Demonstration in Tokio zum Jahrestag: Am 11. März 2011 kam es zur Katastrophe von Fukushima. © SRF

Demonstration in Tokio zum Jahrestag: Am 11. März 2011 kam es zur Katastrophe von Fukushima.

Weshalb die Energiewende nicht am Ende ist

Hanspeter Guggenbühl / 11. Mär 2013 - In Japan prägt der Atom-Gau das tägliche Leben. Hierzulande aber ist das Thema Atomausstieg in den Hintergrund gerückt.

Die Atomkatastrophe in Fukushima liegt zwei Jahre hinter uns. Doch für Zehntausende von Menschen, die aus dem radioaktiv verseuchten Gebiet rund um die zerstörten Atomreaktoren evakuiert wurden, bestimmt dieser GAU weiterhin die Gegenwart. Unsicherheit prägt ihr tägliches Leben: Die Ungewissheit etwa, ob die Strahlendosis ihre Gesundheit gefährdet. Oder wann sie, wenn überhaupt, in ihre verlassenen Dörfer zurück kehren können. Und wie weit die Gefahr, die in den havarierten Atomkraftwerken dräut, sich tatsächlich bannen lässt.

Wie aber steht es bei uns? Unter dem Eindruck der Kernschmelze in Japan beschlossen Bundesrat und Parlament in uneidgenössischem Tempo, neue Atomkraftwerke zu verbieten und eine Wende einzuleiten – weg vom Atomstrom und vom Erdöl, hin zu Sonnenenergie, Wind- und Wasserkraft.

Symbole und Signale vernebeln den Blick

Inzwischen aber dominieren in Medien und an den Stammtischen wieder mindere Themen. Die Nachfrage nach grün gelabeltem Strom, die nach dem 11. März 2011 rasant zunahm, ist wieder aufs Mittelmass geschrumpft. Die bundesrätliche «Energiestrategie 2050» stösst bei Wirtschaftsverbänden und Rechtsparteien auf erbitterten Widerstand. Das Berner Volk lehnte vorletztes Wochenende eine Vorlage knapp ab, welche die Produktion von Strom und Raumwärme bis 2043 zu hundert Prozent auf erneuerbare Energieträger umstellen wollte.

Sind das alles «Signale» oder «Fingerzeige», dass die Schweizer Energiewende vorzeitig gescheitert ist, wie Medienleute nach der Abstimmung in Bern orakelten? Steht uns, wie einige Politiker und Physikerinnen hoffen, eine erneute Renaissance der Atomenergie bevor? Oder aber: Lässt sich die Forderung der Umweltallianz, die Schweizer Stromversorgung in zwei Jahrzehnten vollständig auf erneuerbare und einheimische Energie umzustellen, locker erfüllen?

Die Hoffnung auf eine nukleare Renaissance ist naiv

Nein, lautet meine Antwort auf alle drei Fragen. Denn erstens ist der Vergleich der abgelehnten Energievorlage im Kanton Bern mit der nationalen Energiestrategie ebenso voreilig wie etwa die Aussage, einem Käufer, der auf einen Rolls Royce verzichte, könne man auch keinen Fiat verkaufen. Denn im Vergleich zur nationalen Strategie war die Berner Vorlage viel radikaler, weil sie bis 2043 auf kantonaler Ebene und damit isoliert einen stärkeren Umstieg forderte, als es die nationale Energiestrategie anstrebt: Selbst wenn die nachfolgenden Landes- und Kantonsregierungen die Perspektiven des heutigen Bundesrates konsequent umsetzen, wird die Schweiz in vierzig Jahren immer noch ein Drittel ihres Energiebedarfs mit nicht nachwachsendem Erdöl und Erdgas decken.

Naiv ist zweitens der Glaube an eine nukleare Renaissance. Denn seit längerer Zeit zeichnet sich ab, dass die Bedeutung der Atomenergie weltweit sinkt. Nach der Katastrophe im fernen Fukushima hat selbst die atomlastige Schweizer Stromwirtschaft ihre Pläne für neue teure Atommeiler begraben. Sogar die billigen alten AKW, welche die Betreiber noch möglichst lange auswringen wollen, produzieren ihren Strom auf Pump.

