Synode 2014 in Rom: Zölibatäre Expertenrunde zum Thema Sexualität © ard

Synode 2014 in Rom: Zölibatäre Expertenrunde zum Thema Sexualität

Wahlverwandtschaft der religiösen Sexualmoralisten

Kurt Marti / 23. Okt 2014 - Die Sexualmoralen der katholischen Kirche und des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) weisen verblüffende Gemeinsamkeiten auf.

Zwei Wochen diskutierten rund 200 zölibatäre Bischöfe und Kardinäle über die Sexualmoral der katholischen Nicht-Zölibatären. Ohne nennenswertes Resultat. Beispielsweise findet sich im Schlussdokument kein einziges Wort zur Diskriminierung der Homosexuellen durch die katholische Lehre und Praxis. Das ist freilich aufgrund der historischen Wurzeln nicht weiter erstaunlich.

Erstaunlicher hingegen ist die Gemeinsamkeiten der Sexualmoral des katholischen Katechismus mit jener des Islamischen Zentralrats Schweiz, der die Fragen zur Sexualmoral unter dem Titel «Die perfekte ‚Affäre‘ - Sexualität im Islam» auf seiner Internetseite abhandelt. Nachfolgend ein Vergleich bezüglich der Homosexualität, der Masturbation, der Unzucht und der Sexualerziehung in der Schule.

Homosexualität als «schlimme Abirrung»

«Der Vatikan geht auf Schwule und Lesben zu», frohlockten vor Wochenfrist die Medien fast unisono, als die Synode in ihrem Zwischenbericht bekannt gab, dass «Homosexuelle die christliche Gemeinschaft bereichern könnten». Ja, haben denn die kommentierenden Journalisten und Redaktoren noch nie etwas vom katholischen Katechismus gehört, geschweige denn darin gelesen? Speziell Artikel 6 über das sechste Gebot? Zwar sind darin dieselben Schalmeien-Klänge für die Schwulen und Lesben zu vernehmen: «Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen.»

Doch grundsätzlich ist die Homosexualität laut Katechismus «gestützt auf die Heilige Schrift (Gen 19, 1-29; Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10)» eine «schlimme Abirrung» und «die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung». Sie verstossen laut Katechismus «gegen das natürliche Gesetz», weil dabei die «Weitergabe des Lebens» beim Geschlechtsakt ausgeschlossen bleibe. Deshalb seien sie «in keinem Fall zu billigen».

Mit «Keuschheit» zur «Vollkommenheit»

Homosexuelle Menschen sind laut katholischem Katechismus «zur Keuschheit gerufen». Durch die «Tugenden der Selbstbeherrschung» sollen sie sich «entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern». Der «Päpstliche Rat für die Familie» sieht die Homosexualität gar als heilbar: «In vielen Fällen kann, insbesondere wenn die Praxis homosexueller Handlungen nicht verfestigt ist, eine geeignete Therapie zu positiven Ergebnissen führen.»

Von dieser rigorosen Haltung wird der Vatikan auch in einem Jahr, wenn die Synode in ihre zweite Phase geht, nicht abrücken, weil die Konsequenzen für die katholische Sexualmoral ruinös wären. Denn die gesamte katholische Sexual- und Fortpflanzungsmoral geht davon aus, dass die Sexualität nur im Zusammenhang mit der Fortpflanzung einigermassen akzeptabel ist, keineswegs aber nur zur egoistischen Erzeugung von Lust. Deshalb lehnt der katholische Katechismus neben der Homosexualität auch alle Sexual-Praktiken ab, die diese Forderung missachten: Verhütung, Masturbation, Prostitution und Pornografie. Wenn der Vatikan homosexuelle Handlungen akzeptieren würde, wäre es um das ausgeklügelte Gebäude der katholischen Sexualmoral geschehen.

Der schwängernde Augustinus hatte sich geirrt

Die Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung geht auf die negativen sexuellen Erfahrungen des heiligen Augustinus (354 – 430) zurück, der im Alter von 17 Jahren ein Mädchen unehelich schwängerte, weil er dessen unfruchtbare Tage falsch berechnete. In seinen Memoiren («Bekenntnisse») bezeichnete er sein Verhältnis zu ihr «eine lose Verbindung unreiner Liebe, wo Kinder sehr unwillkommen sind». Zwölf Jahre später schickte er die Mutter seines Sohnes buchstäblich in die afrikanische Wüste. Sein Ärger über die missglückte Verhütung machte ihn nach seiner Bekehrung zum Christentum zum Gegner jeglicher Verhütung. Aus dem anfänglich sexuell ausschweifenden, römischen Bürger wurde der Begründer der körper- und lustfeindlichen, katholischen Sexualmoral, mit deren Fixierung der Sexualität auf die Fortpflanzung.

Auch der Islamische Zentralrat Schweiz argumentiert «augustinisch», wenn er erklärt: «Der sexuelle Trieb des Menschen wurde ihm gegeben, um die Fortpflanzung seiner Art zu ermöglichen.» Sexuelle Befriedigung solle deshalb «entsprechend der islamischen Rechtsphilosophie innerhalb einer Ehe stattfinden».

Doch der IZRS lehnt die Homosexualität nicht nur aus diesem Grund ab, sondern liefert auch ganz praktische Anweisungen: Der Analverkehr sei «eine verbotene sexuelle Handlung» und zwar sowohl zwischen Mann und Frau («kleine Homosexualität») als auch zwischen zwei Männern. Die Begründung liefert dem IZRS ein Satz in der Sunna: «Komm von vorne oder hinten, aber hüte dich vor dem After.»

Masturbation erhitzt die religiösen Gemüter

Seit Jahrtausenden erhitzt die Masturbation die Gemüter der religiösen Sexualmoralisten. Sowohl der Islamische Zentralrat Schweiz als auch der Vatikan lehnen die Selbstbefriedigung grundsätzlich ab. Auch hier zeigt sich das bekannte Argumentationsmuster: Laut dem IZRS ist der sexuelle Trieb des Menschen dafür da, «um die Fortpflanzung seiner Art zu ermöglichen». Die sexuelle Befriedigung solle «innerhalb der Ehe stattfinden». Deshalb «befürwortet der Islam die Selbstbefriedigung nicht». Doch unter gewissen Umständen ist der IZRS bereit, ein Auge zuzudrücken und sieht die Masturbation «als vorübergehendes Mittel für den Schutz vor der Befriedigung in einer nicht erlaubten Beziehung».

