Regierungsrat Reichmuth will Lebensqualität statt Wachstum © Archiv Bote der Urschweiz

Regierungsrat Reichmuth will Lebensqualität statt Wachstum

Jetzt will ein Baudirektor das Ende des Wachstums!

Urs P. Gasche / 24. Dez 2012 - Der Schwyzer Regierungsrat Othmar Reichmuth bricht ein Tabu: Er lehnt Billigflüge, breitere Autobahnen und Pauschalsteuern ab.

Kantonale Baudirektoren setzen sich normalerweise für möglichst viele Einzonungen, weitere Überbauungen, für ein Wachstum der Bevölkerung und Ausländer-Pauschalsteuern ein. Sie unterstützen alle steuerlichen Anreize und Subventionen, die das Wirtschaftswachstum ankurbeln – egal was wächst.

Nicht so der Schwyzer CVP-Regierungsrat und Baudirektor Othmar Reichmuth. Wohl als erster kantonaler Baudirektor und wohl auch als erster Regierungsrat stellt Reichmuth die gängige Wachstumspolitik mit markanten Worten in Frage. Es sei falsch, wenn das staatliche Handeln als erste Priorität das Wachstum der Wirtschaft zum Ziel habe. Vielmehr müsse er für eine solide Ausbildung, eine erfüllende Arbeit mit einem gesicherten Einkommen für alle und eine intakte Landschaft sorgen. Der Staat müsse auch garantieren, dass alle ihre Meinung frei äussern können. Um diese Ziele zu erreichen, brauche es kein beliebiges Wirtschaftswachstum. Wörtlich schrieb Reichmuth im Magazin des kantonalen Handels- und Industrievereins mit dem Titel «Was wollen wir?»:

«Ich brauche dazu keine sechsspurige Autobahn, keinen Billigflug nach London, keine Manager mit abstrusen Bereicherungshonoraren, keine steuerlich sonderbehandelte Ausländer.»

Regierungsrat Reichmuth will die Pauschalsteuer für Ausländer abschaffen. «Baulandpreise, Wohnungsmieten und Krankheitskosten steigen und steigen – Bahn und Strassen sind morgens und abends übervoll. Wollen wir das wirklich?», fragte Baudirektor Reichmuth.

Bilanz der letzten dreissig Jahren

Regierungsrat Othmar Reichmuth, Vater von vier Kindern, äusserte sich zum eingeschlagenen Kurs des Kantons kritisch. Die Bevölkerung habe in den letzten dreissig Jahren um fast 50 Prozent zugenommen. Das Bruttoinlandprodukt habe sich um den Faktor 4,9 multipliziert. Jedes Jahr kämen über 3000 zusätzliche Autos in den Verkehr. «Wir tun gut daran, wenn wir uns ernsthaft fragen, was wir eigentlich wollen», meinte Reichmuth abschliessend.

Positive Reaktionen aus der Bevölkerung

Während sich die FDP Schwyz über Reichmuths «Hüftschüsse gleich in mehreren Grundsatzfragen» befremdet zeigte, wie die NZZ berichtete, sind die veröffentlichten Reaktionen aus der Bevölkerung vorwiegend positiv. «Meine Freunde, ich und viele Bekannte sehen dies auch so. Wir brauchen Politiker wie Sie», schrieb zum Beispiel Mattias Piguet aus Feusisberg im «Boten der Urschweiz». Laut NZZ fielen die meisten der über hundert Mails, die Reichmuth erhielt, positiv aus: «Offensichtlich hat Reichmuth die Volksseele getroffen.»

Das bestätigen auch die jährlichen Umfragen des «Boten der Urschweiz» - der grössten Zeitung im Kanton. Vor vier Jahren hatten noch 55 Prozent der Befragten das ungebremste Bevölkerungswachstum als einen «Segen» bezeichnet, in der jüngsten Umfrage nur noch 40 Prozent. Für 57 Prozent der Befragten ist die laufende Entwicklung ein «Fluch».

