Weil die Wirtschaft wachsen muss, braucht's "Bullshit-Jobs": Manager im Hamsterrad (Buchcover). © hpg

«Der Wachstumszwang» und seine absurden Folgen

Hanspeter Guggenbühl / 11. Aug 2019 - Unter dem Titel "Der Wachstumszwang" widerlegt Mathias Binswanger die Mär, die Wirtschaft sei frei. Eine lesenswerte Realsatire*.

In jungen Jahren forschte der Alte, der 2018 verstorbene Ökonom Hans Christoph Binswanger, noch nach Auswegen aus dem umweltschädigenden Wachstum der Wirtschaft. Er war von 1972 bis 1977 Co-Leiter einer interdisziplinären Arbeitsgruppe namens NAWU ("Neue Analysen für Wachstum und Umwelt"), die sich folgende Frage stellte: "Wie ist es möglich, aus der Phase eines exponentiellen Wachstums ohne ökonomische Krisen in ein ökonomisch-ökologisches Gleichgewicht zu gelangen?"

Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit veröffentlichte die Arbeitsgruppe 1978 im "NAWU-Report: Wege aus der Wohlstandsfalle". Der NAWU-Report enthält Vorschläge für eine Ökologisierung der Wirtschaft sowie den Aufbau einer alternativen Gesellschaft, in der wesentliche Lebensbereiche aus der monetären Wirtschaft ausgegliedert und damit dem Wachstumsdrang entzogen werden. Umsonst: Seit der Veröffentlichung dieser Forschungsresultate im Jahr 1978 hat sich die Schweizer Wirtschaftsleistung real verdoppelt, jene der Welt vervielfacht. Auch die Plünderung der natürlichen Ressourcen wuchs weiter.

Gleiche Diagnose beider Binswanger

In späteren Jahren kapitulierte der alternde Ökonomie-Professor: "Die Wirtschaft ist zum Wachstum verurteilt", schrieb Hans Christoph Binswanger 1994. Und in seinem dicken Spätwerk "Die Wachstumsspirale" belegte er seine These mit Modellen und mathematischen Formeln.

Der Junge, Binswangers Sohn Mathias, kommt schon in mittleren Jahren zum gleichen Befund und packt ihn gleich in den Titel seines neuen, 2019 erschienenen Buchs: «Der Wachstumszwang"*. Im Untertitel wiederholt und ergänzt er seinen ernüchternden Befund: "Warum die Volkswirtschaft immer weiter wachsen muss, selbst wenn wir genug haben." Mit den Worten "muss" und "Zwang" widerspricht er ebenfalls der weit verbreiteten Meinung, die real existierende Marktwirtschaft sei frei.

Die Versuche der beiden Binswanger, diesen Zwang zu überwinden, wirken harm- und zahnlos: Während Vater Hans Christoph vorschlug, Aktiengesellschaften durch Stiftungen zu ersetzen, setzt Sohn Mathias jetzt auf Genossenschaften. Damit lasse sich der Zwang zum Wachstum zwar etwas dämpfen, aber nicht beseitigen, denn, so lautet das ernüchternde Fazit im jüngsten Buch des 56jährigen Professors für Volkswirtschaft: "Wir müssen wachsen, wenn wir nicht in eine Abwärtsspirale geraten wollen, in der die Wirtschaft bei steigender Arbeitslosigkeit immer mehr schrumpft. Genau das ist der Wachstumszwang!"

