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Für den Grosshandel sind diese Erdbeeren zu reif und haben zu viele Druckstellen.

Schweiz: Internet-User und Kleinhandel retten Landwirt vor Ruin

Tobias Tscherrig / 07. Jul 2019 - Der Grosshandel hat die Ernte eines Schweizer Bauern verschmäht – weil sie zu reif sei. Das kostete ihn beinahe seine Existenz.

Ein Bauer aus dem Emmental bleibt auf über einer Tonne Erdbeeren sitzen, für den Grosshandel sind sie zu reif und würden sich deshalb nicht mehr zum Verkauf eignen. Der Landwirt steht vor dem Ruin. Die Erdbeeren drohen, im Müll zu landen. Ein Verein, der gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln kämpft, solidarisiert sich auf Facebook mit ihm. Zusätzlich findet der Landwirt einen kleinen regionalen Laden, der seine Erdbeeren frisch verkauft.

Sieben Stunden später ist die Tonne Erdbeeren verkauft, der Bauer gerettet. Nun fordert er Konsumenten und Grosshandel auf, umzudenken.

«Der Grosshandel will halbreife Früchte»

Bruno Spycher aus Lützelflüh im Emmental übernahm vor vierzehn Jahren den kleinen Landwirtschaftsbetrieb seines Vaters. Seitdem pflanzt er auf elf Hektaren Erdbeeren und Himbeeren an, die er anschliessend an den Grosshandel verkauft. Ein Knochenjob, der kaum zum Überleben reicht: Die Margen sind klein, während den Wintermonaten ist er auf einen zusätzlichen Verdienst angewiesen und arbeitet bei einer Umzugsfirma.

In den vierzehn Jahren als Landwirt hat Spycher einiges erlebt. Er kennt das Wetter und seine Kapriolen und er weiss, wie er seine Pflanzen schützen und pflegen muss, damit er sie nach der Ernte an den Mann bringen kann. Aber in diesem Jahr hatte er keine Chance: «Es war sehr lange kalt, dann wurde es plötzlich sehr schnell heiss», sagt Spycher gegenüber «infosperber». In der Tat: Gemäss «Meteo Schweiz» durchschwitzte die Schweiz den zweitheissesten Juni seit Messbeginn im Jahr 1864.

Die extremen Temperaturen waren zu viel für die Erdbeeren, sie reiften zu schnell. Zu schnell für den Bauern und sein Team. Sie wissen, dass der Grosshandel nur halbreife Früchte entgegennimmt. «Es ist nicht mehr wie früher», sagt Spycher. «Im Idealfall würden die Erdbeeren am Morgen geerntet, am Nachmittag geliefert und am Folgetag verkauft.» Die Situation sei heute aber eine andere. «Die Ware wird geerntet, dann drei- oder viermal durch das Land transportiert und danach noch tagelang in Kühlräumen gelagert. Erst danach kämen die Früchte in den Verkauf. «Deshalb kaufen uns Grosshändler nur halbreife Früchte ab.» Seien diese nicht im Angebot, investiere der Grosshandel lieber in ausländische Früchte, welche die gewünschte Reife aufweisen.

Spycher steht vor Ruin

Spycher bringt seine Ernte zur Annahmestelle des Grosshändlers, mit dem er seit vier Jahren zusammenarbeitet. Hier wird die Ware kontrolliert und für zu schlecht für den Verkauf befunden. «Reife Erdbeeren bekommen schneller Druckstellen und sind weniger lang haltbar», sagt Spycher. «Für den Grosshandel kommt solche Ware nicht in Frage.» Ihm bleibt nichts anderes übrig, als seine Erdbeeren – über eine Tonne – wieder mit nach Hause zu nehmen.

Zwar kann er einige Kilos an einen Glacéhersteller verkaufen – aber Spycher hat ein echtes Problem. «Ich stand vor dem Bankrott», sagt der Landwirt. «Ich muss die Saat ankaufen, die Löhne der Arbeiter bezahlen, in die Pflege der Pflanzen und in die Infrastruktur investieren. In meiner Branche erwirtschaftest du die Einnahmen erst in der zweiten Jahreshälfte.» Und genau diese drohen nun wegzubrechen. Spycher ist frustriert und denkt daran, den Bauernberuf an den Nagel zu hängen.

Grosshandel verteidigt Vorgehen

Ein hartes Los für Landwirte, die mit der Natur arbeiten und trotz Wetterkapriolen oder Schädlingsbefall ihre Ware gemäss dem Wunschkatalog des Grosshandels züchten müssen, wenn sie an diesen verkaufen wollen.

