Mit dem EU-Rahmenabkommen bald wieder bei uns? Hühner in "ausgestalteten Käfigen" stören die SVP. © DTB
Stören die SVP nicht: zugeklebte und qualvoll-prallvolle Euter in der Schweiz © SRF/Kassensturz

SVP ist auch ohne EU für Tierquälerei

Niklaus Ramseyer / 07. Jun 2019 - SVP-Kreise warnen vor der Aushöhlung des Tierschutzes durch das EU-Rahmenabkommen. Tierquälerei an Viehschauen verteidigen sie.

„Gefahr für den Schweizer Tierschutz.“ Dies drohe uns durch das umstrittene EU-Rahmenabkommen, zu dem der Bundesrat heute erneut Stellung nehmen will. So warnt ein Komitee namens „EU-NO, Nein zum schleichenden EU-Beitritt“.

Das von Brüssel mit viel Druck verlangte Abkommen (InstA) werde „ungeahnte Folgen nach sich ziehen“, warnt EU-NO, ein Komitee, das von Christoph Blocher gegründet wurde, jetzt vom Zürcher SVP-Nationalrat Roger Köppel präsidiert wird – und in etwa als Anti-EU-Filiale der SVP charakterisiert werden könnte.

Arme EU-Hühner ohne Schnäbel in Käfigen

Das Komitee betont, „dass wir in der Schweiz ein ausgewogenes und in der Gesellschaft gut verankertes Tierschutzrecht entwickelt haben“. Und: „Einen ebenbürtigen Schutz hat die EU nicht.“ Mit dem jetzt wieder im Bundesrat diskutierten Rahmenabkommen jedoch „müssten wir die Tierschutzstandards der EU angleichen“. Das wäre „ein grosser Rückschritt und würde die Situation der Tiere und insbesondere der Nutztiere massiv verschlechtern“.

Konkret seien etwa qualvolle Tiertransporte von bis zu 28 Stunden in der EU zulässig. In der Schweiz nur 8 Stunden. Auch die üble, in der Schweiz verbotene Haltung der Hühner in „ausgestalteten Käfigen“ (siehe Foto oben) sei in der EU weiterhin erlaubt. Und während hierzulande mehr als die Hälfte der Hennen von Freilandhaltung profitierten, sei dies in der EU nur 13 Prozent der Federviecher vergönnt. Zudem würden den armen Vögeln im EU-Raum völlig legal die Schnäbel abgeschnitten (coupiert). „Aus Schweizer Sicht höchst unwürdig und nicht erlaubt.“ So ereifert sich EU-NO.

Qual-Viehschauen made in USA – bei uns

Im Rahmen des Rahmenabkommens vor dem EU-GH als Handelshemmnisse oder Wettbewerbsnachteile eingeklagt, könnten die fortschrittlichen Tierschutzregeln hierzulande tatsächlich unter Nivellierungs-Druck nach unten geraten. Das hat durchaus etwas und wurde bisher wenig diskutiert. Dumm nur, dass der SVP-Ableger EU-NO eher schlecht legitimiert ist, davor zu warnen. Wenn es um einheimische Tierquälereien geht, verteidigt die Blocherpartei nämlich nicht selten eher die Quäler als deren vierbeinige Opfer. Und dies auch dort, wo die Tierquälerei ein völlig unnötiger Unfug oder gar eine dümmliche Volksbelustigung ist. An „modernen“ Viehschauen etwa (siehe Infosperber: Tierquälerei als Show und Volksvergnügen). Da werden neuerdings die Tiere ungemolken mit qualvoll gefüllten Eutern vorgeführt. Mit Eutern, die sie mitunter am normalen Gehen hindern oder gar zu Ödemen führen.

Stören die SVP nicht: zugeklebte und qualvoll-prallvolle Euter in der Schweiz. Quelle: SRF/Kassensturz

Der Blödsinn (als Rural-Party mit viel Rambazamba) ähnlichen Anlässen in den USA nachgeäfft, hat mit den traditionellen Dorf-Viehschauen nichts zu tun – und ist inzwischen für einzelne Aussteller auch ein gutes Geschäft. Dabei werden die Kühe nicht nur nicht gemolken, was für ein Tier schon schmerzhaft genug ist. Es werden ihnen auch noch die Zitzen mit Leim zugeklebt, weil sonst nämlich bei den grosseuterigen, „ringmelkigen“ Rassen (Red Holstein) wegen schmerzhaften Überdrucks im Euter die Milch aus den Zitzen läuft, ohne dass auch nur ein Melker Hand anlegen würde.

SVP verteidigt importierte Tierqual-Mode

Seit Jahren ist diese dümmliche Tierquälerei zur (Land)-Volksbelustigung ein Ärgernis und wird von Fachleuten scharf kritisiert. Diese Woche kam nun auch eine Motion von Irène Kälin (Grüne AG) in den Nationalrat, welche die Euter-Zukleberei verbieten wollte. „Meine Motion möchte das Verschliessen der Zitzen der Kühe an Viehschauen verbieten, weil ein total überladenes Euter ein fragwürdiges Schönheitsideal ist, weil Kühe heute für dieses Schönheitsideal leiden, weil man sie an Viehschauen absichtlich leiden lässt, weil mit dem Leiden der Kühe die Tradition der Viehschauen zunehmend in Verruf gerät.“ So begründete Kälin ihren Vorstoss.

