Über 80 Tote beim Vollbrand des Grenfell Tower in London © TheSun
Der Kursverlauf der Arconic-Aktien vor und nach dem Grenfell Tower-Brand
Sklaven werden über Bord geworfen © Common

Grenfell Tower: Was kümmern schon Menschenleben?

Christian Müller / 17. Jul 2017 - Gegen hundert Menschen kamen im Feuer ums Leben. Aber die Investoren klagen, weil der Aktienkurs von Arconic eingebrochen ist.

Man kann es sich gar nicht realistisch genug vorstellen: In einem der oberen Stockwerke eines Hochhauses zu sitzen und zu sehen, wie das eigene Haus in Flammen steht – ohne jede Chance, noch hinauszukommen. Mindestens 80 Menschen haben das beim Grossbrand des Grenfell Towers in London so erlebt – erlebt, aber nicht überlebt. Die Opfer, die Familienangehörigen der Opfer, die Trauer, die Wut – diese Katastrophe darf nicht so schnell vergessen gehen.

Aber es gibt Leute, die auch anlässlich einer solchen Katastrophe vor allem ans Geld denken – ans Geld, das dabei verloren gehen könnte. Die US-amerikanische Anwaltskanzlei Pomerantz in New York City hat eine Sammelklage gegen den Hersteller der leicht entflammbaren Gebäudedämmung vom Grenfell Tower in London, Arconic Inc., vor dem United States District Court, Southern District of New York, eingereicht. Bei dieser Sammelklage geht es aber nicht etwa um Entschädigung für Verlust von Hab und Gut der Grenfell Tower-Bewohner, deren gesundheitliche Schäden als Folge des Feuers oder etwa um Schmerzensgeld wegen des Verlustes von Menschenleben. Die Sammelklage betrifft einen möglichen Verlust des Aktienwerts von Arconic Inc. und verlangt eine Entschädigung für die Investoren!

Am 14. Juni, als der Grenfell Tower im Vollbrand war, begannen die Aktien der Isolationsherstellerin Arconic Inc. an Wert zu verlieren – jetzt klagen die Aktionäre.

Da schnell die Erkenntnis kam, dass das Isolationsmaterial, mit dem das Hochhaus eingepackt war, die schnelle Verbreitung des Feuers ermöglicht hat, geriet auch die Herstellerin des gefährlichen Materials in die Kritik – und in dessen Folge brach der Aktienkurs der Arconic Inc. ein, wie das in der Welt des Geldes heutzutage so funktioniert. Und nun sollen also die «geschädigten» Aktionäre dieser Firma entschädigt werden, auf dem Weg über eine sogenannte Sammelklage. Die Anwaltskanzlei Pomerantz ist für solche Machenschaften bekannt – und wird dafür hoch geschätzt. (Die offizielle Bekanntmachung der Sammelklage kann hier eingesehen werden.)

Was sind schon Menschenleben?

Wer allerdings dächte, so etwas sei früher nicht möglich gewesen, den belehrt die Geschichte etwas Anderes. Im Jahr 1781 sollte Kapitän Luke Collingwood mit dem Sklavenschiff Zong rund 420 Sklaven aus Ostafrika nach Jamaica – damals noch eine britische Kolonie – bringen. Infolge eines Navigationsfehlers dauerte die Überfahrt des Schiffes aber länger als geplant – und damit auch länger, als der Wasservorrat auf dem Schiff ausreichend war. Was tat der Kapitän: Er befahl kurzerhand, 140 Sklaven über Bord zu werfen. Das Ereignis ist – natürlich – in die Geschichte des Sklavenhandels eingegangen. Was allerdings weniger bekannt ist: Schon damals gab es anschliessend mehrere Gerichtsfälle wegen des entstandenen Schadens. Zu den Klagenden gehörte der Schiffseigner und der auftraggebende Sklavenhändler, der auf Jamaica weniger Sklaven ausgeliefert bekam. Das Gericht gab ihnen recht, denn die Sklaven wurden rechtlich als «chattel property», als «mobiles Eigentum» behandelt, das durch das Über-Bord-Werfen der schwarzen Sklaven an Wert verlor. Wegen Mordes oder eines mehrfachen Tötungsdelikts, wie es heute wohl heissen würde, wurde Kapitän Luke Collingwood aber nie eingeklagt. Was sind schon Menschenleben?

Und jetzt, im Jahr 2017: Beim Brand des Grenfell Tower sind nicht die verbrannten Menschen zu Schaden gekommen, es sind die «Investoren», die Aktionäre der Arconic Inc., die jetzt klagen – mit guter Aussicht auf Erfolg.

* * * * *

Die Geschichte des Rechtsstreits nach dem Über-Bord-Wurf von 140 Sklaven auf der Zong durch Captain Luke Collingwood im Jahr 1781, in Englisch:

On 6 September 1781, the slave ship, Zong, departed the coast of Africa with 470 slaves on board. Their destination was the British colony of Jamaica. As the Zong sailed in an area in the mid-Atlantic known as «the Doldrums», because of periods of little or no wind, sickness caused the deaths of seven of the 17 crew members and was said to have killed more than 50 slaves. The Zong’s captain, Luke Collingwood, subsequently decided to «jettison» some of the human cargo in order to save the ship and provide the ship owners the opportunity to claim for the loss on their insurance. Over the next week the remaining crew members threw 132 slaves who were presumed to be sick over the side of the ship – in the middle of the Atlantic. Another 10 slaves threw themselves overboard in what Collingwood later described as an «Act of Defiance».