«TeleBärn» hat einige Grosshändler zu diesem Vorgehen befragt. «Coop» schrieb zurück: «Saisonale Früchte und Gemüse haben bei uns immer Priorität. Aufgrund der grossen Hitze gibt es aktuell nicht genügend Schweizer Erdbeeren. Daher haben wir zusätzlich auch Erdbeeren aus Deutschland und Belgien im Sortiment.» Die Stellungnahme von «Migros» sei in etwa gleich ausgefallen, berichtet «TeleBärn». Ausser dass «Migros» immerhin noch anmerkte, dass Erdbeeren eine gewisse Lagerzeit überstehen müssten.

Bruno Spycher lacht, als er von «infosperber» mit diesen Aussagen konfrontiert wird. «Natürlich gibt es in dieser Saison genügend Schweizer Erdbeeren. Allerdings nicht genug, die den exakten Anforderungen des Grosshandels entsprechen. Deshalb weichen sie auf ausländische Produkte aus.»

Kritik an Grosshandel und Konsumenten

Spycher wünscht sich vom Grosshandel mehr Flexibilität. Er gibt ein Beispiel: «Würde man Erdbeeren wie die meinen zu einem günstigeren Preis verkaufen, würden sich die Konsumenten sicher nicht an den Druckstellen stören.» Immerhin handele es sich dabei um regionale und frische Produkte.

Der Landwirt kritisiert das aktuelle System. «Heute werden sowohl Produzenten als auch Konsumenten abgezockt. Der Produzent bekommt wenig für seine Ware, der Konsument zahlt zu viel. Die Grosshändler sacken das grosse Stück vom Kuchen ein.» Spycher sähe es gerne, wenn die Grosshändler nur noch saisonale und regionale Produkte anbieten – und damit auch den einheimischen Produzenten helfen würden.

Der Landwirt kritisiert aber auch die Unwissenheit der Konsumenten. Die Menschen in den Städten hätten kaum noch einen Bezug zur Landwirtschaft und wüssten nur selten, woher ihr Essen stamme. Zwar finde langsam ein Umdenken statt, das reiche aber bei weitem nicht: «Muss jedes Produkt zu jeder Jahreszeit verfügbar sein? Müssen die Regale kurz vor Ladenschluss noch einmal mit frischem Obst aufgefüllt werden? Braucht es billige ausländische Ware, während wir die einheimischen Produkte wegschmeissen?»

Internet-User und Kleinhandel retten Spycher

Für seine Tonne Erdbeeren hat Spycher schliesslich doch noch Abnehmer gefunden. Ein kleiner Laden in Thun nahm ihm einen Teil der Ware ab und verkaufte sie frisch weiter. Ausserdem wurde der Landwirt vom Verein «Grassrooted» unterstützt. Dieser setzt sich gegen das Wegwerfen und die Homogenisierung von Nahrungsmitteln ein und wirbt etwa mit dem Slogan «Gmües isch Natur! Kes Kunstobjekt.»

«Grassrooted» rief auf Facebook dazu auf, dem Landwirt aus der Not zu helfen und ihm seine Ware abzukaufen. «Nach sieben Stunden waren alle Erdbeeren verkauft», sagt Vereinsgründer Dominik Waser. Die Nachfrage hätte das Angebot bei Weitem überstiegen.

Waser will mit seinem Engagement für die Lebensmittelverschwendung in der Schweiz sensibilisieren und plädiert für eine nachhaltigere Landwirtschaft. «Es bringt nichts, eine Tonne Erdbeeren zu retten. Das System produziert jeden Tag das x-Fache an Überschuss.» Da seien eine Tonne Erdbeeren nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Ebenso wie die 30 Tonnen Bio-Tomaten, die der Verein in einer anderen Aktion vor der Biogasanlage rettete und mittels Strassenverkauf in wenigen Stunden verkaufte.

Zwar steige das Bewusstsein der Konsumenten für «Food Waste», aber: «Die Frage ist, was wir mit dem Wissen machen. Es braucht Änderungen in der Politik und veränderte Rahmenbedingungen in der Produktion». Aus diesem Grund hat sich Waser entschieden, auch politisch tätig zu werden. Er kandidiert auf der Liste der «Juso Zürich» für den Nationalrat.

