Die nicht gemolkene Kuh kann mit dem gefüllten Euter kaum mehr gehen. © SRF (Kassensturz)
Schweizermilch © cc

Tierquälerei als Show und Volksvergnügen

Niklaus Ramseyer / 08. Apr 2018 - An Extrem-Viehschauen werden Kühe immer noch durch Melkverweigerung gequält und verletzt. Die zuständigen Behörden spielen mit.

Hochleistungs-Milchkühe (der Rasse Holstein etwa) sind ohnehin nicht zu beneiden: Man kann sie etwa auf winzigen, verschissenen Betonplätzchen (gerade gross genug, damit es den Vorschriften noch entspricht) herumstehen sehen. Da ist meist nur für einen Bruchteil der Tiere im grossen Stall dahinter Platz im Freien. Ein schöner Anblick sind auch die Tiere selber nicht: Fast nur Haut und Knochen, so dass man schon im Vorbeifahren alle Rippen zählen kann, schleppen diese Gestalten ohne Hörner (die manche Tierschützer glatt als «Qualzüchtung» bezeichnen würden) ein unnatürlich grosses Euter zwischen ihren mageren Hinterbeinen mit sich herum. Mit traurigen Augen blicken sie aus ihrem tristen Beton-Auslauf in die üppig-grüne «Hostert» (Wiese mit Obstbäumen) – in der sie kaum je spazieren und grasen dürfen. Nur ausnahmsweise (im Herbst und Frühling) kommen sie manchmal auf die Weide. Immerhin. Gefüttert und gemolken werden sie auch zweimal täglich. Jeweils zwischen fünf und sieben Uhr. Das ist ja ihr einziger Daseinszweck. Und verglichen mit EU-Zuständen schon nur in Frankreich oder Deutschland, wo jetzt automatisierte Extrem-Milchfarmen mit 1000 und mehr Tieren bewilligt und betrieben werden, haben diese Kühe hierzulande noch «relativ» Schwein gehabt.

Kühe leiden, Euter-Fetischisten feiern

Weniger Schwein haben jene Kühe, die von ihren Züchtern auch hierzulande an extreme Viehschauen gekarrt werden. Da ist dann fertig mit melken morgens und abends. Wieso? Weil ein Juror oder Experte mal die kranke Idee hatte, dass ein Kuheuter je praller, desto besser und schöner sei, werden die Tiere nun mit derart aufgeschwollenen (und unnatürlich eingefetteten) Eutern vorgeführt, dass sie kaum mehr gehen können. Wer schon mal mit Tierzucht zu tun hatte, weiss: Eine Kuh nicht regelmässig zu melken, ist für das Tier sehr schmerzhaft und reine Tierquälerei.

Aber an diesen teils internationalen Konkurrenzen, die als regelrechte Volksbelustigungen und Festivals abgefeiert werden, kommt es für die Tiere noch brutaler: Die extrem auf Milchleistung gezüchteten Kühe sind meist derart «ringmelchig» (leicht zu melken), dass ihnen bei Überdruck im Euter die Milch einfach aus den Zitzen tropft oder läuft. Das passt den ehrgeizigen Züchtern gar nicht. Und was machen sie? Sie kleben der Kuh ihre Zitzen kurzerhand mit Leim zu. Was dann natürlich zu noch mehr Schmerzen und Leiden führt. Der Kassensturz von SRF hat vor zwei Jahren schon über diese tierquälerische Praxis berichtet. Die zuständigen Stellen versprachen Remedur. Jetzt hat die gleiche Sendung das Thema wieder aufgegriffen. Doch passiert ist fast gar nichts: Vorgeführt werden weiterhin zugeklebte, pralle Euter, mit denen die ungemolkenen Show-Kühe sich kaum bewegen können.