In hochgestelztem Deutsch philosophiert der Vatikan im katholischen Kathechismus über die Masturbation als «schwere ordnungwidrige Handlung», weil ihr die «von der sittlichen Ordnung geforderte geschlechtliche Beziehung» fehle, jene nämlich, «die den vollen Sinn gegenseitiger Hingabe als auch den einer wirklich humanen Zeugung in wirklicher Liebe realisiert». Im Klartext: Sexualität ist nur im Kontext der Ehe und im Hinblick auf die Fortpflanzung erlaubt.

Wie der IZRS zeigt sich auch der Vatikan in gewissen Fällen nachsichtig. Laut dem «Päpstlichen Rat für die Familie» liegt «nicht immer eine schwere Schuld» vor, insbesondere im Pubertätsalter nicht. Da könne «ein gestörtes seelisches Gleichgewicht…die Freiwilligkeit der Handlung herabmindern». Deshalb müsse den betroffenen Jugendlichen in diesem Zustand der «Verirrungen» und der «egoistischen Sichtweise der Geschlechtlichkeit» geholfen werden.

Schon der gierige Blick macht «schuldig»

Eine grosse Gefahr sieht der Vatikan und der IZRS im lüsternen und gierigen Anblick des anderen Geschlechts. Der katholische Katechismus verweist auf die Bibel, wo drinsteht: «Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen».

Laut dem IZRS ist «der Muslim verpflichtet beim Anblick einer Frau, seinen Blick in gebührender Weise zu senken und nicht in Gier und Lust auf sie zu starren». Gleiches gelte auch für die Muslima. Wer dennoch willentlich «von Lust getrieben das andere, fremde Geschlecht anstarrt», der mache sich «der Unzucht durch das Auge schuldig».

Als «Unzucht» bezeichnet der katholische Katechismus das Konkubinat, das ein «schwerer Verstoss» gegen die «Würde der Ehe» und der «menschlichen Geschlechtlichkeit» sei, die «von Natur aus auf das Wohl der Ehegatten sowie auf die Zeugung und Erziehung von Kindern hingeordnet» sein müsse. Auch der IZRS sieht das so: «Der Islam verbietet jede intime Beziehung zwischen den Geschlechtern ohne Vollzug einer gültigen Nikah (Ehevertrag).»

«Die einzig wahre und sichere Erziehung»

In unseren Breitengraden bleiben zurzeit die Auswirkungen der geschilderten, geistigen Trockenübungen über die Sexualität sehr beschränkt. Dennoch ist gegenüber den Gegnern einer offenen Gesellschaft stets höchste Wachsamkeit geboten. Sowohl die katholischen als auch die islamischen Fundamentalisten versuchen nämlich die gegenwärtige Durststrecke auf dem Weg zu ihrem jeweiligen, zukünftigen Gottesstaat mit der Instrumentalisierung der Schulen zu überbrücken.

Sowohl der IZRS als auch der Vatikan erklären die Sexualerziehung als Sache der Eltern, um sie einer freiheitlichen, säkularen Diskussion in den öffentlichen Schulen möglichst zu entziehen. Der ISZS lehnt die angebliche «kollektive Zwangssexualisierung an öffentlichen Schulen» ab. «Ob, wie, in welchem Ausmass und wann Kinder mit ihrer natürlichen Sexualität konfrontiert werden sollen», sei klar Sache der Eltern. Moral könne und dürfe «nicht von Erziehungsdirektoren diktiert werden».

Das sieht der Vatikan auch so: «An erster Stelle müssen die Eltern die säkularisierte und geburtenfeindliche Sexualaufklärung ablehnen», verlangt der «Päpstliche Rat für die Familie» und warnt eindringlich vor «Sexualerziehern, -beratern und -therapeuten», die ihre Arbeit «nicht selten auf schädlichen Theorien ohne wissenschaftlichen Wert basieren, die sich gegenüber einer echten Anthropologie verschliessen und die wahre Bedeutung der Keuschheit verkennen».

Im Hinblick auf die Ausbreitung von AIDS werde «eine Erziehung zum risikolosen Geschlechtsverkehr» angeboten. Die Eltern müssen aber laut dem «Päpstlichen Rat für die Familie» den sogenannten «safer sex» ablehnen. Das sei eine «gefährliche und unmoralische Politik», die auf der «irrigen Meinung» basiere, «das Präservativ könne einen angemessenen Schutz vor AIDS gewährleisten». Stattdessen müssten die Eltern «auf der Enthaltsamkeit ausserhalb und der Treue innerhalb der Ehe beharren». Das sei «die einzig wahre und sichere Erziehung, um einer solchen Ansteckung vorzubeugen».

Politiker gegen die «Sexualisierung» der Schule

Was der Vatikan und der Islamische Zentralrat möchte, verlangen auch einige konservative Politiker und Politikerinnen der SVP, CVP, EDU und der FDP mit der Volksinitiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule». Sie fordern: «Sexualerziehung bleibt Sache der Eltern. Kein Sexualkundeunterricht vor 9 Jahren. Ab 9 Jahren freiwilliger Sexualkundeunterricht. Ab 12 Jahren obligatorischer Biologieunterricht.» Nur so könnten «unsere Kleinsten vor Pornographie und Sexualisierung» geschützt werden. Co-Präsidenten sind der ehemalige Luzerner CVP-Nationalrat Pius Segmüller, der frühere Kommandant der Schweizer Garde des Vatikans, und der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Kurt Marti ist Journalist und wohnt in Brig-Glis. Er ist mit dem Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti nicht verwandt.

