Verwüstung des Gartens, Einrede gegen die Mobilität und Tod der Natur: Alte Texte als aktuelle Herausforderung

Was uns eigentlich damals schon klar war ...

Hans Steiger / 16. Jun 2020 - Band für Band macht die «Bibliothek der Nachhaltigkeit» klar, was wir bereits vor Jahrzehnten wussten und wie sehr wir versagten.

«Irgendwann werden die Autos sterben, und wir können sagen, wir wären dabei gewesen, als ihre Agonie begann.» Jürgen Dahl packte mich vor nun bald fünfzig Jahren mit einer perfekten Polemik, die als ziegelrote, kleine Broschüre daherkam. Oder hörte ich sie zuvor schon am Radio? Wie oft zitierte ich wohl diesen ersten Satz? Manchmal las ich auch längere Passagen vor. Begeistert, hoffnungsvoll, bei Referaten oder Protesten gegen Autobahn- und sonstigen Strassenbau. Wir hatten ja bei etlichen einschlägigen Abstimmungen in und um Zürich etliche Erfolge zu verzeichnen; die 1985 gegründete Auto-Partei wirkte dagegen fast exotisch. Angesagt waren Waldschutz, Luftreinhaltung, nicht mehr «Lärm in den Städten, Leichen an den Strassen», nicht weitere «Verstopfung und Verwüstung». Dahl merkte allerdings bereits 1972 an, dass all diese «Misslichkeiten» meist noch separat gesehen und durch schlau erdachte «Massnahmen» angegangen würden. «Erst sehr langsam beginnt eine Ahnung davon zu erwachen, dass jeder einzelne dieser wunden Punkte nur ein Tupfer ist im grossen Bild vom Sterben der Autos, vom langsamen, aber nicht aufzuhaltenden Zusammenbruch eines Transportsystems.»

Naturwunder(n) kommt vor Wissen

Doch die Wende kam viel zu langsam voran, und zeitweise drehte gar der Trend. Bei anderen Themen, die in der nun neu aufgelegten, erstmals 1984 publizierten Sammlung einiger Essays und Kolumnen von Dahl zentral sind, war es ähnlich: Energiepolitik, Gen- oder Biotechnologie, Rüstung. Band für Band macht die im vergangenen Jahr gestartete Bibliothek der Nachhaltigkeit deutlich, was wir eigentlich alles schon wussten, vor dreissig, vierzig, ja fünfzig Jahren. Was dringend hätte getan werden müssen, aber nicht geschah. Die alten Texte wirken brandaktuell, angesichts der akuten (Um-)Weltkrise werden sie zur neuen Herausforderung.

Bereits im ersten Teil, der noch näher beim titelgebenden «unbegreiflichen Garten» bleibt, wird die Ökologie weit gefasst und zugleich illusionslos beurteilt. So sei sie «gegenüber dem technokratischen Missbrauch genauso anfällig wie alle vor-ökologische Wissenschaft, weil sie dem Ideal der Zweckmässigkeit genauso huldigt». Vieles könne sie zudem nicht liefern, «weil sie es gar nicht weiss. Und wenn die Ökologie überhaupt zu unserem Überleben beitragen kann, dann dadurch, dass sie uns Tag für Tag ihre Ohnmacht und Unwissenheit einbekennt».

Jürgen Dahl: Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung. Über Ökologie und über Ökologie hinaus. Mit einer Einführung von Manfred Kriener. Oekom Verlag, München 2020, 208 Seiten, CHF 33.90

Dahl, der als Journalist häufig Inspiration im eigenen Garten fand und seine Argumente mit Leuten prüfte, die ihn dort besuchten, hielt das Sich-Wundern über Natur für mindestens so wichtig wie Naturwissen. Auch die Schönheit könne Wegweiserin sein. Doch deren «ökologische» Funktion sei schwer zu fassen. «Am ehesten wird man noch die Folgen der Abwesenheit von Schönheit dingfest machen können. Ödheit und Tristheit als Ursachen für Krankheit, Unzufriedenheit, Hoffnungslosigkeit.» Ja, die Hoffnung – sie müsse sich darauf richten, «dass wieder Gärtner kommen, die den Garten unbegreiflich finden», dass die zerstörerischen Strukturen und Systeme zusammenbrechen, bevor sie uns ganz vernichten.