Weder beim verstorbenen Vater noch beim quicklebendigen Sohn gibt es also eine neue Erkenntnis – oder gar grundlegende Alternativen zum heutigen Zwangs-Wirtschaftssystem. Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen, und zwar wegen dem zweiten Teil, in dem Mathias Binswanger die Begleiterscheinungen und Konsequenzen der zum Wachstum verurteilten Wirtschaft beschreibt. Da entwickelt sich seine Analyse zur brillant formulierten Realsatire* über die Zwänge von Konsum und Produktion:

Die Satten zum Konsum zwingen

Einerseits stösst das Wachstum der Wirtschaft an die Grenze des Bedarfs. Für eine Gesellschaft, die genug hat, lohnt es sich nicht mehr, den Konsum weiter zu steigern. Um diese Grenze zu überwinden, muss die Wirtschaft also immer neue Bedürfnisse wecken. Wie das funktioniert, hat in den 1960er-Jahren schon Vance Packard in seinem Buch "Die geheimen Verführer" gezeigt. Mathias Binswanger aktualisiert diesen Mechanismus im Kapitel 8 unter dem Titel "Stetiges Wachstum des Konsums trotz Sättigung" an neueren Beispielen. Leseprobe:

«So wussten Menschen bis vor einigen Jahren noch nicht, dass sie das Bedürfnis haben, täglich Herzfrequenz, Tagesaktivitäten, verbrannte Kalorien und ihren Schlaf zu erfassen. Dank den Anstrengungen der Hersteller von Gesundheitsuhren wurde dieses Bedürfnis jedoch in ihnen 'geweckt', und Gesundheitsuhren bzw. Fitness Tracker werden heute in grossen Mengen verkauft."

Weil es aber immer noch Menschen gibt, die dem Gewitter von Werbung und Marketing widerstehen und ihren Konsum nicht freiwillig steigern, muss man sie dazu zwingen. Dazu gehört die Strategie, die Gebrauchsdauer von Produkten oder Dienstleistungen künstlich zu verkürzen. Als Beispiel nennt der Autor die Strategie, Smartphones schneller als nötig zu Schrott reifen zu lassen, indem die Hersteller laufend neue Modelle und Software anbieten. "Um diesem Prozess etwas nachzuhelfen, wird dann nicht selten der Support für ältere Modelle und Versionen eingestellt."

Neben der Privatwirtschaft sorgt aber auch der Staat für eine Zunahme von mehr oder weniger erwünschtem "Zwangskonsum". Dazu gehören zum Beispiel subventionierte Windkraftwerke oder Elektroautos, welche Landschaftsschützer, Velofahrer oder Stubenhocker mitfinanzieren müssen, obwohl sie die subventionierten Dinge gar nicht wollen oder brauchen können. Als gewichtiges Beispiel führt Binswanger die Prämien der obligatorischen Krankenkassenversicherung ins Feld, die zwangsweise und obendrein überdurchschnittlich wachsen, weil die "meritorischen Güter", also die von der Allgemeinheit zu finanzierenden (Gesundheits-)Leistungen, dem Markt weitgehend entzogen sind.

Wachstumszwang führt zu "Bullshit" (Munischeisse)

Einerseits treibt also der – mehr oder weniger freiwillig zunehmende – Konsum das Wachstum der Wirtschaft an. Andererseits resultiert das Wachstum aus der Effizienzsteigerung in der Produktion. Das begann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und setzt sich heute mit der Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche fort. Diese Steigerung der Effizienz spart(e) Arbeit. Doch dank Ausweitung der Menge konnte die produzierende Wirtschaft das Arbeitsvolumen bisher trotzdem steigern und Arbeitslosigkeit in grösserem Umfang vermeiden. Möglich war das und wird künftig möglich sein, weil die Bürokratie weiter um sich greift und neue Arbeitsplätze schafft, analysiert Mathias Binswanger. Dazu eine weitere Leseprobe:

"Die negative Spirale von arbeitssparendem technischem Fortschritt und sinkender Beschäftigung würde schnell zu Arbeitslosigkeit und einem Rückgang des Konsums führen, wenn nicht an anderer Stelle neue Jobs entstünden. Und diese anderen Stellen sind heute zu einem erheblichen Teil einer wachsenden Bürokratie zu verdanken. Auf diese Weise wird Bürokratie zu einem ambivalenten Phänomen. Einerseits behindert diese Menschen und Wirtschaft in ihrer Entfaltung und macht das Leben insgesamt unattraktiver und komplizierter. Andererseits brauchen wir diese Bürokratie, damit noch ausreichend Menschen beschäftigt werden können, wenn es gleichzeitig immer weniger Menschen in der Produktion braucht."