Weiterführende Informationen

Dossier: Der Vatikan und die Katholiken

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31 Meinungen

Ich kann Ihre Meinung zu dieser Problemstellung verstehen. Weil ich aber die Bibel als Gottes Massstab akzeptiere, komme ich zu andern Schlussfolgerungen. Wenn der Geschlechtsakt vollzogen wird, werden Mann und Frau ein Fleisch, die Ehe ist somit geschlossen. Gott schuf Mann und Frau und er gebot ihnen; Seid fruchtbar und vermehret euch. Er hat auch zu den Menschen gesagt: Wer mich liebt, wird die Ehe nicht brechen. Gott meint es gut mit den Menschen. Er hat ihnen deshalb Leitlinien für ein glückliches Leben gegeben. Schauen Sie wie viel Leid, Unheil und Schaden durch das heute tolerierte ausschweifende Leben entsteht. Das muss nicht sein. Es ist nicht Gottes Wille. Nicht umsonst wird in der Bibel vor Unzucht 11 Mal und vor Hurerei über 60 Mal gewarnt. Unsere Gesellschaft trägt die Folgen des gottlosen Lebens. Es ist aber nie zu spät, umzukehren, die Vergebung von Jesus anzunehmen und ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen.
Hans Peter Häring, Kantonsrat EDU, Wettswil
Hans Peter Häring, am 23. Oktober 2014 um 13:41 Uhr
Herr Häring, was für Leid, Unheil und Schaden ist denn durch das heute tolerierte, von Ihnen als ausschweifend bezeichnete Leben konkret entstanden?
Vielleicht sollten Sie auch einmal über die Bemerkung des berühmten Neurologen Oliver Sacks nachdenken: «Wir Menschen müssen unsere Animalität respektieren. Man muss versuchen, ein gesundes Tier zu sein. Es ist nicht gut, sich zu sehr in abstrakten Gedanken zu verlieren."
Andreas Mathys, am 23. Oktober 2014 um 15:43 Uhr
"Die Täter müssen in jedem Fall getötet werden..."
lest selbst...

http://www.islamfatwa.de/soziale-angelegenheiten/74-straftaten-a-urteile/1328-zina-ehebruch-unzucht
Zitat:
"Die Strafe für praktizierte Homosexualität:
Die Täter müssen in jedem Fall getötet werden, unabhängig davon, ob sie verheiratet waren oder nicht. Die Sahaba waren sich darin einig. Sie waren sich nur uneinig darin, ob der Homosexuelle gesteinigt oder von einem hohen Gebäude oder Berg hinunter geworfen werden muss.
Da diese Tat eine derart Abscheuliche ist, werden die Täter der Homosexualität als Übertreter und Kriminelle bezeichnet und Allah hat das Volk von Lut mit einer Strafe heimgesucht, wie Er sie an keinem anderen Volk angewandt hat, indem Er ihre Stadt umdrehte und das Oberste zuunterst kehrte und sie mit einem Regen aus Steinen bestrafte. «