Selbst das Verzweifeln ist nicht neu

Stimmt! Sogar die Verzweiflung war schon einmal da. Der mit 1968 datierte Aufbruch mündete im nördlichen Nachbarland in den «Deutschen Herbst», und die atomare Gefahr bekam beim irrwitzigen Wettrüsten in den 80er-Jahren erneut militärische Dimensionen. Sie spiegeln sich im letzten Teil der Sammlung, mit «Weltraum, Krieg und Weltraumkrieg» überschrieben. Dahl steigt via Urknall ein. Ein paar Experten hätten dem Konsens der astronomischen Wissenschaft zum Beginn aller Entwicklung widersprochen und es sei keineswegs ausgeschlossen, dass unsere Welt mit einem Knall ende, noch bevor «die Entscheidung des Gelehrtenstreits» falle.

Trotz solcher Passagen lähmt diese Lektüre nicht. Der im Vorwort treffend als «Frühwarnsystem» bezeichnete Autor lässt Raum für den Gedanken, dass alles doch anders kommen könnte. Die biografische Skizze des Herausgebers betont dessen Distanz zu Verbänden, Parteien, auch zu Bewegungen. Damit sei er, wie sich ein Radioredakteur an den sehr freien Mitarbeiter erinnert, ein typischer Vertreter jener skeptischen Generation gewesen, deren Jugend geprägt war von Naziherrschaft und Krieg und die ihre Existenz aus Trümmern aufbaute.

Im neuen Jahrhundert wurde Dahl vom Lungenkrebs attackiert. Er verbat sich «heftiges Herumdoktern», sass über den Sommer oft an seinem Gartenteich, rauchte, empfing noch Gäste, diskutierte, wusste – und sagte es auch –, dass dort im Frühjahr, wenn er weg sei, die Pflanzen blütenreich wiederkämen. Von der schriftlichen Hinterlassenschaft sind naturnahe Skizzen wie zum Beispiel die «Annäherung an den Salbei» aufmunternde Wohltaten. Die bissigen Glossen zu Segnungen, welche «Installateure des Fortschritts» dem staunenden Publikum eben neu bescherten, fordern uns heute noch weit stärker heraus. Alle sind wir inzwischen zumindest digital in Netzwerke verstrickt, denen er entgehen wollte.

Gelassenheit, Widerborstigkeit, Liebe

Zu meiner Freude liegt auch der eingangs zitierte Abgesang auf das Auto, der mein Leben mit prägte, in einer Neuausgabe vor. Jürgen Dahl habe, so die Verlagsvorschau, viele «Fragen, die nicht nur Fridays for Future umtreiben, sondern zu den drängendsten unserer Tage gehören», schon vor fast fünfzig Jahren «in glänzend formulierten Essays» grundlegend beantwortet. Hätte man auf ihn gehört, «ginge es dem Planeten und der Menschheit besser».

Jürgen Dahl: Einrede gegen die Mobilität und zwei weitere Texte. Hrsg. von Wolfgang Hörner mit einem Vorwort von Jürgen Trittin. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020, 112 Seiten, CHF 19.90

Jürgen Trittin, der Umweltminister in SPD-(Auto-)Kanzler Gerhard Schröders rotgrüner Regierung war, erläutert im Vorwort, «woran es damals beim besten Willen zur Umsetzung hakte». Soviel sei vorweggenommen: Freisprechen kann der Grüne sich und ähnlich Gesinnte nicht. Wir waren vielleicht alle mehr oder minder redlich bemüht, aber in entscheidenden Punkten nicht klug und konsequent genug. Dass er «Dahls Texte aus den Siebzigern» als «das Wissen der Babyboomer-Generation» bezeichnet und sie mit einem Seitenblick zur heute agierenden Klimajugend durch eine «Einrede gegen die Zerstörung der Erde» ergänzt, wirkt wie eine Selbstanzeige.

