromisse einzugehen und sich zu ändern.»

Michail Dubinjanskij, 13. Mai 2018

(Ende des Artikels.)

Da kann man nur den römischen Dichter Juvenal zitieren: Difficile est satiram non scrivere. Es ist schwierig, zu diesem Text KEINE Satire zu schreiben.

– – – – –

Zum ukrainischen Originaltext, hier anklicken.

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Keine.

Weiterführende Informationen

Die Ukraine als Israel 0.2

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Eine Meinung

Spannend wir die Orientierung der Ukraine, die USA und EU in Nato und EU sehen will.

https://www.zeit.de/2015/33/rechter-sektor-ukraine-privatarmee

"Der Rechte Sektor kämpft im Osten des Landes gegen die Separatisten, aber im Inneren gegen den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Auf einer Protestkundgebung in Kiew verkündete sein Anführer Dmytro Jarosch am 21. Juli, der Rechte Sektor wolle Präsident und Regierung mit einem Referendum aus dem Amt jagen. Sie seien Verräter und innere Besatzer. «Die Revolution ist nicht vollendet», rief Jarosch aus. «

und

"Ihre Feinde, das sind nicht nur die prorussischen Separatisten, Russland und die Regierung in Kiew, sondern auch alle Linken, Kommunisten, Sozialisten und Liberalen. Die Ukraine soll eben nicht von Russland, sondern auch vom Westen unabhängig sein. Westliche Werte lehnt der Rechte Sektor ab und liegt da paradoxerweise auf einer Linie mit russischen Nationalisten."

https://www.youtube.com/watch?v=6I2-T51x4iA

"ARD berichtet über Neonazis in ukrainischer Armee (Rechter Sektor)"

oder

https://www.youtube.com/watch?v=H4-RSkeJFBA

""Rechter Sektor» in Kiew: Aufmarsch der Rechtsextremen"
Dieter Gabriel, am 06. Juni 2018 um 14:23 Uhr

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