Wieder einmal ein Artikel, der die Sperberqualität leider nicht erreicht, schade!
Urs Lachenmeier, am 23. Oktober 2014 um 20:10 Uhr
@Bregy, danke für den Filmtipp! Ist doch gut recherchiert.
"Gott im Herzen suchen...» finde ich auch gut, steht in der Bibel, Hosea 6,6 (ca 600 v.Chr.) «Liebe will ich nicht Opfer, ... die Erkenntnis kommt durchs Herz...»
Und offiziell ist (wäre) die höchste Instanz eines Katholiken: das eigene Gewissen (römischer Katechismus). Und was Jesus auch noch gesagt haben soll: «wehe euch Gesetzeslehrer... (Lk 11.52) gilt wohl auch heute noch...
Urs Lachenmeier, am 23. Oktober 2014 um 22:23 Uhr
@Oliver Bregy. Allein die Beiträge der Scholastik auf dem Gebiet der Logik sind kaum zu übertreffen, empfehle Ihnen die Geschichte der Logik von Bochenski und das hundertbändige Werk von Bernard Bolzano, soeben in einer wissenschaftlichen Ausgabe erschienen. Ihr und Herrn Martis Wissen um die Geschichte des Katholizismus besonders der Sexualität sind nun mal nicht Spitze, erklären Sie mir mal, was Albertus Magnus über die Periode schriebb und Hildegard v. Bingen über den Orgasmus. Habe in meiner Vorlesung über die Probenächte der deutschen Bauernmädchen im 18. Jahrhundert und über die Sexualität im Mittelalter gezeigt, dass der Einfluss der Kirche auf die praktizierte Sexualmoral fast immer gering war, noch relativ am höchsten vor ca. 100 Jahren in der Schweiz, obwohl mir eine stadtzürcher Gewährsperson, Jahrgang 1906, Mutter eines unehelichen Kindes, bestätigte, dass in ZH die Katholiken weniger verklemmt gewesen seien als Protestanten. Und Sie wissen, dass Rom bevorzugter Exilort für Homosexuelle war nach 1842, als Preussen mit der Repression gegen HS begann, in Rom kam man nur in die Hölle, in Preussen ins Gefängnis, auch in NW war Homosexualität im Gegensatz zu Zürich nicht strafbar: 1902, ein echtes Problem bei einem pädophilen Priester von damals, der deswegen via das Gesetz betr. uneheliche Kinder «verurteilt» werden musste bei angeblicher Knabenverführung. Zwischen einem röm. Kardinal u. Isis ist der Unterschied etwa so gross wie zwischen Peter Bodenmann und Pol Pot.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 11:42 Uhr
@ Ich verweise auf meinen vor 2 Jahren gedruckten Beitrag zum Thema «Schwulenlobby» in «Zentralschweiz am Sonntag,» abrufbarer Artikel über Rom u. Vatikan, mit Touristenhinweis auf frequentiertes Homosexuellenviertel mit einschlägigen Lokalen, Basis für kenntnisreiche Orientierung. Sie sehen die Sache trotzdem nicht realistisch genug. Nicht die ausgelebte, sondern die meistenteils unausgelebte Homosexualität ist für Ideologiebildung der Hintergrund. Und was Sie über die Attraktivität des Priesterberufes schreiben, ist eben noch nicht mit genügend genauen Recherchen versehen. Man muss sämtliche Mönchsregeln durchforsten, um hier durchzusehen, und Sie müssen wissen, dass die sublimierte Homosexualität nicht nur bei einem so grossen Heiligen und echtem Jugendpionier wie Don Bosco wichtig war, sondern auch beim reformierten Hutmacher Heinrich Hössli, über den in Glarus jetzt nach der meinigen, die trotz 3 Auflagen in GL boykottiert wurde, jetzt die 2. Biographie erschienen ist. Der wohl bedeutendste Glarner für die Geschichte der Menschheit. Der Hutmacher und Verfasser der beiden bestunterdrücken Bücher der Schweizergeschichte (wirklich Rekord) ging Sonntag für Sonntag in den reformierten Gottesdienst, um dort heimlich einen wunderschönen Glarner Jüngling zu betrachten, über den er schrieb: «Das war der Eros.» Sein «Sexualleben"! Heinrich Federer, 1965 vom Duden als Stilist gerühmt, verzichtete beim Unterdrücken der Knabenliebe darauf, sich zu waschen. Pädophil und sublimiert.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 14:10 Uhr
PS. Marti. Die sublimierte homosexuelle Existenz war natürlich in der Geschichte des Mönchtums und des Zölibates trotz Frust, den Verheiratete erst recht mit der Sexualität bekommen und in höherem Ausmass, über alles gesehen eine privilegierte Existenz der Sinngebung, so wie Platon, der grösste Philosoph der westlichen Menschheit, mit der platonischen Liebe ein Programm für die Sublimation der Homosexualität entwarf, eine klar nichtdiskriminierte Existenz, mehr Freiheit als Verheiratete. Das war ev. kultivierter als die manchmal schweinischen, oft rührenden, aber realistischen Geschichten über den homo- und bisexuellen Alltag in Zürich, die Autor Adriano in seinem für eine offene Leserschaft empfehlenswerten Buch «Kick Verlangen Leidenschaft» beschreibt. Eine homosexuelle erotische Kultur scheint noch lange nicht angemessen geschafft, vor allem nicht in Sachen Sprache, führte ich im Vorwort aus. Da könnte man von Klerikern, bei denen die Perversen nur eine Minderheit darstellen, dann und wann etwas lernen. Es gibt, wenigstens prinzipiell, überhaupt kein Argument, dass Kardinäle nicht mindestens so viel von Sexualität verstehen wie Psychologen, die vergleichbaren Psychopathenanteil haben wie Kleriker. Im Mittelalter verstanden Mönche wie Albertus, der sowieso ein Genie war, u. Nonne Hildegard am meisten über die Sexualität in ihrer Epoche. Nur Ignoranten über die Geschichte des Eros, Nichtkenner von Platon etwa, können sich darüber wundern, immer die gleichen dummen Sprüche.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 14:41 Uhr
Lieber Olivier Bregy. Das ist von Fall zu Fall verschieden. Christian Morgenstern, Schriftsteller und Anthroposoph, war der Meinung, dass bei einem schöpferisch tätigen Mann, zumal auch einem Gelehrten, die Sexualität sehr viel Energie wegfresse, dass man eigentlich ohne die Ablenkung durch die Sexualität ein mehrfaches leisten könnte. Das ist vielleicht einseitig gesehen. Für Thomas von Aquin, der bis zum Alter von 50 Jahren ein unermessliches Werk schuf, für solche, die es ablehnen aber schon wegen der perfekten inneren Ordnung eine formal unvorstellbare Leistung. Von Thomas wurde gesagt bzw. er sagte von sich, dass er seit dem Alter von 16 Jahren, da er eine Kurtisane aus seinem Arbeitszimmer in der Burg Roccasecca davonjagte mittels eines Scheites, keine sexuellen Anfechtungen mehr gespürt habe und drum ruhig arbeiten konnte. Immerhin soll er nach der Vertreibung der Kurtisane noch 24 Stunden Anfechtung und Nachwehen gehabt haben, bis ihm dann träumte, ein Engel würde ihn gürten mit einem Gurt namens «Castitas» , Keuschheit. Szene ist in der Hochzeitskapelle Heidegg LU dargestellt. Ich ging bei Thomas, wie auch bei Newton und Micheli du Crest, von der hohen Wahrscheinlichkeit einer homosexuellen Disposition aus, im Gegensatz zum heterosexuellen Augustinus, dessen Einfluss auf westliche Sexualmoral eher als schädlich einzuschätzen ist. Thomas lehrte, dass von allen schweren Sünden diejenigen gegen die Keuschheit am leichtesten seien, so tolerant dachte Kant eindeutig nie.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 15:07 Uhr
Beachten Sie vielleicht «Ich Bruder Klaus von Flüe», 3. Auflage, Zürich 2014, beim zehnfachen Familienvater die fast gleichzeitige Einstellung des Willens zum Essen und des Paarungstriebes, wobei er nicht wegen dem Fasten, aber wegen dem Zweiten seiner Frau gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte. Von Klaus von Flüe ist auch die stärkste homoerotische Vision in der mittelalterlichen Schweiz aufgezeichnet, die Vision des Pilgers mit dem völlig durchsichtigen Gewand und den durchdringenden Augen, die Begegnung erfüllte Klaus mit «Wollust und Begier», wie er zu Protokoll gab. Theologen machten dann Gutachten über ihn. Immerhin erliess dann Obwalden ein Gesetz «gegen die Belästigung von Bruder Klaus durch fremde streitsüchtige Theologen». Im Frühjahr 1468 entrann er nur knapp einem Inquisitionsprozess, auch weil weil seine Landsleute damit drohten, den Inquisitor totzuschlagen. Die Quelle stammt nicht aus den Heiligsprechungsakten, ist aber älter als der Satz «Machet den Zun nit zu wiit».


