Die Postwachstums-Autorinnen Irmi Seidl (ganz links) und Angelika Zahrnt (mit Mikrophon) © Blog PW

Die Postwachstums-Autorinnen Irmi Seidl (ganz links) und Angelika Zahrnt (mit Mikrophon)

Anderscht schaffe, nüme wachse

Hanspeter Guggenbühl / 28. Nov 2019 - Damit die Wirtschaft nicht mehr wachsen muss, wollen zwei Autorinnen die Erwerbsarbeit reduzieren und den Staat anders finanzieren.

«Höhere Erwerbsquoten» forderte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vor zwei Wochen, um die «wachstumshemmenden Auswirkungen der demografischen Entwicklung», also der Alterung, in der Schweiz zu mildern. Vor allem die Erwerbsarbeit von Frauen und über 55-Jährigen gelte es zu erhöhen, befand das Seco und stützte sich dabei auf vier von ihm finanzierte Studien. Über dieses Begehren berichtete Infosperber leicht belustigt unter dem Titel "Schaffe, schaffe, wachse, wachse".

Kurz darauf stellten die Autorinnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt in Zürich ihr Buch «Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft» vor. Darin empfehlen sie just das Gegenteil: «Wir brauchen eine Relativierung der Erwerbsarbeit», schreiben sie im Klappentext, «um uns aus der Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum zu lösen und innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften zu können.»

In der Analyse stimmen Seco und Seidl/Zahrnt weitgehend überein: Beide betrachten die Erwerbsarbeit als wesentlichen Faktor, der das Wirtschaftswachstum antreibt. Doch während das wachstumsgläubige Seco dieses Wachstum ohne Rücksicht auf ökologische Verluste erhalten und stützen will, wollen die ökologisch orientierten Wachstumskritikerinnen Seidl/Zahrnt die Wirtschaft vom Wachstumszwang befreien respektive sie in die Ära des «Postwachstums» überführen.

Die Erwerbsarbeit ist – neben dem Einsatz von Geld sowie der Plünderung von Vorräten aus der Natur – nicht nur ein wichtiger Treiber des Wirtschaftswachstums, sondern verstärkt auch die Abhängigkeit von diesem Wachstum. Das rührt daher, dass die Steuereinnahmen des Staates und die Beiträge an die Sozialversicherungen eng mit der Erwerbsarbeit verknüpft sind: Weniger Erwerbsarbeit schmälert darum auch die Staatseinnahmen und die Finanzierung von Renten und Sozialversicherungen.

Aus diesen Gründen streben Seidl/Zahrnt zwei Ziele an: Sie wollen erstens den Anteil, den die Erwerbsarbeit am Leben der Menschen einnimmt, zurückdrängen und ersetzen durch andere Formen von «Tätigsein». Das Wort «Tätigsein» verwenden sie als Oberbegriff für bezahlte Erwerbsarbeit und alle andern, nicht mit Geld entlöhnten Aktivitäten. Dazu gehören etwa die Selbstversorgung oder Freiwilligenarbeit – vom politischen Engagement über Vereinstätigkeit bis zur unentgeltlichen Betreuung von Alten, Kranken oder Kindern.

Zweitens möchten die beiden Autorinnen Staatsaufgaben und Sozialsysteme, die heute schwergewichtig aus dem Einkommen der Erwerbsarbeit bezahlt werden (Steuern, AHV-Beiträge, etc.), vermehrt aus anderen Quellen finanzieren. Damit liesse sich die Abhängigkeit des Staates von der Erwerbsarbeit ebenso vermindern wie jene der auf Wachstum programmierten Wirtschaft.

Diese Erkenntnisse sind einfach und auch nicht ganz neu. Im 260 Seiten umfassenden neuen «Postwachstums»-Buch (ein erstes von Seidl und Zahrnt erschien 2010) vertiefen die beiden Haupt- und viele Gast-AutorInnen die hier zusammengefasste Analyse und die daraus abgeleiteten Empfehlungen.

Darin steckt viel Fleiss und viel Information, aber auch ziemlich viel Sprachschwulst, wenig Originalität und kaum Humor (der Schreibende hat beim Lesen kein einziges Mal gelacht). Das von Stiftungen mitfinanzierte Werk bietet eine hilfreiche und brave Übersicht über Alternativen zur wachstumsabhängigen Wirtschaft. Es versammelt Analysen und Empfehlungen, die in früheren Büchern schon zugespitzter, intellektuell brillanter, witziger und mitreissender formuliert worden sind.

