Dollar: Blindflug in die Zukunft © cc

«Eine neue Finanzkrise ist unvermeidbar»

Davut Cöl / 28. Sep 2017 - Das Wirtschaften auf Pump könne die Stunde der Wahrheit nur hinauszögern, sagt Buchautor Davut Cöl.

Red. Davut Cöl, Autor des neuen Buches «Verstehen Sie Geld? – Zusammenhänge verständlich erklärt»*, kommt im folgenden Beitrag zum Schluss, dass die Politik der Geldschwemme die Gefahr einer neuen grossen Finanzkrise übertüncht und vergrössert.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise sind zehn lange Jahre vergangen. Die Zentralbanken haben nichts unversucht gelassen, um strauchelnde Banken und klamme Staaten vor dem Unvermeidbaren zu bewahren. Eine grosse Bankenpleite wurde in dieser Zeit verhindert und Griechenland vor einer Pleite bewahrt. Für diese Leistung, die Billionen gekostet hat, lassen sich die Geldhüter feiern.

Doch diese kurzfristigen Erfolge verschleiern, dass weder die Ursachen der Finanzkrise beseitigt noch schuldengeplagte Staaten gerettet sind. Im Gegenteil: Der Ausblick ist besorgniserregend.

Zentralbanken haben sich bisher fast ausschliesslich auf das Auspusten von Brandquellen konzentriert. Die Hauptursache der Finanzkrise haben sie nicht bekämpft, nämlich die überbordende Verschuldung. Wir sind heute nicht weiter als vor zehn Jahren. Die Probleme sind lediglich übertüncht.

Weg des geringsten Widerstands

Zu viel Geld hatte die Probleme geschaffen, die zum Ausbruch der Finanzkrise führten. Mit noch mehr Geld wollte man diese Krise bekämpfen. Dass dies nicht funktioniert, ist naheliegend, doch es war der Weg des geringsten Widerstands und kurzfristig des geringsten Übels. Um Banken nicht pleite gehen zu lassen und damit die Realwirtschaft vor einem heftigen Schaden zu bewahren, hat man ihnen fast beliebig viel Geld zukommen lassen.

Für die Zentralbanken war dies recht einfach, weil sie an der Quelle der Geldschöpfung sitzen. Die gleiche Methode wandte man zur Rettung der schuldengeplagten Mittelmeerländer an. Man kaufte und kauft deren Anleihen auf und lässt den klammen Staaten auf diesem Weg Geld zukommen. Die Probleme seien damit «gelöst», machen verantwortliche Politiker weis. Auch viele Medien verbreiten diese Nachricht. Doch die «Lösung» erscheint nur an der Oberfläche.

Tatsächlich aber hat man noch mehr Probleme geschaffen. Das viele neue Geld hat neue Blasen erzeugt, die sich jetzt kaum mehr abschwellen lassen. Besonders gravierend: Man hat die Funktion des Zinses ausser Kraft gesetzt. Die Geldschwemme senkte die Zinsen, so dass viele Menschen, Unternehmen und Regierungen billiges Geld leihen konnten.

Die Geldschwemme fand und findet den Weg an die Börsen, wo die Kurse in ungeahnte Höhen schnellen. Sie fand den Weg auf den Immobilienmarkt, wo die Preise schwindelerregend steigen. Und sie verleitete viele Regierungen dazu, sich zusätzlich billig zu verschulden. In den USA profitierten Verbraucherinnen und Verbraucher von billigen Krediten, um sich Autos zu kaufen.

Als Folge der Geldschwemme nimmt die öffentliche und private weltweite Verschuldung weiter zu statt ab. Dieselben Fehler, die zur Finanzkrise von 2007/8 geführt hatten, werden wiederholt.

Das Vertrauen in den Wert des Geldes wird plötzlich schwinden

Wer glaubt, es könne immer so weitergehen, der irrt. Geld drucken funktioniert nur eine bestimmte Zeit lang, nämlich so lange die Hoffnung überwiegt, man könne mit schnellen und grossen Finanzspritzen zur Lösung des Problems beitragen. Doch irgendwann kommt der Moment, an dem das Vertrauen schwindet, das Vertrauen in den Wert des Geldes.

Die Finanzkrise in ihrer Fortsetzung wird schlimmer als von vielen angenommen. Eines Tages wird die Geldschwemme entweder zu grossen Abschreibern auf Geldforderungen oder zu einer Inflation führen. Aufgrund der aktuellen Politik, die den Weg des geringsten Widerstands einschlägt, ist früher oder später mit einer starken Inflation zu rechnen, welche die Produkte und Dienstleistungen der Realwirtschaft stark verteuert. Auf eine solche heftige Geldentwertung werden Konsumenten und Anleger reagieren müssen.

Unternehmen werden dann erkennen, dass sie falsch investiert und andere Firmen zu teuer gekauft haben. Dieses «zu viel» wird zu Abschreibern und massiven Verlusten führen. Wer sich zu sehr auf Fremdkapital verlassen hat, wird erkennen, dass er die Zinsen kaum mehr tragen kann. Viele Immobilienkäufer werden schmerzhaft erfahren, dass sie zu viel Geld für ihr Haus oder ihre Wohnung bezahlt haben.