PS. Die Inquisition war fast immer nur so stark, als es die staatliche Macht gradee zuliess.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 15:51 Uhr
Die heikelsten Sachen waren der Grossmutter unmöglich bekannt. Aber unterscheiden Sie solche Existenzen von der Kirche, der Sie wie Marti aus begreiflichsten Gründen kritisch gesinnt sind. Selbst auch Personen, die durch Heiligsprechung eingemeindet wurden, verdienen eine separate Auseinandersetzung. Die meisten Heiligen können nichts für ihre Heiligsprechung, hätten sich zum Teil mit Händen und Füssen dagegen gewehrt. Karl Barth empfand die Heiligsprechung von Klaus von Flüe gemäss einem von ihm geschriebenen Artikel in «Leben und Glauben» als Enteignung der Protestanten und deren eigener Sicht von Klaus von Flüe, sehr viel stärker ethisch orientiert. Für Mitleser: Er hat seine Familie nicht verlassen, sie lebte incl. Gesinde mit über 15 Personen in seinem nahen Haus, quasi in Rufweite. Väter, die Stimmen hören, massivste Essstörungen hätten (wie Kafka, vgl. Gespräch mit dem Beter) und Visionen, durch welche sie zu Boden geschleudert werden, werden heutzutage weiter entfernt interniert als in einer Hütte 250 m Luftlinie von zu Hause und die Kosten werden, statt von Pilgern, von der Krankenkasse berappt. In der psychiatrischen Klinik Münsingen gab es 1905 einen ähnlichen Fall, auch sehr ähnliche Visionen und Symptome. Aber Klaus von Flüe war noch lange so «normal» wie sagen wir mal ein Hermann Hesse oder der genannte Franz Kafka, «der magerste Mensch, den ich kenne», wie er von sich schrieb. Klaus von Flüe war mindestens so ernst zu nehmen wie jeder Eidgenosse der Geschichte.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 16:16 Uhr
Genau das sagte Paracelsus in seinen theologischen Schriften, welche Urs Peter Gantenbein beim Zürcher Paracelsusprojket ediert. Er nannte sogar den Leib des Menschen die wahre Kirche Gottes, während Ihre «Protzbauten» nur ein vergänglicher, nicht zur Auferstehung bestimmter «Steinhaufen» wäre. Selbstverständlich deutete er die Existenz von Bruder Klaus, übrigens ziemlich skeptisch, was immer angebracht ist.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 16:25 Uhr
Paracelsus war gegen Kirchenglocken, über Leibbegriff reicht Platz nicht; aber den Arzt interessierte erfahrbarer Leib. Kirche nicht unterschätzen, angefangen von Calvinisten, Lutheranern, Bullinger, bei allem, was daneben war u. von Erasmus usw. kritisiert wurde, zu schweigen von Serveto in Genf, prot. Kirchen hatten sonst Niveau, Bildung vorwärts gebracht. Dominikaner zuerst Menschenrechte der Indianer gefordert, F. de Vittoria 1560 erkannt, dass Schwarze vollwertige Menschen sind; aber das waren frühe Schwalben; die Furien gab es auch, wobei wir die Meinung, v. Club Helvétique, Volk dürfe bei Justiz nicht mitreden, dem Hexenprozess verdanken usw., Morgenstern ist Dichter, auch Philosoph, ein Gnostiker, Thomas war mehr Platoniker als die Kirche ihn später verkaufte,; als Denker tiefer als was aus ihm gemacht wurde. Spezialfall der Kirche stellen Klöster dar. U. Eco, Religionskritiker, sieht sie meines Erachtens gut, hat aber kenntnisreichen Respekt. Ohne Klöster StGallen/ Reichenau lebte man im Prinzip in der Ostschweiz auf Bäumen, bleiben respektabel; Mönche schrieben u.a. grusige Witze auf, beeindruckten aber mehr als Kommentatoren von Boethius. Mönche von SG haben für CH Literatur mehr geleistet als unsere verbliebenen Autoren seit Frisch und Dürrenmatt. Aber nicht jeder sprengt, wie katholischer Chorherr Kopernikus, ein Weltbild, da braucht es Geduld und Toleranz. Im Vgl. zu Benediktinern fehlt den CH Muslimen geistiger Leistungsausweis. Bringt Zeit Rosen?
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 17:33 Uhr
@Meier & Bregy
interessante Beiträge! Danke!
Urs Lachenmeier, am 24. Oktober 2014 um 18:08 Uhr
Der Abt von St. Maurice/VS erklärte 2006 30 Lehrerinnen und Lehrern das älteste Taufbecken der Schweiz, gleich neben der Kirche, geeignet, dass ganzer Körper sich darin drehen, «kehren» kann, was «bekehren» bedeutet. Taufen ist das christliche Urritual schlechthin. Wer jedes Ritual ablehnt, muss sich den Vorwurf der Unsinnlichkeit und Leibfeindlichkeit machen lassen. So wie es der Abt erklärte, war es absolut beeindruckend. Objektiv hat der Katholizismus dem Wallis kulturell mehr gebracht als jede andere Ideologie bis heute, wiewohl die geistigen Resultate klar besser sein müssten. Stark interessiert mich der Kult von St. Gotthard im Wallis, im Tausch zum Kult der Thebäer in Hildesheim, das ist eine europäische Dimension. Objektiv hat die katholische Kirche z.B. ästhetisch und auch bildungsmässig und auch archtiktonisch Überzeugenderes zur Kultur beigetragen als sagen wir mal das Brüssel der Europ. Union, dessen Baukunst keinen Bock auf «dieses» Europa macht.

Bei der Taufe, Herr Bregy, würde ich den Begriff «Begierdetaufe» nicht unterschätzen. Unter den Essays von Karl Barth finde ich diejenigen über die Taufe generell die besten; er war klar für die Erwachsenentaufe, sah jedoch, dass Traditionen ihr eigenes Gewicht behalten.