Während andere Ökonomen die Ausweitung der Bürokratie primär beim Staat beobachten und kritisieren, ortet Binswanger diese auch bei privaten Unternehmen sowie beim "New Public Management" (NPM), das in den 1990er-Jahren eingeführt wurde, um die Effizienz staatlicher Tätigkeit mit modernen Managementmethoden zu steigern. Doch das Gegenteil geschah: Das NPM wurde "Ausgangspunkt für eine neue Controlling-, Evaluations- oder Optimierungsbürokratie", und diese beschränke sich "nicht auf die öffentliche Verwaltung", schreibt Binswanger und fährt fort: "Neben typisch bürokratischen Tätigkeiten wie Administration, Organisation, Überwachung, Kontrolle, Registrierung, Dokumentation, Evaluation oder Kodierung umfasst sie beispielsweise auch Zertifizierung, Akkreditierung sowie Beratung, Coaching oder Mentoring. An der Arbeit sind dabei fast ausnahmslos ausgebildete Spezialisten und Experten."

In diesem Zusammenhang stützt sich Binswanger auf das Buch des Anthropologen David Graeber mit dem Titel "Bullshit-Jobs" und weist damit auf ein "zentrales Phänomen der gegenwärtigen Entwicklung von kapitalistischen Wirtschaften" hin: "Es gibt immer mehr Jobs, die unserer traditionellen Vorstellung einer sinnvollen Tätigkeit nicht mehr entsprechen".

Entsprechend ernüchternd ist denn auch das Fazit, das Binswanger aus seiner vielfältigen Analyse zieht: "Der Wachstumszwang verhindert, dass eine höhere Arbeitsproduktivität in mehr Freizeit umgesetzt wird. Stattdessen braucht es in zunehmendem Ausmass eine Bürokratie, die in der Lage ist, Vollbeschäftigung weiterhin zu garantieren, selbst wenn es sich dabei um Bullshit-Jobs handelt."

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* Realsatire: Die Unsitte, den Autor zu fragen, wie er über sein eigenes Werk urteilt, hat der Rezensent hier unterlassen. Er weiss darum nicht, ob Mathias Binswanger sein Buch "Der Wachstumszwang" (Wiley-VCH Verlag, 2019) selber als Satire versteht. Real ist sie allemal.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Hanspeter Guggenbühl ist zusammen mit Urs P. Gasche Autor des Buches «Schluss mit dem Wachstumswahn", Somedia/Rüegger-Verlag 2010, ISBN: 978-3-7253-0965-8, 16.40 CHF.

Weiterführende Informationen

Buch Gasche/Guggenbühl: Schluss mit dem Wachstumswahn
"Natur hat Vorrang vor dem Wirtschaftswachstum"
Dossier: "Führt Wachstum zum Glück oder Crash"

