Den Kapitalismus als solchen zu verdammen, birgt Tücken

Heiner Flassbeck © hf
Heiner Flassbeck / 24. Jul 2019 - Mit einer pauschalen Kritik spielt man denen in die Hände, die den neoliberalen Kapitalismus als alternativlos ansehen.

Red. Heiner Flassbeck war deutscher Staatssekretär und von 2003-2012 Direktor bei der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung Unctad in Genf. Er veröffentlicht Wirtschaftsanalysen auf der Plattform Makroskop.

Slavoj Žižek, der bekannte slowenische Philosoph, beschreibt in einem Stück über Griechenland plastisch, wie paradox es ist, dass dort nun die Nea Demokratia wieder an der Macht ist, die dem Land die ganze Misere eingebrockt hat. Syriza mit Alexis Tsipras an der Spitze ist vor zwei Wochen von den Wählern gnadenlos zur Verantwortung gezogen worden für den Niedergang des Landes und die Verarmung grosser Teile der Bevölkerung.

Das, könnte man sagen, ist Demokratie. Aber es ist eine seltsame Demokratie, in der eine Partei für Politik abgestraft wird, die sie gar nicht wollte und die sie selbst sowie die grosse Mehrheit der Bevölkerung in einem Referendum (dem berühmten vom 5. Juli 2015) strikt abgelehnt hat. Kein Zweifel, Tsipras und seine Partei haben schliesslich die allseits verhasste und gescheiterte Politik unter dem Druck der Gläubiger in die Tat umgesetzt. Aber kann das ein Grund sein, diejenigen zu wählen, die diese Politik richtig finden und schon immer richtig fanden?

Žižek versucht, aus dem absurden griechischen Theater Lehren für die europäische Linke zu ziehen – und liegt grundlegend daneben. Für ihn hat sich Tsipras gegen seine eigenen Überzeugungen schlicht dem Kapitalismus unterworfen. Hat genau in dem Moment, wo das Volk seinen Widerstand erklärte, ein Bekenntnis der Ohnmacht gegenüber der kapitalistischen Ordnung abgegeben und das sei nicht einfach Verrat, sondern Ausdruck einer «tiefen Notwendigkeit».

Die Linke, meint er, müsse einen Ausweg aus der Sackgasse finden, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie gezwungen sei, Austerität durchzusetzen, obwohl sie das explizit nicht wolle. Zwischen den Zeilen schwingt die Aufforderung an die Linke mit, den Kapitalismus fundamentaler in Frage zu stellen als sie das bisher tut. Ähnlich auch Jean Ziegler. In seinem neuen Buch («Was ist so schlimm am Kapitalismus?») fordert der Soziologe die Linke explizit auf, zur Suche nach Alternativen zum Kapitalismus und das, obwohl er dem Kapitalismus zugesteht, innovationsfreudig und wohlstandsfördernd (für einige) zu sein.

Die Alternativen gibt es längst

Die Undifferenziertheit, die in solchen Urteilen zum Ausdruck kommt, ist mehr als enttäuschend. Wer versucht, daraus politische Schlussfolgerungen zu ziehen, geht vollkommen in die Irre. Fast hundert Jahre nach der Zeitenwende in der Ökonomik ist für die Gesellschaftskritiker «der Kapitalismus» ohne wenn und aber «der Kapitalismus» und sonst nichts. Das ist ein fatales Missverständnis. Können oder wollen sie nicht verstehen, dass es die neoliberale Konterrevolution in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts war, die aus einem weitgehend gezähmten Kapitalismus wieder einen brutalen Unterdrückungskapitalismus gemacht hat?

Was wäre gegen «den Kapitalismus» zu sagen, wenn er eine Gesellschaftsordnung wäre, in der man sehr wohl private Initiative zeigen und auf eigene Faust Innovationen durchsetzen kann, in der aber von der ordnenden Hand des Staates dafür gesorgt würde, dass jederzeit alle Menschen vollständig an den Produktionsergebnissen beteiligt werden und die Vermögensverhältnisse nicht weit auseinanderlaufen, weil der Staat auch hier mit einer Besteuerung der Vermögen korrigierend eingreift.