Generell ziehe ich unsere herkömmlichen Taufrituale der Taufe durch das Martyrium vor, weil letzteres dem Ausarten in Fanatismus unterliegt, worauf schon Paracelsus in seiner Kritik an der Psychopathologie gesuchten Martyriums aufmerksam machte.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 18:28 Uhr
den Prunk anbeten? Das war meines wissens nie Inhalt der Lehre, wurde nie so proklamiert.
Protzige Sakralbauten hatten gewiss auch die Funktion, der Organisation eine mächtige und beeindruckende Sichtbarkeit zu geben. Ebenso ist es auch Ausdruck der Wertung des Geistigen über das Materielle (was die Kirche leider nicht vor weltlicher Machtausübung bewahrte...) Die Bauten sollen die Besucher erheben, helfen sich für Höheres zu öffnen, deshalb auch die Nutzung der Kraftorte. Auch die Liturgie und die Kirchenmusik sollen dem Menschen helfen, sich «aufzuschwingen». Ob dies immer gelungen ist und gelingt darf gewiss hinterfragt werden. Stimmungen sind wichtig, die erhebende ist wohl näher beim Evangelium als die niederdrückende.
Immerhin hat das Lehramt die befreienden Christus-Worte: «bleibt in mir, dann bleibe ich in euch» nie gelöscht.
Urs Lachenmeier, am 24. Oktober 2014 um 18:39 Uhr
Hormonschübe? Zum Glück bin ich nicht so anfällig;-)
Alle äusserlichen Reize haben Wirkung auf uns, mehr oder weniger, je nach Typ.
Meiner Ansicht nach ist es die beabsichtigte Wirkung von guter sakraler Kunst, den Menschen auf ihren inneren Weg zu helfen.
Urs Lachenmeier, am 24. Oktober 2014 um 18:59 Uhr
Kraftorte haben keine theologische Bedeutung...
Sie haben aber Wirkung auf Tiere und Menschen.
Diese Leber-Theorie erachte ich nicht als seriös.
Das Wissen und Können der Bauhütten kann damit nicht erfasst werden.
Urs Lachenmeier, am 24. Oktober 2014 um 19:06 Uhr
Bei der Kritik an den Protzbauten müssen wir bei Michel Foucault ansetzen,. dem Buch «Ueberwachung u. Strafen». Nach Tempeln u. Kirchen waren Gerichtsgebäude, Gefängnisse u. Schulen als Einschüchterungsbauten konzipiert. Je kleiner der Dreikäsehoch ist am ersten Schultag, desto grösser muss das Tor zum Schulgebäude sein, um ihm seine Kleinheit zu beweisen. In Gerichtsgebäuden ist das auch wichtig, wobei im Mittelalter in der Schweiz noch unter freiem Himmel gerichtet wurde, auf den sog. Malstätten, etwa derjenigen zu Rohr bei Aarau, die am 9. Februar 1036 beurkundet ist. Bundeshaus, Bankgebäude, der Deutsche Bundestag, das UN-Gebäude in New York sind als Einschüchterungsbauten zu begreifen, generell natürlich Kirchtürme und Minarette. Die Diskriminierung der Minarette ist insofern vernünftigerweise durch die Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften zu behandeln, dass das Recht, Türme zu bauen, analog zu privaten Grossprotzen gehandhabt wird, vgl. noch San Giminiano in der Toscana, wo verschiedene Adelsgeschlechter sich mit phallischen Protzbauten zu überbieten trachteten. Die Forderung der franz. Revolution nach Einebnung der Kirchtürme war aber nicht praktikabel, weil städtebauliche Tatsachen nun mal gesetzt waren u. Kirchtürme Alarmfunktionen hatten. Doch hat man in der Krim, ewig russisch, die Türme v. schweiz. Kirchgemeinden namens des Kommunismus gesprengt, angesichts der Winzigkeit der Gemeinden eine reine Machtdemonstration u. Vergewaltigung kommunaler Freiheit.
Pirmin Meier, am 24. Oktober 2014 um 19:18 Uhr
Ja, die Protzbauten zeigen, wer heute Macht hat....
Mit der Erklärung zur Staatsreligion durch Kaiser Konstatin wandelte sich der Status der Kirche. Sie erhielt Macht, weil sie die politischen Machthaber legitimierte. Das ging soweit, dass sich die Kaiser vom Papst krönen liessen. Heinrich der 8. fiel aber wegen seinem Lebenswandel bei der Kurie durch, weshalb er schnell seine eigene Kirche gründete, deren Oberhaupt er wurde und seine Nachfolger bis heute sind. Bischöfe wurden zu Füstbischöfen, Herrscher verordneten jeweils die Staatsreligion. Ein Kurfürst der Pfalz liess den (Heidelberger-) Katechismus schreiben, dieser ist für viele heute noch gültig und rechtfertigt die Todesstrafe auf Gotteslästerung...
Der Dom zu Speyer hatte seine Bedeutung auch von der Verbindung zur weltlichen Macht. Der romanischte Teil zeigt dabei aber eine wirklich erhebende Architektur, während der Vorbau für den Kaiser aus dem 19. Jh ein hässliches Prunkzeug ist (meine Meinung), es wird auch klar wem gehuldigt wird, und der «Sakralbau» (UNESCO Weltkulturerbe) wird «Kaiserdom» genannt.
Die meisten Sakralbauten sind viel bescheidener, sie entstanden aus der Schaffenskraft von örtlichen Pfarreien und Gemeinschaften zum Zweck der äusseren und inneren Sammlung. Die Unterschiede sind heute noch spürbar.
Urs Lachenmeier, am 25. Oktober 2014 um 10:10 Uhr
Der IZRS weist auch mit den Ultraevangelikalen Gemeinsamkeiten auf:
http://kyriacou.ch/2011/01/die-ethik-des-roger-liebi-steinigen-soll-man-nur-im-gottesstaat/
Andreas Kyriacou, am 25. Oktober 2014 um 12:22 Uhr
@Herr Lachenmeier. Die Sache mit Heinrich VIII. hat nichts mit seinem polygamen Lebenswandel zu tun, dafür damit, dass seine erste Frau Katharina von Aragon via das Haus Habsburg nicht für die Scheidung, die es in der kath. Kirche nicht gibt, wohl aber für die Annullierung nicht disponiert war ohne Ärger des Papstes mit Spanien und Habsburg generell. Eheschliessungen und Annullierungen waren hochkomplexe politische Angelegenheiten, aber durchaus machbar, wenn alles stimmte. Es ging dem König von England darum, Kirchenoberhaupt zu werden, damit er kirchenrechtlich in England das letzte Wort hatte, so in Ehesachen. Realpolitisch nachvollziehbar. Dabei sah Kanzler Thomas Morus, dass es sich hier um eine reine Machtfrage handelte, erst noch eine, in welcher der König gleichzeitig Richter und Partei sein wollte. Das war für sein britisch-rechtsstaatliches Denken nicht ganz koscher. Darum machte er zwar nicht Opposition, sondern zeigte seine Bedenken durch Schweigen, während alle anderen Königstreuen ausdrücklich sagten mussten , das Handeln des Königs sei rechtens. Allein für dieses oppositionelle Schweigen, das die kath. Kirche mit Papsttreue verwechselte, wurde Morus hingerichtet, dafür später heiliggesprochen. Er war zusammen mit Erasmus einer der wenigen absolut vernünftigen Menschen in der Zeit der Reformation, also ausserhalb der Fronten: wie Erasmus ein homo pro se, also ein Mann für sich. Einer der bedeutendsten Humanisten und Verfasser des wunderbaren Buches «Utopia».