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12 Meinungen

Ja das ist alles wahr. Leider kennen wir kein funktionierendes gegenmodell. Weder der real existierende sozialismus, der selbstverwaltungshype noch die genossenschafterei lieferten überzeugende resultate. Wir bräuchten einen neuen menschen. Den wird es nie geben. Also augen zu und durch?
Christian von Burg, am 11. August 2019 um 19:40 Uhr
Tja, da ist nicht viel weiteres beizufügen als die Erkenntnis, dass sich die Menschheit durch ihre Zivilisation in eine Sackgasse manövriert hat: Entweder sie kurbelt weiterhin das wirtschaftliche Wachstum an- mit immer weniger wirklich notwenigen Konsumgütern - und sie gefährdet dadurch immer gravierender die Natur, von der ihr Leben schlussendlich ahängt. Oder sie versucht dieses zerstörerische Wachstum zu bremsen um die Umwelt zu schützen - und generiert gravierende Wirtschaftskrisen. Grosse Kriege könnten eine - provisorische - Ausweg aus diesem Dilemma bringen indem sie die Bevölkerungen reduzieren , im Krieg sich selbstzerstörende Waffenproduktionen die Wirtschaft am Brummen halten und nach den Konflikten vieles wieder aufgebaut werden muss . Aber wenn diese Phase vorbei ist, stellt sich das zivilisatorische Mega-Problem von Neuem. Der einzige Ausweg, auf lange Sicht gesehen: die Menschheit muss ihre Erwartungen was «Wohlstand», «langes Leben», «Komfort», «Ferien» usw betrifft drastisch runterschrauben. Uns gelingt das nicht. Aber unsere Gross-Enkel werden dazu gezwungen werden.
bernhard sartorius, am 11. August 2019 um 22:04 Uhr
Ich bin seit über zehn Jahren Rentner, habe zu Beginn meines Arbeitslebens als Angestellter gearbeitet und mich später in die Selbständigkeit gewagt. Der Grund war, dass in mir die Erkenntnis wuchs, als Angestellter ein moderner Sklave zu sein. Das Diktat von selbstherrlichen Firmen, unnötigen Produkten, betrügerischem Marketing, ungeeigneten Vorgesetzten, fragwürdigen Unternehmenszielen und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen waren für mich Grund genug, mein eigener Diener zu sein und nicht Diener einer fragwürdigen Wirtschaft.
Als Atheist kenne ich nur eine Religion: die Naturgesetze. Sie haben mir schon in meiner Jugend die Erkenntnis gebracht, dass Wachstum niemals grenzenlos sein kann. Kein Baum wächst grenzenlos in den Himmel, keine Erdbeere wird so gross wie ein Apfel, auch wenn ich mir das so sehr gewünscht hätte. An solchen Beispielen hat sich meine Weltanschauung bis heute orientiert.
Mein Credo lautet: Die Finanzwirtschaft des Neo-Liberalismus und die ihr hörige Politik sind an allem Negativen schuld. Sie sind asozial orientiert, versklaven die Menschen, zerstören die Umwelt, beuten rücksichtslos Ressourcen aus, machen mit natürlichen Lebensquellen exorbitante Gewinne, zetteln Kriege an, lassen Bürohochhäuser mit Tausenden Opfern zu Staub zerfallen, treiben Wohnungsmieten in unbezahlbare Höhen, machen Menschen krank weil Gesunde nicht rentieren und machen den Mittelstand arbeits- und obdachlos.

Ich schreibe Wachstum so: WACHSDUMM
Felix von Wartburg, am 12. August 2019 um 03:42 Uhr
1. Geld kommt (hauptsächlich) durch Kredit in Umlauf
2. Durch den Zins auf den Kredit erhöht sich die Schuld, jedoch nicht die Geldmenge
3. Das bedeutet, die neue Schuld (Schuld plus Zins) ist grösser als die vorhandene Geldmenge
4. Da Geld, wenn mit ihm ein Kredit getilgt wird, aus dem «Kreislauf» verschwindet, kann es zu keinen weiteren Schultilgungen, ausser der ersten und einzigen, verwendet werden.
5. Um die Schuld inkl. Zinsen zurück zu bezahlen, muss deshalb zwingend neues Geld (wiederum durch Kredit) in Umlauf gebracht werden, da die alte Geldmenge zwar für den Kreditbetrag reicht, ja ihm sogar genau entspricht, jedoch nicht für den zusätzlichen Zinsbetrag.
6. Dadurch steigt die Geldmenge logischerweise stetig an
7. Um dem stetig anwachsenden Geld eine stabile Kaufkraft zu geben, muss die Wirtschaft mitwachsen