Was wäre zu sagen, wenn der Staat neben der makroökonomischen Steuerung des Systems, die ihm ganz selbstverständlich in umfassender Weise obliegt, auch die ökologischen Herausforderungen mit einer systematischen Steuerung der Verhaltensweisen von Bürgern und Unternehmen in die Hand nähme und auch auf globaler Ebene – in Kooperation mit anderen Staaten – durchsetzte? Ein solches System könnte man immer noch Kapitalismus nennen, aber es hätte wenig gemein mit dem, was uns die Philosophen und Soziologen als «Kapitalismus» verkaufen wollen.

«Den Kapitalismus» gibt es nicht

Philosophen und Soziologen, die von «dem Kapitalismus» schwadronieren, bringen unmittelbar die Linke in die Bredouille und besorgen das Geschäft der Rechten, das darauf beruht, «den Kapitalismus» in seiner neoliberalen Variante als alternativlos darzustellen. Eine Linke, die vorgibt, den Kapitalismus überwinden zu wollen, aber gar nicht weiss, wie sie das machen soll und wohin sie will, macht sich lächerlich. Das Problem der Linken ist nicht der Kapitalismus als solcher, sondern die Unfähigkeit, Alternativen zum neoliberalen Weltbild zu entwickeln oder auch nur die alternativen Konzepte aufzugreifen, die es längst gibt.

Es ist, liebe Philosophen und Soziologen, einfach mangelnde Kompetenz in ökonomischen Fragen, die es der Linken unmöglich macht, sich mit dem neoliberalen System ernsthaft auseinanderzusetzen und Alternativen aufzuzeigen, die nicht in «Systemüberwindung» enden. Systemüberwindung ist ja geradezu die Flucht vor dieser ernsthaften Auseinandersetzung. Wer nichts über ökonomische Zusammenhänge in einer Marktwirtschaft (oder im «Kapitalismus», ganz wie es beliebt) weiss, tendiert dazu, sich jeder Auseinandersetzung dadurch zu entziehen, dass er vorgibt, das System ohnehin überwinden zu wollen, so dass sich eine Diskussion über konkrete ökonomische Fragen im falschen System des Kapitalismus erübrigt.

In Griechenland hatten Tsipras und seine Syriza keineswegs die Überwindung des Systems im Sinn, als sich die Regierung gegen die Troika stellte und die Bevölkerung aufforderte, es ihr nachzutun. Sie wollten eine andere, eine vernünftige Wirtschaftspolitik und kritisierten die Austeritätspolitik à la Schäuble. Aber ihr fehlten Personen, die in den Gremien in Brüssel und anderswo den Neoliberalismus wenigstens intellektuell hätten herausfordern können, von Macht- und Strategiefragen ganz zu schweigen. Yanis Varoufakis hat inzwischen viele Male Gelegenheit gehabt, zu zeigen, dass er diese Person hätte sein können. Gelungen ist ihm das aber nicht.

So bleibt es dabei: Nichts ist alternativlos, weder der Kapitalismus als solcher noch seine neoliberale Variante. Wer politisch agiert, sollte sich jedoch bemühen, genau zu sein. Die Masse der Menschen mit Systemüberwindung vor den Kopf zu stossen, ist gefährlich, wenn man eigentlich nur die Überwindung des Neoliberalismus anstrebt. Ich fürchte, bei vielen, die leichtfertig über den Kapitalismus reden, fehlt es einfach an Wissen über die enorme Flexibilität eines Systems, das man sowohl Kapitalismus wie auch Marktwirtschaft nennen kann.