Noch etwas zur Buchreihe des Verlags Das kulturelle Gedächtnis, die ich bei der Gelegenheit neu entdeckte: Sie soll «notwendige Bücher der Literatur- und Kulturgeschichte» wieder vorlegen, «um schon gemachte Erfahrungen einzubringen» sowie «erreichte Standards des Denkens und Schreibens hochzuhalten.» Dies «mit heiterer Gelassenheit, Widerborstigkeit und Liebe zur Buchkunst». Passt bestens zu Dahl, der selbst Buchhändler war.

Prägnante feministische Ökologie

Zurück zur Bibliothek der Nachhaltigkeit des Oekom-Verlages. «Der Tod der Natur», die zweite dort erschienene Neuedition dieses Frühjahrs, war mir völlig unbekannt, Carolyn Merchant nicht einmal namentlich ein Begriff, obwohl das Buch der US-Autorin mit guten Gründen als «Standardwerk» bezeichnet wird. Es gab Übersetzungen in acht Weltsprachen, 1987 auch ins Deutsche. Doch in der hiesigen Öko-Szene wurden Frauen kaum, und wenn, meist mit Misstrauen wahrgenommen. Ich erinnere mich an Maria Mies, die mit ihren Kolleginnen einzubringen versuchte, was sie als Erkenntnis aus den Forschungen zur Subsistenzwirtschaft für wichtig hielt. Das klang für Linke zu gestrig, wenn nicht gar reaktionär. Erst im Verbund mit Vandana Shiva und andern Dritte-Welt-Stimmen fand feministische Ökologie um die Jahrtausendwende herum mehr Gehör.

Das scheint in den USA anders gewesen zu sein. Die erst für Wissenschaftsgeschichte, später für Umweltgeschichte, Philosophie und Ethik zuständige Professorin sieht in den neuen Frauen- und den Umweltbewegungen, die fast gleichzeitig entstanden, parallele Strömungen. Gemeinsam sei «ihre egalitäre Ausrichtung». In den Zielsetzungen liessen sich «neue Wertvorstellungen und gesellschaftliche Strukturen erkennen, die nicht mehr auf Ausbeutung der Frau und der Natur beruhen». Damit wären dem Konkurrenzprinzip, Aggressions- und Dominanzstreben unserer marktorientierten Kultur, die sich als nicht zukunftsfähig erweist, ökologische Alternativen entgegenzustellen. Wobei die Autorin in der Ökologie vorab «eine Philosophie der Natur» sieht, in der andere, zum Teil früher gültige Wertvorstellungen zum Zuge kommen.

Carolyn Merchant: Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft. Einführung von Christine Bauhardt. Oekom 2020, 368 Seiten, CHF 37.90

Und um Ideengeschichte, Konflikte von Natur- und Weltanschauungen geht es im Buch vor allem. Um die Ablösung «organischer» Vorstellungen, die bis ins 16. Jahrhundert das gesellschaftliche Leben prägten, um eine als Aufklärung begriffene, lang ausschliesslich als Fortschritt gewertete Revolution, die «mechanistische» Ordnungen etablierte. Alles wurde zur Maschine – auseinanderzunehmen, steuerbar, voranzutreiben mittels Macht und Gewalt. Francis Bacon, oft als «Vater der modernen Naturwissenschaft» gefeiert, schmiedete damit auch «ein politisches Instrument, um die Natur auf eine Ressource in der Produktion für die Wirtschaft zu reduzieren». Dass das mit den Hexenverfolgungen einherging, war kein Zufall. Diese historischen Vorgänge sind eindrücklich beschrieben, mit zeitgenössischen Bildern anschaulich gemacht. Immer wird auf Widerständisches hingewiesen. Speziell spannend fand ich das Beispiel von Anne Conway – «zu ihrer Zeit berühmt und geachtet», heute «so gut wie vergessen». Wer hat vom Vitalismus, den sie als Gegenentwurf zum Mechanizismus verfocht, je etwas gehört?

