Kursverluste an Börsen in China wegen des Coronavirus © NP

So kann das Coronavirus die fragilen Finanzmärkte anstecken

Urs P. Gasche / 28. Jan 2020 - Um eine grosse Finanzkrise auszulösen, braucht es heute weniger als 2007/08. Experten sehen einen «Ukrainian Chicken Farm Moment».

«Der Ausbruch des Coronavirus könnte in eine solche Phase gefallen sein – mit entsprechenden Gefahren ... für den gesamten [Kapital-]Markt». Mit einer «solchen Phase» meint Andreas Uhlig, Kapitalmarkt-Spezialist der NZZ, einen «Ukrainian Chicken Farm Moment». Es handelt sich um Phasen des Obligationenmarktes, in denen Anleger «keine Vorsicht walten lassen» und ein relativ isoliertes Ereignis zu riesigen Verlusten führen kann. Diese Verluste lösen dann eine Kettenreaktion aus.

Die Gefahr einer Kettenreaktion ist heute grösser als seit langem. Denn Notenbanken und Regierungen ist es nicht gelungen, mit einer Geldschwemme und einer Nullzinspolitik das Wirtschaftswachstum wie gewünscht genügend anzukurbeln und damit die Möglichkeit zu schaffen, die weltweite Rekordverschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten zu reduzieren.

«Ein gefährlicher Moment für den globalen Kapitalmarkt»

Wenn ein unerwartetes Ereignis eintritt, das den globalen Kapitalmarkt ins Wanken bringen kann, sprechen Finanzmarktspezialisten von einem «Ukrainian Chicken Farm Moment» – in Anspielung auf ein historisches Ereignis: Vor 23 Jahren lockte das damals praktisch unbekannte ukrainische Unternehmen «Mironiwski Hliboprodukt» mit einer Anleihe in Höhe von 250 Millionen Dollar, die den Käufern jährlich hohe 10 Prozent Zins abzuwerfen versprach. Die Firma war eine «vertikal integrierte Produzentin von Geflügelprodukten». Angesichts der überdurchschnittlichen Rendite kam es zu einem Ansturm unvorsichtiger Anleger.

Dumm nur, dass kurze Zeit später in Hongkong die Vogelgrippe ausbrach. Weil das Unternehmen für solche Ereignisse nicht versichert war, erlitten die Anleger praktisch über Nacht Verluste von 30 Prozent und mehr. Daran erinnert der NZZ-Finanzspezialist am 27. Januar 2020 (online am 26.1.2020). Über seinen Artikel setzte er den Titel «Ein gefährlicher Moment für den globalen Kapitalmarkt».

Als Beispiel für «Euphorie und Sorglosigkeit der Anleger» nennt Uhlig die jüngste Anleihe des ukrainischen Staates über 1,25 Milliarden Dollar und einer Verzinsung von 4,75 Prozent. Versicherungen, Pensionskassen und andere Grossanleger müssen sich mit zunehmend riskanten Anlagen begnügen. Viele eigentlich unrentable Unternehmen überleben heute, weil sie für ihre hohen Schulden praktisch keine Zinsen zahlen müssen. Die Zahl von Unternehmen, die ihren finanziellen Verpflichtungen trotzdem nicht mehr nachkommen konnten, sei im Jahr 2019 um 50 Prozent gestiegen. Das erklärte Scott Minerd, Chefanleger des internationalen Investment-Unternehmens Guggenheim Partners gegenüber der NZZ.

Coronavirus kann Konsumverhalten in China beeinflussen – mit Folgen

Die «New York Times» ihrerseits titelt einen Bericht ihres China-Korrespondenten in Hongkong mit «Virus bringt Märkte in China ins Schwanken». Globale Investoren hätten Angst davor, dass die Konsumfreude der Chinesinnen und Chinesen einen Dämpfer erhalte. Das hätte Folgen für Jobs und Wachstum anderswo auf der Welt, weil China als «grösste Wachstumsmaschine» gelte. Chinesen würden weniger reisen, weniger konsumieren und mehr sparen. Das Coronavirus sei ausgerechnet zurzeit des chinesischen Neujahrs ausgebrochen, während der am meisten gereist und konsumiert werde. Die 12-Millionen-Stadt Wuhan sei einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte und ein Zentrum der Automobilindustrie.
Verbreitet sich das Coronavirus ausserhalb Chinas, dürfte dies auch europäische und amerikanische Fluggesellschaften treffen.

Als Reaktion darauf meldeten Börsen nicht nur in China, sondern in ganz Asien letzte Woche grössere Kursverluste. Gestern Montag meldeten auch die Börsen in den USA und in Europa Verluste.

Es sei indessen noch «zu früh, um in Panik auszubrechen», meinte Tara Joseph, Präsidentin des «American Chamber of Commerce» in Hongkong gegenüber der «New York Times». Doch das «Risiko einer Pandemie» bestehe, ergänzte Guan Yi, Professor für Infektionskrankheiten an der Universität von Hong Kong. Und das könnte einen «Ukrainian Chicken Farm Moment» auslösen.

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Eine Meinung

50 Todesfälle forderte das Virus schon.

Masern fordert 140.000 Todesopfer jährlich, Tendenz steigend. Masernimpfung gibt es schon lange. Viele Eltern verweigern aber den Impfschutz für ihre Kinder.

Verkehrstote gibt es 1,35 Millionen pro Jahr.
Durch Lärm und Abgase 10 x so viele ?
Ist aber kaum der Rede wert.

9 Millionen Kindern verhungern pro Jahr.
Intetessiert die Öffentlichkeit kaum.

Dagegen leider 2 Milliarden Person an Übergewicht. 4 Millionen sterben davon pro Jahr.

Sollte man aber nicht weiter beachten. Die Auto- und Lebensmittelindustrie ist dafür wenig zu begeistern.
Dieter Gabriel, am 28. Januar 2020 um 13:37 Uhr

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