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Die NZZ verbreitete am 20. Dezember erfreut «Schweizer Wirtschaft wächst weiter – Stimmung schlechter als die Lage». Das Wirtschaftswachstum werde nächstes Jahr um 1,2 Prozent zunehmen. Im ganzen Artikel wird kein Wort darüber verloren, welche Produkte und Dienstleistungen denn laut den Prognosen mehr konsumiert und exportiert werden sollen. Es ist offensichtlich egal, ob Waffen oder Solartechnologien exportiert werden, ob noch mehr Zweit- und Drittwohnungen gebaut oder Häuser saniert werden, ob mehr Umwelt- und Gesundheitsschäden repariert werden müssen oder mehr Freizeit- und Sportanlagen bereit gestellt werden.

Hauptsache, die Wirtschaft wächst.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Zusammen mit Hanspeter Guggenbühl Autor des Buches «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr»

Weiterführende Informationen

«Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr», Rüegger Verlag, 15.60 CHF

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6 Meinungen

Reichmuth wünsche ich viel Erfolg!
Gasches Schlussbemerkung ist leider sehr treffend...
Hans Jürg Adam
Hans Jürg Adam, am 24. Dezember 2012 um 14:50 Uhr
Dazu aus dem Gedichtband «Öko-Balance» :

Das Geschwätz vom Wachstum

In Anlehnung an das gleichnamige Buch von U. P. Gasche und H. Guggenbühl.

Wenn uns’re Wirtschaft gut floriert,
Läuft die Gesellschaft wie geschmiert
Und jeder will vom grossen Kuchen
Das beste Stück für sich aussuchen.

Es tönt der Ruf nach Wachstum laut.
So werden „Links“ und „Rechts“ vertraut.

Wir setzen Wachstum uns als Ziel
Und denken aber gar nicht viel
Darüber nach, was Wachstum bringt,
Was für Ressourcen es verschlingt.

In dem begrenzten Lebensraum
Ist ew’ges Wachstum nur ein Traum.

So steuern wir gerad’wegs los
Auf ein gewaltiges Chaos,
Wenn wir uns nicht sehr bald besinnen
Und diesem Wachstumszwang entrinnen.

Es ist das alberne Geschwätz
Vom ew’gen Wachstum wirklich lätz(1).

(1) schweizerisch für falsch
Markus Zimmermann, am 24. Dezember 2012 um 17:40 Uhr
Bin total einverstanden, bin auch froh dass sich jemanden überhaupt getraut hat dieses hoffnungslose Thema auszusprechen … nur sollten wir auch nachdenken, warum ist diesen Teufelskreis entstanden … ?
Meiner Meinung nach nur weil wir immer mehr Menschen werden. Schon nur um alle zu ernähren muss immer mehr erzeugt werden. So, und was bewirkt dies ? Eben Wachstum. Dann kommt ein weiteres Problem hinzu. Jeder will auch «mehr", ein toller Offroader wie der Nachbar, oder nur schon mehr verdienen (betrachten wir die aktuelle Diskussion über die Angleichung der Löhne zwischen Mann und Frau), ... so und was bewirkt dies sollte es erfüllt werden ? Entweder müssen die Preise der erzeugten Produkte entsprechend erhöht werden (um bei einem Tätigkeits-Kreis als Beispiel zu bleiben), oder die Produktion muss effizienter werden (also mehr produzieren, mehr absetzen … und schon entsteht Wachstum), oder die Firma macht Verluste, und geht ein.
Ich denke der Grundgedanken ist erläutert, der erstreckt sich über das ganze Spektrum des Lebens, und aufs elementarste Herunter gebrochen müsste es dann heissen : Weniger Menschen auf dem Planeten !
Klingt brutal aber anders geht es nicht, denn keiner will verzichten. Konnten wir je den Strom verbrauch reduzieren, mitnichten, haben wir weniger Autos auf unsere Strassen, mitnichten, Fliegen wir weniger herum weil es der Umwelt schadet, mitnichten, ergo hoffnungslos !