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14 Meinungen

Es würde mich interessieren, was der Author von der «Wertkritik» hält. Sie scheint mir schwierig zu verstehen. Viel einfacher scheint mir die einfache Rechnung, dass ein stabiles System innerhalb endlicher Grenzen nicht mit unendlichem Wachstum funktionieren kann, und doch ist dies das Modell, welche die allermeisten Oekonomen als unausweichlich hinstellen und meistens sogar propagieren. (Die Wertkritik sagt das auch, geht aber viel weiter.)
Theo Schmidt, am 24. Juli 2019 um 13:29 Uhr
Es gibt ihn nicht: den Kapitalismus! Herr Flassbeck sieht im Kapitalismus eine Ordnung, in der Private Initiative zeigen und auf eigene Faust Innovationen durchsetzen. Was fehlt ist ein Staat, der 1. dafür sorgt, dass alle an den Produktionsergebnissen teilhaben, und der die Vermögen ausgleicht, dem 2. die makroökonomischen Steuerung des Systems obliegt, der 3. die Verhaltensweisen von Bürgern und Unternehmen steuert und 4. auf globaler Ebene, in Kooperation mit anderen Staaten, durchsetzt. Wird da für einen „Totalitarismus pur“ plädiert? Was den Kapitalismus, bei all seinen unterschiedlichen Formen, stets und überall auszeichnet: ein System, das auf grenzenlosem Wachstum und Wettbewerb basiert und so stetig Ungleichgewichte vertieft und produziert. Weil sich private Profitgier früh mit der Machtgier der technologisch überlegenen Staaten verbündet hat, konnte der Westen eine Akkumulationspotenz ausbilden, die den Wohlfahrtsstaat ermöglicht hat. Ueber die vier neoliberalen Freiheiten wird nun die menschliche Gefrässigkeit weltweit mobilisiert: Schier alle möchten in die USA oder nach Europa! Viele mit guten Gründen. Doch weder das Kapital noch die westlichen Staaten und ihre Wirtschaftswissenschaft haben je die Kosten für den energetisch und technologisch zunehmend grenzenlosen Zugriff auf die Natur bedacht. Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, um jene Komplexitätsintelligenz zu entwickeln, auf die wir angewiesen sind, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen.
Verena Tobler Linder, am 24. Juli 2019 um 18:01 Uhr
Marktwirtschaft und Kapitalismus ist nicht das Selbe. Die Römer, als Beispiel, hatten Marktwirtshaft aber keinen Kapitalismus. Markt entstand historisch betrachtet dann, wenn ein patriarchalisch organisierter Staat zur weitern Machtabsicherung Geld einführte. Das allein ist aber noch kein Kapitalismus. Für diesen sind vor allem zwei Institutionen entscheidend. 1600 wurde mit der Ostindien-Kompanie die erste Aktiengesellschaft gegründet. Den Effekt, mit Kapital mehr Kapital zu erwirtschaften hat Marx in seinem Buch «Das Kapital» gründlich erforscht und beschrieben. Es ist deshalb ziemlich unbestritten, dass durch die Verzinsung von Kapital Reiche reicher und Arme ärmer werden (Akkumulation). Schwieriger ist es mit der zweiten Institution. Hier fehlt eine vergleichbare Literatur fast gänzlich. 1694 wurde mit der Bank of London die erste moderne Bank gegründet welche Geld schöpfte und dafür Zinsen verlangte. Viele hängen dem Irrglauben an, es handle sich hierbei um denselben Zinseffekt wie bei angelegtem Kapital (Akkumulation). Das ist falsch! Durch den Zins bei der Geldschöpfung steigt die Schuld, welche nur durch weitere Geldschöpfung getilgt werden kann. Um dem anwachsenden Geld eine Kaufkraft zu gewähren, muss auch die Wirtschaft ständig wachsen.
Es sind diese zwei Institutionen, welche durch Kapitalakkumulation und unendliche Kapitalausdehnung den Kapitalismus und in seiner Logik die Kolonialisierung sowie die zwei grössten Imperien in der Geschichte (GB/USA) erschufen.
Stöckli Marc, am 25. Juli 2019 um 00:56 Uhr
Schade. Der Artikel beginnt interessant, entpuppt sich aber als Wolf im Schafspelz, eines Heilsbringers der aber nicht erklären will, wie denn dieses Heil in die Welt kommen soll, sondern nur, was alle anderen total falsch machen.