Amtlich approbierte Tierquälerei

Damit wäre eigentlich Artikel 4 des Tierschutzgesetzes längstens mehrfach verletzt: «Niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen», steht da nämlich. Dass die Show-Kühe «leiden», bestätigt der zuständige Funktionär im Bundesamt für Veterinärwesen (BLV), Kaspar Jörger: «Die Kühe können ja kaum mehr gehen.» Dass ihnen mit der Melkverweigerung durch ihre Besitzer «Schäden» zugefügt werden, ist auch längst erwiesen: Mehrfach haben Kantonstierärzte bei den armen Show-Kühen «Ödeme», also Risse in Eutern festgestellt. Ganz klar eine Verletzung infolge der unsinnigen Prall-Euterei. Das ist für die Tiere schmerzhaft, ist ihnen zugefügt – und damit ein Gesetzesverstoss. Oder will jemand behaupten «just for the Show» sei derlei Leiden «gerechtfertigt»?

Doch siehe da: Im neusten «Ausstellungsreglement» für solche Kuh-Konkurrenzen (an dem das für Tierschutz und Tierwohl gemäss Gesetz zuständige Bundesamt notabene mitgearbeitet hat!) steht, dass das Zukleben der Zitzen (zwecks schmerzhaftem Milchrückstau) sogar erlaubt sei. Dies dürfe einfach nicht mit Sekundenkleber gemacht werden – wohl aber ausdrücklich mit dem Klebstoff Collodin 80%. Auch Euterverletzungen (Ödeme) werden toleriert, wenn diese nicht mehr als «ersten Grades» sind. Und in diesem Falle werden die gequälten Tiere auch nicht einfach endlich gemolken. Punkt. Es werden ihnen nur gerade vier (von bis zu zwanzig) Litern Milch abgelassen. Der Gipfel dieses Unfugs: Derlei erfolgt «amtlich überwacht» durch einen Kantonstierarzt. Die Kosten dafür werden indirekt den Steuerzahlenden aufgebürdet. Mehr noch: Statt dass die gequälten Tiere ordnungsgemäss alle zwölf Stunden gemolken (und dabei ausgemolken!) werden, untersucht nun an solchen extremen Viehschauen ein Tierarzt mit einem komplizierten Ultraschall-Apparat bloss ein paar Tiere, um herauszufinden, ob im übervollen Euter schon eine verbotene Verletzung (Ödem oder Riss in der Euter-Unterhaut) «zweiten oder dritten Grades» entstanden sei – oder erst eine «erlaubte» Quälerei – weil nur «ersten Grades». Dass die Melkverweigerung auch zu Euterentzündungen führt, haben Tierärzte längst festgestellt.

Plakat von François Jacques für eine Milch-Kampagne 1922. Entspricht nicht ganz der Realität, in der Schweizer Milchkühe leben (Bild: cc)

Wenn Behörden jahrelang abwiegeln und «auswerten»

Schon vor zwei Jahren hatten Veranstalter, Züchter, Kantonstierärzte und das (un)verantwortliche Bundesamt auf Druck der Tierschutzvereine Massnahmen gegen diese unappetitliche Mischung aus Volksfest, Euter-Fetischismus und Tierquälerei versprochen. Passiert ist offenbar nichts. Auch darum nicht, weil solche Extrem-Viehschauen mit den alljährlichen lokalen «Prämierungen» im Bauerndorf nichts mehr zu tun haben. Sie heissen nun mitunter auch «Swiss Expo». Und sind eigentlich ein internationaler, importierter Show-Unfug. Tractor-Pulling auf vier Beinen sozusagen. Dabei geht es allerdings inzwischen auch um viel Geld.

In der erwähnten TV-Sendung eierten der Bundes-Tierschützer Kaspar Jörger und Andreas Aebi, Präsident der Schweizer Rinderzüchter (und Berner SVP-Nationalrat), dennoch erneut mit Floskeln herum wie «Tierwohl sicherstellen» oder «keine überlangen Zwischenmelkzeiten akzeptieren». Und: «Wir wollen, dass kein Tier leidet.» Doch was machen sie konkret: Statt dass die Euterzukleberei endlich verboten und die ausgestellten Tiere ordentlich gemolken werden (wäre doch nur normal und simpel einfach), wollen sie weitere «Resultate abwarten», die zeigen sollen, wie viele und wie gravierende Ödeme die tierquälerische Melkverweigerung wohl verursache. Und dann Ende April erneut «mit den Kantonstierärzten diskutieren».

