Autofahren ist ganz schön teuer. Sogar für diejenigen, die gar keines fahren. © CC
Die Kosten verschiedener Fortbewegungsarten pro Passagierkilometer (EU 2017). Negative Kosten sind Gewinne. © Gössling et al.

Autofahren ist teurer, als viele denken

Daniela Gschweng / 16. Mai 2019 - Aktive Verkehrsmittel sind nicht nur gesünder, sie kosten den Einzelnen und die Gemeinschaft auch viel weniger.

Die Kosten der Automobilität werden systematisch unterschätzt, sagt ein schwedischer Wissenschaftler. Stefan Gössling, Professor für Servicemanagement an der Universität Lund, hat für die Fortbewegung mit Auto, Velo und zu Fuss in der EU eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellt.

Wer Auto fährt, belastet nicht nur die Gemeinschaftskasse, sondern auch seine eigene. Durchschnittlich kostet jeder Kilometer, der mit dem Auto zurückgelegt wird, die Gesellschaft 11 Cent, fanden Gössling und seine Co-Autoren, während die Fortbewegung mit dem Velo sich mit einem Plus von 37 Cent wortwörtlich auszahlt. Auch die persönlichen Kosten sind mit 89 Cent pro Kilometer für Autofahrer am höchsten. Wichtig ist das vor allem für Städte, wo die Wege kurz und mehrere Fortbewegungsarten miteinander austauschbar sind.

Autofahren kostet die Gemeinschaftskasse viel Geld

Berechnet hat Gössling in der im April 2019 in der Zeitschrift «Ecological Economics» erschienenen Studie die Kosten für Lärm- und Luftverschmutzung, Raumnutzung, Infrastruktur, Gesundheitssystem, Stau und Unfälle nach mehreren verschiedenen Modellen, die er miteinander verglichen hat. Einige Zahlen, gibt er zu, sind Schätzungen. Wie sicher und komfortabel sich jemand auf dem Velo fühlt, ist zum Beispiel schwer in Zahlen auszudrücken.

Autofahren, das ist wenig überraschend, kostet die Gesellschaft eine ganze Menge. Neben hohen Anforderungen an die Infrastruktur hat ein ganzes Bündel negativer Auswirkungen, deren Abmilderung Geld kostet. Um Lärmverschmutzung einzudämmen müssen zum Beispiel Lärmschutzwände gebaut werden. In Ländern mit grossem BIP sind diese Kosten höher, fand Gössling. 2008 gaben die EU-Länder mit Norwegen und der Schweiz etwa 8 Prozent des BIP für Transport aus, fast drei Fünftel in Verbindung mit Autos. Für das Jahr 2012 hat Infosperber diese Zahlen für die Schweiz aufgeführt («‘Milchkühe‘ kosten mehr, als sie zahlen»).

Wer Zeit hat, sollte zu Fuss gehen

Zur Berechnung der Kosten und Nutzen des Automobilverkehrs, fanden die Wissenschaftler, gibt es bereits einige Modelle, für das Velofahren immerhin ein paar. Sie fanden genau eine Analyse für die Fortbewegung zu Fuss. Das ist erstaunlich, denn Städte stellen solche Berechnungen für alle grossen Infrastrukturprojekte an. Allerdings ist es bei vielen Strecken unrealistisch, zu Fuss zu gehen, weil es zu lange dauert.

Velofahren zahlt sich aus: Kosten-Nutzen-Analyse verschiedener Fortbewegungsarten in der EU pro Passagierkilometer (2017). Negative Kosten sind Gewinne. (Gössling et al.)

Auch die privaten Kosten beim Velofahren sind grösstenteils der längeren Reisezeit geschuldet. Velofahrer nehmen zudem Umwege in Kauf, um dichtem Verkehr und schlechter Luft auszuweichen, das haben mehrere Studien dargelegt. In einem Verkehrssystem, das Autos bevorzugt behandelt, haben sie dadurch einen Nachteil. Bei nicht-motorisierten Fortbewegungsarten macht sich vor allem der Gesundheitseffekt bezahlt. Sogar dort, wo die Luftverschmutzung hoch ist.

30 Cent für den Umstieg aufs Velo

Die Kosten der Automobilität in der EU werden systematisch unterschätzt, schliesst der Wissenschaftler. Er schätzt, dass ein Umstieg vom Auto auf das Velo ganze 30 Cent pro Passagierkilometer wert ist. Gehen mehr Leute zu Fuss, könnte das pro Kilometer sogar 48 Cent bringen.

