Billig-Milch und Normal-Milch können sogar von der selben Kuh stammen © -

Billig-Milch und Normal-Milch können sogar von der selben Kuh stammen

Milch ist nur die Beilage

Eveline Dudda / 13. Apr 2014 - Preisunterschiede bei der Trinkmilch entstehen vor allem wegen unterschiedlichen Verpackungen – aber kaum wegen der Milch.

Milch ist beliebt. Rund 380 Liter der weissen Flüssigkeit konsumieren Herr und Frau Schweizer im Jahr. Den grössten Teil davon als Käse (22 Kilo), und als Joghurt, Rahm oder Glace. Trinkmilch macht nur rund 20 Prozent des Konsums aus: 70 Liter pro Kopf und Jahr, zwei Deziliter pro Tag, das ist gerade mal ein Glas voll. Trotzdem hat Milch im Lebensmittelhandel einen wichtigen Stellenwert, denn es ist ein Lockvogel-Artikel. Die Leute kommen wegen der Milch in den Laden – und gehen mit einer Tasche voller Süssigkeiten und Kleinkram wieder heim.

Obwohl Trinkmilch ein Alltagsprodukt ist, wissen die wenigsten Konsumenten auswendig, wieviel ein Liter Milch kostet. 1 Franken? 1,40 Franken? 1,80 Franken? Mehr? Oder weniger? Die Antwort lautet: Sowohl als auch. Trinkmilch ist ab 1 Franken pro Liter zu haben. Sie kann aber auch 1,90 Franken kosten – und das beim gleichen Grossverteiler, im gleichen Kühlgestell. Die Milch kann dabei vom selben Bauern stammen, ja sogar von der selben Kuh. Denn der Milchpreis im Laden hat ziemlich wenig mit dem Milchpreis der Bäuerin zu tun. Er ist vor allem eine Frage der «Wertschöpfung». Und Wertschöpfung entsteht in der Regel erst dann, wenn die Milch den Hof verlassen hat.

Verpackung statt Inhalt

Prix-Garantie Milch kostet rund 1 Franken, der Bauer merkt wenig davon. «Der tiefere Preis der Prix Garantie-Milch hat keine Konsequenzen auf den Milchpreis der Bauern», erklärte Coop Mediensprecherin Denise Stadler, «er lässt sich durch grössere Mengen, günstige Gestaltung und Druck der Verpackung sowie Einfachheit der Verpackung erklären.» Die Prix Garantie-Milch gibt‘s nur in der 1,5-Liter Packung, welche, wenn sie einmal offen ist, nicht mehr verschlossen werden kann. «Die Coop Past-Milch ist dagegen in der praktischen, wiederverschliessbaren 1-Liter Verpackung erhältlich.» Sie kostet deshalb 50 Prozent mehr.

Auch Migros-Mediensprecherin Monika Weibel bestätigte: «Die Qualität der M-Budget- Milch ist gleich wie bei der normalen Milch, ebenso der Preis für die Produzenten. Die Milch ist jedoch nur in einer 2-Liter Verpackung erhältlich.» Ausserdem will die Migros bei der M-Budget Milch auf einen Grossteil der Marge verzichten. Bei der Heidi-Milch kann von Verzicht dagegen keine Rede sein: Sie ist pro Liter beinahe 70 Rappen teurer als M-Budget-Milch. Damit ist allein die Differenz so hoch wie das, was der Bauer für den Liter Rohmilch erhält. Warum der Inhalt den Preis nicht beeinflusst, erklärt Weibel so: «Die Heidi-Milch ist teurer, weil einerseits die Kosten für die Verpackung höher sind, andererseits weil auch die Marketing-Aufwendungen und die Herstellung unter anderem infolge kleinerer Volumen kostenintensiver sind.»

Der Wert der Regionen

Wer Trinkmilch kauft, zahlt also in erster Linie die Verpackung, das Marketing, oder Werte wie «Bio» und «Regionalität». Stadler: «Bei der Bio-Regio-Milch profitieren die regionalen Bio-Milchproduzenten von einer zusätzlichen differenzierten Absatzmöglichkeit für die Milch.» Im Klartext: Sie können ihre Milch verkaufen. Wie andere Bauern auch. «Die Kundschaft der regionalen Milch hat eine grosse Identifikation mit dem Produkt und ist dem Produkt entsprechend treu.» Soll heissen: Treue lohnt sich. Für Coop. Denn die Bio-Regio-Milch kostet 1,85 Franken pro Liter. Zehn Rappen mehr als Bio-Milch, die weiter transportiert werden muss; 10 Rappen mehr als die Promontagna-Milch aus den Bergen; 30 Rappen mehr als die Coop-Normalmilch. Und rund doppelt so viel, wie der Biobauer dafür bekommt.

Bei der Wiesenmilch ist das etwas anders: Da bekommt die Bäuerin 4 Rappen mehr pro Kilo. Natürlich kostet auch diese Milch im Laden deutlich mehr. «Da es sich um kleinere Höfe handelt, fallen für die Sammlung der Milch höhere Kosten an», lautet die Antwort der Migros auf die Frage, warum die Wiesenmilch 25 Rappen teurer ist als die Migros-Normalmilch. Dabei ist alles Mögliche Bedingung für die Produktion von Wiesenmilch, nur nicht eine «kleine Hofgrösse». Stattdessen müssen die Kühe viel Gras fressen und regelmässig Auslauf haben, so wie das bei drei von vier Schweizer Milchviehhaltern auch der Fall ist. Vor allem aber müssen diese Milchbauern in der Nähe eines Wiesenmilch-Verarbeiters leben. Wer die Wiese am falschen Ort hat, hat Pech gehabt. Denn er wird nicht berücksichtigt.

Ohnehin ist der Standort enorm wichtig: Nur wer in den Bergen wohnt, kann z.B. Pro Montagna-Milch produzieren. Coop-Sprecherin Stadler: «Bei der Pro Montagna-Milch fliessen 5 Rappen des Kauferlöses an die Coop Patenschaft für Berggebiete, welche sich für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bergbauernfamilien einsetzt.» Diese Milch kostet 20 Rappen mehr als die Normalmilch – und damit immer noch 20 Rappen weniger als Coca-Cola. «Alleine im Jahr 2011 konnten durch den Verkaufserlös von Pro Montagna-Produkten 840 000 Franken an die Coop Patenschaft für Berggebiete überwiesen werden.» Ob davon auch die Bergmilch-Bauernfamilien profitieren, ist ungewiss.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Eveline Dudda ist Agrarjournalistin und Chefredaktorin von «Freude am Garten», www.dudda.ch

Weiterführende Informationen

Dossier: Schweizer Landwirtschaft

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Eine Meinung

Das mit der Verpackung gilt bei Mineralwasser in noch höherem Ausmass, zu schweigen vom Marketing. Ich musste vor 60 Jahren meinen Nachbarn im Kesseli jeweils in der Käsi Milch holen, wofür ich dann Lesestoff bekam, der mir während zwei bis drei Jahren mehr brachte als die Schule. Bildung kann, wie Milch, nicht billig genug sein, dann wirkt es nachhaltiger. So wie es heute geht, stimmt was nicht. Der Beitrag ist in den Details neu, in der Sache mahnt er ein altes Problem. Trinke gerade ein Glas Bier, wiewohl nicht Alkoholiker, aus einer Flasche mit Bügelverschluss, wenn ich sie zurückbringe, gibt es einen Franken. Danke aber trotzdem für diese «Sonntagsmilch".
Pirmin Meier, am 13. April 2014 um 12:08 Uhr

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