Pirmin Meier, am 25. Oktober 2014 um 16:11 Uhr
@Marti. Den islamischen Zentralrat bitte nicht mit Augustinus verwechseln, dem besten Lateiner der Spätantike, bildungsmässig und stilistisch Paulus überlegen u. einer der ersten Intellektuellen im Sinne dieses Begriffs, auch Erfinder der Autobiographie und ein hervorragender Aphoristiker. Im Wallis hat nie ein Mensch von der Intelligenz und Brillanz von Augustinus gewirkt. Was nun aber die angeblichen Berechnungen der unfruchtbaren Tage betrifft, waren Knaus und Ogino, von der Kirche unter Pius XII. anerkannt, doch etwas später, und Augustinus' Einschätzungen seiner Jugendliebe sind nicht diesen Berechnungen, sondern dem Einfluss der Gnosis auf das Denken von Augustinus zuzuschreiben. Dieses Denken, das immerhin nicht auf die Bibel zurückgeht, ist etwas leib- und sexualfeindlich, obwohl man sogar hier wohl differenzieren muss und sich näher damit befassen. Ich schrieb selber, Sie indirekt bestätigend, dass der langfristige Einfluss von Augustinus auf die kirchliche Sexualmoral nicht als glücklich einzuschätzen ist. Dasselbe gilt allerdings auch für das jansenistische Gedankengut, das zwar von den Jesuiten und Frankreich verfolgt wurde, als manichäische Ketzerei. Blaise Pascal, wie Augustinus einer der genialsten christlichen Intellektuellen, war als Jansenist ebenfalls davon infiziert. Trotzdem zähle ich Pascal neben Voltaire und vielleicht Barthes und Foucault zu den besten französischen Intellektuellen, als Allerbesten, Vorbild für Journalisten, würde ich Montaigne sehen.
Pirmin Meier, am 25. Oktober 2014 um 16:28 Uhr
Von der Knaus-Ogino-Methode ist in meinem Artikel nirgends die Rede, sondern lediglich von der falschen Berechnung der unfruchtbaren Tage durch Augustinus. Dieser glaubte nämlich an die Theorie der von der Gnosis beeinflussten Manichäer, die fälschlicherweise behaupteten, die fruchtbarsten Tage der Frau seien jene direkt nach der Menstruation.
Kurt Marti, am 25. Oktober 2014 um 17:10 Uhr
@Meier
Danke für die Präzisierung!
Ich wollte auf die unerwünschte Nachhaltigkeit solcher Vorkommnisse hinweisen und was eben der Machtwahn damit zu tun haben könnte. Heinrich hätte sich um den kirchenrechtlichen Entscheid foutieren können, ohne eine eigene Kirche zu gründen. Wieviele Menschen hat er wohl gezwungen, in «seine» Kirche überzutreten? Er war gewiss ein schlimmer Kriegsverbrecher.
Urs Lachenmeier, am 25. Oktober 2014 um 17:38 Uhr
@Marti. Es kommt durch, dass wir nicht gleicher Meinung sind. Darum sollte man Gemeinsamkeiten über das Philosophiestudium hinaus nicht übersehen. Unsere Einschätzung von Augustinus betr. Manichäismus ist eine solche. Das ist keine philosophiehistorische Feststellung, sondern hängt mit der Einschätzung von Sexualfeindlichkeit heute zusammen, wenn man Hintergründe beleuchten will. Zweitens bestritt ich nie, dass man in einer katholisch geprägten Kultur wie derjenigen im Wallis weit unter dem Optimum der guten Möglichkeiten geblieben ist, was kritische Stimmen «dort unten» bzw. in jenem von Goethe beschriebenen «engen Tal» erst recht unentbehrlich macht. Zur Walliser Mythologie gehört allerdings der Kampf gegen die Sarazenen. Der islamische Zentralrat ist mit denen insofern nicht gleichzusetzen, als es sich bei den gegenwärtigen fanatischen Muslimen wenigstens zum Teil um Schweizer Konvertiten handelt. Man sollte sich freilich bei aller Kritik am Christentum nicht zu einer unnötigen Verteidigung des Islams verleiten lassen. Rousseau hat in der gleichen Schrift, in welcher er freiheitliche Traditionen des Wallis vielleicht etwas zu stark rühmte, an der Dummheit der islamischen Religionspropaganda keinen Zweifel gelassen. Im Vergleich zum intellektuell disziplinierten Jesuitenschüler Voltaire hatte der Protestant Rousseau den sichereren politischen und auch demokratischen Instinkt. Seine noch immer lesenswerten Schriften landeten zuverlässig auf dem Index der Römischen Kirche.
Pirmin Meier, am 26. Oktober 2014 um 11:20 Uhr
Jede fundamentale Kritik am Christentum, ab Voltaire, Feuerbach, Marx, Russel, Deschner usw., im Altertum schon ab Celsus, ist zunächst Kritik an der katholischen Kirche, zu der sich der «Vater unseres Protestantismus», der bei Kurt Marti I und Kurt Marti II zitierte Augustinus, genau so gehört wie Paulus, philosophisch der Erfinder des Christentums, im Gegensatz zu Mohammed kein Analphabet. Kommt dazu, dass der Katholizismus von der intellektuell anspruchsvollen Patristik und Scholastik bis zu Ratzinger reicht, (fast kein US-Präsident hatte die Hälfte seiner Bildung), von da bis zu Rahner und Küng, einem Begründer des Weltethos-Gedankens. Die bedeutenden Kritiker des Christentums haben Luther, Calvin und den im Prinzip anspruchsvollen Protestantismus erst recht kritisiert. Weniger gewichtig sind die fundamentalistischen, sogenannt bibeltreuen Unterarten und Sekten des Christentums, weil dort die wissenschaftliche Fundierung in der Regel schlechter ist, bei aller Achtung vor Methodisten usw., vgl. ferner die nicht zu unterschätzenden Anglikaner u. Vermittlungsinstitutionen wie die Freie Theologische Hochschule Basel, an welcher einer der besten Bibelkenner aller Zeiten lehrte, der mir persönlich bekannte Papyrologe und Handschriftenkenner Carsten Peter Thiede (1952 - 2004). Das dialektische Potential von Katholizismus u. Weltprotestantismus bitte wie Marxismus nicht unterschätzen. Islam hat da intellektuell Mühe mit Mithalten. Die Frage nach den Opfern ist eine andere.
Pirmin Meier, am 26. Oktober 2014 um 11:50 Uhr
PS. Satzkorrektur zu Text oben: Kritik am Christentum ist zunächst Kritik an der katholischen Kirche, zu der sich der «Vater unseres Protestantismus» (Herder) , der bei Kurt Marti I (Theologe) und Kurt Marti II (Infosperber-Redaktor) zitierte Augustinus, genau so bekannte wie Paulus, philosophisch der Erfinder des Christentums usw..