«Ich kann nicht nur die Faust im Sack machen»

Die Realität gibt Waser und seinem Verein recht. Die Zahlen, die das Bundesamt für Landwirtschaft zur Lebensmittelverschwendung publizierte, sind erschreckend: Jedes Jahr fallen in der Schweiz insgesamt 2,6 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste an. In der Landwirtschaft wandern pro Jahr 225'000 Tonnen Lebensmittel in den Müll, 90 Prozent davon könnten vermieden werden. Und die Schweizer Haushalte sind nicht besser. Sie produzieren pro Jahr eine Million Tonnen Lebensmittelabfälle, die Hälfte davon wären vermeidbar.

Und Bauer Spycher? Zwar hat er für seine reifen Erdbeeren weniger Geld erhalten, als ihm der Grosshandel für halbreife Früchte gezahlt hätte. Trotzdem ist er mit dem Verkauf zufrieden, immerhin kann er seine Kosten decken. Das Vertrauen in den Grosshandel hat er allerdings verloren. «Ich kann nicht nur die Faust im Sack machen», sagt er. «In Zukunft werde ich vermehrt mit kleinen Händlern und Läden zusammenzuarbeiten. Es sind die 'Kleinen', die man unterstützen muss.»

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4 Meinungen

Ich habe mehrere Jahre im Süden Frankreichs gewohnt und kaufte dort Früchte und Gemüse immer auf dem Markt. Was ich heute in Basel auf dem Markt und bei den Grossverteilern im Angebot finde, erschüttert mich: Steinharte, völlig unreife Früchte, die auch nicht mehr nachreifen. Sie sind äusserlich zwar «makellos», werden aber mehlig, wenn man sie länger aufbewahrt oder verschrumpeln. Wo ist der Anbieter, bei dem ich reife, süsse Aprikosen, Pfirsiche, Nektarinen und Zitronen kaufen kann??! Ich möchte nicht nach der Arbeit mit dem Velo zu irgendeinem Bauernhof fahren müssen, sondern im Grossverteiler zu reifen Früchten greifen können. Wer bietet dafür eine Lösung?
Christiane Widmer, am 07. Juli 2019 um 11:56 Uhr
"Die Menschen in den Städten haben keinen Bezug zur Landwirtschaft...."
Aha. Die Aldi-Filialen von Avery über Oberburg bis Zweisimmen brummen. Da kaufen Einheimische, auch Bauern! Überdimensionierte Landis (Teil von Fenaco, eine Genossenschaft der Bauern) vertreiben inzwischen mehrheitlich asiatischen Billigst-Produkte. Auch auf dem Land gilt «Geiz ist geil».
Eine mögliche Gegenmassnahme: der Stimmzettel.
H. Sigrist, am 07. Juli 2019 um 12:04 Uhr
Es ist nicht zuletzt die Industrialisierung des Verkaufs, welche die Landwirtschaft zu industriellem Handeln zwingt. Die «Logik» von grossen Detailhandelsketten (Migros, Coop, Rewe, Spar, Edeka, Manor, Carrefour…) führt zu einem Zentralismus, der unter anderen Folgen mehr sinnlosen Warenverkehr produziert und einen massiven Verlust an Flexibilität und Vielfalt.
Der Appel des betroffenen Bauern an die Konsument/innen ist absolut berechtigt. Er und die Mehrheit der Bauern müssen sich aber schon auch an der eigenen Nase nehmen: Ihre Abhängigkeit von Grosseinkäufern ist ja nicht über Nacht über sie hereingebrochen, sondern sie haben sich ihr sehenden Auges immer mehr unterworfen. Bleibt zu hoffen, dass Bruno Spycher nach dieser harten Erfahrung nicht wieder in alte Geleise zurückfällt, sondern versucht, die gewonnenen Absatzalternativen weiter zu entwickeln – und das andere Bauern diesem Beispiel folgen, in gemeinsamer Anstrengung mit Konsument/innen und mit engagierten Initiativen wie «Grassrooted».
Billo Heinzpeter Studer, am 07. Juli 2019 um 12:08 Uhr
Verantwortung ist bei MIGROS und COOP nur ein Lippenbekenntnis. Lieber ennet der Grenze einkaufen als lokale Produkte. Innovation ist bei den beiden Grossverteiler nicht gefragt. Lieber die einheimische Landwirtschaft zugrunde gehen lassen. Aktuelles Beispiel, die MIGROS will den Bauern für den Liter Milch 3 Rappen weniger bezahlen, obwohl der Kunde ohne Murren 5 Rappen mehr bezahlen würden.
Victor Brunner, am 08. Juli 2019 um 11:35 Uhr

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