Diagnose eines Arztes: Die Natur steht vor dem letzten Akt

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Lukas Fierz / 15. Mai 2019 - Symptome der kranken Natur sind alarmierend: Insektenschwund, Korallenbleiche, Artenverlust. Eine rasche Therapie drängt sich auf.

Red. Der Autor ist Arzt in Bern mit Spezialgebiet Neurologie. Er politisierte früher in der Grünen Fraktion im Nationalrat.

Krankheitssymptome der Natur nehmen schon seit Jahren und Jahrzehnten zu. Es sind chronische Krankheiten geworden. Naiverweise könnte man meinen, dass das ja nicht so schlimm sei, weil es noch nicht so lange gehe und weil noch nicht alles tot sei.

Von der Medizin her kommend sieht man das anders. Bei chronischen Krankheiten signalisieren die ersten Symptome oft nicht den Anfang der Krankheit, sondern den Anfang vom Ende, den letzten Akt: Nehmen wir den Alkoholiker, der sich während Jahrzehnten eine Leberzirrhose angetrunken hat. Und jetzt bekommt er erstmals einen Wasserbauch. Wie unser Pathologielehrer Professor Uehlinger (1899-1980) zu sagen pflegte, signalisiert ein Wasserbauch als erstes Symptom nicht einen Anfang, sondern damit hebt sich der Vorhang über dem letzten Akt: Wenn der Patient weiter trinkt ist es nur noch eine Frage von Jahren, nicht mehr von Jahrzehnten.

Dasselbe beim chronischen Nierenversagen, beispielsweise durch Schrumpfniere. Eine Niere beziehungsweise die Hälfte der Nierenfunktion kann man verlieren, ohne etwas zu bemerken. Der Organismus hat eine Sicherheitsreserve. Professor Uehlinger pflegte zu fragen, wieviel man denn verlieren könne, ohne etwas zu merken und gab selber die Antwort: Eigentlich können Sie für viele Organe sagen 80 Prozent.

Ähnlich die Situation bei der Lunge. Verlust einer Lunge ist im Alltag nicht bemerkbar. Interessant ist der Lungenschaden beim Raucher. Früher konnte man den Schaden erst nach Jahrzehnten nachweisen. Wenn einmal die Anstrengungsatemnot auftrat, so wusste man, das ist jetzt der letzte Akt. Seitdem man die Atemwiderstände messen kann, weiss man aber, dass der Lungenschaden schon in den ersten Jahren des Rauchens beginnt, nur bleibt er unbemerkt, weil er kompensiert werden kann.

Auch am Herzen können Krankheiten wie hoher Blutdruck oder Herzklappenfehler jahrzehntelang symptomlos kompensiert werden, und wenn dann Symptome auftreten ist man schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Bei der Verengung der Aortenklappe (die Klappe der Hauptschlagader) kann der Herztod sogar wie aus heiterem Himmel aus scheinbarer Gesundheit eintreten.

In jedem dieser chronischen Prozesse mobilisiert das biologische System zuerst seine manchmal beträchtlichen Kompensationsmechanismen. Der scheinbare Gesundheitszustand ist das Resultat von Störung und biologischer Kompensation. Jede Krankheitssymptomatik enthält auch Anpassung und deren Versagen. Und wenn dann Symptome auftreten, kann das Kippen rasch erfolgen.

Wir können diese Sicht auf die kranke Natur übertragen: Wenn uns die Bienen wegsterben oder wegen Orientierungsstörungen nicht mehr in den Stock zurückfinden, so ist das nicht der Beginn einer Entwicklung, sondern das Ende. Die Bienen werden seit Jahrzehnten durch Insektenvertilgungsmittel und Pestizide vergiftet. Jedes dieser Gifte wurde einzeln getestet und von Industrie, Prüfstellen und politisch gesteuerten Bundesämtern als "unbedenklich" erklärt. Aber nicht unbedenklich und völlig ungetestet ist die Kombination all dieser Gifte, dieser ganze Giftcocktail, der in der Natur zusammenwirkt. Und der wahre Test ist nicht im Labor, sondern in der Natur: Wenn die Bienen wegzusterben beginnen, so könnte das heissen, dass sie schon so lange vergiftet wurden, dass ihre vorhandenen Abwehr- und Entgiftungsmechanismen nicht mehr ausreichen und vor allem, dass ihre noch überlebenden Kameraden ebenfalls akut gefährdet sind.

Ich habe mich mit einem Grundschüler der vierten Klasse unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass wir in den letzten Jahrzehnten die Hälfte der Bienen verloren hätten und ihn gefragt, wie lange wir so weitermachen könnten. Seine Antwort: "Nicht mehr lang". Wie lange braucht es noch, bis auch Politiker zu diesem einfachen Schluss kommen?

Als Mediziner befürchte ich, dass das Artensterben nicht der Beginn einer Entwicklung ist, sondern, dass sich damit der Vorhang über dem letzen Akt hebt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Lukas Fierz ist Arzt mit Spezialgebiet Neurologe. Er war Berner Stadtrat und 1986 bis 1991 Mitglied der Grünen Fraktion im Nationalrat. Seither ist er politisch nicht mehr aktiv. Er schrieb "Begegnungen mit dem Leibhaftigen - Reportagen aus der heilen Schweiz", Tredition 2016, 20.90 CHF. Hier sein Blog.