Danke trotzdem, für einen Artikel, der mich in meiner kritisch hinterfragenden Denkweise bestätigt.
Marc Mingard, am 25. Juli 2019 um 09:34 Uhr
Gute Analyse! Und ja, die Rezepte, wie man es besser machen könnte, kommen eher zu kurz.
Aber eine Botschaft von Flassbeck ist wohl, dass es keine Patentrezepte gibt, sondern nur eine beharrliche Arbeit in kleinen Schritten.
Zu Griechenland könnte man vielleicht festhalten: Das ganze Debakel wurde hauptsächlich durch die Einführung des Euro verursacht. Dass die Einführung einer Einheitswährung einfach, der Ausstieg jedoch enorm schwierig ist, macht es auch nicht besser.
Wäre die EU eher praktisch als ideologisch gesteuert gewesen, hätte sie vielleicht für Griechenland einen Ausstieg anbieten können, bei welchem die Griechischen Schulden ebenfalls in die neue Landeswährung umgewandelt worden wären.
Daniel Heierli, am 25. Juli 2019 um 19:17 Uhr
Das in den 50er bis 70er Jahre in Westeuropa herrschte Wirtschaftssystems bezeichnen wir gleich wie dasjenige von den 80ern bis heute: Kapitalismus/Marktwirtschaft.
Na dann: Gleiche Bezeichnung - dann wird es auch um das gleiche handeln, oder? Warum da noch näher hinschauen? Warum Unterschiede ausmachen wollen? Oder vielleicht doch?

Wir sollten! Die erste Phase brachte den untersten 80% ("Volk") reale Einkommenszuwächse von ca. 10-15% alle 5 Jahre. [Die Reichsten 20% legten dagegen kaum zu.] Danach (ab den 80ern) treten die 80% ("Volk") real betrachtet weitgehend an Ort. Während die Einkommen und Vermögen der Reichsten 20% geradezu explodieren.

Flassbeck geht hier nun nicht leichtfüssig/bequem über in ein «Alles einerlei, ist doch alles Kapitalismus.» Er will wissen (weil's fürs «Volk» eben nicht irrelevant ist), wie es zu Kapitalismus «1» (50-70er) bzw. «2» (80er bis heute) kommt.

Denn reale Lohnerhöhungen sind nicht nur betreffend Konsum relevant, sie stellen das wohl beste «Sozialprogramm» dar: Menschen können so etwas zur Seite legen, für die Not, Krankheit, Ausbildung, Haus, Alter usw.
Auch die Steuereinnahmen stiegen, was wiederum ein weiteres «Sozialprogramm» befeuerte: Bessere (Aus-)Bildungsstätten (gerade auch höhere), Infrastruktur, Gesundheitswesen, Sozialversicherungen.
Stephan Kühne, am 25. Juli 2019 um 23:22 Uhr
Für den Übergang von Kapitalismus «1» zu «2» ist nicht die «Globalisierung» verantwortlich. Europas Löhne stagnieren nicht, weil uns die «weltweite Konkurrenz» erdrückt. Wäre das der Fall, würden auch die Gewinne unserer Unternehmen stagnieren. Ganz offensichtlich findet das aber nicht statt: Die Einkommen/Gewinne unserer Unternehmen bzw. Reichen schossen durch die Decke. So sieht keine «globale halsabschneidende Konkurrenzsituation» aus! Gewinn(margen) müssten doch auch einbrechen.

Was sich verändert hat, ist die Verteilung zwischen den 20% und den 80% ("Volk"). Wir haben es mit einem innergesellschaftliches Problem bzw. Halsabschneiden zu tun. Die «Rechtfertigung» bzw. der uns vorgeführte Sündenbock: «Globalisierung».