Zur Präzisierung ist zu sagen, dass der Kirchenbegriff v. Paulus zwar Einfluss auf kath. Kirche hatte u. Konzilien, jedoch der Begriff «katholisch» bei Paulus nicht mit dem heutigen institutionellen Begriff gleichgesetzt werden darf. Protestantismus und alle Bibeltreuen leben von Paulus, grenzen sich so vom Katholizismus ab. Zur Kritik am Christentum gehörte aber in der Neuzeit immer Kritik an Paulus, z.B. beim oben nicht genannten Nietzsche. Was Jesus selber gemeint hat, bleibt über das «Vaterunser» hinaus u. einige Gleichnisse incl. der interpretationsbedürftigen Bergpredigt schwer zu sagen. Ihn als Stifter des Christentums zu bezeichnen ist wissenschaftlich wohl nicht haltbar. Die Theorie der Auferstehung, auch der biblische Leibbegriff, den zum Beispiel der Arzt Paracelsus absolut ernst nahm, stammt von Paulus. Wenn man die Begrifflichkeit von Paulus genauer analysiert, muss seine Auferstehungstheorie nicht automatisch ein Blödsinn sein. Er war ein antiker jüdisch-römischer Intellektueller und gewiss nicht der Überzeugung, irgendwelche Mythen oder Märchen zu verschwafeln. Ich schätze Paulus über dem Durchschnitt heutiger Intellektueller ein.
Pirmin Meier, am 26. Oktober 2014 um 12:21 Uhr
PS II (an Kurt Marti II): Jeder Christ (geschlechtsneutral gemeint), der mit sexueller Absicht ein Bett besteigt (Freiluft ist eher nicht vorgesehen), wird sowohl von Paulus als auch von Augustinus mit leicht abtörnender Nebenwirkung begleitet. Die Wirkung hält manchmal sogar nach dem Kirchenaustritt noch an. Auf diese Kurzformel kann man die Kritik an verschiedenen Varianten der christlichen Sexualmoral bringen, selbst bei jenen Theologen, die zu mehr Lockerheit und weniger Verklemmtheit aufrufen. Damit hatte auch Karlheinz Deschner grosse Probleme, was ihn wohl mit zu seiner Christentumskritik veranlasste.
Pirmin Meier, am 26. Oktober 2014 um 12:31 Uhr
Der Dalai Lama richtet einen Apell an die Welt: «Ethik ist wichtiger als Religion». Als Untertiel: «Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften brgen ein Gerwaltpotential ins sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen».
Der Dalai Lama leitet den tibetanischen Buddhismus. Das ist schlicht eine Ermuntertung, sich seinen eigenen Weg durchs Leben zu finden, der nicht primär von den Begierden befeuert ist.
Japan hat seinen milden Synkretismus von Shintoismus und Buddhismus gefunden und das beneidenswerte Glück, die Sexualität als Geschenk der Götter zu würdigen.
Co-autor mit dem Dalai Lama ist der Philosoph Franz Alt. Das Buch kostet im Weltbildverlag 5 CHF.
Hannes Keller, am 15. Januar 2016 um 19:37 Uhr
@Hannes Keller. Die Meinung, dass die Sexualität ein Geschenk Gottes, ein «bonum divinum», bedarf nicht der Bestätigung durch den Dalai Lama. Sie stammt von Thomas von Aquin, aus der theologischen Summe. Es ist dies ein katholisches Dogma, das sich gegen die Manichäer richtet. Ich fürchte jedoch, dass sich der Dalai Lama näher bei der katholischen Lehre befindet als in der Nähe aller Ideologien, die Sexualität als Konsumgut verkaufen oder wenigstens anerkennen. Er scheint auch über das Alter hinaus zu sein, wo man auf den Gebrauch von Gummi angewiesen ist.
Pirmin Meier, am 15. Januar 2016 um 20:55 Uhr
Niemand kennt das Personal der katholischen Kirche besser als die Chefs. Die haben entschieden dass sich keiner der Ihrigen fortpflanzen soll. Homosex vertieft die Sicherheit obwohl ein generelles Kondomgebot reichen würde. Ohne Fortpflanzungsabsicht besteht dann auch kein Verbot, Spass zu haben. Was sollte da zu bemäkeln sein?
Hannes Keller, am 16. Januar 2016 um 04:03 Uhr

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