Dieses Szenario wird eintreten, sobald die Zentralbanken eine Abkehr ihrer Politik beginnen, mit ihren Anleihenkäufen aufhören und die Zinssätze steigen lassen. Wir befinden uns noch ganz am Anfang dieses Prozesses. Die Zentralbanken zögern diesen Prozess so lange es geht hinaus, weil sie realisieren, dass sie sich mit der allzu langen Geldschöpfungs-Politik in eine Sackgasse manövriert haben.

Historisch gab es diese Situation noch nie. Lehrbücher enthalten keine entsprechenden Rezepte. Jetzt herrscht Ratlosigkeit und das Prinzip Hoffnung.

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NACHTRAG

Am 20. September gab die US-Notenbank FED bekannt, sie würde künftig nicht mehr alle auslaufenden Staatsanleihen und hypothekengesicherten Wertpapiere durch neue Käufe ersetzen, die Geldmenge also nicht noch weiter erhöhen. Allerdings haben nach Angaben der NZZ Ökonomen von «Capital Economics» ausgerechnet, dass sich das Volumen der von Notenbanken aufgekauften Wertpapiere weltweit noch mindestens bis 2020 weiter erhöhen werde. Kommentar der NZZ: «Von einer globalen Schubumkehr kann deshalb noch keine Rede sein. Die Marktteilnehmer müssen auf absehbare Zeit nicht auf billigen Treibstoff zum Befeuern der Börsenkurse verzichten – FED hin oder her.»

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URS P. GASCHE: Die Krise und wie wir aus ihr herauskommen

DOSSIER: Die Euro- und Währungskrise

DOSSIER: Mikrosteuer auf alle Geldflüsse

DOSSIER: Bedingungsloses Grundeinkommen

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Davut Cöl ist Autor des Buches «Verstehen Sie Geld? – Zusammenhänge verständlich erklärt». Cöl ist «Finanzmarktanalyst, Blogger und Wissenscoach». Er ist Gründer und Inhaber des Internetdienstes start-trading.

*upg. Das Buch von Davut Cöl ist eine hervorragende, aktuelle und leicht verständlich geschriebene Einführung ins Geldsystem: Papiergeld, Wachstumswahn, Überschuldung, kommende Inflationsspirale, sichere Geldanlagen, bedingungsloses Grundeinkommen. Zu Recht stellt Cöl fest: «Die Medien legen den Finger leider nicht auf die Wunde.»

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2 Meinungen

Wie immer interessant Ihre Beiträge, so auch dieser von Davut Cöl!
Ich hab mich gefragt, wie ich persönlich auf dieses Chaos reagieren soll, um wirtschaftlich zu «überleben». Bin zum Schluss gekommen, dass herkömmliches Sparen obsolet geworden ist, dass die Börse nicht gut für den ruhigen Schlaf ist. Bleiben Immobilien, aber nur die selbst bewohnten! Und dann möglichst wenig oder keine Hypotheken. Habe mir ein altes Haus mit grosser Streuobstwiese gekauft, ich geniesse das Leben und hoffe, dass die Renten bis ans Lebensende reichen! Après nous le déluge! So egoistisch hat uns der Kapitalismus also schon gemacht!
Paul Jud, am 28. September 2017 um 12:30 Uhr
Das Problem mit den grossen Kursänderungen der Geldpolitik ist nicht so sehr der ursprüngliche Fehltritt, sondern in der Regel erst die Konsequenz schlecht angedachter Korrekturmassnahmen.

Die Hypothekarzinskrise der 80er Jahre war weniger die Konsequenz des (impliziten) «quantiative easing» bzw. der effektiven Geldmengenausweitung durch grundlegende Verhaltensänderungen (generelle Einführung der Kreditkarten > damit weniger Bedarf der Bürger für SNB-Geld, das neue «in time» Clearing-System der Banken > damit weniger Bedarf an SNB-Geld bei den Banken), sondern die vollständig gestörten Korrekturversuche durch die Nationalbank, welche die Geldmenge und damit das Kreditvolumen, drastisch reduzieren wollte.

Das Verhalten der Leute hatte sich an die technischen Änderungen im Zahlungsverkehr angepasst und die gefürchtete Inflation blieb relativ moderat. Der forcierte Rückbau des Kreditvolumens hatte damals aber die Zinsen in unsägliche Höhen gerückt und erst die ganze Hypothekarkrise 1987/92 verursacht.

Man kann einen Fehler (oder war es einfach ein Nicht-Verstehen der Geldmarktentwicklung) nicht durch weitere Fehler korrigieren. Wenn die Nationalbank aus politischen Gründen die Wirtschaftsentwicklung nicht verstehen kann, wäre es besser, diese Institution ganz dicht zu machen. Nichts zu machen ist immer noch besser als mit «wohlgemeinten» Aktionen eine Katastrophe zu provozieren.
Josef Hunkeler, am 28. September 2017 um 12:54 Uhr

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