Während das «Volk» (80%) im Kapitalismus «1» (50-70er Jahre) an den von ihnen erzielten Produktivitätssteigerungen beteiligt wurden (Reallohnerhöhungen), verschoben sich die Machtverhältnisse in der Folge (Kapitalismus «2"): Die Unternehmen (bzw. deren Eigentümer) sacken sie ein. Was Wunder, wenn Unternehmensgewinne, und dadurch die Einkommen der 20% bereits Reichsten explodierten?

Auf solche Differenzierungen spielte Flassbeck an. In wenigen Zeilen nicht jedem sogleich erschliessend. Daher eine Video-Empfehlung:

https://www.youtube.com/watch?v=BA85mao8p6o
https://www.youtube.com/watch?v=IOl0fJDu2dw
Stephan Kühne, am 25. Juli 2019 um 23:24 Uhr
@Kühne
Dass der Keynesianismus gegenüber dem Neoliberalismus oder der Neoklassik innerhalb der westlichen Welt zu besser verteiltem Kapital führte ist richtig. Ich bezeichne den Keynesianismus manchmal als Kapitalismus mit eingebauter Rückkopplung. Durch staatliche Eingriffe wird die Umverteilung von unten nach oben abgeschwächt bzw. Rückumverteilt. Ich ziehe, unter allen mir bekannten kapitalistischen Systemen, den Keynesianismus deshalb auch den anderen gegenüber vor.
Richtet man den Blick aber weg vom Westen, so sieht man, dass der Keynesianismus die Ausbeutung und Unterdrückung Afrikas, Südamerikas, Südostasines,... nicht stoppte. Auch Kriege und Regimechanges für Rohstoffe (bsp. Sturz von Mossadegh) fanden weiterhin statt. Ebenso litt der Keynesianismus an den Folgen des erzwungenen Wirtschaftswachstum welche der Umwelt schadet. Der Keynesianismus ist eben doch Kapitalismus der die Menschheit einteilt in Gewinner und Verlierer und die Umwelt durch Wachstum schädigt.

Deshalb liegt, meier Meinung nach, Herr Flassbeck eben doch falsch, denn: Kapitalismus ist Kapitalismus.
Stöckli Marc, am 26. Juli 2019 um 09:03 Uhr
@Stöckli: Sie wissen zu differenzieren:

"Dass der Keynesianismus gegenüber dem Neoliberalismus ... zu besser verteiltem Kapital führte ist richtig. Ich bezeichne den Keynesianismus ... als Kapitalismus mit eingebauter Rückkopplung. ... die Umverteilung von unten nach oben [wird] abgeschwächt..."

Und sodann schieben Sie die Unterschiede unter den Teppich:
"Kapitalismus ist Kapitalismus».

Gegen diese bagatellisierende, letztlich verschleiernde Aussage wehrt sich Flassbeck. Er erachtet es nicht als einerlei, ob die Einkommen aller im Gleichschritt wachsen oder - wie im Neoliberalismus - für 20% (bereits) Reiche explodieren und für 80% stagnieren.

Der Begriff «Keynesianismus» ist, da er mit wenigen, relativ spezifischen staatlichen Interventionen in Verbindung gebracht wird, zu eng. «Teilhabekapitalismus» trifft es besser.

Den Fokus gilt es auf die Primärverteilung zu richten (Löhne; Teilhabe an der Produktivitätssteigerung). Die nachträgliche Umverteilung (= Sekundärverteilung) kommt einer (bittstellenden) «Almosenverteilung» gleich. Das Geschrei darum verschleiert das «Verbrechen» auf der Primärverteilung-Stufe.