Was ändern müsste ist folgendes :

1. Die Mentalität des Menschen müsste ändern, zurück zu mehr Bescheidenheit. Früher übernahm die Kirche diese Aufgabe. Seit der Mensch sich mehrheitlich davon „befreit“ hat klappt es nicht mehr, der Mensch ist entfesselt … und ehrlich gesagt ich glaube auch nicht daran dass in dieser Hinsicht noch etwas passiert.
Hier sind andere, neue, Vorbilder nötig, neues Gedankengut muss übermittelt werden, angefangen dies bei den „oberen“ Lehrstätten (z.B. an den Universitäten wo auch Grundsätzliches und Philosophisches gelehrt wird), denn solange unsere Unis (z.B. die HSG), nur Anleitungen zur «Gewinn Maximierung“ vermitteln, ändert sich nichts.

2. So brutal es auch klingt wir müssten «weniger werden» nur so kann diesen verfluchten Wachstum gestoppt werden.
Und auch hier lehrt uns die Geschichte, geht nichts freiwillig. Kriege, Seuchen und andere Katastrophen übernahmen in der Vergangenheit diese „Korrektur“ …
Und so hänge ich auch hier den gleichen Satz an wie bei Punkt 1 … Es wird sich nichts tun, bis wir von irgendetwas dazu „ gezwungen“ werden.

Wir stecken im Hamsterrad voll drin, drehen, drehen, nie anhalten, von hinten wird dauernd geschoben und gerufen : ... Weiter, Weiter, Weiter !
Frau Carmey Bruderer, am 25. Dezember 2012 um 03:40 Uhr
Das «C» macht sich bemerkbar?!? - Menschlichkeit und Verantwortung! Finde ich gut.
Vielen Dank für Ihre Grundhaltung, Herr Reichmuth - und Ihr handeln danach!
Urs Lachenmeier, am 25. Dezember 2012 um 12:14 Uhr
Bravo, Herr Reichmuth und Herr Gasche! Nein, es ist nicht hoffnungslos und nein, es geht auch ohne grosse Katastrophen, denn das Zeitalter der Verantwortlichkeit, der Genügsamkeit und der Gemeinsamkeit hat begonnen. Es liegt an uns allen! Wir können handeln, wir sind diejenigen die es ändern können, nicht irgendjemand anderes!
Domenica Ott, am 26. Dezember 2012 um 17:46 Uhr
@ Domenica Ott, es ist löblich dass sie «auf Optimismus machen", nur so einfach ist es nicht. Es reicht nicht dass wir 2 oder 3 Leute weniger konsumieren und uns bescheiden, die grosse Masse tut es nicht denn ohne Not schränkt sich KEINER ein.

Nur ein kleines aktuelle Beispiel: „Zwei mal Weihnachten“, die Sammelaktion von der Post, ein Riesen Erfolg, tonnenweise unnötiges Zeug wurde eingekauft und landet nun zur «Entsorgung als Gabe“ ins Ausland, … wo waren hier die «bescheidene» ...?

Die Bauerei der zweitwohnugen, wo sind die die darauf verzichten? Trotz gewonnene Abstimmung … ist das ganze Wallis ist im Baufieber, Graubünden folgt auf dem Fuss.
Und Autos ? Davon hat es immer mehr, Autohändler jubeln, darauf folgen neue Strassen, neue Tunnels, damit jeder von A nach B in kürzester Zeit rasen kann.

Nein Frau Domenica MEIN Optimismus hält sich (leider) in engsten grenzen!

Auf alle Fälle wir könnten die Angelegenheit im Auge behalten und ende 2013 ein Fazit ziehen. Infosperber (der Name ist ja Verpflichtung !), kann ein „Sperber-Auge“ darauf richten, und, zur gegebene Zeit, … darüber berichten !
Frau Carmey Bruderer, am 27. Dezember 2012 um 18:07 Uhr

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