Doch siehe da: Von jener SVP, die (nicht zu Unrecht) eindringlich warnt vor einer Verwässerung unseres Tierschutzes via Anpassung an EU-Normen, traten gleich reihenweise Volksvertreter (meist Landwirte) ans Redner- und ans Fragestellerpult, um die kommerziellen Showtime-Tierquäler gegen Kälins Motion zu verteidigen. Teils mit arroganten, teils gar mit hanebüchenen Behauptungen: Das Verkleben der Euter diene „der Hygiene“ und schütze vor Entzündungen etwa. Oder auch nur: Es werde doch gar kein Sekundenkleber mehr verwendet, nur noch das „erlaubte Kollodium“. Als ob es dem Opfer der Quälerei nicht wurstegal wäre, mit welchem Leim sein schmerzhaft pralles Euter nun zugeklebt werde. Bauern, die so daherreden, haben ihren Beruf ebenso verfehlt wie Viehexperten, die ein unverklebtes, ausgemolkenes Euter nicht beurteilen können.

Volksvertreter lassen Kühe weiter leiden

Schliesslich versenkte der Rat Kälins Motion mit 91 zu 76 Stimmen bei 11 Enthaltungen. Die SVP-Fraktion war fast geschlossen dagegen. Nur eine Handvoll SVP-Abgeordnete unterstützten Kälin – darunter für SVP-Verhältnisse überraschend viele Frauen. Die Frauen im Rat hatte die Motionärin in der Debatte auch direkt angesprochen. Auf die zahlreichen abfälligen Bemerkungen SVP-bäuerlicherseits wegen ihrer Kompetenz in der Sache antwortete sie: „Wenn es um Eutergesundheit geht, ist es die beste Qualifikation, selber Mutter zu sein und zu wissen, was es bedeutet, wenn die Brüste schmerzen.“ Das Protokoll vermerkt: „Teilweise Heiterkeit“.

Lauter würden wohl die bedauernswerten Show-Cows an Qual-Viehschauen in Bulle oder Lausanne lachen, wenn sie den Schlusssatz in SVP-Köppels EU-NO-Warnung vor miserablem EU-Tierschutz lesen könnten: "Und letztlich geht es darum, dass wir in der Schweiz unsere eigenen Standards setzen können, beispielsweise zu Gunsten unserer Tiere."

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor konnte melken, bevor er lesen und schreiben lernte.

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4 Meinungen

Und immer wieder wird die SVP diffamiert! Es ist keine Frage, dass solches Tun wie, verkleben der Zitzen, verboten werden sollte! Aber eine differenzierte, sachliche Betrachtungsweise, w�re angebracht. Es sind nicht alle Bauern in der SVP, die man so gerne schlecht darstellen m�chte! Zudem stimmt es, dass wir die strengeren Tierschutz-Gesetze haben als die EU. Das ist der EU, nebst vielem anderem, ein Dorn im Auge. Mit der Unterjochung unter die EU, werden diese Gesetze sukzessive aufgeweicht werden. Ob die �Blocherpartei� wie Sie (30% dr Bev�lkerung) diese absch�tzig nennen, die angeblich Tierqu�ler sch�tzt, ist eine Diffamierung. Ob Ihnen das bei den Wahlen hilft?
Willy Brauen, am 08. Juni 2019 um 15:52 Uhr
Der Leserbriefschreiber Willy Brauen erinnert mich daran, dass die Wahlergebnisse leider immer geschönt dargestellt werden. Das Bundesamt für Statistik gibt für 2015 folgende Zahlen an, von mir leicht gerundet:

Einwohner 8.2 Mio
Wahlberechtigte 5.28 Mio
Wählende bzw. eingelegte Wahlzettel 2.56 Mio
Wahlbeteiligung 48.5%
SVP-WählerInnen 741'000 bzw. knapp 30%

30% von was? Leider nur von den eingelegten Wahlzetteln.
Bezogen auf die 5.28 Mio Wahlberechtigten haben etwa 14% die SVP gewählt.
Bezogen auf die Einwohnerzahl der Schweiz haben etwa 9% die SVP gewählt.

Die Berechnung gilt natürlich sinngemäss auch für alle anderen Parteien.
Die Politik rückt die Zahlen aber gerne in ein strahlenderes Licht.
Sonst würde ja jeder merken, dass die Parteien eigentlich so gut wie keine Berechtigung hätten, die Bevölkerung zu vertreten.

Quelle: bfs.admin.ch
Ekkehard Blomeyer, am 09. Juni 2019 um 13:34 Uhr
Ich esse wenig Fleisch, weil ich Massentierhaltung schon immer, ohne „grün“ zu sein, abscheulich gefunden habe. Aber ich bin froh, dass die SVP, zuverlässiger als die SP, das Rahmenabkommen verhindern will. Verzeihung: „zwei Seelen, ach, in meiner Brust.“
Ruth Obrist, am 10. Juni 2019 um 22:52 Uhr
Ekkehard Blomeyer: Danke für die saubere Darstellung! Man könnte eigentlich davon ausgehen, dass die Nichtwähler mit den Resultaten einverstanden sind, oder mindestens die Resultate akzeptieren, akzeptieren müssen, wenn vielleicht die einen auch mit der Faust im Sack! Die Nichtwähler haben ihr Wahlrecht den Wählenden überlassen, also müsste man sie zu gleichen Teilen den Wahl-Resultaten zuordnen. So kämen wir wieder auf das korrekte Resultat. Oder liege ich da völlig falsch? Die Nichtwähler hätten ja wählen können! Die Anzahl Stimmen auch auf Leute, die nicht wahlberechtigt sind, aufzuteilen ist nicht nützlich! Der Satz wäre noch kleiner, teilte man es auf alle Europäer...
Willy Brauen, am 11. Juni 2019 um 15:45 Uhr

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