Postfächer in Sessa, eine simple Blechbox zu 45 Franken pro Fach und Monat © cm
Der Heilige Martin an der Kirche von Sessa: die Post hat von ihm noch nichts gehört... © cm

Schweizer Post: 45 Franken pro Monat fürs Postfach

Christian Müller / 29. Dez 2012 - Wo Briefe oder Pakete verschickt werden, zahlt der Versender. Doch jetzt kassiert die Post auch vom Empfänger, also doppelt.

Die Grundphilosophie ist klar: Wird ein Brief oder ein Paket verschickt, zahlt derjenige, der den Brief oder das Paket verschickt. Nur gerade bei zurückgeschickten (und gewissermassen vorfrankierten) Geschäftsantwortbriefen zahlt der Empfänger: die Firma, der Verein oder die Amtsstelle nämlich, die eine Antwort auf eine vorangegangene Mitteilung haben möchten. Das ist – als Spezialfall – klar geregelt.

Der Normalfall ist, dass die Post den Brief oder das Paket an die Hausadresse des Empfängers bringt. Wer allerdings nicht auf den Briefträger warten will, bis er seine Post anschauen kann, kann sich ein Postfach nehmen. Für die Post ist das ein willkommenes Geschenk, denn die Arbeit, den Brief oder das Paket an die Hausadresse des Empfängers zu bringen, entfällt. Die Hauszustellung der Post ist nämlich ein relativ teurer Teil des ganzen Transportes. Nicht zufällig ist schon vor etlichen Jahren die Vorschrift in Kraft getreten, dass die privaten Briefkästen an der Strasse sein müssen und nicht irgendwo am Haus angebracht oder im Garten des Hauses versteckt sein dürfen.

Schluss mit dem Service public-Denken!

Ein dreistelliger Millionengewinn pro Jahr genügt dem Staatsbetrieb Post, der mehr und mehr nach privatwirtschaftlichen Kriterien organisiert ist und geführt wird, allerdings noch nicht. Denn er hat ein Problem: Der als Folge des Internets rückläufige Briefpost-Umsatz muss irgendwie kompensiert werden, und sei es auch unter Missachtung jeden gesunden Menschenverstandes. Meint zumindest die Post.

Ein Beispiel? In einem Nachbardorf von Luino (Italien) am Lago Maggiore hat Dr. U., ein Deutscher, seit den 1970er Jahren ein Ferienhaus. Da die italienische Post nicht gerade für Schnelligkeit und Zuverlässigkeit berühmt ist, hat er auf der Schweizer Seite der Grenze, im Tessiner Dorf Sessa, ein Postfach. Und dies seit vier Jahrzehnten. Gratis, versteht sich. Denn die Post verdient ja an den Briefen, Paketen und Zeitungen, die frankiert dorthin geschickt werden.

Dieser Tage allerdings erhielt Dr. U. die Mitteilung, sein Postfach koste künftig 552 Franken im Jahr. 554 Franken! Eine Rückfrage bei der Postzentrale in Bern ergab: Ein «Postfach Extra» kostet die ersten drei Monate CHF 147.-, die folgenden drei Monate CHF 135.-, und so weiter. Das ergibt CHF 552.- fürs erste Jahr und immer noch CHF 540.- für die folgenden Jahre. Oder umgerechnet CHF 45.- pro Monat! Für 45 Franken pro Monat kann man sich aber in ländlichen Gegenden eine Garage für sein Auto mieten, entspricht es doch der Verzinsung eines Investments in Höhe von 15’ bis 20'000 Franken.

Die Post kassiert also doppelt, und wie! Nehmen wir an, Dr. U. hat die Süddeutsche Zeitung abonniert. Die Süddeutsche Zeitung zahlt der Post den ganz normalen Preis, ob die Zeitung nun an eine Hausadresse in Sessa oder an ein Postfach in Sessa adressiert ist. Die Kosten des Transportes der Zeitung sind also bezahlt – vom Sender, wie dies eben im Normalfall so ist. Da nun Dr. U. aber ein Postfach hat, zahlt er seinerseits zusätzlich CHF 45.- im Monat oder CHF 1.50 am Tag für die Blechbüchse, deren Einstandspreis bei 10 bis 20 Franken pro Einzelfach liegen dürfte. Sollte er zahlen... Ein Abriss in Reinkultur!

Ein lukratives Geschäft für postnahe Private

Dr. U. wird das Angebot der Post selbstverständlich nicht annehmen. Denn nichts ist einfacher, als seine Post umzuadressieren: entweder an einen anderen Postfach-Inhaber am gleichen Ort oder an einen Dorfbewohner, der nahe der Post wohnt. Mit einem ist er bereits im Gespräch. Und der clevere Tessiner ist seinerseits bereits am Abklären, wie viele Opfer der neusten Post-Abzockerei etwa zu erwarten sind. «Ich stelle gern vor meinem Haus ein Postfach-ähnliches Gestell auf, male es statt hellgrau zum Beispiel gelb an, und alle bisherigen Postfach-Benutzer, die jetzt in absurder Weise zur Kasse gebeten werden sollen, können ihre Adresse auf – zum Beispiel – «Hans Meier c/o Bernardo Galli*» in Sessa abändern. Ich bin schon mit CHF 4.50 pro Monat, also dem zehnten Teil des Posttarifs, mehr als zufrieden.»

Mal sehen, wie lange die Post es sich leisten kann, ihre Dienstleistung doppelt zu verrechnen und einen solch absurden Preis für ein Postfach aufrechtzuerhalten. Bei dessen Einführung stand offensichtlich noch die alte Monopol-Denke Pate, aber gleichzeitig bereits auch die neue, privatwirtschaftliche Gewinn-Philosophie. Die Post hat privatwirtschaftliches Blut geleckt.

(*Name von der Redaktion geändert).

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Die Post mausert sich zur AG (Bericht auf NZZonline)

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