Für unser Prestige wendeten wir einmal viel Geld/Ressourcen auf, um «bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond zu stellen». Heute gibt es Dringenderes/andere Prioritäten: Nicht den Mond erreichen, sondern eine nachhaltige Lebensweise hier auf Erden. Wie vorgehen? Gleich wie beim Abenteuer «Mond».
Stephan Kühne, am 27. Juli 2019 um 00:14 Uhr
Sehr geehrter Herr Kühne, ich habe das evt. zu wenig klar dargestellt.
Es ist keine Differenzierung und Banalisierung, sondern ein Verschieben der Betrachtungsgrenzen. Vergleicht man die Zeit '45- '75 mit der Zeit '75- '05 und wählt als Betrachtungsgrenze Europa, so kommt man zum Schuss: Kapitalismus ist nicht gleich Kapitalismus. Es gibt Unterschiede. Verschiebt man aber die Betrachtungsgrenze auf alle Gebiete die vom westlichen Kapitalismus geprägt sind, und dazu gehören neben Europa, Nordamerika und Australien eben auch Afrika, Südamerika, Teile Südostasien und der islamischen Welt, so kommt man zu einem anderen Schluss. Von 45-75 sanken in der Summe die Kapitalerträge der reichsten 1% und stiegen gleichzeitig die Erträge aus Arbei der reichsten 20% (Mittelstand im Westen). Für die Ärmsten knapp 80% (Afrika, Südamerika,...) änderte sich aber nichts. Auch änderte sich nichts am Zwang zum Wachstum mit seinen negativen Folgen wie Kriege um Rohstoffe und Märkte sowie die fortschreitende Umweltzerstörung. Die wesentlichen Merkmale des Kapitalismus (Sieger/Verlierer, schädliches Wachstum, notwendige Kriege, Enteignung und Akkumulation...) sind bei globaler Betrachtung in beiden Zeitabschnitten feststellbar.

Deshalb ist das Fazit, Kapitalismus gleich Kapitalismus, eben keine banalisierung sondern lediglich eine Betrachtung aller am Kapitalismus beteiligten Gebiete.
Stöckli Marc, am 28. Juli 2019 um 13:04 Uhr
@Stöckli: Soll zwischen «Teilhabe-Kapitalismus» und «Neoliberalismus» unterschieden werden? Oder beim «Kapitalismus ist Kapitalismus» bewenden lassen?

Sie schreiben:

"Von '45-'75 sanken in der Summe die Kapitalerträge der reichsten 1% und stiegen gleichzeitig die Erträge aus Arbeit der reichsten 20% (Mittelstand im Westen). Für die Ärmsten knapp 80% (Afrika, Südamerika,...) änderte sich aber nichts."

Sie bestätigen damit, dass der «Kapitalismus» unterschiedlich ausgestaltet werden kann. Auch wenn von '45-'75 nur das «Volk im Westen» die Teilhabe bekam, belegt dies, dass man sich nicht auf ausschliesslich explodierende «Kapitalerträge der reichsten 1%» beschränken muss.

Die Teilhabe des «Volkes im Westen» - betreffend Konsum, Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung, Emanzipation usw. - führt sich auf gesellschaftliche Entscheidungen zurück. Solche sind es auch, die das Rad der Teilhabe im Neoliberalismus zunehmend zurückdrehen ... und zwar zugunsten der reichsten 1%. Das «Volk» wird dabei glauben gemacht, ihre Verluste hätten die Ärmsten zu verantworten, obschon jede Statistik augenscheinlich das Gegenteil aufzeigt ("follow the money").

