Palmöl, Orang Utan, Iceland, Malaysia, Indonesien © Iceland

Die Supermarktkette Iceland will ab 2019 auf Palmöl verzichten - zugunsten der Umwelt.

Was Orang-Utans mit Waffen und Social Media zu tun haben

Daniela Gschweng / 06. Jan 2019 - Ein britischer Supermarkt verzichtet auf Palmöl und findet sich in einem von den Herstellerländern finanzierten Shitstorm wieder.

Die britische Supermarktkette Iceland hat im April 2018 angekündigt, bis Ende 2018 auf Palmöl in Eigenprodukten komplett verzichten zu wollen. Eine Entscheidung, die bei den palmölexportierenden Ländern Indonesien und Malaysia nicht auf Gegenliebe stiess. Nachdem diplomatische Bemühungen Iceland nicht stoppen konnten, fand sich der Geschäftsführer des Unternehmens in einem von deren Regierungen finanzierten Shitstorm wieder. Ein Fall, von dem man lernen kann, was Orang-Utans mit Social Media, Weltpolitik und Waffen zu tun haben.

Iceland versucht seit längerer Zeit, sich umweltfreundlich zu positionieren. Richard Walker, der 37-jährige Sohn des Iceland-Gründers Malcom Walker, hat bereits den Verkauf von Plastik eingeschränkt, bis 2023 will die Kette komplett plastikfrei sein (Infosperber: «Britischer Supermarkt wird plastikfrei»). Durch den Palmölverzicht spart das Unternehmen laut dem «Guardian» zukünftig 500 Tonnen Palmöl pro Jahr ein.

Zweifel an der Nachhaltigkeit führten zum Verzicht

Icelands Geschäftsführer Richard Walker begründete seine Entscheidung mit aus seiner Sicht fehlender Nachhaltigkeit des Produkts. «Wir glauben nicht, dass es so etwas wie nachvollziehbar nachhaltiges Palmöl auf dem Massenmarkt gibt», sagte er. Iceland sei nicht gegen Palmöl, aber gegen die fortschreitende Abholzung des Regenwaldes in den Produktionsländern.

Unabhängige Institutionen äussern schon länger Kritik an Palmöl-Nachhaltigkeitslabels (Infosperber: «Palmöl, Fische und Textilien: «Öko» ist nicht immer Öko»). Der Raubbau am Regenwald zugunsten der Palmölproduktion fügt der Umwelt grossen Schaden zu. In Indonesien und Malaysia, die etwa 90 Prozent des weltweiten Palmölaufkommens produzieren, ist die Population der letzten Orang-Utans dadurch besonders stark bedroht.

Bei der britischen Regierung blitzten die Hersteller ab

Die Regierungen von Indonesien und Malaysia, ohnehin bereits verärgert, weil die EU im Frühjahr 2018 plante, kein Palmöl mehr im Biosprit zuzulassen, reagierten umgehend. Zuerst wandten sie sich an die britische Regierung – ohne Erfolg.

E-Mails zwischen verschiedenen britischen Ministerien, deren Herausgabe das Portal «Unearthed» unter dem «Freedom of Information Act» erzwungen hat, deuten darauf hin, dass Diplomaten von der malaysischen und indonesischen Regierung aufgefordert wurden, in Sachen Iceland zu intervenieren. Sie weigerten sich höflich, aber bestimmt.

Sechs Tage nach der Ankündigung der Supermarktkette schrieben britische Diplomaten an Kollegen in Indonesien und Malaysia: «Indonesier und Malaien müssen zur Kenntnis nehmen, dass diese Entwicklung von (legitimen) Sorgen um die Auswirkungen der Palmölproduktion getrieben wird, die sie nicht angemessen adressiert haben. Es steht uns [der britischen Regierung] nicht zu, für Palmöl zu argumentieren». Ähnlich äusserte sich ein Angestellter des Auswärtigen Amtes.

Bei den britischen EU-Geschäften ging es im Vergleich zu Iceland um grosse Exportmengen. Im Mai 2018 warnten britische Diplomaten ihre Regierung vor Komplikationen. Die drohende Einschränkung von Palmöl im EU-Biosprit habe «das Potential, den bilateralen Handel zu beeinflussen», insbesondere den Waffenhandel. Ein lukrativer Waffendeal zwischen dem britischen Waffenhersteller BAE Systems und der malaysischen Regierung sei bedroht. Ein Palmöl-Bann in der EU, drohte Malaysia, würde auch ein Millionengeschäft über Kampfflugzeuge platzen lassen.

Auch die indonesische Regierung drohte EU-Mitgliedsländern mit Vergeltungsmassnahmen, falls der Palmöl-Ausstieg weiter vorangetrieben werde («The Independent»). Dies geht aus Emails hervor, deren Herausgabe Greenpeace über den «Freedom of Information Act» erwirkt hat. Im Juni einigten sich die EU-Verhandlungsführer auf eine Vereinbarung, die vorsieht, Palmöl in Kraftstoffen bis 2030 auslaufen zu lassen, neun Jahre später als ursprünglich vorgeschlagen.

Es folgte: Eine Werbekampagne, deren Verbot nach hinten losging

Im November 2018 wurde ein Video aus Icelands Weihnachtskampagne wegen «zu politischer» Ausrichtung aus dem britischen Fernsehen verbannt. In dem Video, das von Greenpeace produziert wurde, erzählt «Rang-tan», ein kleiner Orang-Utan, von der Zerstörung seiner Heimat durch Palmölplantagen. Ein Schritt, der nach hinten losging. Das Verbot verschaffte der Kampagne erst recht Popularität und Iceland internationale Aufmerksamkeit.