* «Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft», Herausgeberinnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt, Metropolis-Verlag Marburg 2019.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Dossier: Führt Wachstum zum Glück oder Crash

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4 Meinungen

«Business as usual» ist weder für die Wirtschaftlichkeit einer Branche noch für den Planeten auf lange Sicht eine Option. Um finanziell erfolgreich zu bleiben, werden Unternehmen einsehen, dass sie ihre Umweltbelastung reduzieren und die ökologischen Grenzen unseres Planeten respektieren müssen. Wir brauchen eine Wirtschaft, die mit Ethik gekoppelt ist. Eine Wirtschaft, die auch Care-Arbeit einschliesst, welche schlecht oder gar nicht bezahlt, zum Hauptteil von Frauen geleistet wird. Eine ethische Wirtschaft mit staatlicher Regulierung zu einem sozialen «Markt» für eine Allgemeinheit, ohne Steuergeschenke an Konzerne und Multis.
Eliane Studer, am 28. November 2019 um 17:36 Uhr
Das Klima kriegen wir nur in den Griff, wenn die Wirtschaft schrumpfen darf. Und zwar aus folgendem Grund:
Wir müssen unsere Prozesse viel energie- und ressourceneffizienter gestalten. Das ist auch möglich. Wenn wir Beispielsweise Verkehr nicht mit Mobilität verwechseln, dazu Städte schlauer bauen, und was übrig bleibt mit erneuerbarer Energie antreiben usw. , kann die selbe Mobilität zehn mal effizienter wie heute dargestellt werden. Effizienter heisst aber auch, viel weniger Arbeitsplätze und ein kleineres BIP ist für die selbe Leistung notwendig. Es wird auch weniger kosten.
Ohne Gegenmassnahmen endet es mit einem Reboundeffekt: Wir können uns zusätzliche Flugreisen leisten, die Gewerkschaften wollen Arbeitsplätze sichern und die Ökonomen das Wachstum ankurbeln. Damit landen wir dann am Ausgangspunkt und somit können wir die Lösung der Klimakrise vergessen.
Es geht deshalb nur mit drastischer Arbeitszeitverkürzung und einer Schrumpfung der Wirtschaft (ohne Wohlstandverlust!). Die Ökonomen sollten uns dazu mal ein paar Konzeptvorschläge vorlegen. Meiner Ansicht nach wäre ein Grundeinkommen die effizienteste Methode, die neue Situation zu organisieren.
Josef Brusa, am 02. Dezember 2019 um 09:07 Uhr
Die Ausführungen des Autors wären schlüsdig wenn sie nicht auf einer wesentlichen und falschen Annahme beruhen: Die Ressourcen sind endlich und wir sind in einem geschlosenrn System. Dies trifft weder materiell noch geistig zu. Die Sonnenenergie ist zB menschlich gesehen unerschöpflich und durch geistige Kreativität lässt sich (zB durch technische Neuerung) das Wachstum vergrössern und gleichzeitig die Umweltbelastung und mehr senken. Dieser Fehler hat schon der Club of Rome gemacht, weshalb viele Voraussagen so nicht eingetroffen sind.
Die BIP wächst so auch eher, das Gegenteil gemäss Frau Studer trifft nicht zu. Es ist ja zu recht ein Argument der Befürworter der energetische Wende, das sie Arbeitsplätze schafft
Beat Schärer, am 03. Dezember 2019 um 22:10 Uhr
Muss man beim Lesen einer ökonomischen These lachen? Finde ich jetzt nicht so relevant.
Was ich aber relevant finde, ist der kolonialistische Aspekt bei der Wachstumsdiskussion. Wenn wir einfach sagen, Schweizer sind reich genug, die Schweiz muss ökonomisch nicht mehr wachsen, dann habe ich kein Problem damit, ist eine freie Entscheidung. Japan ist seit 30 Jahren kaum mehr gewachsen und die Menschen leben immer noch ganz OK. Ausserdem ist m.E. nur pro-Kopf BIP relevant, wenn die Bevölkerung schrumpft weil immer weniger Kinder auf die Welt kommen, dann ist ein tieferes BIP keine Katastrophe.
Problematisch wird es aber, wenn wir ein Ende des globalen Wirtschaftswachstums fordern. Denn rund ein Drittel der Menschheit lebt in grauenhafter Armut. Diese Menschen fordern zurecht, dass auch sie dreimal täglich essen wollen, dafür einen Kühlschrank und modernen Herd ohne giftigen Rauch benötigen, ja vielleicht auch mal ein Auto wollen, wie wir das für uns selbstverständlich auch fordern. Solange dieses Drittel der Menschheit deutlich ärmer ist als wir Schweizer, solange müssen wir entweder hinnehmen, dass die Wirtschaft wachsen muss, um denen ein besseres Leben zu ermöglichen, oder wir senken unseren Westlichen Lebensstandard so weit, dass er gleich ist mit dem in Entwicklungsländern und Least Developed Countries. Letzteres wird niemand jemals akzeptieren.
Harald Buchmann, am 05. Dezember 2019 um 04:50 Uhr

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