Heute gilt: Nicht weiter den (Obsoleszenz-)Konsum des «Volkes» zu steigern versuchen oder gesellschaftlich Mittel in eine «Mondfahrt"-Technologie zu stecken, sondern - neue Prioritätensetzung! - in die Lebensumstände der Ärmsten und eine umweltverträgliche Lebensweise für alle zu «investieren». Also: Teilhabe der Ärmsten & des Planeten.
Stephan Kühne, am 29. Juli 2019 um 16:45 Uhr
@ Stöckli Marc, »...lediglich eine Betrachtung aller am Kapitalismus beteiligten Gebiete».
Gebiete und Institutionen? Wer eigentlich betreibt bewusst Kapitalismus? Es sind im wesentlichen Aktiengesellschaften und/ oder Staaten. Die Vorschläge zur Zähmung eines unfairen Kapitalismus sind längst gemacht worden (un in der Analyse Flassbeck auch angedeutet). Es sind die privatrechtlich betriebenen und globalisierten Aktiengesellschaften, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen und eben nur Wachstum und Gewinn als Kapitalismus zulassen, alles andere ist Sozialismus. Eine unselige Religion.
Walter Schenk, am 29. Juli 2019 um 19:35 Uhr
Guten Tag Herr Kühne, versuchen Sie mir am Ende Ihres Kommentares wirklich zu erklären, dass vom (Teilhabe-) Kapitalismus alle profitieren könnten? Wenn ja, sind Ihnen die Unterschiede von anderen Marktwirtschaften, wie sie beispielsweise im Mittelalter vor dem Kapitalismus existierten, im Vergleich zum Kapitalismus bekannt oder glauben Sie, dass der Kapitalismus Marktwirtschaft bedeutet? Wenn Sie denken Kapitalismus = Marktwirtschaft liegen sie zwar definitiv falsch (er ist schon auch eine Art Marktwirtschaft, Markt ist aber eben kein Alleinstellungsmerkmal vom Kapitalismus und er lässt sich deshalb auch nicht durch diesen Begriff definieren) allerdings würde ich Ihnen dann inhaltlich nicht widersprechen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man eine Marktwirtschaft etablieren könnte, von der alle profitieren, nicht aber einen Kapitalismus. Evt. haben wir hier gar keinen Inhaltlichen Widerspruch sondern mehr einen Widerspruch in der Begriffsdefinition.

Bzl. Kapitalismus=Kapitalismus gehe ich persönlich sogar noch einen deutlichen Schritt weiter und sage Patriarchat=Patriarchat oder Herrschaft=Herrschaft. Damit setze ich einen noch grösseren Rahmen und sage: Kapitalismus, Kommunismus, Monarchie, Feudalherrschaft und Faschismus sind alle das Gleiche, nämlich (patriarchale) Herrschaftssysteme, welche mit unterschiedlichen Mitteln versuchen die Macht zu zentralisieren.

Als egalitär denkender Mensch lehne ich alle ab.
Stöckli Marc, am 30. Juli 2019 um 09:21 Uhr
@Schenk, Ihr Zitat »...Kapitalismus zulassen, alles andere ist Sozialismus» ist frei zitiert nach A. v. Hayek. Damit versuchte er, den Deutungsrahmen der öffentlichen Diskussion zu definieren. Bereits in meiner Antwort an Herr Kühne sprenge ich eigentlich dieses Denkmuster und zeige auf, dass Kapitalismus und der real Sozialismus (real Kommunismus) beides Herrschaftssysteme sind. Wer also in diesem Denkmuster hängen bleibt, kommt nicht weit und sinniert nur darüber nach, welches Übel wohl kleiner ist. Die klassische Diskussion eines Kapitalisten mit einem Kommunisten endet ja oft damit, dass sie sich gegenseitig die unzähligen Toten, die beide System hervorbrachten, vorwerfen um das eigen System besser erscheinen zu lassen. Das Denken in Lösungen (Lösung hier im Sinne von Befreiung von Herrschaft) bleibt einem damit verwehrt.

@Kühne+Schenk
Da ich mich gerne mit anderen Sichtweisen beschäftige und mich vor allem sehr für das Thema Matriarchat interessiere, habe ich gerade gestern ein Interview dazu gehört. Die deutsche Frauen- und Matriarchatsforscherin, Prof. Dr. Claudia Werlhof, präsentiert hier eine Sichtweise auf Geschichte und Gesellschaft, wie sie uns oft nicht zugänglich ist, nämlich die weibliche Sichtweise (oder egalitäre Sichtweise, wie ich es nenne um der mühsamen Geschlechter-Diskussion auszuweichen). Ich kann es sehr empfehlen:

https://www.youtube.com/watch?v=bWSzgQ31k7c
Stöckli Marc, am 30. Juli 2019 um 09:55 Uhr

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