Wichtig ist das vor allem für Städte, wo die Fortbewegungsarten austauschbar sind. Dort schlagen die Kosten für den motorisierten Verkehr besonders zu Buche. Die Flächen für Parkplätze und Strassen sind teurer und es kommt häufiger zu Stau, der auch wieder kostet.

ÖV noch immer günstiger als Autos

Nun kommt man zu Fuss zwar schnell ins nächste Quartier, aber nicht in die nächste Stadt. Was in Gösslings Vergleich fehlt, sind Kosten und Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel. Diese im EU-Vergleich auszurechnen, dürfte einen grösseren Aufwand bedeuten. Für Bus und Bahn gibt es eine nahezu unendliche Kombination von Tarifen, Abonnementen und Subventionen. Örtlich begrenzte Vergleiche aus Deutschland deuten zumindest darauf hin, dass eine Mischung aus ÖV, Carsharing und Mietwagen selbst dann günstiger ist, wenn die ganze Familie das Auto nutzt. Allerdings steigen die Ticketpreise schneller als die Kosten der Automobilität.

Das ist auch in der Schweiz so, wo die Rechnung relativ einfach ist, da das GA mit wenigen Ausnahmen für alle öffentlichen Verkehrsmittel gilt. Unter dem Strich sei ein Kilometer im Zug derzeit noch acht Rappen günstiger als ein Kilometer auf der Strasse, schreibt die «bz Basel» mit Verweis auf das Bundesamt für Statistik in einem aktuellen Vergleich.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«The Social Cost of Automobility, Cycling and Walking in the European Union», Ecological Economics
Auf Infosperber: Milchkühe kosten mehr, als sie zahlen
Dossier: Auto oder Bahn: Wer zahlt Defizite

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3 Meinungen

"Auch die privaten Kosten beim Velofahren sind grösstenteils der längeren Reisezeit geschuldet.» Dieser Satz ist ganz offensichtlich der unter Journalisten grassierenden Unsitte geschuldet, sich der Mühe entheben zu wollen, solch komplizierte, altbackene Formulierungen wie: «zurückzuführen auf..."/ «verursacht durch...."/ «bedingt durch...."/ «hervorgerufen durch....» zu verwenden und durch die ach so «hippe» Allerweltsformulierung «geschuldet sein» zu ersetzen. Dies wiederum scheint vor allem dem Bedürfnis geschuldet zu sein, sich besonders gewählt ausdrücken zu wollen. Und ist auch dem «Duden» geschuldet, der wieder einmal den Kotau vor dem massenhaften Falschgebrauch gemacht und diesen als richtig erklärt hat, was wiederum angeblich der Lebendigkeit der Sprache geschuldet sein soll, ohne allerdings zu bemerken, dass ebendiese Sprache dadurch öde und wüst wird wie eine Autobahn.....
Franz Peter Dinter, am 16. Mai 2019 um 12:05 Uhr
Selbstverständlich ist Autofahren teuer, aber immerhin ein individuell nutzbares Verkehrsmittel, mit dem man allerdings immer öfter zusammen mit Vielen im Stau steht. Aber bevor dem individuellen Autoverkehr vom Gesetzgeber der Garaus gemacht wird, sollte dieser den extrem umweltschädlichen LUFT-Verkehr besteuern - und dadurch auch reduzieren - , der im Gegensatz zum Autoverkehr KEROSIN noch immer STEUER-FREI verschwenden und die Luft verpesten darf.
Daraus folgt zwingend eine Rangordnung der Umweltverpesster, die unsere Gesetzgeber angehen müssten, es aber unterlassen, weil «die Industrie» bzw. deren Aktionäre mächtiger sind als das allzu erfolgreich «verdummte» Wahlvolk!
Rolf Schmid, am 16. Mai 2019 um 14:06 Uhr
Schade um die tendenziöse Berichterstattung:
Von «knapp drei Fünftel» der Kosten ist die Rede. Diese Formulierung ist sehr gesucht und tönt nach viel mehr als «etwas mehr als die Hälfte» oder «gut die Hälfte».
Zudem stammen die Daten aus dem Jahre 2008 und sind damit, meiner Meinung nach, einfach zu alt.
Im Übrigen: danke an Infosperber für die vielen guten Berichte und Recherchen.
Andreas Furrer, am 17. Mai 2019 um 07:41 Uhr

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