Ich denke, darüber sollte man doch mal nachdenken.
Wer glaubt ich liege falsch: Bei welchem Punkt, was ist falsch, wie wäre es richtig?
Stöckli Marc, am 12. August 2019 um 18:14 Uhr
Es gibt auch Lichtblicke. Zum Beispiel die demografische Veränderung. Wenn es weniger Menschen im Arbeitsalter gibt, braucht es trotz Automatisierung etwas weniger Bullshit-Jobs. Wir müssten es nur noch merken, und nicht anfangen, von Fachkräftemangel wegen zu wenig Nachwuchs zu faseln.

Faszinierend finde ich auch immer wieder jenes schwarz-weiss-denken, das beileibe nicht nur von Matthias Binswanger praktiziert wird:
"Wir müssen wachsen, wenn wir nicht in eine Abwärtsspirale geraten wollen, in der die Wirtschaft bei steigender Arbeitslosigkeit immer mehr schrumpft."

Entweder Aufwärtsspirale oder Abwärtsspirale. Die Möglichkeit, einen goldenen Mittelweg dazwischen zu finden, wird a priori ausgeschlossen. Kein Wunder, dass eine Ökonomie, die gedanklich dermassen eingeengt ans Werk geht, keine gescheiten Ideen hervorbringen kann.
Daniel Heierli, am 12. August 2019 um 23:14 Uhr
...dabei sind es am Ende ja nur ein paar wenige die das alles zu Verantworten haben... eine Lösung ist IMHO das man die Profite aus Kursteigerungen an den Finanzmärkten besteuert und auch hier eine wirksame Progression anwendet. Immerhin sind das Einkünfte ohne eigene Leistung rein aus Spekulation und Gier getriebene Effekte die in regelmässigen Intervallen einkassiert und für sich behalten werden. Da Verluste ohnehin an die Gesellschaft ausgelagert werden gibt es bei Kursfällen auch keine Gutschrift von der selben... nebst all dem Unsinn hatten die Neoliberalen immerhin ab und zu auch brauchbare Vorstellungen, nämlich die Besteuerung von Nachlässen auch hier eine Progression zu Handen der Gesellschaft. Wachstum bremsen tut auch die Bilanzierung von Immobilien nicht zum Marktwert und entsprechend steigenden Wohnkosten sondern genau umgekehrt den abgeschriebenen Wert so das die Mieten sinken. Auch die Selbstregulierung der Branchen im Rahmen von der als kriminelle Energie zu betrachtenden Obsoleszenz und Umweltbelastung kann durch Überwachung i.e. Regulierung und Normierung der Gesellschaft beendet werden. Das gleiche mit Lebensmitteln, Verpackungen, Kreisläufen etc. die heute alle durch die Branchen selber anstatt durch die Gesellschaft definiert werden... einst baute man Konsumgüter die 30-40 Jahre und älter werden konnten... Nachhaltig war da die Regel, doch der Zwang zum Wachstum hatten Investoren und Kapitalmärkte damals schon.
Uwe Borck, am 13. August 2019 um 08:23 Uhr
@Stöckli: Denkfehler schleichen sich an mehreren Stellen ein.

Sie gehen vereinfachend davon aus, dass Zinsen gleich wie der originäre Kredit zu behandeln wären. Das Geld für die Zinszahlung geht jedoch - im Gegensatz zum (geschaffenen) Geld des (Bank-)Kredites bei der Kreditrückzahlung - nicht «unter». Es bleibt in der Zirkulation. Es fliesst über Ausgaben der Bank/Bankangestellten & Aktionären in die Volkswirtschaft zurück, und so kommt - über die Erbringung einer Leistung - der Kreditnehmer erneut an das Geld, das er zuvor bereits einmal für eine Zinszahlung verwendete.

Eine weitere Vereinfachung führt Sie zu Fehlschlüssen: Kreditrück- und Zinszahlung finde zu einem einzigen Zeitpunkt statt.

