Spanien kriselt und bröckelt, Zypern kann aufatmen

René Zeyer © R.Z. Foto Rolf Edelmann
René Zeyer / 27. Feb 2013 - Die Krise war gestern. Aber dann kam Zypern. Und nun kracht’s in Spanien. Italien verunsichert. Das war natürlich «unvorhersehbar».

Die Fluglinie Iberia liegt am Boden. Die Regierung Rajoy gerät in den Strudel eines Korruptionsskandals mit schwarzen Kassen. In Andalusien und Katalonien haben sich sowohl Sozialisten wie Mitglieder der Regierungspartei illegal bereichert. Selbst das Königshaus ist in einen Finanzskandal verwickelt. Das Übliche halt, wenn ein Land eigentlich mehr zur Dritten Welt als zur Eurozone gehört.

Das wahre Problem

Aber das alles sind ja nur Peanuts, wie ein Banker sagen würde. Hingegen: Der nächste spanische Immobilienentwickler steht kurz vor der Pleite. Eigentlich geht es dabei nur um im Eurorahmen eher läppische 3,6 Milliarden Verbindlichkeiten. Aber dahinter steht die Katastrophe, dass sich in Spanien eine Immobilienblase bildete, gegen die das US-Desaster mit Immobilienschrottpapieren, das die Finanzkrise 1 auslöste, ein Klacks ist.

Seit 2007 haben spanische Immobilien 40 Prozent an Wert verloren. Dazu die allgemeine Wirtschaftskrise, Rezession, steil steigende Arbeitslosigkeit, leere Staatskassen und natürlich die fehlende Möglichkeit, durch eine Abwertung der Währung international wieder konkurrenzfähig zu werden. Und da kommen wir zum wahren Problem.

191,6 Milliarden Euro nicht mehr verzinst

Die Quote an faulen Krediten, meistens aus dem Hypothekensektor, wird von der spanischen Nationalbank in ihrem jüngsten Bericht vom Januar 2013 mit 11,4 Prozent beziffert. Diese 191,6 Milliarden Euro werden von den Schuldnern nicht mehr bedient. Noch schlimmer: Selbst durch eine Zwangsversteigerung kann der Kreditgeber sein Geld nicht mehr retten; wie auch, bei einem zusammengebrochenen Immobilienmarkt. Das würde normalerweise zu einem Zusammenbruch des Bankensystems führen. Aber doch nicht in der Eurozone.

Unbegrenzte «Hilfe» versprochen

Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) hat Spanien bereits Ende Dezember 2012 mit einer ersten Tranche von 39 Milliarden unter die Arme gegriffen. Die wurden in eine neu gegründete Bad Bank gestopft, in die kriselnde spanische Banken ihre faulen Kredite auslagern dürfen. Insgesamt stehen dafür rund 100 Milliarden bereit. Ohne dass sich Spanien irgendwelchen ernstzunehmenden Bedingungen dafür unterwerfen musste. Schon jetzt ist klar, dass diese 100 Milliarden hinten und vorne nicht reichen werden. Aber Hand aufs Herz: Da die Europäische Zentralbank ja bereit ist, unbegrenzt Geld zu drucken, spielt es doch keine grosse Rolle, ob man hier 100 oder 191,6 Milliarden verbrennt. Es gibt doch Geld wie Heu, also rein in den Ofen.

Milliarden in Bad Bank sind verloren

Ich weiss, die Wiederholung mag ermüden. Aber im noch jungen Jahr 2013 hat das Verhalten der Eurokraten und die Zusammenarbeit zwischen EZB und der Dunkelkammer ESM ungetarnt das Stadium der völligen Verantwortungslosigkeit erreicht. Denn das in der spanischen Bad Bank verbrannte Geld ist frag- und rettungslos verloren. Genau wie die für Multimilliarden in die Pampa betonierten Überbauungen, die nicht mal bei einer Wiederbelebung des spanischen Kolonialimperiums ihren finanzierten Wert wiedererlangen würden.

Abrissunternehmen hingegen, das wäre einer der wenigen Geschäftszweige mit Potenzial auf der iberischen Halbinsel. Ganz abgesehen davon, wenn das sozial und politisch so weitergeht, dass EZB und ESM bald einmal keinen Ansprechpartner mehr finden könnten, mangels funktionierender Regierung.

Defizitziel verfehlt

Wenn ein ökonomisches Desaster nicht einigermassen schnell repariert wird, metastasiert es in den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft und ins Funktionieren des Staates. Turmhohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit für eine gesamte heranwachsende Generation, ein zutiefst korruptes Parteien- und Regierungssystem, da sind wirklich alle Bestandteile für eine gewaltige Explosion vorhanden. Rechtsfreie Räume, Faustrecht und Unregierbarkeit sind die Auswirkungen. Diktatur die mögliche Konsequenz. Griechenland und Spanien liegen da Kopf am Kopf im Rennen um den ersten Platz, Italien folgt mit kurzem Abstand.

So sieht das Eurojahr 2013 schon ganz am Anfang aus. Einen beunruhigenden Realitätsverlust bewies Ministerpräsident Rajoy vergangene Woche in seiner Regierungserklärung: «Heute glaubt niemand, dass Spanien nicht durch die Krise kommt.» Dabei hat seine Regierung das Defizitziel für 2012 verfehlt; um wie viel, sagt er nicht. Alleine für diesen Satz würde ihn die spanische Jugend liebend gerne durch die Strassen prügeln.

Und Zypern?

Ach, die brauchen im Moment ja bloss maximal 8,8 Milliarden Euro, damit sie weiterhin fröhlich Geldwäsche betreiben, Steueroase spielen und gern gewählter Sitz für lusche Fondsgesellschaften bleiben können. Das sind nun wirklich Peanuts, über die sich ein strammer Anhänger des europäischen Gedankens nicht ernsthaft Gedanken machen sollte. Denn wir erinnern uns gerne an den Merkel-Satz: «Fällt der Euro, fällt Europa.» Wir sind nur gespannt, wie tief Europa fällt.

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Dieser Beitrag erschien im Journal21.

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