Upon the Zong’s arrival in Jamaica, the ship’s owner, James Gregson from Liverpool, filed an insurance claim for their loss. Gregson argued that the Zong did not have enough water to sustain both crew and the human commodities. The insurance underwriter, Thomas Gilbert, disputed the claim citing that the Zong did indeed have 420 gallons of water aboard when she was inventoried in Jamaica. Despite this, the British court at Jamaica found in favor of the owners. The insurers appealed the case in London.

There, the acclaimed lawyer Granville Sharp, representing the insurers, attempted instead to have criminal charges brought against the Captain, the crew, and the owners – but to no avail. The law and its lawlords rejected any claims of unlawful killing in the context of the Zong slaves. Indeed, the Solicitor General, John Lee, declared that a master could drown slaves without «a surmise of impropriety». He stated: «What is this claim that human people have been thrown overboard? This is a case of chattels or goods. Blacks are goods and property; it is madness to accuse these well-serving honorable men of murder. They acted out of necessity and in the most appropriate manner for the cause. The late Captain Collingwood acted in the interest of his ship to protect the safety of his crew. To question the judgment of an experienced well-traveled captain held in the highest regard is one of folly, especially when talking of slaves. The case is the same as if horses had been thrown overboard.»

(Den Hinweis auf die ausgeschriebene Sammelklage der Anwaltskanzlei Pomerantz verdanken wir unserem Beobachter in Brüssel Harry U. Elhardt.)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

The Zong Case (Chattel Property)
Der Grenfell Tower als Symbol der Klassengesellschaft (auf NZZ)

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3 Meinungen

Dass 80 Menschenleben für einige (Mit-)menschen nichts zählen, sie zur Tagesordnung übergehen und den Schaden in Zahlen aufwiegen und Prozesse führen, stimmt traurig. Immerhin konnten die Toten anhand von DNA, Zähnen, Schmuck usw. nach diesem Brand noch identifiziert werden.
Über 1100 Menschen konnten nach der Zerstörung der TwinTowers an 9/11 nicht mehr identifiziert werden und blieben ohne erkennbare Leichenteile spurlos verschwunden. Vielmehr fand man Knochensplitter auf dem Dach des Deutsche-Bank-Gebäudes Jahre später. Kriminalistisch wäre zu erklären, wie so viele Menschen bei einem angeblich durch Feuer bewirkten Gebäudeeinsturz sich zusammen mit Toilettenschüsseln und Telefonen «in Luft auflösen». Daneben haben wir Wunder wie den freien Fall von WTC7, die Reste von geschmolzenen Molybdän in offiziellen Staubprobenuntersuchungen, was auf Temperaturen über 2600°C hinweist, geschmolzenes Eisen, und den plötzlichen Beginn dreier symmetrischer Einstürze auf dem Weg des grössten Widerstands.
Am Ende wollte Herr Silverstein nur seine Versicherung ausbezahlt bekommen.
Weitere Fragen zu diesen offensichtlichen Beweisen von kontrollierter Sprengung (vgl. www.ae911truth.ch/jenseitsdertaeuschung.pdf ) sind nicht gewünscht.
Der historische Vergleich zum Sklavenhandel ist wichtig.
Gemeinsam ist bei allen Fällen die Menschenverachtung, dass für Geld und Gewinn offenbar einige, selbst Regierende, bereit sind, eine grössere Anzahl Mitmenschen zu ermorden. Und viele schweigen dazu.
Andreas Bertram, am 17. Juli 2017 um 15:01 Uhr
@ Andreas Bertram ... Achtung ! Verschwörungstheorie lässt grüssen !
René Edward Knupfer-Müller, am 17. Juli 2017 um 16:26 Uhr
@René Edward Knuper-Müller... Sie meinen die unsägliche Bush-Cheney-Verschwörungstheorie, die unsere Massenmedien weiter verbreiten? Die lässt in der Tat grüssen. Das Wort führen sonst nur Menschen im Mund, die keine Argumente mehr haben. Ich hoffe mal, Sie gehören nicht zu diesen Einfaltspinseln.
Warum hat eine Sendung wie Einstein oder die Arena nicht einen Physiker oder ETH-Statiker zum WTC7-Einsturz befragt?
In ein paar Tagen kommt die deutsche Übersetzung von David R. Griffin «Der mysteriöse Einsturz von World Trade Center 7: Warum der offizielle Abschlußbericht zum 11. September unwissenschaftlich und falsch ist» heraus.
Ich habe es lesen. Wie auch an der obigen Übersetzung mitgearbeitet.
Dagegen sollten Sie mal bitte sachlich und wissenschaftlich argumentieren. Dann sprechen wir uns wieder.
Aber ohne solche Polemik bitte.
Andreas Bertram, am 17. Juli 2017 um 17:34 Uhr

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