In der Realität ist das in aller Regel nicht der Fall. Zahlungen finden in mehreren Raten statt. Genau das schafft aber eine entscheidende Möglichkeit: Dasselbe (!) Geld wird für viele verschiedene Zahlungen verwendet.

Ihre vereinfachende Annahme ist für das zur Diskussion stehende Problem unzulässig. Warum? Weil es - mit der Annahme - erst das Problem (des «fehlenden Zins") erzeugt.
Die Schlussfolgerung ist in Ihrem Modell zwar richtig (!) - falsch bzw. unzulässig sind Ihre (unbewusst) gemachten Annahmen.

Ausführlich und anschaulich hier nachzulesen:
https://wiki.piratenpartei.de/AG_Geldordnung_und_Finanzpolitik/Zins/Zinskritik-Kritik#Zinsproblematik

Oder, als «wirkliche Autorität»: Professor Steve Keen, der Ihr Zinsproblem mit Computersimulationen widerlegt.
Stephan Kühne, am 13. August 2019 um 10:55 Uhr
Wirtschaft wird gerne als Kreislauf gedacht. Manchmal auch dem Kreis in Spiralform auf- oder abwärts entfliehend. Nicht selten startet unser Denken zum Wirtschaftskreis mit dem Arbeitsplatz. Das ist richtig, solange es um die Anzahl Leute geht, die auf dem Acker Früchte ernten sollen; je mehr Arbeiter, umso mehr Früchte. Dieser Zeit sind wir aber längst entflohen.

Starten wir unser Denken aber mal nicht bei den Arbeitsplätzen, sondern bei Produkten und Dienstleistungen, die wir für das tägliche Wohlbefinden benötigen, kommen wir vielleicht zu anderen Ergebnissen.

Plötzlich nimmt uns dann der Roboter die Arbeit nicht mehr WEG, sondern er nimmt sie uns AB. Wir sind froh, die Bullshit-Jobs loszuwerden, denn wir messen das Ergebnis an den effizient erzeugten und benötigten Produkten und nicht an den Arbeitsplätzen. Wir brauchen dann nicht mehr einen Lohn, sondern ein System zur gerechten Verteilung der (u.a. von Robotern) erzeugten Waren.

Das bisherige Wirtschaftssystem hat uns den Wohlstand gebracht. Nun ist der Wohlstand da. Wenn wir das System nun nicht umstellen, wird es uns umbringen. Es ist nicht sehr unwahrscheinlich, dass die Klimakrise zu Flüchtlingswellen, dann internationalen Spannungen und letztlich zu mehr oder weniger heftigen Konflikten führt. Es lohnt sich also, sich jetzt Gedanken zu machen, wie sich das Steuer noch herumreisen lässt. Das Klimaproblem lösen wir jedenfalls nicht ohne eine Schrumpfung bei den westlichen Überflussgesellschaften.
Josef Brusa, am 13. August 2019 um 19:14 Uhr
Herr Kühne
"im Gegensatz zum (geschaffenen) Geld des (Bank-)Kredites bei der Kreditrückzahlung - nicht «unter». Es bleibt in der Zirkulation.»
Das habe ich noch nicht bedacht. Ich muss mir das nochmals überlegen. Danke für den Hinweis.

"Eine weitere Vereinfachung führt Sie zu Fehlschlüssen: Kreditrück- und Zinszahlung finde zu einem einzigen Zeitpunkt statt.»
Nein, da irren Sie sich, davon bin ich nie ausgegangen. Es stimmt aber, dass wenn Zinsgeld nicht verschwindet, dieses für neuerliche Zinszahlungen verwendet werden kann. Wie gesagt, ich muss mir das nochmals überlegen und nach recherchieren. Zinsen der Banken bedienen ja auch Zinsen der Nationalbanken und da stellt sich dann die Frage was mit diesen Zinsen passiert. Kommen die in den Geldkreislauf zurück oder nicht? Und ebenso stellt sich die Frage, ob die landläufige Meinung, Zinsen der Geldschöpfung werden für Löhne und Dividenden benutzt, wirklich zutrifft. Danke für den Input, sie haben mir eine Wissenslücke aufgezeigt.
Stöckli Marc, am 14. August 2019 um 09:09 Uhr
@Stöckli: Ich hoffe, dass Ihnen die Ausführungen auf