Dieses Video aus Icelands Weihnachtskampagne wurde in Grossbritannien als zu politisch verboten.

Teresa Kok, Malaysias Ministerin für Primärindustrie, feierte die Entscheidung der britischen Regulierungsbehörde. Man werde sich in Zukunft nicht einschüchtern und von «böser Werbung» irreführen lassen, sondern mit Fakten aus «wissenschaftlich fundierten Untersuchungen zurückschlagen».

Diplomatie via Social Media: Shitstorm statt Fakten

Was folgte, waren keine «wissenschaftlich fundierte Fakten», sondern persönliche Angriffe. Richard Walker wurde in einer Social-Media-Kampagne gezielt als scheinheilig und verlogen angegriffen. Auf den ersten Blick von einer Organisation, die die Interessen der kleinen Palmölbauern im Blick, aber dazu ungewöhnlich viele persönliche Informationen über Walker hatte. Hinter «Human Faces of Palm Oil» stecken jedoch keine Kleinbauern, sondern die Palmölindustrie, ihre Lobbyorganisationen, internationale PR-Agenturen und die malaysische Regierung.

Astroturfing

bezeichnet den gesteuerten Versuch, durch PR- und Werbeprojekte den Eindruck einer spontanen Graswurzelbewegung zu erwecken. «Astro Turf» ist ein Markenname für Kunstrasen. Die Propaganda dient politischen Zielen oder Lobbyinteressen. Eine Kampagne soll den Eindruck erwecken, dass sich viele voneinander unabhängige Einzelpersonen für ein bestimmtes Ziel einsetzen, beispielsweise durch Schreiben von Leserbriefen, Kommentaren in sozialen Medien oder dem Verfassen und Ändern von Wikipedia-Artikeln.

Unter anderen dabei war die DCI Group, stellte die «Times» fest. Das diskrete US-Unternehmen ist für seine «Astroturfing»-Kampagnen bekannt. Es hat gute Kontakte zu den US-Republikanern und hat bereits für die Tabakindustrie, Exxon Mobil und die burmesische Militärjunta lobbyiert.

Nach Aussage von Transparenz-Organisationen ist DCI auch in Brüssel sehr aktiv. In letzter Zeit beispielsweise darin, gegen Einschränkungen für grosse IT-Firmen bei der Verwendung von Nutzerdaten zu lobbyieren. Die malaysische Palmölindustrie arbeitet auch mit MIP PR zusammen, einem Lobbying-Unternehmen mit Hauptsitz in London. MIP PR hat unter anderen Pro-Brexit-Kampagnen gefahren. Beide Unternehmen weigerten sich, auf die Frage der «Times» zu antworten, ob sie an «Faces of Palmoil» direkt beteiligt seien und an der Kampagne mitgewirkt hatten. Eine Sprecherin von MIP PR sagte: «Wir sind eine von mehreren Agenturen, die an den legitimen Anliegen der Palmölindustrie in Südostasien arbeiten».

Clare Rewcastle Brown, die die Seite «Sarawak Report» betreibt und dort über Regenwaldzerstörung und Korruption in Borneo berichtet, versicherte gegenüber der «Times», das Vorgehen sei keinesfalls ungewöhnlich. Malaysias Regierungsstellen beauftragen schon lange britische und amerikanische PR-Unternehmen für Diffamierungskampagnen, sagte die britische Investigativjournalistin.

Mehr lesen zum Thema Palmöl auf Infosperber:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Indonesia and Malaysia tried to push UK government to take action over Iceland’s palm oil ban», Unearthed
«Western lobbyists linked to smears of Iceland boss Richard Walker», The Times
«Malaysia and Indonesia ‘put pressure on UK government’ to intervene over Iceland’s palm oil ban», The Independent

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

2 Meinungen

Interessanter Artikel, aber etwas einseitig auf die negativen Aspekte von Palmöl fokussiert. Ich wüsste gerne, wieviel daran wahr ist, dass Palmöl massiv viel ertragreicher ist als andere pflanzliche Öle und wieviel (abgeholzte...) Fläche benötigt würde, wenn auf Palmöl komplett verzichtet würde. Seien wir ehrlich: das Problem ist doch nicht Palmöl per se, sondern die exorbitante Vermehrung unserer Spezies mit all ihren negativen Auswirkungen.
Christian Schürch, am 06. Januar 2019 um 22:56 Uhr
Danke, Daniele Gschweng / Infosperber!

Wir müssen endlich viel mehr über Astroturfing reden!

Nach 40 Jahren neoliberaler Indoktrination, medizinisch ist Neoliberalismus kollektive Psychopathie, haben dessen bald unzähligen künstlich erschaffenen Realitäten bereits dazu geführt, dass wer die simpelste Blickdiagnose (https://www.youtube.com/watch?time_continue=65&v=Zv7BImVvEyk) stellt, WTC7 wäre am 11.09.2001 kontrolliert gesprengt worden, als «durchgeknallter Verschwörungstheoretiker» diffamiert wird, bald niemand wer weiss was richtig und falsch, oben und unten, rechts und links ist und mancher nicht einmal mehr weiss ob er eine Frau oder ein Mann ist - der mittlerweile für manchen offenbar ganz normale globale Wahnsinn.

Hannah Arendt hatte uns bereits 1951 erklärt, was Millionen PRopagandisten weshalb tagtäglich mit uns anstellen:

"The ideal subject of totalitarian rule is not the convinced Nazi or the convinced Communist, but people for whom the distinction between fact and fiction ... and the distinction between true and false ... no longer exist."
(Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, 1951)
Thomas Binder, am 07. Januar 2019 um 08:57 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.