Dabei leiden die Tiere schon lange bevor ihnen der Milchüberdruck das Euter zerreisst (Ödem). Wer das anzweifelt, kann mal eine Frau fragen, die gerade ihr Kleinkind stillt, wie schmerzhaft Milchüberdruck sein kann. Nur sieht man an den Qual-Shows kaum solche Frauen. Da herrschen die Züchter, Preis-Richter und Experten vor. Eine der wenigen Frauen, die solche Veranstaltungen etwa besucht, eine Tierärztin im Auftrag des Schweizer Tierschutzes (STS), wurde in Bulle (FR) kurzerhand «aggressiv und handgreiflich» rausgeschmissen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor konnte misten und melken, bevor lesen und schreiben – und besuchte schon anständige Viehschauen der lokalen Zuchtgenossenschaft, als an denen nur ausgemolkene Kühe gezeigt wurden.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

9 Meinungen

Besten Dank für diesen beeindruckenden Artikel. Die unheilige Allianz zwischen Bauernlobby, Kantonstierärzten und dem verantwortlichen Bundesamt sowie leider auch einer Mehrheit in unserem Parlament, stimmt bedenklich. Die Förderung und Subventionierung der industriellen Landwirtschaft ist mehr als fragwürdig. Die Schutzbehauptung, dass es den Nutztieren in der Schweiz im Vergleich zum Ausland ja sehr gut geht, wird täglich widerlegt. Hoffen wir, dass unsere Bevölkerung dieser Tierquälerei bald ein Ende setzt. Danke.
Alfred Schläpfer , am 08. April 2018 um 12:59 Uhr
Wir trinken gerne und viel geschmacklich hochstehende Milch.
Können wir solches Tun «bestrafen» indem wir bestimmte Milch wählen, bzw. nicht wählen? Der informierte Konsument hat ja eine gewisse Macht.
Heiner Graafhuis, am 08. April 2018 um 16:08 Uhr
Wie krank ist dass denn, sowohl von seiten der zuechter als auch von den besuchern dieser vorfuehrungen!! Beschaemend auch fuer die tatenlos bleibenden zustaendigen auf allen ebenen: wo bleiben tieraerzte und-schuetzer, kantonale und federale behoerden? Und wo die presse , il quarto potere? Sie alle koennten druck machen. danke Infosperber, fuer das aufgreifen der beschaemenden geschichte.
Gabriella Broggi, am 08. April 2018 um 16:16 Uhr
Lieber Herr Ramseyer,
Noch bevor ich Ihren Artikel zu Ende gelesen hatte, fühlte ich mich elend ........ als Mutter zweier mit Liebe gestillten Söhnen weiss ich, was es bedeutet, übervolle Brüste zu haben und – damals im Spital kein „rooming in „ (.....oder sowas ähnliches ) hatte, sondern warten musste, bis unser Baby angeliefert wurde. Mir blutet das Herz, diese Kühe zu sehen. Es ist eine Schande, dass sowas erlaubt ist. Danke, dass darüber geschrieben wird.
Freundliche Grüsse,
Antonia Riva
Antonia Riva, am 08. April 2018 um 18:19 Uhr
Beispiel wie Bauern, das BLV und «Tierärzte» korrumpiert sind. Es ist dieser unsägliche Filz der Tiere quält, uns mit Antibiotika und Pestiziden bewusst und systematisch vergeiftet. Und wir müssen diese Schweinereien noch zweimal bezahlen, über die Sozialhilfe an die Bauern, über das Produkt, teilweise noch über höhere Einfuhrzölle!
Victor Brunner, am 09. April 2018 um 08:42 Uhr