Ansätze für eine lebbare Zukunft

Neben frühkapitalistischen Fortschrittsvisionen existierten stets Utopien mit – im Sinne von wertbewahrend – konservativen sowie sozialistischen Elementen. Sie waren gegen eine Macht gerichtet, die einst Verehrtes, auch Geliebtes zerstörte. Carolyn Merchant hält das Erinnern an solche Ansätze für wichtig. Zwar gibt es kein Zurück. Aber sie könnten «für eine lebbare Zukunft unerlässlich sein». Entsprechend engagiert wirkt die 83-jährige Pionierin noch immer. In diesem Frühjahr griff sie, wie der Einführung von Christine Bauhardt zu entnehmen ist, mit einem weiteren Werk in den Diskurs um Klimawandel und Anthropozän ein. Dies mit klarem Akzent auf Umweltgerechtigkeit sowie entsprechender Ethik. Politisch bezeichne sie ihre Position als «sozialistischen Ökofeminismus». Damit betone sie die Dialektik von Produktion und Reproduktion. Auch das ein politisch verdrängtes, meist von Frauen aufgeworfenes Thema.

Dieser Text erscheint auch als Teil einer Rezensions-Reihe zur (Um)Weltkrise in der P.S.-Sommer-Buchbeilage.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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3 Meinungen

Sehr geehrter Herr Steiger, mein Büchergestell ist zum bersten voll von gescheiten Büchern darüber, was wir tun und was wir lassen sollten. Es genügt vollauf, den Satz von Friedrich Dürrenmatt: «Wir wissen genau was wir tun sollten, aber wir tun es nicht» zu wiederholen.
Reduktion des Homo Sapiens auf etwa vier Milliarden in den nächsten 30 Jahren. Darüber möchte ich nun ein Buch lesen, wie das gehen soll! Erster Schritt: vom hohen Ross heruntersteigen und begreifen, wer wir sind und wo wir sind. Die Krone der Schöpfung sind wir mit Sicherheit nicht. Den Club of Rome mit «Grenzen des Wachstums» haben Sie nicht einmal erwähnt. Jeder kann seit dreissig Jahren auf dem PC den Untergang des Menschen simulieren und dazu die Wachstumsparameter selber wählen.
Walter Schenk, am 16. Juni 2020 um 14:53 Uhr
» ..., was WIR bereits vor Jahrzehnten wussten und wie sehr WIR versagten. » - Wer ist WIR ?
Die wenigen WIR, die es sich geistig bewusst machen konnten und es nicht verdrängt haben, hatten kaum eine Chance gegen die verführte Masse mit Schwarmintelligenz und gegen die charmanten geltungssüchtigen Machtmenschen.
Ludwig Pirkl, am 18. Juni 2020 um 23:22 Uhr
@Ludwig Priel: Sie haben recht: dieses „Wir» ist eine problematische, etwas rhetorische Formel, und das Gefühl, keine Chance gegen Masse und Mächte zu haben, kenne ich gut. Umgekehrt gibt es die vielfach belegte Erkenntnis, dass gerade die Informierten, sogar Engagierten einen besonders grossen „Fussabdruck“ haben und womöglich auch darum nicht konsequent genug gegen den Trend angehen (können). was wiederum „Masse“ wie „Macht» zu problematischen Begriffen macht. Ihre fragende Intervention trägt jedenfalls zum Nachdenken und Differenzieren bei.
Hans Steiger, am 19. Juni 2020 um 10:55 Uhr

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