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5 Meinungen

Dazu eine bösartige Satire: Wir müssen nichts ändern, die Natur verfügt über viele Strategien des Umbauens, Entwickeln, Heilen, usw. Wir müssen der Natur nur viel Zeit geben. Die Erd- und Menschheitsgeschichten zeigen uns das in überschwänglicher Deutlichkeit. Einmal ist die Erde völlig mit einem Eispanzer überzogen, ein anders Mal ist die Erde völlig eisfrei. Mal sterben ganze Völker aus, mal explodiert die Menschheit. Als ich geboren wurde lebten 2.5 Mia Menschen, heute sind es 7.5 Mia. Kulturen kommen und gehen. Selbst wenn sich eine nukleare Nacht über die Erde senken würde, wäre nach tausenden von Jahren ein für uns Eintagsfliegen nicht vorstellbares Neues entstanden. usw., usf. Nur der kosmische Tod der Erde bestimmt das endgültige Ende. Ende der Satire. Nun eine mögliche Vision: Der Mensch wächst über sein heutiges Denken hinaus, denkt von einer Ewigkeit zur anderen Ewigkeit, kommt zur Einsicht, dass nur eine strikte Mengenbegrenzung, so wie im Weinberg, die vor uns liegende Ewigkeit garantiert. Und – reduziert seine Menge auf, sagen wir 2,5 Mia. Menschlein. Die Vorteile kann sich jeder selbst ausdenken. Nehmen wir das an die Hand, oder muss es uns die Natur aufzwingen? Guten Tag oder gute Nacht, das ist hier die Frage.
Peter Geissmann, am 15. Mai 2019 um 13:49 Uhr
Danke für diese erschütternden und aufrüttelnden Worte und befunde. Hoffentlich verstehen dies immer mehr Menschen.
Heini Glauser, am 15. Mai 2019 um 15:37 Uhr
Ein sehr nachdenklich machender Artikel, mit Dank an den Autor!

Zu den tödlich wirkenden Resistenzpilzen weltweit, war ja schon kürzlich was in InfoSperber zu lesen. Das ist vermutlich auch eine Folge der Intensivst-Landwirtschaft vielerorts, mit Bekämpfung der «einfacheren» Pilzschädlinge.

Zusätzlich könnte man hier auch das Mikroplastik für den Menschen nennen, das inzwischen schon im Trinkwasser enthalten sein kann und im Fisch, den man isst.

Wie lange wird hier noch dauern, bis sich dadurch verursachte körperliche/organmässige Beschwerden unübersehbar bei zunehmend mehr Menschen zeigen wird? Alles nur Pankimache?

Wie ist es mit Mobilfunkstrahlung? Alles redet und schreibt nur noch, wie «notwendig und wichtig» flächendeckendes «5G» sei. Einzelne Warnungen wegen der Strahlengefahren, gerade auf die noch unausgewachsenen Gehirne von Babys, Kleinkinder und Kindern, werden tunlichst überhört. Man will doch nicht den «Fortschritt» ausbremsen!

Ob man eines Tages bei der Mütterberatung davor warnen muß, weil das 5G-Handy der Mutti besser doch nicht in die Nähe des Babys geraten sollte, schon gar nicht von dieser im Kinderwagen auf das Deckchen vom Baby gelegt werden, mit gerade mal 10-15cm Abstand zum Babygehirn? Alles nur Panikmache?

Vielleicht machen wir, also die derzeitige Menschengeneration, gerade noch allerlei mehr kaputt, als nur die Insekten?

Das sind übriges alles Dinge und Themen, die an sich nichts mit Klima/CO2 zu tun haben!
Werner Eisenkopf, am 15. Mai 2019 um 17:10 Uhr
@Peter Geissmann

Das gehört vielleicht ganz hierher, ist aber das was mir bei ihrem Kommentar spontan eingefallen ist.

Ich bin großer Marvel Fan und habe das MCU und die Infinity Saga verfolgt. Als ich letztes Jahr Avengers 3 (Infinity War) gesehen hatte und im Nachhinein nochmal ein wenig darüber nachgedacht habe, ist mir durch den Kopf gegangen, daß der Bösewicht Thanos eigentlich von Grund auf keinen wirklich bösen Absichten hat. Er möchte mit Hilfe der Infinity Steine, mit einem Fingeschnippser die Hälfte allen Lebens auslöschen. Das ganze sollte völlig ohne Wahl, rein zufällig geschehen. Es klingt vielleicht makaber, aber das im Grunde, das was Sie gesagt haben. Und das sehe ich auch so. In Avengers 4 (Endgame) wird sogar darauf hingewiesen, dass die Natur sich 5 Jahre nach dem Fingeschnippser erholt hat.

Ich hab mir damals bei IW wirklich auch gedacht, das wäre es für die Welt.

Sorry, wenn das so hier vielleicht nicht hingehört, aber ich musste bei dem Kommentar sofort daran denken.
Ronny Blicker , am 16. Mai 2019 um 23:45 Uhr
Ein interessanter Ansatz. Ich finde es höchste Zeit, dass wissentschaftlich untersucht wird, wie gefährlich das Zusammenwirken alle dieser Bedrohungen, die im Einzelnen ja schon schlimm genug sind, wirklich ist. Intuitiv fürchte ich ganz schlimme Entwicklungen in den nächsten Jahrzehnten, kann aber nicht beurteilen, wie objektiv meine Meinung ist. Oder gibt es schon Studien dazu?
Theo Schmidt, am 17. Mai 2019 um 09:42 Uhr

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