In Kürze auf einen Nenner gebracht. Die Bundesämter für was auch immer, Sport, Soziales, Militär, Justiz... waren schon zu Beginn an nicht für die Bevölkerung angedacht sondern für Kapital, Investoren, Profite und die staatliche Sicherung von privatem Eigentum und Pfründen. An den Mann gebracht, also verkauft wird alles angeblich für die Bevölkerung (man höhre gut zu wenn sie zu uns sprechen) wärend das Verteilen voll am Volk vorbei geht (das passiert wärend dem die listig designte Sprache der Politik und Einzelinteressen angewendet wird) den das wird seit Beginn des neoliberalen Zeitalters auf immer obszöneres Zwangssparen eingeschworen und gegeneinander aufgehetzt... Kapitalismus, Demokratie, Neoliberalismus sind längst Antagonisten mit unvereinbaren Ansprüchen an den Staat.
Uwe Borck, am 09. April 2018 um 09:07 Uhr
Ich finde es eine schreckliche Geschichte, dass Menschen in einem sog. Wettbewerb stehen und Tiere dafür leiden, bzw. «gerade"stehen müssen. Obwohl sie das, mit solch gefüllten Eutern, nicht wirklich mehr tun können. Da ich ein Teil des Volkes und der Konsumenten bin, wünsche ich dir, dass der Tierschutz alles unternimmt, um diese Machenschaften sofort zu unterbinden.
Regula Cuche, am 09. April 2018 um 16:19 Uhr
Das ist grässlich, zum Teil verboten, zuwenig kontrolliert. Das Übel ist, dass
man das, was ursprünglich unsere Bauern mit Liebe aufzogen und betreuten, jetzt den
"Laien» mit dem gleich vermittelt wird, was Tierquälerei ist. Ich will damit sagen, Rinder sind Grasfresser. Kraftfutter können sie nicht richtig verdauen. Daher stimmt schon die Behauptung nicht, Rinder würden prinzipiel soviel Getreide +Anbaufläche benötigen wie 3 Menschen.
Grasfressende (z. B. Heumilch.at Vorschriften lesen) «erzeugen» für uns Nahrung, aus Gras, das können wir nicht. Ausserdem halten sie die Almen + Pisten frei.
Das Argument diese Mastkühe geben mehr Milch. Das stimmt, aber vielleicht für 5 Jahre, dann sind sie ausgelaugt und die Graskühe geben weniger aber 2 bis 3 mal so viel (in Jahren). Aber letztendlich kommt es darauf an, was wir - jeder Einzelne - kaufen.
Gesund produzierte Lebensmittel kosten etwas mehr, billige verursachen doppelt und mehr Kosten in unseren Körpern (Gesundheit)
Und den Veganern ins Stammbuch, schaut genauer wo Euer Gemüse herkommt. Wie die behandelt werden, die es produzieren - wie Sklaven* - und wieviel Boden chemisch so verseucht wird, dass Fachleute befürchten, dass wir in einigen Jahren zuwenig Bodenfläche haben und froh sein werden, wenn wir etwas Milch von den Grasfressern haben. *TV über Gemüse in Spanien, man hat einen gewissen Stundenlohn festgelegt.
Konzerne (Coop wird erwähnt) wollen nicht soviel zahlen. Lösung man zahlt den Arbeitern nicht alle Stunden.
Elisabeth Schmidlin, am 11. April 2018 um 15:57 Uhr
Ich habe mir «KASSENSTURZ SRF» vom 3. April 2018 ebenfalls zu Gemüte geführt und die schlichtweg perversen Bilder der gequälten Kühe mit ihren zum Platzen überfüllten Eutern und zugeklebten Zitzen fassungslos zur Kenntnis genommen. Dass der Kanton Bern dieses krass tierquälerische Spektakel überdies auch noch mit Steuergeldern unterstützt, ist ein ausgemachter Skandal. Perfekt zur trostlosen Szenerie der ach so fröhlichen Viehschau-Chilbi passend dann auch noch der unsägliche, vor Selbstgerechtigkeit und Arroganz strotzende Auftritt von Herrn Andreas Aebi, seines Zeichens SVP-Nationalrat des Kantons Bern und oberster helvetischer Rinderzüchter. – Die Zeit scheint nun wirklich überreif, um diesem folkloristischen Unfug endlich den Stecker zu ziehen !
René Edward Knupfer-Müller, am 12. April 2018 um 00:47 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.