https://wiki.piratenpartei.de/AG_Geldordnung_und_Finanzpolitik/Zins/Zinskritik-Kritik#Zinsproblematik

in Ihren Überlegungen weitergeholfen haben.

Auch ohne sich mit der Organisation (Piratenpartei) assoziiert fühlen zu wollen, wird man ihr hier zugestehen müssen, sich eingehend und in anschaulicher Weise damit befasst zu haben.

Sie werden sicher festgestellt haben, dass die «Schuldenproblematik» damit nicht keinesfalls vom Tisch ist. Die Ursache aber nicht beim Zins, sondern - wie könnte es anders sein - bei der (zunehmenden) materiellen Ungleichheit/Ungleichbehandlung zu suchen ist.
Stephan Kühne, am 17. August 2019 um 12:31 Uhr
Binswangers Satz «Der Wachstumszwang verhindert, dass eine höhere Arbeitsproduktivität in mehr Freizeit umgesetzt wird» dürfte so nicht stimmen. Wenn er stimmen würde, hätte die Arbeitsszeitverkürzung, die seit der Zeit unserer Grossväter stattgefunden hat, eine ökonomische Krise oder Abwärtsspirale auslösen müssen. Das hat sie aber mitnichten. Im Gegenteil, die Verkürzung der Arbeitszeit (als Weitergabe des Produktivitätsgewinns) ist ein integraler Teil der Geschichte des Kapitalismus. Wieso soll das heute nicht mehr gehen?
Martin Sauser, am 18. August 2019 um 21:18 Uhr
Guten Tag Herr Kühne, nein ich hatte diesen Artikel noch nicht gelesen. Ich habe es aber nachgeholt und auch weitere Quellen herangezogen. Ich denke, es stimmt was Sie geschrieben haben und ich muss meine Ansicht revidieren. Das Wirtschaftswachstum scheint tatsächlich vor allem von der zunehmenden Umverteilung abhängig zu sein.

Zitat von Ihnen: «Die Ursache aber nicht beim Zins, sondern - wie könnte es anders sein - bei der (zunehmenden) materiellen Ungleichheit/Ungleichbehandlung zu suchen ist."

Zins, ob auf die Geldschöpfung, Darlehen, Aktien, Land etc., ist einer der Hauptgründe, wieso sich die Schere öffnet. Man kann ihn also nicht «frei sprechen» als Grund für das Wirtschaftswachstum (jedoch sicher in einem anderen Kontext als ich das vorher gemacht habe). Natürlich kann man Dämpfer einbauen um die Umverteilung durch Zinsen auf Besitz oder Geldschöpfung zu reduzieren bzw. Gewinne zu verallgemeinern. Jedoch was währe der Sinn des Zinses, ohne eine gewisse Umverteilungscharakteristik? Wieso soll jemand seinen Besitz zur Verfügung stellen, wenn er damit keinen Mehrwert generieren und seinen Besitz vergrössern kann? Denkt man das mal komplett zu Ende, bedeutet dies, dass Privatbesitz, welcher die eigenen Bedürfnisse sowie Arbeitsleistung übersteigt und deshalb gegen Zinsen (Kapitalgewinne etc, in welcher Form auch immer) anderen zur Bearbeitung zur Verfügung gestellt wird, der eigentliche Grund für das Wirtschaftswachstum ist.
Stöckli Marc, am 19. August 2019 um 16:59 Uhr

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