Wahrscheinlicher – und bedrohlich für die Klimapolitik – ist hingegen ein wachsender Marktanteil von billigem Erdgas. Das wiederum verhindert, dass sich der grüne Traum von einer hundert Prozent erneuerbaren und einheimischen Energieversorgung in absehbarer Zeit erfüllen wird.

Energiewende ist unerlässlich, aber kein Spaziergang

Aus diesen Gründen ist die Energiewende nicht zu Ende, sondern sie steht erst am Anfang. Und sie ist unausweichlich. Zwar lassen sich zusätzliche Öl- und Gasquellen (Ölsande und Schiefergas) mit moderner umweltbelastender Technik ausbeuten. Doch langfristig ist eine Energieproduktion, die auf endlichen fossilen Ressourcen fusst, nicht durchzuhalten. Offen ist nur die Frage, was diese Plünderung zuerst begrenzt: Der Mangel an Öl und Gas oder die Folgen des Klimawandels.

Die Stossrichtung der neuen Schweizer Energiestrategie ist darum richtig: In erster Linie gilt es, Energie zu sparen. In zweiter Linie soll der verbleibende Bedarf ohne Atomkraft und mit möglichst wenig fossiler Energie gedeckt werden. Allerdings ist dieser neue Weg steinig. Widerstand kommt nicht nur von Politikern, die unbeirrt auf alten Strassen weiter fahren wollen. Als Knackpunkt erweist sich auch die auf Vermehrung bauende Wirtschaft und Gesellschaft. Denn je länger und stärker Produktion und Konsum in der begrenzten Schweiz wachsen, desto schwieriger und schmerzhafter wird es in der Praxis sein, die notwendige Energiewende umzusetzen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

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2 Meinungen

Es geht um das Geld. Japan hat Brennmaterial für diese Kernkraft eingekauft und bereits bezahlt. Genauso ist es in der Schweiz. Mühleberg läuft weiter, weil die Brennstäbe noch Energie für ein paar Millionen in sich bergen. Da riskiert man halt schon Menschenleben. Diejenigen welche abkassieren wohnen ja nicht hier, und die Bundesräte welche dies unterstützen auch nicht. In München sah ich mal einen Satz an eine Mauer gesprayt. Macht kaputt was euch kaputt macht. Die Regierungen sind schon zu weit gegangen. Ich bin nicht für Gewalt. Aber die soziale Notwehr gegen diese Geldoligarchie welche mit Menschenleben spielt, die wird nicht mehr aufzuhalten sein, dafür ist es zu spät. Es wird wohl Blutig enden, wie bei der französischen Revolution, nur schneller, grausamer, blutiger, ungerechter, korrupter. Schade dass es mit der Welt soweit kam. Doch es ist Menschenwerk. Marshall Rosenberg schreibt in seinem Buch «Die gewaltfreie Kommunikation» Wenn eine gute Entwicklung zu lange von Mächtigen verhindert wird, brauchen sich die Verhinderer sich nicht zu wundern, wenn es einen Aufstand gibt. Wir haben es gesehen als in den Usa eine halbe Stadt in Flammen war, weil weisse Polizisten einen Farbigen misshandelt haben, und straflos davonkamen. Doch diesmal wird es wohl schlimmer werden. Es fehlt nur noch der zündende Funke, der Volkszorn ist zu gross, er ist nicht mehr korrigier oder heilbar.
Beatus Gubler, am 11. März 2013 um 18:11 Uhr
Herr Gurtner, es tut mir Leid für Sie wenn aus dem was richtig und gut ist Nachteile für sie persönlich entstehen. Doch das geht auch anderen so, welche über Jahre hinweg auf das falsche Pferd gesetzt haben, oder an die falsche Richtung geglaubt haben. Es trifft auch gänzlich Unschuldige, und es braucht Courage in der Wut und anstehenden persönlichen Not doch noch das zu sehen was gut und richtig ist, daraus zu lernen und das Beste daraus zu machen, statt andere anzugreifen.
Beatus Gubler, am 13. März 2013 um 01:38 Uhr

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